Wochenthema

Eventkritik | 12.01.2010 15:55 | Michael Pickardt

Psst, geheime Papiere

Karlsruhe, 13. Januar 1980, die Partei "Die Grünen" gründet sich – so lautet heute die offizielle Version. Wer dabei war, erinnert sich ein bisschen anders ...

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Der Saal (Foto: Michael Pickardt)

Wo war das? In Frankfurt? In Offenbach? In Karlsruhe, Saarbrücken oder Dortmund? Ist es März 1979 oder bereits November? Oder gar schon Januar oder März 1980? Da! Da steht Rudi Dutschke, nein, eines dieser Treffen muss vor Weihnachten ’79 gewesen sein.

30 Jahre grüne Partei. Ich krame in alten Fotos, halte Schwarz-Weiß-Negative gegen das Licht. Alles wirkt so austauschbar. Immer die gleichen riesigen Hallen, die endlos langen Tischreihen mit unübersehbar vielen Wollpullovern, angezogen oder in nicht fertig gestricktem Zustand, die hohen, düsteren Vorhänge hinter der Bühne, an denen mittig ein kleines buntes Tuch angeheftet ist mit dem Text „Die Grünen – ökologisch, basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei“, hergestellt aus diesen handgeschnittenen Stoffbuchstaben, die man bei Demo-Transparenten immer wiederverwenden kann. Darunter ein langer Podiumstisch mit Vertretern vieler Gruppen, Wahllisten und Vereinigungen, eine mühevoll austarierte Mischung aus all den Strömungen, Organisationen und engagierten Sonderlingen, die in der Hoffnung zusammenkommen, sich einen möglichst großen Einfluss auf das sich abzeichnende Projekt einer neuen „bundesweit wählbaren Vereinigung“ (die Gründung einer Partei ist bis zuletzt umstritten) zu ergattern.

Verwegener Haufen

Und immer die gleichen Figuren: Der alte Haudegen August Haußleiter aus Bayern, der 1949 mit einem interkonfessionellen Flügel („Ochsensepp“-Fraktion) die CSU verlassen hatte. Der redegewandte Jürgen Reents aus dem Kommunistischen Bund, der Organisation, die sich gerade spaltet an der Frage, wie eng man sich mit der neuen Partei einlassen soll. Otto Schily, der bekannte RAF-Anwalt, der schon allein durch seinen Auftritt in Anzug plus Krawatte Furore macht. Die zerbrechlich-zähe Petra Kelly, die immer dunkle Ringe unter den Augen hat und unentwegt für die neue Anti-Parteien-Partei kämpft („Micha, ich habe hier ein geheimes Papier für dich, aber – um Himmels Willen – veröffentliche es erst nächste Woche im Arbeiterkampf“). Die Sponti-Raufbolde aus der „Frankfurter Gang“ um Joschka Fischer („Unter dem Pflaster liegt der Strand“). Der erste Ökobauer Deutschlands, Baldur Springmann, eine schrullig-reaktionäre Gestalt mit SS-Vergangenheit und anstößigen Veröffentlichungen beim „Weltbund zum Schutze des Lebens“.

Und dann die Indianerkommune aus Nürnberg: eine Truppe von 20 bis 30 Kindern und Jugendlichen, die auf nahezu jeder Bundesversammlung der neuen Formation i.G. auftaucht, mindestens einmal das Podium stürmt, für zwei Stunden besetzt, „Rederecht für Kinder“ verlangt – und dann ihren Führer sprechen lässt: einen 30-jährigen Pädophilen, der für das „Recht der Kinder auf freie Sexualität“ (mit ihm) eintritt. Auch Rudolf Bahro ist seit Oktober ’79 dabei, frisch entlassen aus DDR-Haft, wo er zu acht Jahren Knast verurteilt worden war, weil er ein Buch für den Sozialismus geschrieben hatte. Auf offener Bühne umarmt er in Karlsruhe Herbert Gruhl, den Ex-CDU’ler und Autor von Ein Planet wird geplündert, der insgeheim stinksauer ist, weil Bahro eben noch die Linken aufgefordert hatte, alle den Grünen beizutreten.

Die Linken sind deshalb stinksauer auf Rudolf Bahro, denn sie hoffen bis zum Schluss, sie könnten sich ohne individuellen Beitritt in die neue Formation eine Autonomie bewahren, um nicht in diesen unheimlichen Ideen-Malstrom reingezogen zu werden und sich dabei aufzulösen. Die Zeiten sind sowieso hart genug, der Deutsche Herbst ist gerade erst zwei Jahre her und die Zweifel an mühsam gehegten radikalen Positionen wachsen unaufhörlich.

Frustration und Euphorie

Aber daraus wird nichts. Der bekannte Hamburger Radio- und TV-Sprecher Henning Venske (Sesamstraße) trägt eine letzte Warnung vor: „Ihr hackt euch hier das linke Bein ab, und wisst noch nicht einmal, auf welchen Krücken ihr den Rechten davonlaufen wollt!“ Aber schon allein, um die 4,5 Millionen Mark Wahlkampfgelder, die die Vorläufer-Vereinigung bei der Europawahl im Juni eingesackt hatte, für den neuen Laden zu retten, bleibt es bei der geplanten Parteigründung.

Tausende Möglichkeiten, sich zu streiten. Ideologische Widersprüche, soweit das Auge reicht. Linke Gewerkschaftsopposi­tion, Blut- und Boden-Träume, esoterische Gesellschaftsmodelle, trotzkistische Entrismusphantasien, ökologisch begründete Verzichtsappelle. Radikale aus der CSU, Dissidenten aus der SED, Überläufer aus der KPD/AO. Eine Stimmung entsteht, die ständig zwischen abgrundtiefer Frustration über so viele falsche Ansichten und euphorischer Begeisterung über so viele neue Freunde und Brückenköpfe in fremde ideologische Lager schwankt. Die Emotionen wabern. Tränen, Aggressionen, protestantische Disziplin und wieder Tränen.

Es ist die hohe Zeit der Pathetiker und Kompromissler. Wer einen scheinbar goldenen Mittelweg zwischen unvereinbaren Positionen findet, verdient sich höchste Ehren. „Wir sind nicht links oder rechts, wir sind vorn“ ist einer dieser unnachahmlichen Formulierungstricks. Und wenn in der größten Not, kurz vor der allgemeinen Explosion, der 75-jährige August Haußleiter mit donnerndem Pathos ruft: „Ihr lieben grünen Freunde! Wir stehen mit unserer Partei vor einer kopernikanischen Wende! Chaos herrscht, wo ein Stern geboren wird!“ – spätestens dann liegen sich alle wieder in den Armen.

Einer lässt sich von all dem nicht aus der Ruhe bringen. Cool, freundlich, sympathisch bewegt sich ein junger Mann durch die Reihen und Grüppchen im Saal, besucht die kleinen und großen Abspaltungs- und Versöhnungs-Treffen. Er redet mit jedem, ihm wird alles erzählt, weil er so nett ist und offenkundig zu keinem Lager gehört. Günter Bannas von der FAZ schreibt immer die besten Artikel über die vielen grünen Treffen, er weiß mehr als alle anderen, und seine Texte hinterher zu lesen, ist fast, als wäre man dabeigewesen. Da kann man dann auch erfahren, in welcher Stadt man am Wochenende gewesen ist.

 
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Kommentare
Hans Hirschel schrieb am 13.01.2010 um 01:28
Hübscher Bericht! Nur eine Sache ist ein wenig verkürzt dargestellt

"Die Linken sind deshalb stinksauer auf Rudolf Bahro, denn sie hoffen bis zum Schluss, sie könnten sich ohne individuellen Beitritt in die neue Formation eine Autonomie bewahren, um nicht in diesen unheimlichen Ideen-Malstrom reingezogen zu werden und sich dabei aufzulösen."

Weil die Gründung nur eine Umgründung war, war eine nicht unerhebliche Anzahl der angereisten Delegierten aus (als Landesverbände fungierende oder über kurz oder lang zu solchen werdende "Bunte und Alternative Listen") sich geweigert hatte, vor dem angeblichen "Gründungsparteitag" in die bereits bestehende,"Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen" einzutreten, die zwar mit Wahlkampfrückerstattung aus den Europawahlen gepolstert war, deren Programm aber auch einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber "K-Gruppen" enthielt, das Gewaltmonopol des Staates nicht in Frage stellen und auch nicht "für die 35 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich" streiten wollte.

GIM und Spontis machten nicht mit, weil ihnen das Ganze zu wenig sozialistisch war oder Parlamente grundsätzlich doof fanden.

Das mag heute natürlich sehr skurril klingen, aber Ideenarmut, Auflösungsängste oder die Vorstellung, "Autonomie zu behalten" waren es jedenfalls nicht, die uns vom Weg über das grüne Canossa abhielt.

Gruß hh (damals "autonomer Delegierter"
der Berliner Alternativen Liste)
Michael Pickardt schrieb am 13.01.2010 um 08:35
Lieber Hans Hirschel,

Du hast natürlich vollkommen recht: Die Sache ist verkürzt dargestellt. Allein schon deshalb, weil Format und Länge dieser Rubrik in unserer Zeitung ("Eventkritik") das notwendig machen. Der Anspruch war auch nicht, eine wissenschaftlich korrekte und historisch detaillierte Darstellung der Gründungs-Ereignisse (die sich ja in Wahrheit vom Herbst 1977 bis zum Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 erstreckt haben) vorzulegen, sondern einen atmosphärischen Eindruck zu schildern.
Insbesondere die komplizierten Debatten, die es in der Linken um die Beteiligung an der Wahlbewegung seit dem Frühjahr 1978 gegeben hat, finden sich hier überhaupt nicht wieder. Als wir damals für den KB in Nürnberg die Kontakte zu Petra Kelly, August Haußleiter, Dieter Burgmann und den vielen anderen in Bayern aktiven Grünen-Vorläufern aufnahmen, spaltete sich gerade unsere eigene Organisation an diesen Fragen - und ich war kein Anhänger der Gruppe Z (du wirst mit dieser Information etwas anfangen können). Es war wirklich sehr kompliziert. Und es gab auf jeden Fall sehr gute Gründe, den individuellen Eintritt in die SPV - Die Grünen nicht zu vollziehen, das sehe ich auch aus heutiger Sicht so.

Herzliche Grüße
Michael Pickardt
Onkel Wanja schrieb am 13.01.2010 um 12:51
Am Montag den 11.01.2009 gab es im DEUTSCHLANDFUNK eine Sendung zum Thema „30 Jahre GRÜNE- wie hat sich die Partei verändert?“

www.dradio.de/rss/podcast/sendungen/kontrovers/

Eingeladen war Bärbel Höhn und Boris Palmer von den GRÜNEN, den Part des unabhängigen, in Wirklichkeit aber mit der Entwicklung sehr zufriedenen Politexperten, spielte diesmal ein Herr Nico Fried, von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Hörenswert sind die KONTROVERS-Sendungen nur wegen der Hörerbeiträge, da es der DEUTSCHLANDFUNK ansonsten nicht so gerne kontrovers mag, bei der Aussuche der "Expertenschauspieler" geht man vonseiten der Redaktion immer auf Nummer sicher und wählt Leute aus, die gerne Sagen, was die Redaktion hören will! Wer das nicht glauben mag, kann den Beweis anhand der täglichen Presseschau und des Pressegespräches gerne über einige Wochen überprüfen.

Herrlich ist das Streitgespräch zwischen einem Ex-Grünen aus NRW und Höhn im 2/3 der Sendung und die überhebliche, freche und machtbewuste Art, wie "Fleischtopfpolitiker" ("Realos" nennen sie sich selber gerne und ihre Freunde von den Kapitalmedien) denjenigen, die nicht so prinzipienlos, skrupellos und verlogenen sind wie sie selber, den Realitätssinn absprechen. Aber das kennen wir ja auch von den Bries, Ramelows und Liebichs bei den LINKEN bestens!
Hier aufpassen, wie sich Herr "unabhängig" Fried, verhält.

Die beste Erkenntnis ist nach dem Hören dieser Sendung: Diese GRÜNEN wollen sich von Kriegsgegnern und Kritikern ihrer Politik gar nicht mehr wählen lassen, sind froh über jeden der aus der Partei ausgetreten ist, denn es gibt so viele vernünftige neue Mitglieder und Wähler.....Diese Brut, nein wirklich!
Fritz Teich schrieb am 05.04.2010 um 19:06
<<
wählt Leute aus, die gerne Sagen, was die Redaktion hören will!
>>

Den Eindruck hatte ich bisher nicht. Die Redaktion hat lediglich eine Vorstellung vom Thema, in das bestimmte Dinge lediglich nicht hineinpassen. Es wird durchaus kontrovers diskutiert, es ist aber keine Krawallsendung. Baerbel Hoehn ist eben eine erfolgreiche gruene Politikerin.

Anyway, von den "Bunten" haette ich gerne mehr gehoert. Und warum es Leute wie Beuys und Bahro so schwer hatten. Warum das Betriebsklima in der Bonner Colmannstrasse so grauenhaft war. Wahrscheinlich gings zu dem Zeitpunkt schon verstaerkt um Besitzstaende und Macht, und wenns die Macht ueber den Kopierer war.
Hermanitou schrieb am 13.01.2010 um 22:31
Trau keinem über dreissig!
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