Wochenthema

Auch mit neuer Strategie ist der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen

Afghanistan | 28.01.2010 09:00 | Jürgen Rose

Auf verlorenem Posten

Die Bundeswehr wird immer tiefer in den ­Konflikt hineingezogen. ­Daran kann auch Merkels neue ­Strategie nichts ändern

Ob der immer noch amtierende Inspekteur des deutschen Heeres, Generalleutnant Hans-Otto Budde, den Oberst Georg Klein im Sinne hatte, als er einst den „archaischen Kämpfer und High-Tech-Krieger“ zum Leitbild für den Bundeswehrsoldaten des 21. Jahrhunderts erklärte, mag dahinstehen. Fest steht, dass dieser deutsche Offizier, als er zwei US-Jagdbomberpiloten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Bombenabwurf verleitete, der Vorgabe seines höchsten Vorgesetzten nahezu idealiter entsprach. Wahrlich archaisch war in der nächtlichen Feuerhölle am 4. September 2009 das Sterben von über 140 Menschen im Flussbett des Kunduz-River. Die GBU-38-Bomben fanden mit chirurgischer Präzision ihr Ziel – lasergesteuert aus dem Cockpit zweier Kampfflugzeuge, deren Crews von Fliegerleitoffizieren geführt wurden, die weitab vom Geschehen in der aseptischen Atmosphäre klimatisierter Gefechtsstände an ihren Monitoren saßen. Spätestens mit jenem Einsatz waren die Söhne und Enkel, die in den Streitkräften der demokratischen Bundesrepublik Deutschland dienen, dort angekommen, wo ihre Väter und Großväter in den Uniformen der Wehrmacht aufgehört hatten: mitten im Krieg.

Bewaffnete Entwicklungshilfe

Dabei hatten die Gründungsväter der Bundeswehr, die sich 1950 im Eifelkloster Himmerod einfanden, um die neuen deutschen Streitkräfte zu konzipieren, das genaue Gegenteil im Sinn. Konstitutiv für den Auftrag der Bundeswehr sollte die Friedenssicherung durch Abschreckung und – notfalls – Verteidigung sein. Besonders Wolf Graf von Baudissin, der Spiritus Rector der Inneren Führung mit ihrem Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“, dachte sich die künftigen Vaterlandverteidiger als „Soldaten für den Frieden“.

Auch als vor mehr als acht Jahren der Bundeswehreinsatz in Afghanistan begann, sollte der jener Maxime folgen und laut Kanzler Schröder eben kein „militärisches Abenteuer“ sein. Politik, Öffentlichkeit und Streitkräfte waren sich damals einig, dass mit jener UN-mandatierten International Security Assistance Force (ISAF) lediglich „zivil-militärische Zusammenarbeit“, Brunnenbohren, Schul- und Brückenbau unter der Obhut internationaler Schutztruppen – ein bisschen bewaffnete Entwicklungshilfe sozusagen – gefragt seien. Lediglich bis zu 1.200 Bundeswehrsoldaten wurden zunächst in die Hauptstadt Kabul und Umgebung entsandt. Deren Vorgehensweise sollte eher reaktiv und stabilisierend sein – ganz im Sinne des postmodernen Verständnisses vom Soldaten, deren Auftrag „Schützen, Helfen, Retten“ lautet. Trotz vereinzelten Gegrummels konservativer Heeresoffiziere, die immer schon den „Ernstfall Krieg“ propagiert hatten, stieß die Vorstellung vom „bewaffneten THW“ in Bundeswehruniform weithin auf Sympathie.

Erste Risse bekam diese Vorstellung, als die ersten Bundeswehrangehörigen verwundet, verstümmelt, traumatisiert oder gar tot in die Heimat zurückkehrten. Auch die stetig steigende Zahl der zivilen Opfer eines eskalierenden Konflikts sorgte für wachsende Irritationen. Überraschen konnte das keineswegs, hatte doch die NATO mit dem Segen des UN-Sicherheitsrats ihre zunächst auf die afghanische Hauptstadt und deren Umfeld beschränkte ISAF-Mission bis Oktober 2006 auf das gesamte Land ausgeweitet.

Mit der Expansion des Besatzungsregimes einher ging der Wandel des Einsatzprofils der ISAF hin zu immer offensiveren Taktiken, um den afghanischen Widerstand zu bekämpfen. Dessen ungeachtet beschied noch im Juli 2008 der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung eine kritische Reporterfrage mit den Worten: „Ich will Ihnen eindeutig widersprechen, dass in Afghanistan Krieg ist – es ist dort eine andere Situation.“ Während sich die Politik solchermaßen in Selbst- und Wählertäuschung übte, pflegte das Militär längst eine deutlichere Sprache. „Auch wenn wir irgendwann sagen können, die Schlachten in Afghanistan oder woanders sind beendet, wird der Kampf gegen den Terrorismus ewig weiter gehen. Wir sind stark genug, ... und ... werden den Krieg gegen diesen Feind gewinnen“, hatte Heeresinspekteur Budde schon Ende 2006 bekannt. Mochte dabei auch die Sprachlogik etwas abhanden gekommen sein – der Verweis auf die kriegerische Realität traf den Nagel auf den Kopf.

Bellizistische Prosa

Mit der im Vorjahr von Präsident Barack Obama betriebenen Eskalation am Hindukusch wurde auch in Deutschland der Ton martialischer. „Die bisherige Taktik war hit and run, schießen und wegrennen. Das ist jetzt etwas anders“, ließ der ehemalige Generalinspekteur, General Wolfgang Schneiderhan, im Mai 2009 anlässlich einer Offensive im Raum Kundus verlauten, bei der die Bundeswehr mit dem Schützenpanzer Marder und 120 mm-Mörsern erstmals schwere Waffen einsetzte. Verteidigungsminister Jung gab derweil zu Protokoll: „Jeder, der unsere Soldaten und die unserer Alliierten in Afghanistan angreift, muss wissen, dass er bekämpft und zur Verantwortung gezogen wird.“ Flankiert wurde diese bellizistische Prosa von US-Sicherheitsberater James Jones, der mörderische Luftangriffe auf afghanische Dörfer wie folgt begründete: Man könne von den USA nicht erwarten, dass sie mit einer auf den Rücken gebundenen Hand kämpfen.

Erst Jungs Nachfolger Guttenberg sah sich zur rhetorischen Frontbegradigung genötigt: In Teilen Afghanistans herrschten „fraglos kriegsähnliche Zustände“. Er könne jeden Soldaten verstehen, „der sagt: In Afghanistan ist Krieg.“ Völkerrechtlich präzise auf den Punkt brachte Jurist Guttenberg den Sachverhalt mit seiner Verlautbarung, „dass es sich in Teilen Afghanistans um einen nicht-internationalen bewaffneten Konflikt handelt.“ Damit hat die von mehreren Bundesregierungen über Jahre geübte Praxis der Realitätsverweigerung ihr Ende gefunden. Zweifellos herrscht Krieg am Hindukusch und ebenso unverkennbar ist die Bundeswehr von einer Armee für den Frieden zur Truppe für den Krieg mutiert.

Nun hat Merkel endlich ihre lang erwartete neue Afghanistan-Strategie vorgestellt. Viel mehr als ein modifiziertes „Weiter so“ ist es nicht geworden. Zwar will die Bundesregierung ihre Ausgaben für den zivilen Wiederaufbau mit einem Volumen von 430 Millionen Euro fast verdoppeln, aber gleichzeitig bis zu 850 Soldaten mehr in die Kampfzonen im Norden Afghanistans schicken. Und die werden sich angesichts einer rapide verschlechterten militärischen Lage zusammen mit ihren bereits stationierten 4.395 Kameraden nicht allein auf die Ausbildung von afghanischen Soldaten konzentrieren können.

Viel wichtiger als Merkels Sandkastenspiel in Afghanistan wäre die Einsicht, dass der Westen dort auf verlorenem Posten steht. Schon Ende der sechziger Jahren ist in Südvietnam misslungen, was nun erneut am Hindukusch ausprobiert werden soll. Die Ausbildung einer Armee durch ausländische Besatzer unter den Bedingungen des Krieges – damals Vietnamisierung der Särge genannt – ist in Indochina ebenso kläglich gescheitert wie der Aufbau eines demokratischen Staatswesens durch eine ausländische Macht.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
BendlerBlogger schrieb am 28.01.2010 um 09:38
Wer auch immer vermutet sich mit einem Beitrag von Jürgen Rose militärische oder gar sicherheitspolitische Kompetenz gesichert zu haben, wird hier erneut eines Besseren belehrt. Der durchaus zutreffenden Lageschilderung folgt das große Nichts. Die Frage nach einer Alternative bleibt unbeantwortet. Warum? Sicher nicht, weil es keine gäbe. Wohl eher, weil es sich der Verfasser in seiner Fundamentalopposition gemütlich gemacht hat, und nicht bereit ist, über Alternativen nachzudenken. Selbst Kässmanns wolkige Forderung nach mehr Phantasie ist da zielführender. Und wie sagte schon Beuys: "Wer nicht denken will, fliegt raus."
zelotti schrieb am 28.01.2010 um 15:39
Wir sind für die Amerikaner in Afghanistan, immerhin haben die Westmächte unseren Staat gegründet. Das ist also einfache Verpflichtung, was wäre die Alternative? Nationale Alleingänge?
Scharfenorth schrieb am 29.01.2010 um 02:52
Jürgen Rose hat meine volle Zustimmung, und wenn BendlerBlogger nach der Alternative fragt, kann ich nur sagen, es gibt nur eine. So schnell wie möglich raus aus Afghanistan. Wenn möglich im Konsens mit den anderen ISAF-Beteilgten und wenn nicht möglich, auch alleine - wie das Kanadier und Holländer vorhaben. Wer den ganzseitigen Kommentar von Helmut Schmidt in "DER ZEIT" (28.Jan.)gelesen hat, weiß, das weder dieser Krieg zu gewinnen, noch ein nach unserem Verständnis brauchbares Staatswesen in Afghanistan aufzubauen ist. Sich dann einzubilden, dass es gelingen könnte, die afghanische Polizei oder Armee in die Lage zu versetzen, ein illusorisches Konstrukt zu schützen, ist mehr als naiv. Allein die Afghanen können und müssen bestimmen, wo ihre "Schicksalslinie" verläuft.Folglich ist es angesagt, Kontakte mit anderen Großmächten (China, Russland, Iran, Indien etc.) aufzunehmen, um deren mögliche Vermittlerrolle für einen Dialog mit dem militärischen Gegner zu nutzen. Nur wenn es gelänge, eine Art Waffenstillstand zu erreichen, wäre ein gemeinschaftlicher Abzug denkbar.Dann zweifellos mit unabsehbaren Folgen. Doch wer glaubt, dass sich die Dinge in Zukunft bessern, ist schwer auf dem Holzweg. Im Gegenteil: Denn wenn die ISAF sehr viel später abzöge, wären die Folgen noch weit furchtbarer. Denn die Waagschale wird sich keineswegs in die (für den Westen) genehme Richtung senken, und der zwangsläufig anstehende Bürgerkrieg (Taliban und verbündete gegen Kollaborateure)würde das Afghanische Volk in Schlimmeres als nur einfachen Feudalismus zurückstürzen. Allein die Tatsache, dass Boston Consultig (und nun auch Schmidt) zu der Einschätzung kommen, dass man die anvisierten Ziele (Aufbau und militärische Ausbidung) allenfalls mit 300.000 (statt geplanten 100.000) Soldaten vor Ort "gestalten" könnte, zeigt doch, dass Substanzielles nicht machbar ist. Aus der derzeitigen Wagenburg kommt niemand raus. Orginalton Schmidt: "Ich muss vermuten, dass sich der Westen letztlich nur unter großen Verlusten der Zivilbevölkerung, der Soldaten, Verlust an Ansehen und politischem Prestige aus Afghanistan "herauswursteln" kann - wenn überhaupt. Wenn die Entwicklung bereits so fixiert ist, muss schleunigst an Schadensbegrenzung gedacht werden. Sonst droht den Willigen mehr als ein zweites Vietnam.
Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen
www.stoerfall-zukunft.de
misterl schrieb am 31.01.2010 um 17:03
Ein paar Ansätze über Alternativen oder Fallen lassen nach zu denken. Falls es keine Alternativen gibt sollte man wenigstens so ehrlich sein und den ganz normalen Leuten (m/w) sagen, wir lassen Euch fallen.

"Allein die Afghanen können und müssen bestimmen, wo ihre "Schicksalslinie" verläuft."

Wäre ja in Ordnung, gäbe es dafür auch halbwegs demokratische Spielregeln auch für Frauen in A.

Ja wie denn nun?

"Folglich ist es angesagt, Kontakte mit anderen Großmächten (China, Russland, Iran, Indien etc.) aufzunehmen, um deren mögliche Vermittlerrolle für einen Dialog mit dem militärischen Gegner zu nutzen."

Doch nicht die Afghanen alleine und selbständig? Zusatzfrage: Iran ist eine Grossmacht? Vielleicht auch Waffenlieferant? Bock zum Gärtner machen?

Eben eben...

"Nur wenn es gelänge, eine Art Waffenstillstand zu erreichen, wäre ein gemeinschaftlicher Abzug denkbar.Dann zweifellos mit unabsehbaren Folgen."

...stünde Entwaffnung und Kontrolle der Waffenlieferungen nicht am Anfang einer solchen Entwicklung. Mein Informationstand sagt mir, dass die Afghanen, die Grenzkontrollen zu zB Pakistan nicht sonderlich ernst nehmen.

So heißt denn auch im Klartext übersetzt:

"muss schleunigst an Schadensbegrenzung gedacht werden"

Wir lassen den Durchschnitts Afghanen samt seiner Familie fallen.
SteinMain schrieb am 29.01.2010 um 14:14
Warum eigentlich nicht die gute, alte Jugoslawien Strategie ? Im Prinzip ginge das doch, Afghanistan in ein Konglomerat von Kleinstaaten zerfallen zu lassen, in diesem Fall nach Stammesherrschaftsgebieten, und die dann je nach dem gegeneinander ausspielen ? Die würden sich dann nacheinander an die Wohltaten des kapitalistischen Wirtschaftssystems anschliessen, wie etwa Kroatien und wie sie alle heissen, und es gäbe eine schöne Rendite für die Finziers des Krieges.
Fragen über Fragen, meine Theorie dazu ist, das der Global-Kapitalismus einfach 20 Jahre älter geworden ist, und nicht mehr soviel Zeit hat zum Warten, weil spätestens in der Mitte dieses Jahrhunderts die Versprechen und Märchen von Wohlstand und Freiheit
als heisse Luft verpufft sein werden, bei einer Weltbevölkerung von 15 Milliarden (!).
zelotti schrieb am 29.01.2010 um 17:43
Die Strategie ist aber das Gegenteil, Regionalisierung. Man will nicht mehr mit so vielen Staaten sich rumschlagen. Den Zerfall Jugoslawiens haben diese Leute ganz alleine hingekriegt, da brauchten sie keine Hilfe...
Fritz Teich schrieb am 30.01.2010 um 04:27
Ob man einen Krieg gewinnen kann, ist fuer die Frage, ob er richtig ist, voellig egal. Man sollte sich darauf beschraenken, ihn als falsch zu kritisieren. Ich warte immer noch darauf, dass mir mal jemand einen vernuenftigen Kriegsgrund nennt. Den gibt es nicht und das reicht. Gab es einen vernuenftigen Kriegsgrund in Vietnam?
dr.knoll schrieb am 31.01.2010 um 15:36
Hoffentlich werden in naher Zukunft die deutschen Afghanistan-Veteranen nicht so schäbbig behandelt wie die russischen / amerikanischen usw usw Veteranen. Gleichzeitig wüßte nicht nur ich gern, wieviele Soldaten sind inzwischen gefallen? Schwerstverletzt? Blind?
Wer kennt die genauen Zahlen?!
Inzwischen gibt es ja Gott sei Dank das "Denkmal für den Deserteur" - also, da soll kein Soldat später sagen: Das habe ich nicht gewusst. Kriegsverletzte haben nur noch einen "Wert" für die chirurgische Medizin. Und Tote für die Organtransplantation. Immerhin, vielleicht gibt es dann dafür einen Orden.
grogob schrieb am 31.01.2010 um 20:02
Afghanistan ist ein landschaftlich atemberaubend schönes Land, und die Soldaten sollten dankbar sein, dass sie kostenlos dorthin reisen dürfen. Also bitte nicht immer alles nur kritisieren.
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