Wochenthema

Merkel entgleitet die Macht - weil sie ihre Politik nicht erklären kann

Abschied | 02.06.2010 16:20 | Paul Nolte

Die Trümmerfrau

Mit Roland Koch hat Angela Merkel einen weiteren Wortführer des konservativen Flügels vergrault. Dabei sind die Fragen konservativer Menschen wichtiger denn je

Nun ist das Jammern groß. Wer soll, nach Roland Kochs Ankündigung seines Rückzugs aus der Politik, in der Union noch klare Kante reden, wer für die CDU den konservativen Flügel vertreten und die traditionellen Wähler bei der Stange halten? Merkwürdig nur, dass diese Sorge bei denen am größten zu sein scheint, die mit Kochs politischer Linie bisher wenig anzufangen wussten. Bricht nun plötzlich eine Tradition ab? Merkel, Koch: Wer wollte hier wem eins auswischen?

Manches spricht dafür, in den selbst gesetzten Lebensschnitt des hessischen ­Ministerpräsidenten etwas weniger hineinzugeheimnissen. Wenn das postmoderne Leben, privat wie beruflich, in abschnittsweisen Projekten entworfen wird, bleiben die Politiker davon offensichtlich nicht verschont. Warum sollte man Berufspolitiker bis zum buchstäblich letzten Atemzug bleiben? Ob links oder rechts, andere Prioritäten werden wichtiger, die der Nachkriegsgeneration deutscher Demokratie unbegreiflich gewesen wären: Was anderes machen? Geld verdienen? Lieber Zeit für die Familie als der nächste Karriereschritt? Schon vergessen: Nicht nur Koch, auch sein hessischer Antipode Tarek Al-Wazir hat „gekniffen“, als es darum ging, nach Berlin zu gehen. Wir werden das garantiert noch öfter sehen – ein spannender Wandel in der Demokratie.

Natürlich lässt sich Kochs Abschied nicht darauf reduzieren, natürlich muss er politisch interpretiert werden. Steht die CDU also vor der großen Heimatlosigkeit des Konservatismus; ist Angela Merkel dabei, eine tiefe Wurzel der Unionsidentität abzuschneiden? Solche Fragen setzen oft voraus, dass das konservative Element in der CDU – oder in der Wählerschaft, in der Bevölkerung überhaupt – etwas Fixes, etwas Statisches sei, das seinen politischen Sprecher finden müsse, von Strauß über Dregger zu Koch. Dabei wird jedoch eine wichtige Tatsache übersehen: Den alten Konservatismus, wie er noch in den achtziger Jahren als einigermaßen geschlossenes Weltbild existierte – es gibt ihn nicht mehr.

Keine Strömung mehr

Natürlich existieren noch konservative Menschen, auch solche, bei denen politisches Programm und äußerer Habitus eine Verbindung eingehen, die Assoziationen der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts hervorruft. Aber zu einer repräsentativen Strömung taugen sie nicht mehr. Sie melden Bedenken an, und das ist gelegentlich wichtig, aber ein Regierungsprogramm können sie nicht mehr abliefern. Das ist keine deutsche Besonderheit. Der Konservatismus wird in Europa entweder pragmatisch – diesen Weg gehen jetzt die Briten mit David Cameron. Oder er wird, wie im Italien Berlusconis oder in etlichen postkommunistischen Ländern, populistisch. Muss man Angela Merkel für ihre Präferenz angesichts dieser Alternative kritisieren?

Dekliniert man das vermeintlich Konservative einmal stichwortartig durch, stößt man allenthalben auf die Auflösung klassischer Frontlinien. Aber nicht nur das: Oft schleichen sich in unsere Wahrnehmung auch falsche Bilder einer Vergangenheit ein, in der die Dinge vermeintlich noch ihren Platz hatten. Das ist immer gefährlich und besonders für die Geschichte der CDU. Nehmen wir das konfessionelle und Werteprofil: Das „christlich-konservative“ Element, so liest man jetzt öfters, gehe der CDU verloren. Nun – die Bindungen zur katholischen Amtskirche haben sich in der Tat gelockert. Aber die CDU von heute ist alles andere als kirchen- und christentumsfern – das Gegenteil ist der Fall. Adenauer und Gerstenmaier würden sich verwundert die Augen reiben, sähen sie ihre Partei am Beginn des 21. Jahrhunderts, bis zum Bersten aufgeladen mit Protestantismus und Katholizismus von Merkel und Gröhe und Schavan; christlicher geht’s kaum. Nur ist das mit dem „Konservativen“ nicht mehr synonym. Nicht mehr? Da ist zum Beispiel dieser Erinnerungsfehler, den zu beheben der Name von Heiner Geißler genügt.

Unerwartete Berührungen

Zweiter Fall: das konservative und wirtschaftsfreundliche Profil, für das Roland Koch steht. So ähnlich wie vor ihm Friedrich Merz. Beide sind in der Tat bemerkenswerte politische Persönlichkeiten. Aber das liegt eher daran, dass konservativ und wirtschaftsliberal zu sein eher in einem Spannungsverhältnis zueinander steht als in natürlicher Symbiose. Ludwig Erhard war so wenig ein klassischer Konservativer wie man Alfred Dregger als Mann der Wirtschaft bezeichnen konnte. Oder beweist man Wirtschaftskompetenz jetzt schon, wenn man gelegentlich auf die Endlichkeit des staatlichen Füllhorns hinweist? Das tun die Grünen im Übrigen oft am überzeugendsten. Ein wirtschaftsliberales Programm kann heute weniger denn je konservativ sein, weil es auf die Mobilisierung von Ressourcen zielt: der Frauen, der Migranten – man werfe doch nur einmal einen Blick auf die Forderungen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft: markt- und unternehmerfreundlicher geht es nicht mehr, aber nicht die Spur von konservativ.

Über die nationale Ausrichtung als Kern des Konservativen muss man eigentlich gar nicht mehr reden. Sicher, bei manchen verfängt das noch. Aber zählt eigentlich auch jemand die Wähler und die Stimmen, die Roland Koch mit seinen Kampagnen von der CDU abgeschreckt hat? Adenauer war Europäer; er hat den Appell ans Nationale taktisch klug eingesetzt. Das selbe kann man von Helmut Kohl sagen. Was der CDU heute fehlt, ist nicht strammer Patriotismus, sondern ein überzeugendes Konzept der Weiterentwicklung Europas in seiner tiefen Krise.

Das politische Koordinatensystem hat sich verändert. Man kann nicht immer über die tiefe Milieu- und Identitätskrise der SPD reden und zugleich glauben, in der CDU müsste die Fackel eines alten Konservatismus weitergegeben werden. Das neue Koordinatensystem ist nicht mehr linear, sondern eher das eines gekrümmten Raumes: mit vielen, auch unerwarteten Berührungspunkten zwischen scheinbar weit voneinander Entferntem. So treffen sich CDU und Grüne oftmals, ohne dass die CDU deshalb „linker“ geworden wäre, etwa bei Fragen zur Forschung an embryonalen Stammzellen.

Ein genialer Vereinfacher geht

Deshalb kann sich die CDU-Vorsitzende freilich noch lange nicht zurücklehnen. Sie muss sich vorhalten lassen, die Vision, die sie vielleicht hat – von dem Auftrag ihrer Partei ebenso wie von der Zukunft des Landes –, ihren Mitgliedern nicht erklären, nicht vermitteln zu können. Gibt es einen gemeinsamen Nenner dessen, was in den verschiedenen unionsgeführten Ressorts betrieben wird, teilweise ja sehr profiliert: zwischen der Forschungspolitik Schavans und der Familienpolitik von der Leyens und jetzt Schröders? Welchen politischen Kern hat Finanzpolitik unter der Ägide der CDU, außer den scheinbar selbstverständlichen, das Geld beieinander zu halten; welchem gesellschafts- und ordnungspolitischen Entwurf folgt sie? Die Antwort auf diese Fragen wird sich immer weniger auf der Skala von „links oder rechts“ abbilden lassen, auch wenn die Medien das noch gerne einfordern.

Umso wichtiger könnte ein konservativer Flügel sein, der mehr bohrende Frage ist als selbstgewisser Fanfarenstoß: Wo liegt inmitten der stürmischen Veränderungen, vom Internet über die Globalisierung bis zu den privaten Lebensformen, noch Stabilität? Wohin führen all die Veränderungen, und müssen wir sie umstandslos akzeptieren, oder dürfen wir auch nach Schäden und Folgekosten in ihrem Verlauf fragen? Die Antworten können im Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen: größtmögliche Forschungsfreiheit oder strenger Lebensschutz? Mit Roland Koch ist ein genialer Vereinfacher gegangen, für den die meisten Dinge eindeutig zu sein schienen. So ist die Welt aber nicht mehr, auch wenn sich damit noch andere als Koch, und beileibe nicht nur Konservative, schwer tun. Die CDU darf ihre Anhänger in dem Ringen mit den komplizierten Lebenslagen und Weltsituationen nicht alleine lassen, sondern muss ihnen Orientierung vermitteln, die nicht die Form eines Patentrezeptes hat. Da warten auf Angela Merkel noch große Herausforderungen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Alphonse schrieb am 02.06.2010 um 20:00
Nun stellt auch der Freitag diesem Allerweltsschwätzer Raum für sein sinnfreies Geschwurbel zur Verfügung. Der Mann kennt noch nicht mal den Unterschied zwischen einem Konservativen und einem veritablem Reaktonär wie Koch. Aber was will man von einem erwarten, der sich als "neo"konservativ beschreibt.
hinrich brave schrieb am 03.06.2010 um 01:10
ich sage nur : paul nolte, historiker.
Technixer schrieb am 02.06.2010 um 21:31
*gähn* Ein polittaktisches Papier mit viel lauwarmer Luft um Nichts. Dies bringt vielleicht den RCDS dazu heiße Diskussionsrunden zu starten.

Wie gestern bei Maischberger (oh ja, ich habe mir diese Blutdrucksteigernde Sendung 20 Minuten angetan), irgendeiner der konservativen Gruftis meinte; die Finanzkrise und die dadurch stärker in den Focus geratenen gesellschaftlichen und ökologischen Probleme dieses Wirtschaftssystems, sind nach dem Fall des Ostblocks zum ersten Mal wieder richtig große Probleme.

Da trennt sich einfach die Spreu vom Weizen würde ich mal sagen. Schwadronierer und Polarisierer heißer Luft treten ab, weil sie selbst nicht weiter wissen.

Keine der neoliberalen oder konservativen Parteien kann erklären wie ständiges Wachstum funktionieren soll. Die europäischen Schuldnerländer sollen ihre Schulden mit Wirtschaftswachstum abbezahlen, wir in Deutschland wollen das auch, die Amerikaner auch.
Merkt ihr noch was?

vierteljährliche Gewinnsteigerung (Bspw. 10%) funktioniert nur über zwei Mechanismen massive Produktivitätssteigerung und Senkung der Lohnstückkosten. Gleichzeitig verlangen die Konservativen wie Ex-BDI Chef Hans Olaf Henkel eine Senkung der Löhne für Arbeitnehmer.

Während die Politik immer stärker die private Vorsorge forciert.

MERKT IHR NOCH IRGENDWAS? oder ist das neoliberale Gedankenvakuum zu einem alles vernichtenden schwarzen Loch verkommen?

Vermutlich bei einigen Politikern noch nicht und das sind diejenigen, welche jetzt die Fahnenflucht ergreifen ;)
hinrich brave schrieb am 03.06.2010 um 01:11
ich helfe: arnulf baring im ersten, paul nolte im zweiten.
mustermann schrieb am 03.06.2010 um 01:01
"Wohin führen all die Veränderungen, und müssen wir sie umstandslos akzeptieren, oder dürfen wir auch nach Schäden und Folgekosten in ihrem Verlauf fragen?"
Amen.
Antwort: Nein, Nolte sollte nie wieder etwas fragen oder sagen dürfen, weil einem von diesem Verdummungs-Geschwurbel übel wird. Der Rest der Menschheit sollte Fragen stellen und nicht nur Fussball schauen angesichts der Zerstörungen, die die neoliberale bzw. neokonservative Sekte bisher schon angerichtet hat und weiter anrichtet. Leider zeigt sich die Verblödungsindustrie äußerst erfolgreich. Wir erleben zur Zeit ohne Zweifel die inkompetenteste und korrupteste Mövenpick-Regierung, die Deutschland je hatte.
"Die CDU darf ihre Anhänger in dem Ringen mit den komplizierten Lebenslagen und Weltsituationen nicht alleine lassen..." Dieser Satz hat mir wirklich den Rest gegeben. Mehr Gemerkel geht nicht. Der Freitag schafft es immer wieder, mich zu verblüffen.
hinrich brave schrieb am 03.06.2010 um 01:12
paul nolte, historiker, wie baring. soviel zeit sollte sein als ausführliche kritik.
Fritz Teich schrieb am 03.06.2010 um 10:23
<<
Dekliniert man das vermeintlich Konservative einmal stichwortartig durch, stößt man allenthalben auf die Auflösung klassischer Frontlinien.
>>

Wo ist das nicht so?
Fritz Teich schrieb am 03.06.2010 um 10:25
Und darum ist an Merkel an sich nichts auszusetzen. Wer sollte es besser machen?
Technixer schrieb am 03.06.2010 um 12:38
Ich :P
Fritz Teich schrieb am 04.06.2010 um 19:40
Darum ist es auch so schwer Bundespraesident zu sein.
klonkifanko schrieb am 03.06.2010 um 11:17
Mir ist bis heute schleierhaft, was den Historiker als solchen dazu qualifiziert, politisches Tagesgeschehen zu kommentieren. Wenn er seinen Methoden treu bleibt, kann er mit wissenschaftlichem Anspruch Gestriges erhellen.

Da aber fällt mir auf: die CDU, das ist doch die Partei der Gestrigen. So stimmt's also.
Magda schrieb am 03.06.2010 um 12:12
Wir werden noch öfters sehen, dass Männer andere Prioritäten setzen, das kann ich mir vorstellen. Es rennen ja schon massenweise in der "Politik" Gestalten rum, denen sie nichts als Sprungbrett ist, genau zum nächsten Projekt nämlich, der Wirtschaft real oder der Banken- und Finanzwirtschaft.

Den spannenden Wandel in der Demokratie kann ich nicht so spannend finden.

Eines Tages wird die auch so beliebig, die Demokratie, kann man eigentlich auch weglassen. Und - dann wird wieder richtig regiert.
Agent Provocateur schrieb am 03.06.2010 um 13:27
Als ich den Namen des Autors gelesen hab, hab ich mich gefragt, ob das dieser hyperaktive Geschichtsprofessor von der FU Berlin ist, der jede "Intellektuellensendung" mit seinem Geschwätz verpestet. Dann aber hab ich mich gefragt, warum der ausgerechnet für den Freitag schreibt und nicht wie Bettina Röhl für die Welt, wo er mit seinen verqueren Ansichten doch viel besser hinpasst. Nach den ersten paar Sätzen war aber schnell klar, dass nur er das sein kann.

Dieser Paul Nolte schafft es doch glatt, dass ich ihm gegenüber noch Leute wie Henryk M. Broder oder Reinhard Mohr, die auf meiner Ekelskala ziemlich weit unten stehen, gut finde. Und das will was heißen!
Rahab schrieb am 03.06.2010 um 14:12
apropos mobilisierung von ressourcen: kommt jetzt frau Koch an die reihe?
Fritz Teich schrieb am 04.06.2010 um 19:41
So wie Frau Bush, die dabei ganz sympatisch rueberkommt.
RAJmue schrieb am 03.06.2010 um 19:39
Sehr geehrter Herr Professor Nolte,

zwar ist es begrüßenswert, wenn Vertreter verschiedener Sichtweisen auf die nicht ganz geringfügigen Probleme der Gegenwart in einer Zeitschrift zu Wort kommen. Und ebenfalls ist es lehrreich, darüber zu reflektieren, was eigentlich noch den Sinn von „konservativ“ ausmachen könnte, ebenso wie darüber, was eigentlich „links“ ist. Allerdings ist zu Ersterem ja bereits vor Jahren unter den Schlagworten „wertkonservativ“ und „strukturkonservativ“ vieles geschrieben worden, was ungeachtet propagandistischer Verwendung nicht ganz wertlos ist. Ebenso sollte man m.E. ja auch nüchtern genug sein, zu realisieren, dass die großen Zerstörungsaktionen des 20 Jh. in Mitteleuropa letztlich von „Konservativen“ ausgingen oder realisierbar gemacht wurden (ganz gleich was neuzeitliche, etwa histoknoppistische, Verrenkungen an Ablenkungsmanövern eingeführt haben).

Nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen ist der faktische geistige und moralische Anspruch derjenigen, die - nennen wir es einmal so - „politisch konservativ“ sind, in der ganz großen Mehrzahl nicht so hochgesteckt, wie Sie zu suggerieren belieben. Der sozusagen klassische Terminus „strukturkonservativ“ erscheint insofern ausreichend, als er die faktischen, im Alltagsverhalten als dominante Faktoren erkennbaren Hauptintentionen der Statusvermehrung oder -sicherung vorzugsweise im subjektiv eingeschätzten mittleren oder oberen Segment, zusammen mit den materiellen und finanziellen Grundlagen, einigermaßen gut umreißt. Das Moralische ergeht sich doch recht weitgehend in konventionellen Einbettungen oder der Bereitstellung von Legitimationen für Handlungen, die ein wenig außerhalb stehenden Zeitgenossen als egoistisch erscheinen. Darin liegt auch ein wesentlicher Grund für die von Ihnen angesprochene Affinität zwischen CDU und GrüDP. Letztere hat es wie keine andere Partei verstanden, den Anspruch auf materielle Sicherung mit jeweils aktuell angepasster moralischer Polsterung zu verbinden und eine Lebenswelt zu repräsentieren, in der sich Selbstwertgefühl und Genuss zu schönstem wechselseitigem Komfort zusammengefunden haben.

Dem scheinbar entgegenstehende Behauptungen wie die vorgebliche Rückkehr der Religion usw. halten nach meinem Kenntnisstand einer Prüfung der Fakten nicht stand und dürften zu großen Teilen Feuilletonpädagogik und Intellektuellenpossen darstellen. Die Diskrepanz zwischen den Daten, wenn man sie nüchtern betrachtet, und der seinerzeitigen Mediendarstellung etwa der sog. Bertelsmann-Studie sprach für sich. Ich glaube somit, dass die Frage nach der geistigen Orientierung in etwa immer noch diejenige eher einfache Antwort hat, die sie immer schon hatte. Es ist zweifelsohne Seelenpolitur, sich sagen zu können, man bedürfe der Werte. Allerdings sollte man dabei die merkwürdigen Koinzidenzen nicht aus dem Auge verlieren, dass Werte vielfältig sein können und dabei doch immer Werte, beispielsweise die Verantwortlichkeit für andere und ein Portefeuille mit Spekulationsaktien. Wieviel „Ringen“ hier dabei ist und wie sehr man „Patentrezepten“ abgeneigt ist – man wird sehen. Ebenso, ob von einem Charakter der Art der Bundeskanzlerin hier anderes als das Schwanken eines Rohres im Wind zu erwarten steht.

Ein wenig befremdlich fand ich Ihre Verwendung des Wortes „genial“. Vielleicht folgten Sie einem lässig-journalistischem Usus, möglicherweise sogar in heimlicher Selbstironie im Gedenken an Robert Musil, der im „Mann ohne Eigenschaften“ bekanntlich den Ausdruck „geniales Rennpferd“ einer Betrachtung für würdig befand. Ich für meine Person zöge es vor - soweit man das Prädikat überhaupt noch sinnvoll verwenden kann - mich auf geniale Wissenschaftler, Künstler, Musiker usw. zu beschränken. Bei den genialen Politikern wird es spätestens dann nicht unschwierig, wenn es sich um eine Person wie die von Ihnen erwähnte handelt. Worin sollte eine Genialität bestehen, die sich in Wortfolgen dokumentiert, die man am ehesten als der Instinktwelt zugehörig zu betrachten geneigt ist? Darin, dass es einer besonderen Begabung bedürfe, so tief hinab zu steigen? Waren da nicht etwa Joseph G. und Adolf H. viel genialer und bewegten demgemäß in ihren 12 Jahren viel mehr? Sind wir dann nicht Tag für Tag von millionenfacher Genialität umgeben, in den Produkten einer Presse, die weniger politisch Genialen als Meuten&Gossenpresse erscheint, ebenso wie bei den genialitätsaffinen Lesern, die diese Produkte goutieren? Und was hindert bei derartiger Liberalität, von Adolf Eichmann als einem genialen Organisator, von den WTC-Terroristen als von genialen Effizienzmaximierern, dem Kannibalen XX als einem genialen Kommunikator zu sprechen? Aber vielleicht sehe ich das jetzt einfach zu ungenial.

Es gäbe m.E. wohl noch einiges mehr zu Ihren Analysen zu sagen, aber meine Zeit ist begrenzt. Insgesamt scheint mir, dass Ihre Ausführungen, soweit Sie recht haben, beispielsweise was die Auflösung der Milieus anbelangt, eher trivial und jedenfalls altbekannt sind, und dass das darüber Hinausgehende mehr einer spezifischen politischen Präferenz als einem ernüchterten, kritischen Blick auf die Fakten geschuldet ist. Um diesen bemühen sich manche, darunter auch solche, die - wenngleich womöglich „kulturkonservativ“ - dazu tendieren, den politischen Konservativismus, in toto oder ex parte, auch außerhalb der Sphären der Genialität degoutant, destruktiv und intellektuell defizient zu finden.

Mit freundlichen Grüßen

RAJ
j-ap schrieb am 03.06.2010 um 20:37
Sehr geehrter RAJmue,

Sie tun dieser, nunja, soll man's wirklich »Analyse« nennen, viel zu viel Ehre an, indem Sie sie ansatzweise ernst nehmen. Dabei kreiselt sich der Artikel genau so an handfesten Aussagen vorbei, wie Kohl seinerzeit regierte:

Wo Erkenntnis dräut — draufsitzen!
Wo ein Problem besteht — aussitzen!

Ansonsten bleibt nach diesem Artikel die doch irgendwie beruhigende Erkenntnis, daß die CDU offensichtlich immer noch ist, was sie immer war: Eine Partei für Leute, die Politik begreifen als Interessenkonflikt, der für die Öffentlichkeit notdürftig als Prinzipienstreit zugerichtet werden muß.
RAJmue schrieb am 03.06.2010 um 21:16
Sehr geehrte/geehrter j-ap,

danke, Sie haben das sehr treffend ausgedrückt; dennoch glaube ich, dass es richtig war, wenigstens auf einige Punkte im Detail hinzuweisen.

Vor allem der letzte Absatz war so, dass ich ihn mehrfach lesen musste. Nicht zuletzt deshalb, um mich dessen zu vergewissern, dass hier ein akademischer Historiker jemanden, dem der Glanz der Gosse Aureole und das Geheul eines lynchaffinen Publikum Hymnus ist, als "genial" in welchem Sinne auch immer bezeichnete (und nicht etwa neutral als "wirksam" o.ä.). Erschreckend, was da an "Anerkennung" implizit lauert! Und nicht einmal die Aussage, dass die Zeit solcher Leute vorbei sei, dürfte korrekt sein. Wenn man aus dem, was in anderen Ländern geschieht, extrapoliert, sowie aus der deutschen Geschichte, könnte sie genau so gut erst kommen.

Viele Grüße

RAJ
zelotti schrieb am 04.06.2010 um 01:49
Ich bin auf meine Art konservativ, ja, aber:
- Merz und Wirtschaftsopportunismus ist nicht konservativ
- Koch ist ein Populist mit rechtem Image
- der Rest der CDU ist einfach Mittelmaß, bei dem man nicht weiss wofür die stehen und wovon die träumen.

Ich habe mit der CDU aus konservativen und sozialpolitischen Gründen meine Probleme. Das ist eine im Herzen katholische, keine preussisch-protestantische Partei. Damit fehlt ihr auch die Prinzipienhaftigkeit.
j-ap schrieb am 04.06.2010 um 20:57
»Das ist eine im Herzen katholische, keine preussisch-protestantische Partei. Damit fehlt ihr auch die Prinzipienhaftigkeit.«
Vielleicht sollte sich ein (allerdings formalkatholischer) Agnostiker in solchen Dingen ja zurückhalten, aber bei allem Verständnis: Gegen die arbiträren Konstrukte des Protestantismus ist der Katholizismus ja noch geradezu logisch konsistent zu nennen. Eine Logik der Magie und der Scholastik, ja, das sei konzediert — aber immerhin noch eine wenigstens im Ansatz erkennbare Logik. Der Protestantismus mit all seinen Idiosynkrasien (den »solas«, dem jeder Religionsgeschichte hohnsprechenden Schriftprinzip etc.pp.) hingegen ist bereits an seinen Wurzeln derartig unlogisch fundiert, daß jeder Aufbau darauf mE gar nicht erst lohnt.

Aber Sie werden das vermutlich anders sehen ...
Gockeline schrieb am 04.06.2010 um 11:02
Zuerst war Frau Merkel entscheidungsschwach,
nun darf sie schon nicht mehr selber entscheiden.
Sie darf nur noch vortragen?
Sie log auch noch,als sie verkündete sie wollte nur Wulff.
Sie wollte Frau von der Leyen,
aber ihre Männer sagten nein.
Frau von der Leyen vertritt nicht mehr die Familienpolitik und Grundsatzpolitik der CDU .
Frau von der Leyen mögen 64 % der Menschen nicht.
Merkel macht nur noch Frauenpolitik und verliert den Gesamtblick.
Frau Merkel sucht sich immer falsche Berater aus,
weil sie selber sehr unsicher ist.
Ich bin mir fast sicher,dass sie nicht mehr bis zum Schluß regieren wird.
susi müller schrieb am 04.06.2010 um 14:02
ich muss auch sagen: zu welcher zeitung soll man noch greifen,
ohne auf paul nolte zu stossen? der denkt noch immer, es gäbe
links und rechts nicht mehr und die geschichte hätte ein ende und er-
klärt uns das ganz "unideologisch". wenn paul nolte wirklich herausgeber
von gesellschaft und geschichte ist, hat die zeitung wirklich nachgelassen.
viel heisse luft wird uns serviert, unklare begriffe, ideologie und "fakten"
sind nicht getrennt, da nicht reflektiert. bitte verschont uns mit solchen viel
-schreibern.
RAJmue schrieb am 04.06.2010 um 20:46
Als Nachtrag zu meinem ersten Kommentar: Es ist interessant zu erfahren, dass Herr Nolte in den Medien so präsent ist; das war mir nicht bewusst. Vor einer Reihe von Jahren habe ich einmal etwas von ihm gelesen – es war die Zeit, wo er als neuer konservativer Stern am Denkerhimmel gepriesen wurde. Was es war, habe ich vergessen; das einzige, das ich erinnere, ist, ausgesprochen unbeeindruckt gewesen zu sein. Es handelte sich um die übliche, teils gefällig formulierte Melange aus Banalität, Vorurteil und Prätention. Insofern scheint eine gewisse Beharrlichkeit vorzuherrschen, und es wundert mich nicht zu lesen, dass er auch in Sprechschauen reüssiert. Schließlich handelt es sich hier um genuine Austragungsorte argumentativ flach gehaltener Diskurse.

Zugleich neige ich inzwischen dazu, den Begriff des „konservativen Denker“, der seinerzeit neu besetzt zu werden schien, für einen Widerspruch in sich zu halten - sofern man gewisse Mindestansprüche stellt. Der in meinen Augen letzte Ernstzunehmende dieser Richtung, an dem man sich produktiv reiben kann, war Arnold Gehlen. Was danach kam, beispielsweise Schelsky et al., war bestenfalls flau, und was sich in den letzten Jahren einem breiten Publikum publizistisch präsentierte, etwa nach Art von Kirchhof und Di Fabio, nahe der Billigware (von Pöbeldienstleistern der Sorte Baring oder Hahne ganz zu schweigen).

Als „konservative Denker“ könnte man wohl eher Philosophen wie Adorno, Horkheimer, Marcuse, sogar Bloch ansehen, überhaupt viele, die man eher mit „links“ assoziieren würde. Und zwar in dem Sinne, dass diese gegen die auslaugende Macht des Ökonomischen wenigstens den Versuch unternahmen, fundamentale Elemente menschlicher Existenz zu bewahren. Genuine Verantwortung für andere (statt der Phrase von der Eigenverantwortung usw.) dürfte aber nach meinen Erfahrungen dem politisch-konservativen Milieu eher fern liegen; zumeist ist man sich selbst und vor allem der Familie der Nächste, alles Weitere nimmt überexponentiell ab. Die Affinität zur neoliberalen Ideologie hat die Tendenz verstärkt, den Konservativismus weltanschaulich weitgehend zu entkernen und auf einfache, quasi-biologische Grundelemente zu reduzieren. Bei dem, was sich heute intellektuell als „konservativ“ präsentiert (gleich ob Zuordnungen wie „rechts“ oder „links“ geleugnet oder betont werden), treten ja häufig schon auf den ersten Blick die platten ökonomischen und anderen Interessen, rituellen geistigen Schemata usw. so deutlich hervor, dass es peinlich berührt. Ich werte somit die entsprechenden Auslassungen zumeist als mentales Epiphänomen und intellektuelles Dekor von Faktoren, die eher soziobiologisch als philosophisch aufzufassen sind.
I.D.A. Liszt schrieb am 07.06.2010 um 16:37
So treffen sich CDU und Grüne oftmals, ohne dass die CDU deshalb „linker“ geworden wäre,...
Es ist ja wohl kaum notwendig für die CDU, „linker“ zu werden, wenn sich diese beiden Parteien treffen, denn die Grünen brauchen ja auch nicht „rechter“ zu werden.
Wo treffen sich beide Parteien eigentlich? Im Wartesaal zum großen Glück vielleicht? Aber eher wahrscheinlich in der vielgeliebten „Mitte“.

Und dann:
Die Antwort auf diese Fragen wird sich immer weniger auf der Skala von „links oder rechts“ abbilden lassen, auch wenn die Medien das noch gerne einfordern.
Jajaja! Da sind wir ja endlich wieder mal beim Lieblingsthema der politischen Vereinfacherer und Vertreter des großen Wischiwaschi!
Rechts ist links und links sowieso rechts, und wir sind doch alle eine große Familie, und wir sitzen doch alle in einem Boot, und wer das nicht so sieht, ist ein Spielverderber.

Ach übrigens, Herr Nolte:
Antworten lassen sich nicht abbilden, weder auf einer Skala noch in einer Zeitschrift für historische Sozialwissenschaften.
Antworten lassen sich geben oder verweigern.
Und rechts und links liegen auch nicht auf einer Skala, sondern geben räumliche oder politische Positionen bzw. Richtungen an.

Frage an den Freitag:
Nach welchen Kriterien werden eigentlich neuerdings Autoren ausgewählt?
Ist eine Voraussetzung, daß sie schlechtes Deutsch schreiben, oder reicht es schon, wenn sie einfach so nicht in der Lage sind, ihre Gedanken zu ordnen?

Aber vielleicht brauchen sie ja einfach nur irgendwie links zu sein.
lebowski schrieb am 08.06.2010 um 16:13
"Die CDU darf ihre Anhänger in dem Ringen mit den komplizierten Lebenslagen und Weltsituationen nicht alleine lassen, sondern muss ihnen Orientierung vermitteln, die nicht die Form eines Patentrezeptes hat."

Wie soll das die CDU eigentlich hinkriegen, wenn selbst die konservative Intelligenzija in Gestalt von Herrn Nolte nicht die geringste Ahnung davon hat, wie das zu machen ist.

"Wenn das postmoderne Leben, privat wie beruflich, in abschnittsweisen Projekten entworfen wird, bleiben die Politiker davon offensichtlich nicht verschont."

Jaja, das postmoderne Leben, das die Menschen in abschnittsweisen Projekten entwirft. Bei den meisten Leuten ist es übrigens nicht das postmoderne Leben, das ihnen die Vita in Abschnitte einteilt, sondern der Arbeitgeber, der ihnen den Stuhl vor die Tür setzt.
Aber das sind Erkenntnisse, die ein verbeamteter Professor nicht haben kann. Ich möchte übrigens darauf wetten, dass das postmoderne Leben Herr Noltes Beamtendasein nicht in Abschnitte einteilt. Herr Nolte wird für den Rest seines Lebens Beamter bleiben.

"Das neue Koordinatensystem ist nicht mehr linear, sondern eher das eines gekrümmten Raumes: mit vielen, auch unerwarteten Berührungspunkten zwischen scheinbar weit voneinander Entferntem."

Über diesen Satz werde ich als Geophysiker noch eine Stunde nachdenken. Gibt es für gekrümmte Räume überhaupt Koordinatensysteme, da sich gekrümmte Räume doch wohl offensichtlich jeder anschaulichen Darstellung entziehen?
Es ist halt alles so unübersichtlich geworden - links ist nicht mehr links und rechts ist nicht mehr rechts. Aber dass man den Raum krümmen muss, um Ordnung ins Chaos zu bringen, halte ich für übertrieben.
geschichti1945 schrieb am 21.12.2010 um 10:07
Hier ein echter Artikel zur Trümmerfrau : 1945deutschland.de/trummerfrauen/
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