Wochenthema

Occupy fordert sie ein, die Piraten üben sie aus ... Aber ist das genug?

Chronik

13 mal Transparenz

Jörn Kabisch, Steffen Kraft, Mikael Krogerus
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Begriff des Jahres | 15.12.2011 07:00 | Lorenz Matzat

Transparenz

Mehr Transparenz in Politik und Wirtschaft zu fordern, liegt weltweit im Trend. Aber Macht und Ehrlichkeit sind selten Partner. Besser wir fangen an, selbst was zu tun

Glasnost. Offenheit. 1986 verordnete Michael Gorbatschow dem politischen Apparat der Sowjetunion mit diesem Schlagwort mehr Transparenz. Die Folgen sind bekannt.

Wenn heute, 25 Jahre später, weltweit Transparenz und insbesondere das Prinzip „Open Government“, also des transparenten Regierungshandelns, propagiert werden – haben wir es dann mit einer neuen Art Glasnost zu tun? Immerhin wird die Veränderung genau wie damals in der Sowjetunion von oben verordnet. Es war nicht der Druck der Straße, der in diesem Herbst gut 40 Staaten an einen Tisch zwang, um eine „Open Government Partnership“ zu verabreden. Eine internationale Initiative, an der Deutschland übrigens – anders als die USA, Großbritannien oder Brasilien – bislang nicht teilnimmt. Erst 2013 soll hierzulande irgendwie damit begonnen werden.

„Wir erkennen an, dass weltweit die Menschen mehr Offenheit von den Regierungen verlangen. Sie verlangen nach mehr Bürgerbeteiligung in öffentlichen Angelegenheiten und suchen nach Wegen, ihre Regierungen transparenter, zugänglicher, haftbar und effizienter zu machen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Unterzeichnerstaaten.

Neue Ehrlichkeit nötig

Wie so oft bei solchen Vereinbarungen bleiben die Versprechungen vage. Und es ist erst einmal einfach, mehr Transparenz zu versprechen und unverbindlich zu bleiben. Bekanntermaßen ging das Konzept Glasnost Hand in Hand mit dem Ziel der Perestroika: Umgestaltung. Und hier liegt der Knackpunkt. Die Versprechen von einem Mehr an politischer Teilhabe sind nichts Neues. Die Parole „Mehr Demokratie wagen“ hat hierzulande inzwischen einen hohlen Klang. Nicht zuletzt wegen des vorherrschenden primitiven Verständnisses von Demokratie. Nur weil jemand mit einer formalen Mehrheit ausgestattet wurde, handelt er noch lange nicht im Sinne des Allgemeinwohls. So wurden in den neunziger Jahren und Anfang dieses Jahrhunderts unter der Federführung der US-Regierungen Clinton und Bush die Finanzmärkte dereguliert. Die EU und die Regierungen der europäischen Länder spielten mit. Alles hatte seine Richtigkeit, alles war demokratisch legitimiert.

Die Folgen dieser Politik ernten wir heute. Und es ist ja nicht so, dass nicht „transparent“ gewesen wäre, was auf uns zukommt. Schon 2006 legte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson deutlich dar, wie die Immobilienblase in den USA platzen würde. Das Wissen war da, nur folgte keine Reaktion auf die unangenehme Wahrheit.

Überhaupt ist die USA ein gutes Beispiel, wie sinnlos eine unverbindliche Forderung nach Transparenz sein kann. Dort ist für alle ersichtlich, mit wie viel Geld Senatoren von Unternehmen ausgestattet werden, um Gesetze in eine bestimmte Richtung zu bringen. Nichtregierungsorganisationen wie die Sunlight Foundation listen das fein säuberlich im Netz auf, legen sogar dar, wie einzelne Gesetzesvorhaben faktisch gekauft wurden. Es ist dort seit Jahrzehnten offensichtlich, wie viele dieser Politiker bereits Millionäre sind und wie sie sich im Amt bereichern. Folgen: keine.

Nun mag der eine oder andere sagen: Aber in den USA gibt es jetzt doch die Occupyproteste. Sie demonstrieren aber vor allem Hilflosigkeit. Denn der Adressat der Proteste ist unklar. Was wird denn erwartet? Dass die Banken aufhören, ihren Geschäften nachzugehen? Weil ihnen Unmoral vorgehalten wird? Oder dass die herrschende Politik bereit oder überhaupt in der Lage dazu wäre, den Banken Einhalt zu gebieten?

Aktuelle Vorgänge wie die Finanzkrise, das Gezerre um den Euro oder noch deutlicher das fatale Ergebnis der Klimakonferenz in Durban zeigen doch: Unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme sind unzulänglich für die Probleme dieser Zeit, weil sie auch deren Urheber sind.

Niels Boeing hat in der letzten Ausgabe des Freitag formuliert: „Den Gedanken der Transparenz weiterzuentwickeln, heißt auch, die repräsentative Demokratie zu überdenken.“ In der Tat. Das Konzept von Parteien als Agenten von Interessen mag vor 130 Jahren ein fortschrittlicher Ansatz gewesen sein. Er entsprach gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtstrukturen und nicht zuletzt auch der Technologie. Zu Zeiten der Gründung der Sozialdemokratie in Deutschland war der Telegraf das schnellste Medium, und eine zweisitzige Kutsche mit einem ordentlichen Pferdegespann davor schlug in puncto Geschwindigkeit noch die Dampflokomotive.

Heute kann man fast überall in Sekundenschnelle auf eine große Menge des menschlichen Wissens mit dem Mobiltelefon zurückgreifen. Und jedem, der gewillt ist zuzuhören, Informationen senden. Menschen und Waren können innerhalb von wenigen Tagen zu fast jedem Punkt der Erde gelangen. Die Möglichkeiten der Kommunikation und des Transports von Personen, Produkten, Informationen haben sich so einschneidend verändert, dass Parteien in ihrer Schwerfälligkeit als Organisatoren von gesellschaftlichem Handeln überholt sind.

Was nun? Tatsächlich könnten wir uns weiter abarbeiten am parlamentarischen System. Wir könnten Parteien gründen oder in welche eintreten. Wir könnten in Vereinen aktiv werden, Papiere schreiben, mehr Bildung fordern, protestieren und demonstrieren.

Hoffnung allein hilft nicht

Wir können aber auch den Aufstand wagen. Dass Occupy-Proteste in den USA vorsorglich niedergeknüppelt werden, zeigt, wie groß nicht nur die Furcht ist, sondern auch der Wille zur Gewalt auf Seiten der Entscheider – in der etablierten Politik wie in der mit ihr eng verwobenen Wirtschaft.

Es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass sich in den Industrienationen ausreichende Mengen an Personen für eine Strategie mobilisieren lassen, die das Gewaltmonopol des Staates infrage stellt. Zum Glück. Gewaltsame Umsturzversuche sind mit einer enormen Menge Leid verbunden, und es gibt keine Garantie, damit Erfolg zu haben.

Es gibt aber auch einen anderen Weg. Niels Boeing hat im Freitag an das Konzept der Rätedemokratie und der Selbstorganisation erinnert. Bevor wir uns aber selbst organisieren, müssen wir eine Bestandsaufnahme machen. Wenn wir wirklich Transparenz wollen, müssen wir unser eigenes Handeln daran messen. Nicht nur das von Politikern und Unternehmern.

Kein Occupy-Protest und kein Bio-Einkauf werden etwas daran ändern, dass wir gemeinsam unsere Lebensgrundlage zerstören. Es ist eigentlich mehr als transparent, also offensichtlich, dass die vollgestopften Regale in unseren Supermärkten und Kaufhäusern, in den Amazon-Lagern und Shopping-Malls nicht ohne hohen Ausstoß von Klimagasen zu haben sind. Dass unsere Art Urlaub zu machen, uns fortzubewegen, überhaupt vieles, was als Teil hoher Lebensqualität gilt, einen hohen Preis hat. Bezahlen müssen ihn aber vor allem andere Leute, die weit weg von uns leben.

Wir wissen das alles. Wir können es zumindest wissen, wenn wir uns nicht ablenken ließen. Aber wollen wir wirklich Transparenz? Lieber übertragen wir die Verantwortung mit einer Summe Geld an die Unternehmen, welche die schmutzigen Geschäfte für uns abwickeln.

Eine ernst gemeinte, neue Perestroika von unten müsste sich intensiv mit den Mechanismen des Konsums auseinandersetzen. Das ist eine große Herausforderung. Wie lässt sich in einem laufenden System echter Wandel herbeiführen? Können wir die permanenten Widersprüche, in denen wir selbst stecken, überhaupt auflösen? Wie lässt sich Selbstverwaltung in einen Alltag integrieren, in dem wir für unseren Lebensunterhalt sorgen müssen? Wie löst man Hierarchien auf, und wie lebt man basisdemokratisch?

Immerhin müssen wir bei der Suche nach Antworten nicht bei null anfangen. Selbstorganisation ist ein uraltes Konzept, es gibt Modelle, aus deren Erfahrungen gelernt werden kann und die weiterentwickelt werden können. Seien es Wohngemeinschaften, Kibbuzim, Kollektive oder die aktuelle Bewegung der Transition Towns, die auch hierzulande zarte Wurzeln schlägt. Und wir dürfen nicht vergessen: Anders als bei allen historischen Vorläufern haben wir heute mit dem Internet ein grandioses Werkzeug an der Hand.

Mit Appellen an Politiker oder der Hoffnung, dass schon alles gut werde, wenn es nur transparenter wird, werden wir jedenfalls nicht weiterkommen. Denn Transparenz hat sehr viel mit Ehrlichkeit zu tun. Und Macht und Ehrlichkeit gehen nicht zusammen. Ehrlich müssen wir zuerst zu uns selbst sein.

Dazu gehört auch das Eingeständnis: Es wird alles andere als einfach werden. Wir werden Verzicht üben und uns auf langwierige, anstrengende Prozesse mit anderen zusammen einlassen müssen. Oliver Welke sagte neulich in der Heute-Show über Basisdemokratie: „Niemand hat behauptet, sie würde Spaß machen“.

 

(Ill.: Eva Hillreiner für der Freitag. Material: Doris Heinrichs, Berchtesgarden/ Fotolia)

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Querdenker schrieb am 15.12.2011 um 09:33
Wenn der FREITAG letzte Woche im Titelthema proklamierte: "Europa als Eliten-Projekt ist gescheitert. Machen wir eine Bürger-Union!" muss man heute ergänzen: Der Aufstand als Eliten-Projekt ist schon länger gescheitert. Dabei haben es sowohl die Eliten in Brüssel als auch in der FREITAG-Redaktion stets gut gemeint. Aber beide haben den Bürger wahlweise unterschätzt oder überschätzt.

Wie oft haben wir denn schon Sätze wie "Eine ernst gemeinte, neue Perestroika von unten müsste..." in linken Publikationen gelesen? Die meisten Bürger sind schon mit dem täglichen Einkaufen und Kochen überfordert. Dann doch lieber zu McDonalds gehen und dort wählen, was auf der Leuchttafel im Angebot steht - auch wenn es teurer und ungesünder ist. Übersetzt ausgedrückt: Lieber als Stimmvieh zur Wahlurne rennen, als sich mit den "Mechanismen des Konsums" auseinandersetzen.

Mit "Wir werden Verzicht üben ... müssen" werden Sie jedenfalls keinen einzigen Bürger für ihre Ziele gewinnen, lieber Herr Matzat.
Datenblog schrieb am 15.12.2011 um 11:26
Danke für den Kommentar. Mir ist allerdings unklar, was er bezwecken soll. Fatalismus verbreiten? Mir ging es gerade um den Punkt, dass es nichts hilft, auf jemanden anders zu setzen, als sich selbst. Sich darauf auszuruhen, dass die anderen alle zu doof sind und es deswegen eh nichts bringt, irgendetwas anderes zu versuchen, ist eine nachvollziehbare, aber resignierte Schlussfolgerung. Sie ist Ausdruck eines Sieges des ewigen Prinzips von Teile und Herrsche. Mich dem zu unterwerfen - soweit bin ich noch nicht. LM
Querdenker schrieb am 16.12.2011 um 11:47
Fatalismus verbreitet doch eher Jakob Augstein, wenn er z.B. meint "es wäre für Deutschland besser, mit den Partnern in Europa das Falsche zu tun." - das ist Resignation.

Zweck meines Kommentars? Vielleicht der dezente Hinweis darauf, daß Scheitern in der Politik und Wirtschaft sich fast immer auf mindestens eine der folgenden drei Ursachen zurückführen lässt: allgemeine Unfähigkeit, Mangel an Realitätssinn, Unvermögen andere von einer Sache zu begeistern (Bürger, Mitarbeiter, Kunden).

Warum haben wir denn mit dem "Internet ein grandioses Werkzeug"? Weil die linke Presse oder irgendwelche NGOs dafür gekämpft haben? Nein, die Verbreitung des Internets in den globalen Haushalten hat ihren Siegeszug gefeiert, weil die Leute simpel einkaufen, tratschen und Pornos gucken wollten - auch in den arabischen Staaten.

Sie sagen, mit Appellen an Politiker kommen wir nicht weiter? Ich sage Ihnen: Mit Appellen an die Bürger kommen wir auch nicht weiter. Begeistern Sie die Menschen mit dem was Sie tun, und diese werden freiwillig aufspringen. Predigen Sie keinen Verzicht - wir brauchen keine neuen/alten Ideologien bzw. Religionen.

Im Übrigen glaube ich nicht, daß "Basisdemokratie" unbedingt die beste Lösung ist. Ein schlauer, weitsichtiger König kann für die große Mehrheit eins Volkes durchaus die bessere Alternative zu jeglicher Art von Demokratie sein. Das Schwierige ist nur, diesen einen König zu finden, ihn auf den Thron zu setzen, ihm freie Hand zu geben und zu verhindern, daß er geköpft wird :-)
memyselfandi schrieb am 15.12.2011 um 18:43
@Datenblog bzw. Autor:

Prinzipiell stimmt ja ihre Richtung, nur machen Sie 2 fatale Fehler, der auch im Kommentar zu Querdenker sichtbar wird.
1. Sie gehen davon aus, man müsse gleich und sofort als Masse aufstehen, aber: Die Masse besteht aus Einzelpersonen, wenn die nicht mitziehen wollen gibt es auch keine Masse. Derjenige, der aufstehen soll denkt sich "die anderen sind doof" und er übt sich in Pglegmatie, aber das tut er aus der eigenen "Faulheit" heraus, nicht aus politischer Motivation. Der Mensch hat eine Psyche, die gilt es zu erreichen, der Mensch hat Verstand (hoffentlich), den gilt es zu erreichen, auch wenn das nur in kleinern Schritten passiert, solche kleinen Schritte sind der Bio-Einkauf (auf den ich persönlich stolz bin), solche Schritte bestehen in der Aufklärung und Offenlegung (Transparenz).
Was zu 2. überleitet: Transparenz ist ein Mittel, ein Wie?, kein Endziel, kaum einer dürfte daran interessiert sein die Repräsentative Demokratie abzuschaffen, er will diese verbessern.

Und, letztendlich, sind wir doch alle viel zu konsumfixiert als das die Masse auf das Wort "Verzicht" reagiert, die Masse braucht Wissen und Intellekt und Verantwortungsgefühl, keine Glasnostparolen. Man kann bedauern, dass der Mensch so tickt, aber so ist es nun mal, wenn man die Masse erreichen will geht es nur so, und dazu gehört auch, dass der Freitag Wissen unterstützt und fördert, indem er z.B. aufhört vom Endziel Transparenz zu reden, denn Transparenz ist siehe oben ein Mittel, kein Selbstzweck. Das ist übrigens einer der Gründe warum diese Piratenforderung hohl ist und ohne Substanz, wenn die kein Programm zur Offenlegung haben haben sie nichts zur Offenlegung.
Wolfgang Baumbast schrieb am 15.12.2011 um 23:18
Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm kommt in seinem Buch "Die Seele des Menschen, ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen" zu folgendem Ergebnis:

"Der Narzissmus ist eine Leidenschaft von einer Intensität, die bei vielen Menschen nur mit dem Geschlechts- und Selbsterhaltungstrieb zu vergleichen ist. Häufig erweist sie sich sogar stärker als diese beiden Triebe. Selbst beim Durchschnittsmenschen, bei dem der Narzissmus eine solche Intensität nicht erreicht, bleibt noch ein narzisstischer Kern bestehen, der fast unzerstörbar zu sein scheint.

Wenn dies zutrifft, können wir vermuten, dass die narzisstische Leidenschaft genau wie der Geschlechts- und Selbsterhaltungstrieb ebenfalls eine wichtige biologische Funktion hat.

Sobald man diese Frage stellt, ergibt sich auch schon die Antwort. Wie könnte der einzelne Mensch überleben, wenn seine körperlichen Bedürfnisse, seine Interessen, seine Wünsche nicht mit einer starken Energie geladen wären?

Biologisch, vom Gesichtspunkt des Überlebens aus muss der Mensch sich selbst weit wichtiger nehmen als irgendjemand sonst. Täte er dies nicht, woher nähme er dann die Energie und den Willen, sich gegen andere zur Wehr zu setzen, für seinen Unterhalt zu arbeiten, um sein Leben zu kämpfen und sich gegen seine Umwelt durchzusetzen?

Ohne Narzissmus wäre er vielleicht ein Heiliger – aber haben Heilige tatsächlich eine hohe Überlebenschance? Was vom religiös-spirituellen Standpunkt aus höchst wünschenswert wäre – dass es keinen Narzissmus gäbe – wäre vom weltlichen Standpunkt der Erhaltung des Lebens aus höchst gefährlich.

Teleologisch (d.h. zielgerichtet) gesehen heißt das, dass die Natur den Menschen mit seinem erheblichen Maß an Narzissmus ausstatten musste, um ihm die Möglichkeit zu geben zu überleben..."

Diesem so wichtigen menschlichen Urtrieb verdanken wir also unsere Motiviation und unseren Ehrgeiz. Er treibt uns an, uns zu individualisieren und zu emanzipieren. Gleichzeitig ist dieser Trieb jedoch auch verantwortlich für Neid und Gier.

Wir haben unseren Individualismus schon längst überdehnt. Wir leiden nicht nur an einer Immobilienblase oder Goldblase, sondern noch viel stärker an einer Narzissmusblase. Und wie es sich halt bei allen Blasen so verhält: Man bemerkt sie nicht. Das macht eine Blase so gefährlich.

Ich halte es für dringend erforderlich, dass wir uns in unserer Gesellschaft zu aller erst mal mit unserem Trieb zur Selbstentfaltung und zur Selbstdarstellung auseinander setzen. Wir müssen dringend kapieren, dass es ihn überhaupt gibt und dann müssen wir lernen, vernünftig damit umzugehen.

Ich fordere es schon seit Langem ein: Wir brauchen eine Narzissmusdebatte. Und zwar ganz dringend, bevor uns diese Blase endgültig um die Ohren fliegt!

www.baumbast.de/narzissmus.pdf
KarinL. schrieb am 18.12.2011 um 23:50
Interessanter Beitrag. Fromm habe ich auch gelesen.

Mit Narzissmus hatte ich mich auch ausgiebig beschäftigt. Interessante Artikel dazu findet man in der Zeitschrift Psychologie heute.

www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/unsere_kinder_bleiben_psychisch_unreif/

Für mich hat die Zunahme etwas mit dem Wohlstand und der Individualisierung zu tun. Auch sind Eltern heute vielfach überfordert. Und das Materielle hat Vorrang vor Liebe und Zuwendung!

Der vielfach vorhandene Narzissmus ist für die Gesellschaft zutiefst gefährlich. Es geht die emotionale Intelligenz, die Empathie verloren. Purer Egoismus endet immer in dem Zerfall einer Gesellschaft. Man vergleiche nur den Zusammenhalt von Naturvölkern mit dem des Westen. In den Wohlstandgesellschaften ist kaum noch Empathie und Rücksichtnahme, Respekt und Anerkennung vorhanden. Das führen Psychologen auf den Wegfall von Werten und Moral zurük. Familie hat heute weitestgehend eine andere Bedeutung als noch vor 20 Jahren! Was aber wiederum mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, dem Kapitalismus in seiner ausbeuterischen Form zu tun hat.

Es stimmt eben vieles in unserer Gesellschaft nicht mehr. Wir scheinen uns zurück zu entwickeln. In eine Art Feudalismus mit Gewalt und Verteilungskämpfen. Und deswegen brauchen wir ein neues System!
Angelia schrieb am 17.12.2011 um 14:27
Ihrem bedenkenswerten Artikel steht in der Printausgabe ein ebenfalls überlegenswerter gegenüber. Leider ist der Artikel Schockstrategie für Europa von Gabriela Simon (noch) nicht online.
Jedenfalls stehen innere Erkenntnis- und Veränderungsprozesse m.E. mit äußeren Rahmenbedingungen in wechselseitigen Beziehungen;- innerliche Auflehnung und Empörung gegen herrschende Zwänge, Einsicht in die eigene Verantwortung und Aufzeigen klarer Grenzen. Wohin das letzendlich führt, zu welchen neuen Strukturen und Selbstverständnissen, dass kann man m.E. weder planen noch voraussehen. Aber Eines scheint wirklich klar - es wird anstrengend.
anouk bontemps schrieb am 17.12.2011 um 17:09
Eins steht fest:
Transparenz ist die Voraussetzung für Partizipation. Sie sollte Grundlage der Demokratie sein.

Denn wenn die BürgerInnen nicht rechtzeitig über Planungen und Gesetzesinitiativen ihrer "VolksvertreterInnen" informiert werden, dann können sie sich auch nicht rechtzeitig, also bevor Fakten geschaffen werden, in die Politik einmischen. Alle Parteien, die regieren, haben allerdings etwas gegen Transparenz, denn sie wollen möglichst ungestört ihre Politik durchziehen. Oft klappt es aber auch bei Parteien, die in der Opposition sind, nicht mit der Transparenz und der BürgerInnenbeteiligung. Dies führt zu Verdruss bei den WählerInnen und zum Glaubwürdigkeitsverlust von Parteien. Z.B. wenn eine Partei offensiv eine "Mitsprachestadt" propagiert:

www.freitag.de/community/blogs/lila-lueftchen/nanu-die-gruenen-sind-noch-im-wahlkampf
jesper mikkel kjaer schrieb am 18.12.2011 um 23:22
In gewisser Hinsicht trifft ihr Artikel den Nagel auf den Kopf: die neuen Medien und die damit verbundene Möglichkeit Transparenz zu schaffen eröffnet theoretisch Chancen das Ruder herumzureißen. Transparenz allein jedoch vermag es nicht das Wesen des Menschen zu verändern, weswegen sich die Hoffnung auf Veränderung in Grenzen halten sollte.

Momentan liegt die Sache doch so, dass der eine Teil der Menschheit handelt, während der andere Teil -obwohl er die Mehrheit darstellt mit weitaus geringerem Einfluss auf Veränderung der globalen Spielregeln ausgestattet - die Konsequenzen dafür zu tragen hat.
Beobachten konnte man dies zuletzt einmal wieder in Durban. Seit zwei Jahrzehnten werden auf solchen Gipfeln Problemlösungen in eine Zukunft verschoben, in der sich die dort Anwesenden mit großer Sicherheit nicht mehr für die verfehlte Umsetzung dieser verantworten müssen.
Transparenz hin oder her, eine Verhaltensänderung ist bei der Mehrzahl der Menschen wohl erst dann zu erwarten, wenn sie die Konsequenzen des eigenen Handelns selbst zu spüren bekommen.

Skepsis ob der Wirkungsmacht des eigenen Tun oder Lassens scheint daher durchaus angebracht. Andererseits ist der Rückzug in eine fatalistische Haltung natürlich auch nur eine weitere, vielleicht die bequemste Möglichkeit sich gar nicht erst mit dem eigenem Handeln und sich den daraus ergebenden Konsequenzen für andere auseinanderzusetzen.

Transparenz als Lösung? In zweierlei Hinsicht kann sie Veränderungen sogar im Wege stehen: Transparenz erweitert die Möglichkeiten sich im Überangebot der Information mit Dingen zu beschäftigen, welche eben gerade nicht mit dem eigenen Beitrag an veränderungswürdigen Zuständen zu tun haben ins Unendliche. Darüberhinaus lädt Transparenz dazu ein aus dem eigenen Glashaus heraus die Scheiben Anderer einzuwerfen.

Aller Skepsis zum Trotz überwiegt die mit der Transparenz verbundene Hoffnung auf Veränderung. Auch wenn die Entscheidung, ob und welche Konsequenzen man aus den neuen Möglichkeiten des Wissenszugangs zieht letztlich jedem selbst überlassen bleibt. Oder um im ökologischen Bilde zu bleiben: auch ein Wüstenregen ist nichts anderes als viele einzelne Tropfen auf den heißen Sand.
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