Lesen, was andere nicht wissen wollen.

Hermann L. Gremliza Hermann L. Gremliza, Herausgeber der Zeitschrift "konkret" ist am 20. Dezember 2019 gestorben.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Lesen, was andere nicht wissen wollen, ist das Motto seiner Zeitschrift. Das erklärt - neben seiner unerschütterlichen Solidarität mit Israel - die schwindende Leserzahl.

Gremliza sezierte in seinen Texten kompromisslos die Zustände der Welt in der wir leben. Zur Kenntnisnahme und zur Würdigung seine Arbeit zwei Beispiele aus "konkret":

Konkret 12/74, S. 15
Hermann L. Gremliza
Zum Tode von Holger Meins und Günter v. Drenkmann

Wahr ist, das Franz Strauß mit der Sache nichts, im Wortsinne nichts zu tun hat. Wahr ist aber auch, daß Menschen wie Meins und Drenkmann in einem Land sterben, wo die Partei 62 Prozent erreicht, deren Vorsitzender politische Gegner »wilde Tiere« nennt und die »roten Ratten in ihre Löcher treiben« will.
Der lebende Holger Meins war nicht unser Genosse und der tote ist nicht unser Idol. Wo er politisch gewirkt hat, war es zu Schaden derer, denen er helfen wollte, und zum Nutzen derer, die uns am liebsten hinter Gittern sehen würden. Wie wenig er Herr seiner politischen Wirkung war, zeigte noch sein grauenhafter Tod; der den Auftakt zu einer Orgie von Polizeistaats-Propaganda gab.
Daß Meins und seine Freunde von der RAF noch heute den Demokraten und Sozialisten in diesem Land mehr schaden als Alfred Dregger und Hans Filbinger zusammen, kann uns nicht hindern, zu unterscheiden: Zwischen »schuldigen« Opfern und »unschuldigen« Tätern, schießenden Getriebenen und schwätzenden Treibern, zwischen Gehetzten und Hetzern. Ohne Strauß und- Dregger; Filbinger und Stoltenberg, Springer und Bauer wären Holger Meins und Günter von Drenkmann noch am Leben.

Konkret 08/95, S. 62
Hermann L. Gremliza
Gremlizas express

Anhörung vor dem Ausschuß zur Prüfung der Eignung für das höhere politische Amt. Prüfer: Dr. Theo Sommer, Wirklicher Geheimer Demokratierat z.b.V.. Kandidat: Josef Fischer, gen. Joschka, Stadtindianer a.D.. Auszüge aus dem Protokoll, abgedruckt im Zentralorgan der freiheitlich demokratischen Grundordnung »Die Zeit« am 14. Juli 1995, einem ominösen Jahrestag:

"Dr. Sommer: Das Programm, das Ihre Partei im Februar 1994 vorgelegt hat, zeigt, daß die Grünen nicht viel realpolitisches Verständnis für die Koordinaten und auch die Kalamitäten der Außenpolitik haben. Da fordern sie eine Auflösung der Nato, da fordern sie eine schrittweise Abschaffung der Bundeswehr. Wieweit sind diese Grundsätze noch gültig und verbindlich?

Josef Fischer: Wir hatten damals eine harte Auseinandersetzung. Ich gehörte wie üblich zur unterlegenen Minderheit. Aber es hat sich in der Partei mittlerweile viel getan
.
Dr. Sommer: Sind Sie Pazifist?

Josef Fischer: Ich bin persönlich kein Pazifist.

Dr. Sommer: Und die Bundeswehr?

Josef Fischer: Wir wollen eine Überwindung des Militärs. Wir wollen gewaltfreie Verhältnisse herstellen. Wenn es uns gelingt, den europäischen Einigungsprozeß zu vertiefen und zu erweitern, dann werden wir in Europa einen enormen Abrüstungsschritt machen können.

Dr. Sommer: Sie sind für eine »atlantisch-europäische Bündnisbindung Deutschlands«. Ist die überhaupt denkbar ohne die Organisation Nato?
Josef Fischer: Es wäre für Europa in der gegenwärtigen Situation verderblich, wenn die Vereinigten Staaten sich zurückzögen. Daß dieses noch auf absehbare Zeit eine militärische Komponente erfordern wird, ist anzunehmen.

Dr. Sommer: Würden Sie einen Schritt weitergehen und einräumen: Solange wir nicht ganz genau wissen, was sich im Osten wirklich entwickelt, was aus Rußland wird, ist die Nato als Rückversicherung noch ein sehr brauchbares Instrument?

Josef Fischer: Sie werden aus unserem Programm nicht entnehmen können, daß wir sagen, Bedingung unseres Eintritts in eine Bundesregierung wird eine »Raus aus der Nato«-Politik.

Dr. Sommer: Wollen Sie keine humanitären Einsätze unter Beteiligung der Bundeswehr?

Josef Fischer: Das wird eine Debatte, die meine Partei jetzt im Nachgang der Bosnien-Entscheidung weiterführen muß. Unser früherer Parteivorsitzender Ludger Vollmer er gehört der Parteilinken an hat dazu ein hochinteressantes Positionspapier erarbeitet. Darin analysiert er die Gefahr, daß ein Scheitern der Uno zu einer Renationalisierung der Konflikte führen wird. Vollmer stellt zum ersten Mal die Frage und das ist nicht gering zu veranschlagen, wieweit dann nicht nur über Softpower-Instrumente zur Konfliktlösung zu diskutieren ist, sondern für den äußersten Notfall auch die Hardpower-Komponente.

Dr. Sommer: Wollen Sie den deutschen Transall-Piloten den Schutz verweigern, der sie unter Umständen davor bewahrt, abgeschossen zu werden?

Josef Fischer: Wenn Sie mich jetzt fragen: »Was würden Sie tun, wenn die Versorgung einer eingeschlossenen Bevölkerung aus der Luft davon abhängig ist, daß...« ja, meine Güte, dann sage ich Ihnen, wenn es sich in diesem Ausnahmefall wirklich so zuspitzt: Der humanitäre Gesichtspunkt wird und muß letztendlich siegen.

Dr. Sommer: Halten Sie einen neuen außenpolitischen Konsens in Bonn oder demnächst in Berlin für möglich?

Josef Fischer: Ich bin der Meinung, in der Außenpolitik sind weite Teile der demokratischen Linken wie auch der demokratischen Rechten in zentralen Grundannahmen eigentlich einer Meinung.

Dr. Sommer: Herr Fischer, Sie haben sich zu einer realistischen Betrachtung der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik durchgerungen."

Ihre alsbaldige Aufnahme in die deutsche Regierung zur Gewährleistung des letztendlichen Sieges des humanitären Gesichtspunkts in den Koordinaten der Kalamitäten kann hieramts nur wärmstens empfohlen werden.

12:36 24.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

30sec

This is war, to the leader, the pariah, the victor, the messiah. This is war - If we don't end war, war will end us.
Schreiber 0 Leser 6
30sec

Kommentare 2