ORNAMENTALES ERBRECHEN

postmoderner kitsch die memphis gruppe bringt wahrlich keinen augenschmaus in die welt. doch das mit system.
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die neueste sensation ist auf dem markt - ettore sottsass hat uns eine ansammlung aus feinsten farben und mustern kredenzt, die unsere äuglein mit ihrer extravaganz erfreut. postmoderne at its best: das ist 'carlton', sottsass' entwurf für die erste kollektion seiner designer-riege memphis.

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beginnend mit dem schwarz gefleckten sockel, der mit dem eigens designten kunststoffmuster 'bacterio' aufwartet, erstreckt es sich symmetrisch in die höhe und lässt uns ob seiner bunten erscheinung rätseln, wozu es denn nun gut sein soll.
ist es nun 'bookshelf', wie von manchen betitelt, oder doch raumteiler? wie uns ettore höchstpersönlich und strengvertraulich im interview verrät: "es ist die idee eines regals, es geht nicht um nutzbarkeit."

nun, regale gibt es derer reichlich, insofern verfolgt 'carlton' einen neuartigen ansatz. wie bei den meisten objekten von memphis ist auch hier in erster linie ziel, durch die äußere erscheinung ins gespräch zu kommen. 'carlton' spricht in seiner eigenwilligkeit für sich und findet zuhauf mediale verbreitung. dabei mutet es wie ein kunstobjekt an, obwohl es für die massenproduktion gedacht ist. wohl auch ein grund für die eher kostensparende materialwahl von beschichtetem pressholz, ließe sich mutmaßen. doch der billige look hat einen anderen hintergrund: das bunte plastiklaminat wird vom entwerfer geschätzt für seine fehlende kultiviertheit, ganz im gegensatz zum kulturträchtigen holz.

nicht nur angesichts des 'carlton' scheint es verwunderlich, wieso gestandene designer wie sottsass und seine jüngeren memphis-kollegen dazu übergehen, sich mit der gestaltung derart collagiert wirkender objekte zu befassen. üblicherweise zeichnen sich designobjekte renommierter gestalter durch schlichte funktionalität aus, getreu dem leitsatz der moderne "less is more". doch bei den memphis-entwürfen zeigt sich nichts von "form follows function", selbst architektonische entwürfe lassen nicht klar ihre bestimmung erkennen, geschweige denn den zugang zum gebäude oder dessen größenverhältnisse. zur lösung des rätsels führt uns da der ausspruch "less is a bore", geprägt vom postmodernen architekten robert venturi.

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was wir hier sehen, ist also nicht bloßes aneinander klatschen verschiedenster farben und muster, sondern revolutionäres aufbegehren gegen die langweilige, funktionalistische moderne mit ihren ausdrucks- und farblosen entwürfen. die gruppe möchte fort von den bisherigen regeln des ‚guten design‘ und alles sein, was dieses nicht ist: ausgelassen, verspielt und unbeschämt kitschig.

man möchte meinen, sie sind damit recht erfolgreich.

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10:24 08.10.2012
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Geschrieben von

3minus1

Treffen sich drei Studenten, kommt stets einer nicht.
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3minus1

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