Gefährden ökonomische Ideen die Freiheit?

Zombies der Ökonomie Geldpolitik
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Zum Gastbeitrag von Prof. Aloys Prinz und Prof. Hanno Beck im SPON: "Die Zombies der Ökonomie kehren zurück" (https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bargeldabschaffung-vollgeld-negativzinsen-zombies-der-oekonomie-a-1267770.html)

In einem Rundumschlag verdammen die Autoren und Professoren drei verschiedene ökonomische Theorien und beschwören die Gefahr, die von ihnen für das Wirtschaftssystem und "unsere" Freiheit ausgehen.

Es geht dabei erstens um die Modern Monetary Theorie, die sich mit einer Verschuldung durch Gelddrucken und die Einhegung von Inflation durch Steuererhöhung beschäftigt. Zweitens geht es um die Idee negativer Zinsen zum Ankurbeln der Konjunktur, die das Abschaffen von Bargeld nötig macht. Drittens geht es um die Theorie des Vollgeldes, die den Banken die Möglichkeit nimmt Giralgeld zu schaffen. Alle drei Theorien werden polemisiert, indem darauf verwiesen wird, dass die Ökonomen, die diese Ideen entwickelt haben, bereits tot sind. Sie werden alle drei dem Reich der Planwirtschaft zugeordnet. Es wird ein Verlust von Freiheit, Vermögenspreisinflation, Kapitalfehlallokation, Bankensterben und ein übermächtiger Staat beschworen.

Die Trias dieser drei Theorien sehen die Autoren in zwei Punkten bereits verwirklicht: zum einen sei die Geldpolitik der EZB bereits auf dem Weg über Negativzinsen Schwundgeld herbeizuführen, zum anderen würde die Staatsverschuldung der EU-Staaten durch die Geldpolitik bereits alimentiert. Nur die Einführung des Vollgeldes würde noch ausstehen, dann wäre die Planwirtschaft Realität, die "unsere" Freiheit beraubt.

Nun verhält es sich jedoch so, dass durch die "Finanzapokalypse" und der daraus resultierenden Staatsschuldenkrise von 2007ff der Geldpolitik nicht viel Spielraum gelassen wurde, um einen Zusammenbruch zu verhindern. Das eine Mittel, was ich mal als traditionell-klassisch bezeichnen möchte, ist das Wegdrucken der aufgelaufenen Schulden und ein Anstieg der Zinsen, um die daraus resultierende Inflation zu bekämpfen, also eine inflationäre Geldpolitik als Krisenreaktion. Diese Geldpolitik wurde im Punkte des Gelddruckens in Großbritannien und den USA gemacht, zugleich wurde durch Zinssenkung deflationiert, es kam in beiden Ländern nicht zu einer Staatsschuldenkrise. Die EU hat ebenfalls eine Deflationierung realisiert, gleichzeitig aber eine Austerität eingeführt, um durch die selbstverschuldete Krise hindurch die Stabilitätskriterien aufrecht zu erhalten. Dieser Weg führte in die Staatsschuldenkrise, da die EU-Länder überschuldet waren und sich nicht wie GB und USA der Schulden durch Gelddrucken entledigen konnten. Nun hat sich im Rückblick gezeigt, dass die starren EU-Regeln nicht sinnvoll waren, da weder die USA noch GB eine hohe Inflation auswiesen, aufgrund der Deflationierung hätte also in der EU ein Teil der Schulden weggedruckt werden können, ohne die Nebenwirkung einer Inflation. Kritiker sagen, dass die Kombination aus Deflation und hohe Staatsverschuldung die EU in ihrer ökonomischen Entwicklung gehemmt hätten.

Die Welt hat im Grunde den japanischen Weg gewählt. Warum einige Journalisten diesen Weg als sozialistisch bezeichnen, erschließt sich mir nicht, denn Japan wird seit Kriegsende von Konservativen regiert, Sozialisten und Sozialdemokraten spielen dort keine Rolle. Die japanische Geldpolitik als sozialistisch zu bezeichnen, halte ich nicht nur für gewagt, sondern für Unsinn. Die japanische Geldpolitik hat die Zinsen nach einer gravierenden ökonomischen Krise Anfang der 90er Jahre stark gesenkt, die Geldwirtschaft wurde deflationiert, viele Schulden wurden seither weggedruckt und zugleich hat der Staat sich sehr hoch verschuldet, Japan hat die höchste Staatsschuldenquote aller OECD-Länder, gleichzeitig hat Japan aber eine niedrige Inflation. Auf diese Weise hält sich das Land seit 30 Jahren stabil und es sah und sieht eher so aus, als ob die EU krisenanfälliger ist als Japan, aufgrund macht- und ideologiepolitischer Interessen, nicht aufgrund des Gelddruckens.

Nun kann man alle Mittel einer Zentralbank, solche enormen ökonomischen Verwerfungen als planwirtschaftlich bezeichnen, selbst das Ziel Inflation und Konjunktur durch Zinsregulierung im Rahmen zu halten ist im Grunde planwirtschaftlich und nicht den Kräften eines sogenannten "freien" Marktes überlassen. Es fragt sich nur, ob dieser Kampfbegriff gegen einen Statskapitalismus sinnvoll ist, denn unter Planwirtschaft versteht jeder etwas anderes als Zins- und Schuldenregulierung. Es handelt sich ja letztlich um ganz gewöhnliche Aufgaben einer Zentralbank, der Begriff Planwirtschaft wird dem ökonomischen Gefüge in einem Kapitalismus, der nicht Staatskapitalismus ist, nicht gerecht.

Prinzipiell halte ich Gelddrucken nicht als eine vernünftige volkswirtschaftliche Maxime, denn Ökonomie beruht im Kleinen wie im Großen auf Vertrauen, und wenn eine Theorie das Gelddrucken zur Maxime macht, ist das ein Problem für das Vertrauen in das Geld, was gravierende Folgen haben kann. Allerdings gilt das nicht immer und unbedingt, denn wie die Erfahrung auch zeigt, kann Gelddrucken in bestimmten Krisenmomenten eine Krisenreaktion sein, eine vernunftgeleitete Maßnahme, und für GB war es 2008 sicherlich eine ultima ratio, um einen Staatsbankrott zu vermeiden. Grundsätzlich kann man also nicht sagen, dass Gelddrucken in Krisenzeiten ein Verlust von Freiheit und von einem übermächtigen Staat wäre, im Gegenteil erhöht das zeitlich begrenzte Wegdrucken von Schulden in einer Krise die Handlungsfreiheit des Staates, also "unsere" Freiheit. Das Beispiel Japans zeigt, dass Gelddrucken sogar zu einer Maxime werden kann, wobei die Nebenwirkung Inflation durch Deflationierung aufgehoben wird. Allerdings hat das japanische Modell der Deflationierung andere Nebenwirkungen, nämlich die niedrigen bis negativen Zinsen.

Da sind wir also beim zweiten Punkt, der von den deutschen Ökonomieprofessoren verdammt wird. Negative Zinsen sind als Maxime selbstverständlich ein großes Problem, weswegen auch das japanische Modell kritisch anzusehen ist. Es hat gravierende Nebenwirkungen, und konterkariert komplett die traditionellen Ziele einer Geldpolitik. Zinsen dienen ja auch dazu, Renten sicherer und realisierbar zu machen, Versicherungen sinnvoll werden zu lassen und Rücklagen aus verschiedenen Motiven zu bilden. Das ist mit negativen Zinsen perdu. Wenn dann noch das Bargeld abgeschafft wird, um eine Flucht aus dem Geldschwund zu erschweren, wird es ganz übel. Es wird dann eine Flucht in andere Währungen erfolgen, die Stabilität versprechen, und so wird das Vertrauen in die Werthaltigkeit des Geldes untergraben. Es hat deshalb den gleichen Effekt wie übermäßiges Gelddrucken und hohe Inflationierung, Verlust an Vertrauen. Allerdings muss ich an dieser Stelle erneut darauf hinweisen, dass der negative Zins als Dauer-Deflationierung eine Ursache darin hat, dass die Spielräume des temporären Gelddruckens während der Krise nicht genutzt wurden, weshalb die EU-Staatsschuldenkrise nicht überwunden wurde. Das kann man an den USA erkennen, wo die Zinsen weg sind vom negativen und tendentiell eher steigen, je nach Konjunkturlage. In der EU ist die Deflation weiterhin nötig, um die Staatsschulden tragfähig zu halten, und die Spielräume für eine kommende Krise sind verengt worden. Grundsätzlich gilt auch hier: Deflationierung als ökonomische Dauermaxime ist übel, aber als ein Mittel, um eine Krise unter Kontrolle zu bringen, oder um sie zu überwinden, kann das Mittel temporär eingesetzt sinnvoll sein. Auch hier gilt: es bedroht als Krisenbekämpfungszweck weder "unsere" Freiheit, noch das Wirtschaftssystem, eher das Gegenteil ist der Fall.

Womit wir beim letzten Punkt sind, dem Vollgeld. Hier werden die Professoren ganz besonders krude, denn sie sprechen davon, dass Einlagen zur Kreditvergabe genutzt werden. Das ist aber irreführend, denn Kredite werden aus dem Nichts geschöpft, hier findet die eigentliche, legitime Geldschöpfung statt. Die Banken haften nur mit unter 10% für die Kredite, was ja einen enormen Hebel bedeutet. Andere Professoren sehen in diesem Hebel eine Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems, denn das Casino nutzt den Hebel für virtuelle Geschäfte, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben, sie im Gegenteil gefährden, als sie zu stützen. Die Behauptung, mit dem Vollgeld würde die Zentralbank die Kreditvergabe der Banken steuern ist ebenso irreführend, weil sie ja bereits mit dem Giralgeldsysem steuert und reguliert, z.B. in dem sie Zinsen senkt und hebt, in dem sie Banken zu Einlagen verpflichtet uns vieles weitere mehr. Auch die krude Vorstellung, es gäbe nur eine Relation zwischen Realwirtschaft und Kreditwirtschaft ist Unsinn. Mit Krediten werden Wetten abgeschlossen, die die realwirtschaftliche Basis um das zigfache übersteigen, eben das Finanzcasino. Merkwürdige Professoren, die das leugnen. Zudem geht es beim Vollgeld gar nicht darum, dass Staat und Zentralbank (die hier mal eben als Einheit dargestellt werden, als ob es da keine Trennung gäbe) volle Kontrolle übernehmen sollen und wollen, in dem sie der Realwirtschaft vorschreiben würden, wieviel Kredite zugeteilt werden. Das sind Hirngespinste, niemand verlangt Krediteinschränkungen für die Realwirtschaft, es sei denn die Geldstabilität ist in Gefahr. Wie gesagt, die Zentralbank reguliert diese Gefahr bereits und außerdem gibt es keinen Grund zur Annahme, dass Unternehmen weniger Kredite bekämen als in einem Giralgeldsystem, eher im Gegenteil. Weil es die Haftung schwächer ist, könnte Wagniskapital eher fließen. Ziel von Vollgeld ist, die Wirtschaftssysteme stabiler und weniger krisenanfällig zu machen. Richtig ist, dass die Freiheit der Banker eingeschränkt wird, Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Dabei handelt es sich aber nicht um "unsere" Freiheit, wie die Professoren suggerieren, sondern um Partikularinteressen, die wie die Krise 2007ff gezeigt hat gegen Gemeininteressen steht. Kapitalfehlallokation durch Vollgeld beklagen die Professoren? Seltsam, dass sie dabei nicht das Casino des Giralgeldsystems erwähnen.

Mir fehlt bei diesen Zombiökonomen der nachhaltige Blick in die Zukunft. Nicht nur, dass ihre Analyse krude, verzerrt und verkürzt ist. Wenn sie schon auf den Freiheitsbegriff zurückgreifen, der ja auch immer Verantwortung impliziert, dass das Giralgeldsystem in der Finanzkrise ja eindeutig vermissen ließ, dann sollten sie auch die Frage beantworten, wie denn Freiheit bei einem globalen Temperaturanstieg von 4° aussieht? Und was ist Freiheit im Zeichen von Artensterben? Was bedeutet Freiheit, wenn nominelles Wachstum auf einem begrenzten Planeten zur obersten Maxime gesetzt wird? Da haben die Bankenlobby-Professoren offensichtlich nur Augen für fatale Ideologie, von der es sich derzeit noch gut leben lässt. Wer Freiheit sagt ohne Verantwortung zu meinen hat den Begriff von Freiheit aber nicht verstanden.

Seltsam, dass Universitäten Lehrstühle für Lobbyisten ausschreibt, anstatt Ökonomen zu suchen, die Foschung betreiben, wie eine Ökonomie aussehen kann, die krisensicherer ist und die die Lebensgrundlagen erhält, also alles, was die Autoren als Gefahr eines zukünftigen Verlustes beklagen. Ich habe den Eindruck, die größte Gefahr ist für sie vordergründig bloß der Verlust ihrer Einkommen.

04:35 17.05.2019
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4711_please

Seit jeher verfolge ich kritisch die Politik und kommentiere meine Analysen seit Jahren in diversen Medien online.
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