48 Stunden Neukölln

48 Stunden Neukölln ist Berlins größtes freie Kunstfestival
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RE: Mit Karl Marx im alten Supermarkt | 15.07.2014 | 14:33

Erwiderung auf die Kritik am Festival 48 Stunden Neukölln

48 Stunden Neukölln entwickelt sich zu einem Kunstfestival mit einer inhaltlichen Ausrichtung. Es ist Berlins größtes dezentrales Festival und 1999 aus dem Geist entstanden, dass mit künstlerischen und kulturellen Initiativen das Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer und gesellschaftlicher Gruppen in einem Berliner Bezirk, der seit den 1990er Jahren von den Mehrheitsmedien als gewaltbereites Ghetto stigmatisiert wurde, bereichert werden kann.

Die Geschichte des Festivals ist voller Widersprüche. Aber andere als dieser Artikel ausmacht. Dieses Festival ist eine Initiative von unten und keine politisch motivierte Stadtteilaufwertungsveranstaltung. Es durchlebt seit 16 Jahren eine beständige Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte zu gleichen Teilen.

Erfolgreich ist es in dem Sinne, dass es eine Plattform für innovative, querdenkende und nicht immer leicht konsumierbare Kunst ist, eine Kunst die häufig nicht im Kunstmarkt vorkommt und vorkommen soll. Und es ist vor allem als Erfolg zu werten, dass die Strategie der „offenen Türen“ Wirkung zeigt, denn jedes Jahr finden mehr als 60.000 Menschen, die mehrheitlich nicht den Bildungs- und Kultureliten angehören, ihren Weg an Orte künstlerischen und kulturellen Schaffens.

Ein Misserfolg besteht in der jährlich wiederkehrenden Bedrohung, dass dieses Festival sang- und klanglos untergeht. Medial oft belächelt und als buntes Straßenfest abgetan und mit einem Einzelprojektetat finanziell prekär aufgestellt, muss diese Veranstaltung für die freie Kunstszene Jahr für Jahr um ihr Fortbestehen kämpfen. Es ist allein der Kraft der vielen ehrenamtlich arbeitenden Künstler*innen zu verdanken, dass dieses Festival überhaupt noch existiert. Noch überwiegen die Erfolge, denn durch das Festival wird eine ganzjährige Kunst- und Kulturarbeit in Neukölln bestärkt und in der Bevölkerung publik gemacht. Hier finden Annäherungen und Kooperationen zwischen den unterschiedlichsten Kulturen statt. Das Festival wirkt wie ein Brennglas, um diese Prozesse sichtbar zu machen.

Der Vorwurf, dass das Festival unreflektiert als Speerspitze der Gentrifizierung fungiere, diese Jahr für Jahr weiter treiben würde, überschätzt die Wirkung und auch die Möglichkeiten eines Kunstfestivals. Es ist nicht weder verantwortlich zu machen für den Zuzug bestimmter Gruppen, noch für die zunehmende Bau- und Sanierungstätigkeit. Vielmehr sind dafür andere Faktoren ausschlaggebend, wie die zentrale innerstädtische Lage, die Schließung des Flughafens Tempelhof und damit verbundene Investorenstrategien, sowie die Wanderbewegungen einer jungen europäischen Generation ohne Job und Zukunft in ihren Heimatländern.

Zudem ist stellt die hier formulierte Vorwurfshaltung ebenfalls eine Stigmatisierung dar – nur diesmal unter dem Label „hippes Neukölln“, das den hiesigen sozialen Realitäten ebenso wenig gerecht wird.

Aufgrund fehlgeleiteten und unverhältnismäßigen Kritiken wie dieser sehen sich Künstler*innen einer zunehmenden Diskriminierung ausgesetzt, obwohl sie ebenfalls die Gentrifizierungsprozesse, von denen sie selbst betroffenkritisieren. Aus erster Hand berichten Künstler*innen im Festival über diese Phänomene, sensibilisieren und reflektieren sie mit den Mitteln ihrer Kunst.

Zudem ist der in diesem Artikel angesprochene Widerspruch zwischen Selbstverständnis und Wirkung der 48 Stunden Neuköllnnicht zutreffeas Festival ist eben nicht Aufwertungs-, Werbe- und Partyveranstaltung, sondern ein soziokulturelles, freies Kunstfestival, das Stellung zu gesellschaftlichen Phänomenen und Prozessen bezieht und künstlerischem Arbeiten die Wertschätzung entgegenbringt, die sie verdient.

Es ist bedauerlich, dass sich die Kritik wiederholt an Künstler*innen und Festivalorganisator*innen richtet. Der erhobene Vorwurf einer mangelnden Bewusstheit verkürzt und simplifiziert die Gentrifizierungsdebatte. Er blendet vor allem eine Kritik an der medialen Berichterstattung über den Bezirk und der Party- und Clubszene aus, für die das Festival nicht verantwortlich gemacht werden kann. Das Festivalteam hätte sich einen frühzeitigen fairen Dialog auf Augenhöhe mit dem Museum für Kapitalismus gewünscht und hat dies in einem persönlichen Gespräch mit den Projektbeteiligten auch formuliert.