Tessa
01.04.2009 | 23:06 28

Helden in Hosenträgern

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tessa

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Der Medienwandel in Deutschland wirkt eher schläfrig. Deutsche Blogs und der Umbruch der klassischen Publikatiosformen - da sitzen sie: männlich, um die vierzig, nicht unähnlich in ihrer Statur. Dröge, leicht gelangweilt und wenig fertil fletzt sich die Revolution in den Podiumssesseln. Auf der re:publica’09, die laut Selbstbeschreibung auf dem Ball der digitalen Gesellschaft tanzt, erinnern die Eröffnungspanel daran, warum die Politik von Blogs derzeit noch wenig Notiz nimmt: Deutschlands demographisches Problem sitzt hier als Kunstinstallation inszeniert und symbolisiert durch ihre biologisch nicht mögliche Fortpflanzung vielleicht einen Teil der Antwort darauf, warum Onlinemedien mitsamt ihrer Schwestern - die mehr auf Leidenschaft als auf Professionalisierung und einem ökonomischen Konzept beruhen - die Prinzen der Klassik noch nicht vom Thron gestoßen haben. Zwar geht die aktuelle brand eins (Wir lieben die Vielfalt!)zu recht der Frage nach, ob Diversität in Unternehmen tatsächlich so erfolgsversprechen ist, wie man raunt, doch was die re:publica am ersten Tag als Status quo auf der Bühne des Friedrichstadtpalast statuiert, wirkt undurchlässig, bequem und keinesfalls auf Krawall, Vermehrung und Machtergreifung gebürstet.

Warum die mutigen Medien, die in ihrem Biotop kein Blatt vor den Mund nehmen und immer wissen, was morgen schon wieder von gestern ist, nicht den Mut besitzen, am Tag der Eröffnung zarte Pflänzchen vor das Publikum zu lassen - Gesichter, die noch kaum jemand kennt, die etwas sagen, dass noch nicht von Blogs und anderen Medien zerkaut wurde, und die mehr Grips als Eitelkeit besitzen - fragt sich vermutlich das bunt gemischte Publikum. Dieses wundert sich außerdem währenddessen in Tweets darüber, dass auf dem Podium nicht im Einklang mit der Jahreszahl des Gipfeltreffens Diskussionen geführt und Gedanken gesponnen werden.

Die Männer, die sich so freigeistig und unabhängig im Beifall von Fans und Followern sonnen, erinnern merkwürdig stark an eine Komponente, die in der Ursachenforschung der Krise von Finanzmärkten und Wirtschaft oftmals in der Kritik stand: Vorstände. Alteingesessene Chefetagen, die vielleicht hinter ihren Eichenschreibtischen Pläne aushecken, vielleicht des Nachts eine Sitzung in den Stripclub verlegen und gerne unter ihres Gleichen weilen. Die Eitelkeit, nicht den Chihuahua auf dem Schoß.
Eine starke Prise Selbstverliebtheit scheint dazu zu gehören, wenn ein Onlinepublizist zum Alpha-Blogger werden möchte. Der Weg zum Medienstar der Internetavantgarde scheint von ähnlichen Einflüssen geprägt wie der Berufsweg eines Karrieristen. So mutet es an.

Wer entdeckt Blogger-Talente und führt sie ein? Gibt es keine? Ist die schöne neue Welt des Netzes schon wieder eine Altherrendomäne?
Stefan Niggemeier äußerte seinen Unmut darüber, dass Blogs derzeit wenig eigenes hervorbringen und viel aggregieren, aber keine Nischen besetzen, keine Geschichten erzählen, keine Akzente setzen. Vielleicht ist diese Feststellung der Entwicklung geschuldet, dass ein Einfinden in die Onlinewelt mittlerweile nicht vorbeikommt an den 'großen' Namen der digitalen Gesellschaft und das reden über 'gute’'Blogs zudem Leitlinien erzeugt, die das kreative Potenzial von Blogs unterbinden.

Schaut man ein wenig genauer hin, haben die so genannten Topblogs zwar ihren eigenen Charakter, von einer publizistischen Vielfalt wie wir uns sie für das gesamte Medienangebot wünschen, kann man in den Leistungsträgern der digitalel Publikationen nicht sprechen. Wenn ein junger Blogger nach wenigen Monaten des Selbstversuchs als drängenste Frage an den Fachverstand des Podiums richtet, wie er sein Blog denn vermarkten könne, ergänzt dies Herr Niggemeiers Anmerkung um einen weiteren Aspekt, der nicht unbedingt für das bunte Erblühen der Bloglandschaft spricht. Auch wenn die Entwicklung, dass einzelne Menschen in Deutschland und wesentlich mehr Personen in den USA ihren Lebensunterhalt über das Führen eines Blogs bestreiten können, sehr zu begrüßen ist - wer ein Blog mit einem gedanklichen Flirt mit dem Geldsegen beginnt, hat den falschen Unterricht besucht.

Für eröffnende Panels hätte ich mir vor allem gewünscht, dass sie Fragen aufwerfen, auf die selbst die Podiumsteilnehmer noch keine Antwort oder zu denen sie keine Meinung haben. Von Podiumsteilnehmern hätte ich mir gewünscht, dass sie sich wundern, warum zu ihrer Linken, zu ihrer Rechten ein leicht variiertes Pendant ihrer selbst sitzt, grau in grau wie die Börsianer. Wo sind die jungen Wilden sind, die frechen Frauen, die Skeptiker?

Selbstverständlich waren sie im Publikum. Vielleicht auch daheim am Rechner, bloggend über Katzen und die Welt. Auf der Lauer nach einer wirklichen Story. In der Sonne, vergessen dass die re:publica tagt. Die Konferenz der Liebe genutzt.
Das mit den Männlein und Weiblein klappt bei der re:publica wunderbar. Jung und alt scheinen sich auch zu mögen. Wenn nun alle wieder ihr Blog als ihr Baby betrachten, das nicht mag, wenn Papa zu ernst schaut und der andere Papa am Abend wieder die gleiche Geschichte vorliest, hat eine Mama vielleicht wieder Lust das Kleine zu stillen und der Familie weiteren Nachwuchs zu schenken. Die deutschen Blogs haben mehr Wumms als die Politik. Ihr Nachwuchsproblem sollte für sie ein leichtes sein zu lösen.

Mehr zum Thema:

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Vom Wohlfühlfaktor im weiblichen Wahlkampf

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (28)

Martina Kausch 02.04.2009 | 01:27

Tessa, erstmal "CHAPEAU!" zu diesem Beitrag. Und das meine ich wirklich ernst.

Ich bin selbst, weil ich arbeiten muss, nicht in Berlin dabei. Obwohl ich überlege, ob ich, wenn die Arbeit zugelassen hätte, überhaupt zu dieser Veranstaltung gefahren wäre. Meine Gedanken gehen nämlich in genau deine Richtung.

Dass über die mangelnde Eigenständigkeit in Blogs gejammert wird, halte ich für Scheuklappendenken. Denn es gibt - jenseits der sog. "Alpha-Bloggs" einige nette und mehr als interessante Onlinepublikationen, die allein von den eigenständigen (!!!) Geschichten ihrer Autoren leben. Man muss sie nur zu finden wissen.

Nur - der Blick und auch das Platzhirschdenken mancher "Meinungsmacher" in Klein-Bloggersdorf ist meist geprägt von einer imensen Egomanie und Selbstüberschätzung, dass den Herren (es sind meist nur Männer!) es unmöglich ist, auch über den eigenen Tellerrand zu blicken.

Wirklich lustig finde ich es, wenn diese "Kritiker" aus Klein-Bloggersdorf über die Nichtigkeit der Blogger jammern, dabei aber vergessen, dass sie genau dazu gehören.

Vielleicht täte es uns allen gut, den Schwanzlängenvergleich mal links liegen zu lassen und uns einfach nur um unser Schreiben zu kümmern.

Deshalb gerade, weil du auch in das gleiche Horn bläst, finde ich deinen Artikel richtig gut! Und das schreibt dir eine langjährige begeisterte Bloggerin....

Anne Roth 02.04.2009 | 11:44

Auf die Gefahr, mich hier dauerhaft zu diskreditieren: "das Blog" klingt grässlich! Grammatisch geht beides. Und ich weiß, dass die, die sich mit sowas gern und laut beschäftigen, finden, dass es "das" heißt, aber ich finde das nicht! Sagt denn irgendwer "das CIA"? Das Hamburger?

Aber vor allem: warum gibt es deswegen so ein militantes Missionarstum? Wie sagte gerade Fefe so schön: "Draußen geht die Welt unter und in Berlin treffen sich die belanglosen Labertaschen zum gemeinsamen Synchron-Twitter-Wichsen mit eigener Flickr-Group? Ich komme aus dem Facepalmen gar nicht mehr raus!" (blog.fefe.de/?ts=b72d33d5)

Deswegen, um mal inhaltlich zu werden: mit gefällt der Artikel auch. Ich war letztes Jahr bei der re:publica und mir ging es so ähnlich. Nicht durchgehend: ich war selber auch eingeladen, über mein Blog annalist und den Hintergrund seiner Entstehung zu reden, das hat mich natürlich gefreut. Aber die ausgeprägte Selbstreferentialität hat mich auch ziemlich gestört. Sicher gibt und gab es interessante Themen. Trotzdem habe ich meine Schwierigkeiten, Blogs als Wert an sich zu bejubeln. Blogs sind eine Form, und nicht der Inhalt. Die Form hat ihre Bedeutung und hat auch einiges geändert, aber die Klammer, die alle Blogs umfasst und von allem anderen unterscheidet, sehe ich nicht.

Und dabei dann die strahlenden Jungs auf der Bühne, und die Groupie-artigen Fans um sie rum: unangenehm.

Tessa 03.04.2009 | 02:45

Blogs sind eine Form der Publikation, ganz richtig. Daher ist auch die Abgrenzung zwischen Journalisten und Bloggern hinfällig. Zudem es Blogs gibt die durch ausgezeichnete Schreibe, tiefe Recherche und kluger Gedanken glänzen und es wiederum journalistische Produkte gibt, die die so called Qualitätskriterien des Journalismus nicht erfüllen. Wie und wo etwas publiziert wird, sollte weniger die Frage sein als die danach, ob relevante Inhalte publiziert werden und wie sie sich am besten verbreiten. Die Abgrenzung zwischen Journalismus und Bloggertum ist daher so selbstreferentiell und veraltet wie das oben beschriebene Ego-Blogging. Bin ich Edelfeder, Alpha-Blogger, It-Girl? Das Ergebnis zählt. In dieser Hinsicht ist dann auch weniger wichtig, ob ein guter Text in einem "das Blog" oder "der Blog" hat. Vielleicht sein der Besitzer längst eine neue Bezeichnung dafür gefunden, so wie man an anderer Stelle heute schon in einer 'Internetpublikation' lesen konnte, das Wort Blogger würde dort vermieden. um Assozitionen zu entgehen.
Ich kann mich übrigens auch nicht erinnern, dass Politiker sich daran messen, wer von ihnen Politik, allenfalls Jura oder ähnlich Politik nahe Fächer studiert habe, und auf welchem Bildungsweg. Letzendlich werden Sie daran gemessen, was sie zu sagen haben und was sie bewirken.

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klara 03.04.2009 | 12:45

Oh, danke für diesen Beitrag!

Warum aber sollte es auf deutschen Blogs anders aussehen als im Rest der Republik? #Eitelkeit, Trägheit, Langeweile, Mutlosigkeit, Undurchlässigkeit, Altherrengehabe, Frühvergreisung, Sichwichtignehmenaberwegnigzusagenhaben... (ich könnte hier noch ziemlich lange weiter aufzählen)

Klingt deprimiert?
Hm.

Neue Zeiten kommen nur, wenn wir sie machen. Jede und jeder einzelne. Wenn wir (wieder?) eigensinnig bleiben (oder werden!). Der Applaus der "großen "klassischen" Medien", die Macht von Quote oder Leserzahlen auf der einen und das künstliche Hochputschen von Followerzahlen oder irgenwelchen Gruppenmitgliedern sind ja nur im Medium verschieden, also im Mittel - nicht in Zweck und Absicht. Das ist auch interessant, weil es offenbar menschlich ist (oder männlich?)

Die große Frage ist ja dabei immer: Was will man?

Und auch: Was kann man? Wie erreicht man's? Wen interessiert's? Spielt Geld eine Rolle? Muss Geld eine Rolle spielen, weil ich sonst die DSL-Rechnung nicht bezahlen kann?

Und dann auch: Wie viel Anpassung - an wie auch immer fließende Altherrenbedingungen von Frühvergreisten - ist nötig, um überhaupt wahrgenommen zu werden? Und wie viel Freiheit ist möglich?

Klingt böse?
Oha!
,-)

Tessa 03.04.2009 | 13:41

"Warum aber sollte es auf deutschen Blogs anders aussehen als im Rest der Republik?"

Diese Aussage wird doch zumindest immer so fleißig getätigt. Und wie kann es sein, dass etwas derart "junges" nach so kurzer Zeit schon verkrustet ist, zumal die Öffnung nicht schwer scheint.

Und das letzte von zwei Panel mit weiblichem Fokus klingt eigentlich wie blanker Hohn: "Wenn Frauen bloggen - Warum Babykotze genauso relevant ist wie das iPhone."

kukidenta 03.04.2009 | 14:14

Leider kam ich noch nicht dazu mir die Streams zu den re:publica09 Veranstaltungen im Ganzen anzuschauen und mir eine eigene Meinung zu Deutschlands grösster Bloggerkonferenz zu bilden. Aber ich bin recht erstaunt mit welcher ausführlichen Kritik die "Helden in Hosenträger" hier geschildert werden. Das klingt sehr nach einem notwendigen Generationswechsel im deutschen Bloggerdorf. Danke für diesen Beitrag.

Columbus 03.04.2009 | 17:18

Liebe Tessa,

Heldische Herren in Hosenträgern. Anders umschrieben, Mitvierziger in umgekehrten Rettungsfallschirmen, deren Gurtzeug möglichst nicht dem an Martin-Baker Schleudersitzen ähnlich sehen sollte. - Einst trug so etwas der Herr Matussek beim Spiegel in- and online, ganz demonstrativ zur Schau und hielt sich, gelobt von weiteren Hosenträgern, trotzdem für einen legitimen Nachfolger Heinrich Heines.

Insgeheim jedoch, so vermute ich stark, handelt es sich bei Ihrer Scheinwerferbeobachtung um eines der Enden kommunizierender Röhren. Am anderen Ende schreibt hier in relativer Gleichzeitigkeit, -obwohl doch Ungleichzeitigkeit das weltweite Lebensmotto ist-, Herr Thomas Rothschild in seiner Kolumne "Der Jargon der Altershasser" ( www.freitag.de/kultur/0914-journalismus-alter-klage ).

Die Frage aber, die in einem Publikationsorgan mit linker "Freitags"-Vergangenheit erlaubt sein muss und Sie, wie Herrn Rothschild umtreiben sollte. Wie wird Qualität existenzsichernd und wie sichert die Existenz Qualität? - Derzeit gilt zu oft, sobald irgend eine Person medial mehr Aufmerksamkeit erzielt, zählt weder Bildung noch Wissen, noch Botschaft, sondern in vielen Fällen das sichere Auftreten an des Verlegers Seite. Manchmal reicht der Kontakt zur Gattin, Freundin, Partnerin des Verlegers. Heine bettelte bei seinem Verleger Campe und bei Bankier Rothschild gleichzeitig, sonst hätte es ihm nicht gereicht.

Es gibt auch biologisch zwei Umweltsituationen die extrem fertilitätsfördernd sind. Mangel und Langeweile. Aber, in Deutschland dürfte immer noch die mediale und die reale Mehrheit davon überzeugt sein, dass der Urwald seinen schönen Naturzustand irgend einer Überfluss Situation verdankt. So ist es auch mit dem Blogging- Universum und den Bloggern.

Grüße
Christoph Leusch

PS: Alter wird nicht verraten, ist aber leicht zu erraten.

Anette Lack 04.04.2009 | 13:13

Liebe Tessa;

alles richtig und wunderbar! Fast. Denn

- nur nach jungen Bloggern zu suchen, als würden sie das Rad neu erfinden, ist sicher genauso falsch, wie auf die ewig "gleiche Geschichte" (letzter Absatz) zu setzen...

- bitte nicht, nie mehr und nirgends (!), den Ausdruck: "Freche Frauen".Denn frech sein (gibts im Zusammenhang mit Männern übrgens nie als feststehenden Ausdruck) kann nur jemand, der über sich eine autoritäre Persönlichkeit hat oder sieht, gegen die er mit eben dieser Frechheit rebelliert...

Herzlich

Anna Dorothea

EtienneRheindahlen 04.04.2009 | 18:51

Ich zitiere Beckmann (ja, genau den Beckmann): "Große Freude..." (Ende Zitat Beckmann). Grosse Freude darüber, dass ich Gedanken, die von Tessa in Haupt- und Nebensätze gegossen wurde, lesen und nachvollziehen durfte. Meine Freude darüber ist - im Gegensatz zu Beckmann's ritueller Floskel - echt und unbedingt.

Ich zitiere mich selbst (Stichwort: selbstreferentiell jetzt...): "Großes Entsetzen". Großes Entsetzen, als ich den "offiziellen" Videostream von re:09 öffne...und sehe, wie unglaublich dilettantisch sich die Blogger-Avantgarde (?) dem interessierten Publikum präsentiert bzw. präsentieren lässt.

Briefmarkenkleines Playerformat. Rauschendes Atmosphären-Gequirle auf der Tonspur, aus dem nur mit Mühe die Redebeiträge des Panels zu identifizieren sind. Kamera"führung" wie bei einem investigativem OK-Beitrag mit "versteckter Kamera".

EtienneRheindahlen 04.04.2009 | 18:52

2. Teil:

Berlin ist die deutsche Stadt mit der wohl höchsten Dichte an Kamerafrauen und -männern, an technischen Mediendienstleistern, an Event-Managern. Fast jedes grössere Polit-, Marketing- oder Public Event wird doch heute von zwei oder drei Kameras gefilmt und auf Videowänden projiziert beziehungsweise als Live-Stream ins Netz gestellt. Das technische Equipment und das Know-How werden gerade in Berlin en masse angeboten - warum also haben es die Initiatoren nicht genutzt, um die Inhalte der re:publica 09 nicht tatsächlich als res publica zu kommunizieren ?

Ich würde Argumente aus der Tag-Wolke "Kosten-low Budget-NonCommercial" nicht gelten lassen, denn vermutlich hätten sich in Berlin Event-Video-/Streamprofis finden lassen, die zum Selbstkostenpreis (oder noch günstiger) ihr Können gerne beigetragen hätten. Wieso schaffen es also Unternehmen und Institutionen aus Wirtschaft und Politik, Lobby-Gruppen und kommerzielle Veranstalter, jede Pressekonferenz zum Beispiel zum "Tag des schwarzbunt gescheckten Milchviehs" in guter Auflösung, mit konventioneller wie professioneller Bildregie und mit glasklarem Ton per Videostream ins Netz zu stellen ? Ein Forum, von dem eventuell Initiativen und Impulse für die Gesellschaft und zumindest für die Blogger-"Szene" hätten ausgehen können, aber blamiert sich mit diesem Steinzeit-Stream ?

EtienneRheindahlen 04.04.2009 | 18:53

3. Teil

So aber musste ich als nicht in Berlin teilnehmender, jedoch nicht minder interessierter Beobachter nach vielleicht fünf Minuten den Stream schliessen...denn mein Ärger überwog mein nicht gerade geringes Interesse.

Der Relevanz- und Innovationsanspruch jener auf den Berliner Boards sich artikulierenden "Alpha"- oder Irgendwie-auch-wichtig-Blogger scheint sich doch auf das Selbst-Marketing zu Gunsten der eigenen Blogs zu beschränken. Isolierte Nabelschauen aber sind wohl eher ungeeignet, um die Nutzung des Internet als demokratisches, kritisches, eventuell insubordinäres und subversives Forum der freien Meinungsäusserung zu fördern. Das Ziel einer solchen (Netz-) Gesellschaft, die ihre Meinungs- und Willensbildung auch auf die besseren Alternativen zur Mainstream-Propaganda gründet, wäre der re:publica als "common sense" zu wünschen gewesen.

So aber bleiben bei mir Assoziationen wie "re:publica 09 = re:gret 09" und "Alpha-Blogger = Beta-Blocker". Ob mit oder ohne Hosenträger oder Retro-Iro mit Hahnenkamm-Effekt...

P.S.: Aber das Foto von dem coolen "Grand Theft Auto"-Blogger mit zu Guttenberg-Frisur ist echt Kult !

Anette Lack 04.04.2009 | 22:16

Lieber I.D.A. Liszt;

Sprache prägt Bewusstsein und umgekehrt. Daher finde ich es wichtig, dort umzusetzen. Abgesehen davon hat sich tatsächlich nicht so viel geändert, wie ich mir wünschte.
"Frech" bezeichnet ein infantilesm höchstens noch pubertäres Verhalten, er drückt aus, dass sich jemand mehr rausgenommen hat, als ihm eigentlich zustand...

In Buchhandlungen gibt es diese Abteilungen "Freche Frauen". Was da für Bücher stehen, mit welchem Inhalt, können Sich sich vielleicht vorstellen. Seitdem reagiere ich allergisch auf diesen Ausdruck.

Selbstbewusste Frauen klingt für mich übrigens sehr gut! Ich bin mehr für Präzision als Alliteration um jeden Preis...

Herzlich

Anna Dorothea

Tessa 05.04.2009 | 12:45

Liebe Anna,
I.D.A. Liszt hat es schon erkannt: Ich besitze eine Vorliebe für Alliterationen, die man noch öfter im Text findet. Das Zusammenspiel von frech und Frauen habe ich daher nicht näher geprüft, zudem der Text nach einem langen Tag in recht kurzer Zeit entstanden ist. Beim "über Frauen schreiben" gibt es so einige Stolpersteine, die ich mehr oder weniger gefährlich finde. Z.B. die Diskussion, ob erwachsene Frauen sich als "Mädchen" bezeichnen sollten, und welches feministische Statement das ist, wenn sie es tun.

Der Text verlangt übrigens weder eine Konzentration auf Frauen noch auf junge Blogger. Die Podien waren (zumindest am ersten Tag) schlicht zu uniform besetzt. Auf der re:publica waren auch sehr viele Menschen jenseits der 40, jenseits der 50 und ebenso jenseits der 60 unterwegs. Aber nicht nur bei Alter und Geschlecht, auch entlang der geförderten Themen schien mir die Konferenz ein wenig einfältig. Das weiblichen Panel stand unter dem Motto: "Warum Babykotze genauso relevant ist wie das iPhone" - Aber noch nicht ein Mal das wurde herausgearbeitet.

Don Alphonso kritisiert in seinem Blogbeitrag ganz richtig, dass in den letzten Jahren viel geredet wurde, aber keine Inhalte geschaffen wurden. So wurde aus meiner Sicht ebenfalls viel über das Bloggen gesprochen, aber welche relevanten Inhalte generiert werden oder ob das geschieht, kam zu kurz.

Viele Grüße
Tessa

Anette Lack 06.04.2009 | 12:41

Hallo Tessa;

Bücherreihe war auch falsch ausgedrückt. Es ist ein großer Tisch in den Filialen der Bücherkette Weiland, ich weiss nicht, ob es die in Berlin gibt. Unter dieem Schild liegen dann Titel wie "Frauen, die Prosecco trinken" etc.

Andere Ausrücke als selbstbewusst? Tatsächlich fällt mir gar nicht so viel ein: Schamlos oder unverschämt finde ich auch gut, im wörtlichen Sinne, also "nicht mehr verschämt". Sonst noch: Dreist, das ist ein starker Ausdruck, im Sinne von "sich breit machen, sich Raum nehmen." Das gefällt mir.

Herzlich

Anna

Magda 06.04.2009 | 13:10

"Ist die schöne neue Welt des Netzes schon wieder eine Altherrendomäne?"

Nana, Tessa, Tessa ttt...das geht natürlich so nicht. (grinsesmiley). Noch nicht ordentlich verinnerlicht, was an anderer Stelle beklagt wurde? Die Diskriminierung von Älteren, hmmm?
Wie auch immer. Mir fällt auf, dass ich mich an der Verfolgung dieser verschiedenen re:publica Infos eigentlich mehr amüsiert als informiert habe. Ich meine an den höchst unterschiedlichen Blogs und den immer weiter weg führenden Links und all das.

Und ich habe befriedigt konstatiert: Darauf muss ich mich in meinem Alter nur noch insoweit einlassen, als ich wissen will, wie eine bestimmte Szene so tickt und spricht. Hübsche Ausdrücke haben mich erheitert - technikaffin - zum Beispiel und überhaupt allerlei Slang. So ein Soziologen-Technik-Rotwelsch.
Es wird sich herausstellen, denke ich, dass twittern Blödsinn ist, aber zur Ökonomie des Wortes im Internet vielleicht beitragen kann. Das ist ja ein Wortgeröll - man glaubt es nicht.

Ansonsten - wer kann das von außen noch einschätzen, das Ganze?

Aber, weil es um Altherren ging: Mir sind interessante Beispiele von Frühvergreisung oder temporärer Vergreisung aufgefallen - natürlich bei Männern.
Also über sieben Links bin ich da geraten an so eine "Konifere" wie Sascha Lobo. Der hat eine flottes Schreibwerk. Aber dann auf einmal klingt der - interessanterweise als er einen im Freitag erschienenen Beitrag über Chavez kritisiert- wie Müntefering oder wie ein Herbergsvater kurz vor der Pensionierung. Das möchte er nicht lesen - ein Zensurfunktionär im Einsatz. So sind die alle - kratzt man an der flotten Schreibe ist dahinter - ein braver Mensch im Dienste seiner Karriere, vielleicht sogar im Dienste irgendeines auch ihn kontrollierenden und lenkenden Überichs. Was sind das alles für Wichte, du liebe Güte.

Wie ich an den geraten bin, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass diese gegenwärtige Bloggosphäre ohne irgendein Anliegen zu sein scheint außer Pluster, Pluster... Ich ich ich.....
Oder ein Mitdabeisein-Gefühl nach dem Motto:

Log Dich ein und blog hier rein - oder so.

Na, das ist jetzt sehr ungeordnet und viel zu lang.
Macht nichts
Herzlichst
Magda

Tessa 06.04.2009 | 17:39

Liebe Magda,

ich wollte nicht die Älteren diskriminieren, denn ein 70-jähriger hätte das Eröffnungspodium gut ergänzt. Es ging ja um diese: "da sitzen sie: männlich, um die vierzig" ;)

Diese "jungen" Männer dann als "Altherrendomäne" zu bezeichnen, war ein wenig überspitzt und du hast es ja für dich selbst schon formuliert: "interessante Beispiele von Frühvergreisung oder temporärer Vergreisung" - vielleicht belassen wir es dabei?

Viele Grüße

Tessa