Tessa
20.01.2009 | 12:35 1

Schritte auf dem Boulevard

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tessa

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Foto: Katja Hentschel

Reich-Ranicki hat sie in der Dezemberausgabe des Cicero gefordert: Mehr Medienkritik - vor allem aber auf hohem Niveau, unter den wachsamen Augen der Kritiker aufeinander. Und vielleicht muss man ihm Recht geben, denn dass seine Worte beim Fernsehpreis einen 'Eklat' verursachten obwohl die Intellektuellen und halbwegs gescheiten Bewohner dieses Landes schon immer Ähnliches dachten, verrät viel über den Zustand der Kritik an sich. Eine treffende, lesenswerte Kritik zu schreiben erfordert zudem mehr Umsicht und Einsicht in die Sache als eine Nachricht, ein plattes Lob, ein Zerriss oder eine persönliche Meinung. Hervorragende Kritiker sind Kenner ihrer Sache.
Im Web gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Mediendiensten, z.b. dwdl, turi2 oder meedia, die leider - da nur in kleinen Nuancen verschieden - die Chance verpasst haben inhaltlich relevant zu werden und sich ein klares Profil zu erarbeiten, indem sie nicht nur als Newsticker dienen, sondern die auf ihren Seiten publizierten Neuerungen in der Medienlandschaft kritisch unter die Lupe nehmen. Eine solche verpasste Gelegenheit wurde Ende November 2008 abermals deutlich, als die Nachricht von dem Springer-Volontärs-Projekt Macht-Maschine in den Umlauf kam. Ein paar mehr Worte widmete der Seite dann Thomas Knüwer von Indiskretion Ehrensache, allerdings sehr lieblos, sehr wohlwollend, und ohne Haltung. Der Text von Knüwer verrät zudem: gelesen hat er für diesen Blogbeitrag nur oberflächlich. Ein tieferer Einstieg in die Macht-Maschine hätte ihn vermutlich wesentlich mehr Worte, wesentlich abschätziger verfassen lassen. Denn um es auf den Punkt zu bringen: die Macht-Maschine hätte von einem Schülerprojekt eleganter und intellektuell anspruchsvoller umgesetzt werden können.

Als Journalist scheint man derzeit leicht geneigt zu sein, die ach so mutigen Schritte in den Online-Journalismus mit Anerkennung zu belohnen, die Qualität ist dann gleichsam nachrangig. Dass die Website der Macht-Maschine keinen Schönheitspreis gewinnt ist zunächst weniger wichtig, denn im Zeitungswesen sollten die Inhalte und ihre Relevanz an erster Stelle stehen. Hinzu kommt allerdings, dass die eigentlich sehr guten Ideen für politische Texte eine stilistische Katastrophe sind. Meist befinden sich Volontäre erst auf dem weg zur Edelfeder, ein guter Schreiber sollte man aber bereits vor dem Gedanken an das journalistische Volontariat sein, denn für das Schrifttum muss ebenso wie für Malerei, Ballett oder Fußball ein guter Grundstock an Talent vorhanden sein, um dieses weiter zu bilden. Viel mehr entsetzt hat mich aber ein spezieller Artikel: Die Alpha-Jägerinnen von Yvonne Beister. Tatsächlich schaffen es im November 2008 immer noch junge Journalistinnen nicht nur sexistische Texte zu fabrizieren, sie verkaufen darin auch noch ein Frauenbild, dass keine Frau ernsthaft für sich in Anspruch nehmen kann, besonders keine Journalistin, von der reflektierte Gedanken zu erwarten sein sollten. Der Text von Frau Beister, der sich mit jüngeren Frauen, die sich politische Amtsträger angeln (oder die ergrauten Herren die jungen Damen?), beschäftigt, ist kaum zu ertragen. Für ihr eigenes Seelenheil ist jede Frau mit einer Geschichte aus einer tatsächlichen Boulevardzeitung besser bedient, die über ein paar wie Joschka Fischer und Minu Barati nur ein paar blumige Zeilen schreibt, nicht aber Schubladen öffnet für Frauen, die der Macht als dem absolutem Aphrodisiakum verfallen, oder den Herren, die einer jungen schönen Frau hörig werden und daraufhin nur rosa sehen. Träumt Frau Beister etwa heimlich davon, einmal eine der erfolgreichen Talk-Damen zu werden, und sich dann mit Millionär, Unternehmenschef oder Minister zu schmücken und einen vergoldeten Herd zu besitzen?

Das bedauernswerte an diesem Text ist außerdem, dass die Autorin vermutlich glaubt, einen Artikel unter dem dach der 'Girl Power' verfasst zu haben. Schließlich ist es für eine junge Frau eine Errungenschaft, sich einen vermögenenden, einflussreichen Gatten zu angeln! Im Gegenzug dieser Logik ist ein Mann, der sich in eine jüngere, schöne Frau verliebt dann ein geiler Sack - eine Geschichte, die auf den ersten Blick nicht in die Macht-Maschine passt, aber das heimliche Gegenstück zu Beisters Ausführungen ist.

Ebenso wie der Cicero nennt die Macht-Maschine ihren Gesellschaftsteil 'Salon'. Im Salon des Cicero ist in der Dezember Ausgabe das sehr erheiternde Interview mit Reich-Ranicki erschienen, aus dessen Antworten zarte, wenn auch unbedarfte Frauenfeindlichkeit spricht. Ein kleiner Auszug des Interviews findet sich hier. Der Cicero ist indes ein Stückchen näher an das Boulevard herangerückt, glaubt man der oberen rechten Ecke seines Deckblatts. Dort fand sich kürzlich die Ankündigung für den Innenteil: "Wer ist Merkels Ehemann wirklich?" oder aktuell "Sex und Geld - das Gigolo-Prinzip". Das Gegenstück zu zuletzt genannter, reißerischer Überschrift ist dann aber doch überraschend klug. Der Leser darf beruhigt sein. Ein Teaser zum Text über die Erpressung von Susanna Klatten von Christine Eichel findet sich auf der Seite des Cicero, und ihr Artikel enthält zumindest geschliffen formulierte Klischees wenn sie schreibt:

"Es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, welchem Genre die Männer angehören, die eine Frau der Klatten-Liga bei Vorstandssitzungen, Societypartys und Golfturnieren trifft. Sie erlebt die öde Selbstgefälligkeit gestandener Herren, die sich mithilfe routinierter Beeindruckungsprosa in Bewunderung sonnen wollen. Ungefragt geben sie Anekoten aus dem allzu umfangreichen Repertoire ihrer Heldengeschichten zum besten. Frauen sind ihr Publikum, ihr Spiegel, ihre Claque."

Vielleicht vermittelt Christine Eichel hier sogar mehr Wahrheit als Klischee. Fest steht aber für die Macht-Maschine: Könnte Yvonne Beister nur annähernd so erstklassig schreiben wie Frau Eichel, wäre die Bodenlosigkeit ihres Textes nicht sofort ins Auge gesprungen.

Die Leser, die sich nach der Einstellungsverkündung der Park Avenue ein paar Tränen von der Wange tupfen mussten, finden vielleicht im Cicero eine Alternative, wollte die Park Avenue doch Intellekt und Glamour verbinden, so zumindest Stimmen des Magazins. Zwar müssten die Leser dann auf untrainierte B-Prominente auf roten Teppichen verzichten, dass der Cicero hingegen wesentlich mehr Geistreiches bietet, steht außer Frage. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Neo Rauch, Kehlmann und sogar ein zeternder Reich-Ranicki verfügen über weitaus mehr Glamour, als ein Riege Schauspieler an der Bar einer Preisverleihung oder eine Spa Selection.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.