Sonntägliche Alphatierchen

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http://img383.imageshack.us/img383/6232/0000332ee9.jpg Männer auf dem Frühstückstisch, so ließ zunächst die Überschrift des großen Interviews im Wochenendteil der Süddeutschen Zeitung Ende August vermuten:
Renate Künast über Männer. Das Lesen des Interviews entlarvte die Wahl der Titelzeile aber flugs als kleine Falle. Natürlich klingt es verlockender die Spitzenpolitikerin der Grünen über das andere, über das böse Geschlecht reden zu hören. Schwerpunktmäßig darf sich Frau Künast allerdings eher zu Frauenpolitik und Feminismus äußern. Die provokanteste Frage zum Thema Mann ist das abschließenden Nachbohren nach dem Wohlfühlfaktor Frau: "Wären sie lieber als Mann geboren?" Ihre Antwort könnt ihr euch denken. Hätte sie bejaht, hätte die SZ diese frage auch kaum an den Ende des Textes stellen können. Leider hält das Interview auch vor dieser Frage keine großen Überraschungen bereit. Es geht um Alice Schwarzer, Angela Merkel und Ursula von der Leyen, die allesamt keine wirklich frauenpolitischen Anliegen haben. Ganz richtig bemerkt Künast, Angela Merkel hätte sich als Neutrum positioniert, von der Leyen machte Familien-, aber keine Frauenpolitik, und Schwarzers lauteste Aktion in diesem Jahr waren wohl die Peinlichkeiten um die Neubesetzung der Chefredakteurinnenstelle der Emma.

Renate Künast deckt den Frühstückstisch nicht mit neuen Ideen oder streitbaren Thesen zu den Themen Frauenpolitik, Feminismus, Geschlechterkampf und dem Umgang mit Männern. Doch im gleichen Atemzug, in dem ich das kritisieren könnte, muss freilich auch gefragt werden, ob sie das als Spitzenpolitikerin der Grünen muss? Muss Angela Merkel sich frauenspezifischen Anliegen widmen? Natürlich müssen sie es nicht, natürlich gibt es derzeit in Deutschland Wichtigeres als einem ohnehin sehr starken Geschlecht zu weiterer Macht in der Gesellschaft zu verhelfen. Doch wenn Frau von der Leyen, in deren politischen Ressort Frauenpolitik verankert ist, sich allein über Familienpolitik und lachende Kinder positioniert, in welchem Ministerium wird die immer noch nicht komplett vollzogene Gleichberechtigung der Frau und Würdigung ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse im wirtschaftlichen Kontext betreut? Etwa im Wirtschaftsministerium unter CSU-Politiker Glos?
Bleibt Frau von der Leyen nach der Bundestagswahl 2009 weiterhin die Vorsteherin des für Frauen zuständigen Ministeriums, wäre eine Abteilung für Frauen & Beruf im Wirtschaftsministerium dringend einzufordern.

Vielleicht ist das die Idee, für head turning moments im nächsten Wahlkampf: Männer thematisieren frauenpolitische Issues. Ist es vorstellbar, dass ein Steinmeier, ein Guido Westerwelle oder selbst Angie über die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern spricht, wie es beispielsweise Obama tat? Wenn Frauenthemen mittlerweile in der Popkultur heißer diskutiert werden als von weiblichen Politikern, dürfen Politiker dann überhaupt mitreden? Es käme einem kleinen Wunder gleich, wenn Angela Merkel ihren Wahlkampf für einen weiblichen Anstrich öffnen würde, doch liebe Strategen: Wer tut es dann? Frauen sind die Lieblinge der WerbetreibendenProduktwerbung. Ist es nicht paradox, für frauen alles pink zu färben, aber den Wahlkampf nicht? Es geht um jedes Prozent, selbst wenn Frauenpolitik nicht nur auf der gefühlten, sondern auch auf der realen Agenda weit hinter Benzinpreisen, Bildung und Finanzkrise rangiert.

Die Interessen von Frauen und Männern haben sich trotz der Zahlen, die belegen dass Frauen finanzielle Unabhängigkeit wollen, dies umsetzen und sich als emanzipiert wahrnehmen, nur langsam angenähert. Wahlkampf ist nicht ehrlich, Wahlkampfversprechen sind so nachhaltig wie Hennatatoos und ein bißchen schmutzig sollte Wahlkampf auch sein. Aus dieser Sichtweise könnte es ein großer Spaß für alle Beteiligten sein, auszuprobieren, welche Themen abseits von Rente, Steuern, Kindern und Umwelt eigentlich noch das Zeug haben die Sonntagsfrage aus dem Takt zu bringen. Ein bißchen Spinnerei darf sein, denn heute ist Sonntag. Denn wäre nicht nur ein herzzerreißend amüsanter Dokumentarfilm, mit einem politischen Amtsaspiranten auf Wahlkampftournee für Frauen zu gehen? Gar nicht weitab von Klamauk und politischer Realität würde so etwas zumindest für eine Zeit als Sprachrohr funktionieren, das derzeit nicht existiert.


Das Interview mit Renate Künast über Männer findet sich auf den Online-Seiten der Süddeutschen nicht, dafür aber auf ihrer eigenen Homepage. Das SZ-Magazin hält immerhin das Interview ohne Worte mit ihr bereit.
10:33 25.01.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tessa

bloggerin, schreiberin + social media managerin beim spd-parteivorstand.
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