occupy - wie könnten die nächsten Wochen aussehen?

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Ich bin Teil der Handvoll Aktiven von occupy-Erfurt. Vorige Woche diskutierten wir, wie die nähere Zukunft dieser Bewegung aussehen könnte und vor allem, wie das "Wir sind 99%"-Feeling gesteigert werden könnte. Nachfolgend ein paar Ideen...

Überlegungen zu einer Kampagnen-Strategie für die occupy-Bewegung

Teil 1: Vorüberlegungen

1.Der Slogan „Wir sind 99%!“ beschreibt zutreffend die gegenwärtige Lage, jedoch nicht das Stimmungsbild in der Mehrheit der Bevölkerung. Als Gründe kommen u. a. psychologische Selbstschutzmechanismen, Zweckoptimismus, das hohe Maß an Dynamik, Komplexität und Abstraktionsgrad der Finanzkrise sowie fehlende Kenntnisse über globalisierungsbezogene Zusammenhänge in Frage. Eine nur vordergründige, teilweise verschleiernde und beschwichtigende bzw. überforderte Medienlandschaft produziert zwar Meldungen zur Finanzkrise im Minutentakt, wirkt de facto jedoch vielfach desinformierend. Die Betonung vermeintlich nationaler Interessenlagen und Konfliktlinien, die direkte oder unterschwellige Diffamierung und teilweise rassistische Verleumdung ganzer Völker verhindert Solidaritäts- und Kooperationsbestrebungen zwischen den Menschen verschiedener Länder.

2.Die Dynamik und Komplexität der Finanzkrise ist so groß, dass sie sogar viele Experten und ganztägig mit ihr beschäftigte Personen überfordert. Bei z. T. mehreren Konferenzen, Tagungen, Gipfeln und Parlamentssitzung täglich kommt die Masse der konzentriert folgenden Laien kaum über den Informationsgehalt von groben Zusammenfassungen hinaus.

3.Insofern sind Kampagnenstrategien, die auf eine Erhöhung des Wissens in der Bevölkerung zielen, strukturell ineffizient angelegt, weil in der Zeit, die es braucht um die komplexen Vorgänge zu analysieren und für massentaugliche Informationspakete aufzubereiten sowie unters Volk zu bringen, konsequent der aktuellen Entwicklung um drei, vier Schritte hinterher hinken muss. Zudem zeigt sich an anderen Themen, dass pures Wissen nicht ausreichend handlungsauslösend und handlungssteuernd ist. Psychologische Effekte wie individuelle emotionale oder materielle Betroffenheit und die Chance, „niedrigschwelligen“ Mitmachens mit Erfolgserlebnis sind weitaus motivierender.

4.Aus diesem Grund sind Strategien, die beispielsweise ein bestimmtes Abstimmungsverhalten von Parlamentariern bei Einzelentscheidungen anstreben, nicht praktikabel, da die Zeit die es für den Vorlauf der Kampagne braucht, dem Tempo der Entscheidungen hinterher hinkt und bei dem teilweisen Zickzack-Kurs der Regierungen mit wiederholten Revisionen von Entscheidungen die Relevanz von Einzelentscheidungen oft nur symbolischen Wert hat.

5.Gleichwohl sind seitens der Machthaber zirkuläre Diskurs- und Entscheidungsmuster erkennbar:

a.Herabstufung der Bonität eines öffentlichen oder privaten Schuldners

b.Börsenkurseinbruch

c.(wiederholte) Erklärung der „Systemrelevanz“ des Delinquenten

d.Erste Bezifferung des Finanzbedarfs

e.Ritualisierte Bildung von Unterstützungs- und Verweigerungslagern

f.Erste Runden der Krisengipfel

g.Einlassungen von echten und vermeintlichen Experten

h.Zweite, in der Regel deutlich höhere Bezifferung des Finanzbedarfs

i.Erste „Lösungs“-Ansätze werden publik

j.Kommentierungen entlang der Lagerlinien von d)

k.Ein grober Zeitplan der Entscheidungsfindung wird erkennbar

l.„Beschwichtigungsrhetorik“ durch die Machthaber, die die abschließende Wirkung der „Lösungsansätze“ in Aussicht stellen

m.Abweichler aus den Reihen der Machthaber melden Bedenken bis hin zu Gefolgschaftsverweigerung an.

n.Entscheidungsvorbereitende Gipfeltreffen mit seriös-besorgten Gesichtern

o.Dritte Nennung eines weiter gewachsenen Finanzbedarfs

p.Verschärfte Rhetorik, vereinzelte Eklats, eskalierend-polemische Einlassungen „besorgter“, jedoch nicht unmittelbar beteiligter Regierungschefs

q.Anwachsender, moralisierender Druck durch die Machthaber

r.Unbedeutende Zugeständnisse an Opposition

s.Stakkato der Gipfeltreffen

t.Spiel mit der Vertrauensfrage der Regierenden, um die eigenen Reihen zu schließen

u.Medienhype im Vorlauf der Entscheidungen

v.Sitzungsmarathon (am besten zu nächtlicher Stunde) mit der „erlösenden“, gern auch mal knapp ausfallenden Zustimmung

w.Verkündung der erfolgreichen Rettung und der Erleichterung darob

x.Wenige Stunden der Ruhe, Börsenkurse leicht im Plus

y.Beginne erneut bei a)


6.Die Komplexität und Verwirrung erhöht sich dadurch, dass dieses Spielchen mit zeitlichem Versatz parallel verläuft, also bei Schuldner 3 gerade beginnt, während Schuldner 2 bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ist und bei Schuldner 1 schon die heiße Phase des Gipfelstakkatos einsetzt. Sie lässt sich weiter steigern, indem es um verschiedene Währungen gleichzeitig geht (Euro, Dollar, Yen).

7.Der Verdacht liegt nahe, dass das hohe Tempo durchaus kein Zufall ist (vgl. Naomi Klein, Die Schockstrategie).

8.Die Dynamik und Komplexität entpersonifiziert und entindividualisiert die Parlamentsabgeordneten als die durchaus relevanten Entscheidungsträger. Indem die Medien sich auf wenige „Alpha-Tiere“ konzentrieren, entschwindet aus dem Bewusstsein, dass die Parlamente durchaus ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. In vielen Beiträgen werden die einzigen, demokratisch legitimierten Entscheider als ein uneiniger Haufen von Bremsern dargestellt, ihre Einwände werden tabuisiert bzw. pauschal als angesichts der Krisendimension kleinlich, dünkelhaft, nationalistisch oder ideologisch, während die „Verhandler“ als mutig, entschlossen, pragmatisch gelten.

9.Die Aktiven und Sympathisanten der Occupy-Bewegung praktizieren eine bewusst gewaltfreie Protestform, die in Relation zur Brisanz des Themas eine nur marginale Interventionsmacht aufweist, d. h. sie mahnen und irritieren, aber bauen keinen spürbaren Druck auf. Dies zeigt sich auch in der durchaus authentischen Ratlosigkeit, wie dem 1% Finanzelite persönlich, inhaltlich und strukturell entgegen zu treten ist.

10.Auch die Suche nach international getragenen, konkret politischen Forderungen ist derzeit indifferent, die Zuspitzung auf zentrale Handlungsfelder gelingt kaum. Relative Übereinstimmung besteht nur im Hinblick auf Zielbeschreibungen. Es besteht die Gefahr, dass die Occupy-Bewegung als Gruppe von Deklassierungsängsten umgetriebener Menschen der Mittelschicht wahrgenommen bzw. diffamiert wird, was die Verbündung mit Menschen aus ökonomisch schwächeren Schichten verhindert und zudem eine moralische Entwertung ihrer Motive bedeutet.

11.Das macht es wiederum der Finanzelite leicht, die Occupy-Bewegung ins Leere laufen zu lassen, sie hat eine ausgeprägte Fähigkeit und die Ressourcen, um die Bewegung zu ignorieren, auszusitzen und sie durch Unterwanderung, Spaltung und Totlobung abzusägen.

21:48 31.10.2011
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Geschrieben von

das brueckenkarma

füll ich aus, wenn mal keine Krise ist... ;-)
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