Wir sind gekommen, um zu ... ja was?

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Meine Sympathie für die occupy-Bewegung ist fast grenzenlos - und doch ist da ein kleines, ungutes Bauchgefühl. Es hat mit der Diskrepanz von Anspruch und Wirkung, von Wortwahl und Gestus der Aktionen zu tun, die ich wahrnehme.

Mit welcher Logik verbindet sich der Sinngehalt von "occupy" ganz wörtlich mit den Zielen der Aktiven? Alle gängigen Übersetzungen (bewohnen, besetzen [Land, Sitzplatz], [Zeit] beanspruchen, [Gedanken] beschäftigen, bewohnen, innehaben, belegen) ergeben weder in Bezug auf die Wallstreet noch in Bezug auf irgendeinen symbolischen Platz, der für das globale Finanz(un)wesen steht, einen brillianten Sinn. Am ehesten kommt noch die Besetzung/Besatzung im ursprünglich militärischen Sinne in Betracht, die durch die hervorragenden Beispiele der Platzbesetzungen in Kairo und anderswo zweifellos friedlich geadelt wurde. Ohne den Mut und das hohe persönliche Risiko der Tahrirplatz-Okkupanten oder gar ihren Erfolg relativieren zu wollen, so steht für mich außer Frage, dass Mubarak und seine Helfer ziemlich arme Würstchen im Vergleich zu den großen Strippenziehern der globalen Finanzelite waren. In Kairo und anderen arabischen Städten war nach meiner Wahrnehmung die Agenda klar und übersichtlich: das öffentliche Leben friedlich, aber effektiv stören um ein Ziel zu erreichen: der Tyrann muss weg, Demokratie muss her!

Die Übertragbarkeit auf die aktuelle occupy-Bewegung ist gering: "Wir besetzen diesen Platz friedlich, um ... um, tja, hmm, darüber müssen wir uns erstmal selber unterhalten: sind jetzt die Bankster die Bösen, die Politiker, das kapitalistische System, der Chauvinismus des globalen Nordens... und sollen sie weg (was kommt dann?) oder dürfen sie bleiben, wenn sie erklären in Zukunft etwas weniger asozial zu sein?"

Der offensichtliche Selbstfindungsbedarf ist allein schon wegen seiner Authentizität allen geschliffenen Politphrasen und vulgärökonomischen Zaubersprüchlein vorzuziehen. Aber wird das reichen? Bleiben wir im herkömmlichen Bilde der Besetzer/Besatzer: Die Besatzungsmacht zog meist aus, um sich ein auch räumliches Gebilde mit seinen Ressourcen zum eigenen (egoistischen) Nutzen zu unterwerfen, dabei Recht und Moral meist nicht besonders genau nehmend. Erwartet irgendjemand, dass sich die Mehrheit der nicht-elitären Bevölkerung diesem Selbstbild anschließt, das die Sprache der bisherigen Okkupanten weiterführt? Und sollte der Assoziation des Egoismus nicht massiv entgegengetreten werden?

Auch in Bezug auf die Mengenverteilung hinkt das Bild: 99 BesatzerInnen je 1 Besetztem...

Es liegt weiterhin schon eine gewisse Ironie darin, dass einer der gedanklichen Väter der Bewegung, Stéphane Hessel, seine Politisierung und Aktivierung gerade als Betroffener, Opfer eines Besatzungsregimes erfuhr. Bezeichnenderweise galt sein mutiges Engagement dem Widerstand und der Befreiung - sympathieträchtige, motivierende Begriffe, von denen sich die occupy-Bewegung rhetorisch selbst abgeschnitten hat. Ein Besetzer/Besatzer, der sich empört?

Bref: Ich könnte mir vorstellen, dass es Zeit wird, eine neue "Erzählung" für all jene anzusteuern, die die Nase voll haben von der totalen Ökonomisierung des Lebens auf der Erde. Muss ja nicht von heut auf morgen erfolgen...

23:23 01.11.2011
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Geschrieben von

das brueckenkarma

füll ich aus, wenn mal keine Krise ist... ;-)
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