Kommentarspalten abschaffen!

Social Media Nazis und andere Rassisten haben die Kommentarspalten der meisten größeren Tageszeitungen übernommen.
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Früher habe ich mich darüber geärgert, dass bei Spiegel Online ein Kommentar unter dem Beitrag immer erst freigeschaltet werden musste. Das machte es unmöglich, eine echte Diskussion zu führen, da Stunden vergehen konnten, bis ein Kommentar erscheint. Da die Anzahl der Kommentare nach ein bis zwei Tagen sinkt, ist eine echte Kommunikation nicht möglich gewesen.

Wie grandios erschienen mir da die Kommentarfunktionen von Facebook. Echtzeitkommunikation. Man konnte sich mit all den anderen Lesern direkt und ohne Zwischenschaltung einer Moderation unterhalten.

Leider zerstören rechtsextreme Trolle die Kommentarspalten auf Facebook. Meist sind es 10-20 „Personen“, die bei einem kontroversen Beitrag die gleiche rechtsextreme Propaganda schreiben und jeden beleidigen und bedrohen, der sich der rechtsextremen Propaganda entgegenstellt. Dadurch schaffen es diese 10-20 Trolle, den Kommentarbereich einer Zeitung langfristig zu übernehmen. Das Ziel ist es, zu suggerieren, dass die rechtsextremen Meinungen Mainstream sind.

Jetzt wünsche ich mir moderierte Kommentarspalten zurück.

Diese Taktik rechtsextremer Trolle funktioniert aber nur, wenn die Zeitungen es zulassen.

Es gibt Zeitungen und Medien, die moderieren kaum oder gar nicht ihre Facebookkommentare. Selbst wenn man sie direkt auf Verfehlungen (direkte Beleidigungen, Morddrohungen) hinweist, passiert oft gar nichts oder erst verspätet. Dann gibt es Zeitungen, die moderieren sehr streng.

Dabei ist dann ein extremer Unterschied zu sehen, Zeitungen die wenig moderieren, erhalten sehr viele Kommentare. Die Kommentarspalten werden, besonders bei sogenannten Kontroversen Themen (Kriminalität, Geflüchtete, Feminismus) von rechten Trollen förmlich überrannt, die dann meistens in unterschiedlichen Variationen die gleiche Nachricht verbreiten. Menschen, die gegen diese rechte Hetze sprechen, werden dann niedergemacht, beleidigt und bedroht, weshalb sich kaum noch ein anständiger Mensch die Mühe macht, bei diesen Zeitungen zu kommentieren. Aber die Zeitungen werden dafür von Facebook mit Reichweite belohnt. Viele Kommentare bedeuten viel Reichweite, bedeuten mehr Klicks auf den Beitrag und so mehr Werbeeinnahmen. Die Zeitungen und Medienbetriebe verdienen also letztlich daran, dass sie ihre Kommentarspalten rechtsextremen Propagandatrollen überlassen.

Im Gegensatz dazu gibt es bei Zeitungen, die vernünftig auf Facebook moderieren und das Einhalten einer Netiquette einfordern, wesentlich weniger Kommentare. Das führt zu geringerer Reichweite, weniger Klicks auf die Website und dadurch auch geringeren Werbeeinnahmen. Anständig sein kostet also Geld und viel Moderationsaufwand (und kostet damit noch mehr Geld).

Dadurch verlieren die Kommentarspalten aber jegliche Nützlichkeit. Die unmoderierten Kommentarspalten bestehen nur noch aus rechter Hetze, die moderierten werden meist so wenig genutzt, dass keine zusätzlichen Informationen zustande kommen. Sich die Kommentare bei sogenannten kontroversen Themen anzuschauen ist sinnlos geworden, außer man ist masochistisch veranlagt.

Unternehmen müssen dazu gebracht werden, ihreKommentarspalten vernünftig zu moderieren

Facebook bietet verschiedenste Funktionen an, um Kommentarspalten zu moderieren und die rechtsextremen Trolle lassen meistens von einer Seite ab, wenn sie merken, dass dort eine vernünftige Moderation stattfindet. Aber leider agieren zu viele Medienunternehmen aus einer falsch verstandenen Meinungsfreiheit heraus und glauben, dass sie rechtsextreme Äußerungen zulassen müssen und dass man sie im Namen der Meinungsfreiheit aushalten müsse.

Aber die Meinungsfreiheit heißt nicht, dass man auf seiner Seite sowas stehen lassen muss. Meinungsfreiheit bedeutet nur, dass der Staat nicht verbieten darf, etwas zu äußern. Regeln und Netiquetten für eigene Seiten müssen nicht der Meinungsfreiheit genügen, sondern den eigenen moralischen Ansprüchen. Wer rechtsextreme Kommentare, Beleidigungen und Drohungen auf seinen Seiten duldet, macht sich mit ihnen gemein! Früher war es gesellschaftlicher Konsens, dass man Nazis keine Plattform gibt. Heute werden sie auf Buchmessen eingeladen.

Es ist ein Wunder, dass Abmahnanwälte noch nicht die Kommentarspalten auf Facebook als Einnahmequelle entdeckt haben. Allein was dort an Beleidigungen stehen bleibt, kann ganze Kanzleien beschäftigen.

Und jetzt haben mich rechtsextreme Trolle so weit gebracht, dass ich Abmahnanwälten ein gutes Geschäft wünsche …

A.B.

18:42 18.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

A.B.

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