Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann
RE: Literaturpreise und Rufmord | 19.10.2019 | 08:55

Ihre Quellen FR, FAZ, taz kommen alle aus der Reihe der Nato-Versteher, die im damaligen Bombardement keine Völkerrechtsverletzung sehen. Wobei die FR der FAZ-Gruppe gehört und sich umfasssend vom Redaktionsnetzwerk Deutschland mit Artikeln versorgen lässt. Dass die FAZ das deutsche Sprachrohr des Kapitals ist, dürfte auch Ihnen bekannt sein. Und die taz dient als Steigbügelhalterin der Grünen, die damals auf ihrem Parteitag, als sie für den ersten Kriegseinsatz nach der Nazi-Zeit stimmten, ihren Abschied vom Pazifismus, den sie mal als Grundpfeiler ihres Selbstverständnisses ansahen, beschlossen. Ich verweise nochmals auf diese Quelle: Keine Gerechtigkeit für Peter Handke. Vielleicht könnten sie diese zur Kenntnis nehmen und danach die FAZ-, taz- und FR-Schreiber die sich auf der Linie von ARD und ZDF bewegen, mit der nötigen kritischen Distanz behandeln. Sollten Sie gestern das 'Literarische Quartett' gesehen haben, werden um den selben Schmonz nicht herumgekommen sein.

RE: Literaturpreise und Rufmord | 18.10.2019 | 08:32

Vielen Dank für die ausführliche Darstellung nebst Quellenverweisen.

Eine aufklärende Dokumentation wurde auch im WDR-Fernsehen gezeigt: "Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg - Es begann mit einer Lüge", die auf YT abrufbar ist.

RE: Literaturpreise und Rufmord | 17.10.2019 | 17:38

Ich würde gerne noch wissen, was diese Darstellung mit der Rezeption zu Handkes Literaturnobelpreis zu tun hat.

RE: Literaturpreise und Rufmord | 16.10.2019 | 16:48

@ C. Juliane Vieregge

Ja, es stimmt, was Sie schreiben. Wenn nahezu alle, die öffentliche Macht haben, also Medien und Politiker, ins selbe Horn blasen, wird man hellhörig. Handkes Nobelpreis wird benutzt, um die damalige Erzählung der Nato für das Führen eines völkerrechtswidrigen Kriegs nochmals zu rechtfertigen. Da soll nichts mehr bleiben von den Hufeneisenplan-Lügen des damaligen Verteidigungsministers oder seinen martialischen Erzählungen über die mordenden Serben. Es soll nichts bleiben vom Auschwitz-Vergleich des Grünen Außenministers für die Situation in Kosovo, um den Pazifismus seiner Partei endgültig zu entsorgen. Es soll indirekt gerechtfertigt werden, dass Deutschland erstmals nach dem 2. Weltkrieg außerhalb der eigenen Staatsgrenzen wieder Bomben warf. Es war der Krieg einer linksliberalen Regierung.

Eine der wenigen kritischen Stimmen aus dem Jahre 2012 sei hier zitiert. Der Text "Keine Gerechtigkeit für Peter Handke" trifft auch heute noch den Kern:

>>Dass der Dichter dabei auch noch die Moral für seine Argumentation in Anspruch nahm, musste auf Kritiker geradezu blasphemisch wirken, denn die Moral war innerhalb der Kriegserzählung ausschließlich Interventionisten vorbehalten: Die NATO führte, so die Befürworter des Angriffes auf Jugoslawien, eine „humanitäre Intervention“ zur Rettung der Albaner im Kosovo durch. Den Krieg als unmoralisch darzustellen, musste damit zum Ausschluss aus der Erzählgemeinschaft führen. Entscheidend war dabei der auf Glauben und Meinung beruhende Konsens unter den großen deutschen und deutschsprachigen Massenmedien. Denn auf der Ebene der Fakten war Handkes Kritik durchaus gerechtfertigt: Menschenrechtsfragen spielten im „Kosovo-Krieg“ nur eine untergeordnete Rolle, das Hauptmotiv war die Wandlung der NATO im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens vom Verteidigungs- zum globalen Interventionsbündnis.<<

RE: Die NATO als Wert(e)gemeinschaft | 15.10.2019 | 16:01

>>Trotzdem lasse ich nicht von dem Gedanken, dass der Primat der Politik bei uns einer der Wähler und Bürger ist. Wenn also heute die NATO so auftritt und damals das Kabinett Schröder/Fischer doppelbödig agierte, unter Merkel vielleicht sogar eine Beteiligung mit den anderen Willigen stattgefunden hätte, liegt das zuerst an der Wahlentscheidung der Bürger der NATO- Länder und nicht an dunklen Kanälen, der Fantasie vom tiefen Staat oder fehlendem Einfluss der Bürger auf die Politik.<<

Als ob die Bürger der Nato-Länder die Wahl ihrer Regierung von Nato-Strategien abhängig machten. Innenpolitische Themen spielen nahezu immer die tragende Rolle im Wahlkampf und natürlich die Personalisierung der Politik, also die Entpolitisierung. Da treffen von den Parteien egagierte gewerbsmäßige Kampagnenmacher aufeinander, die sich gegenseitig die Stimmen abzujagen versuchen. Da werden die parteiischen, propagandistischen Thinktanks in die Medien gehoben, um Sachverhalte "wissenschaftlich" zu untermauern... Wenn das der Primat der Politik sein soll, na dann gute Nacht.

Betrachten wir bspw. den Dieselskandal und die Rolle der zur Kontrolle verpflichteten Behörden, die letztlich den Gewählten nachgeordnet sind, bleibt der tiefe Staat keine Phantasie. Er drängt sich auf. Oder die NSU-Morde...

RE: Wie viel Patriotismus darf’s denn sein? | 14.10.2019 | 19:49

>>Hätte die CDU irgendeinen Programmpunkt, könnte sie auch darauf verzichten, sich auf die Opposition einzuschießen. Aber sie hat keinen.<<

Die CDU ist Programm, nämlich Neoliberalismus pur. Dass die Jung-Unionisten einem Black-Rock-Offizier huldigen, und zwar lautstark und mit Inbrunst, legt die Sache offen. Der nächste Kanzler, die nächste Kanzlerin aus dieser Partei wird diese Denke nicht abstreifen, von Nuancen abgesehen. Außerdem: Die Kapitalvertreter können sich einen Nationalismus, egal in welcher Abstufung, angesichts der Internationalität der Geschäfte und der daraus resultierenden Profitmargen, derzeit nicht leisten. Aber eine verkappte vaterlandsverliebte Partei schon, auch wenn das Mutterland hinten runter fällt.

RE: Gegen Faschismus, Antisemitismus und Wegsehen | 11.10.2019 | 12:31

Henryk M. Broder schreibt in der "Welt" unter der Überschrift

"Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein" u.a.:

>>Dieter Bohlen, einer der meist unterschätzten Denker der Gegenwart, hat mal gesagt: „Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist.” Noch schwieriger ist es, einem Antisemiten klar zu machen, dass er ein Antisemit ist.

Denn wäre er sich dessen bewusst, wäre er kein Antisemit. Und das wiederum unterscheidet einen Diabetiker von einem Antisemiten – der Diabetiker weiß, dass er krank ist. In diesem Sinne ist der Antisemitismus mehr als eine Krankheit, er ist eine Obsession.<<

Wir sehen: Nach Broder gibt überall Antisemiten. Sogar dort, wo man sie nicht vermutet. Sie seien sich dessen selbst nicht bewusst, da sie sonst keine wären. Da ich in Augstein keinen Antisemiten sehe, bin ich selbst einer. Allerdings bin ich mir dessen nicht bewusst.

Broder argumentiert natürlich schlitzohrig, indem der den Antisemitismus zur Obsession macht und damit in den Bereich der Psyche verlagert. Bei allem was man über den mutmaßlichen Attentäter bisher weiß, mag das in dessen Fall zutreffen. Denn im psychologischen Sinn sind Obsessionen Zwangsvorstellungen. Also unabwendbare Eingebungen, von denen jemand ohne eigenes Zutun immer wieder heimgesucht wird. Ergo: Aufklärung nützt nichts. Therapie vielleicht.

RE: Gegen Faschismus, Antisemitismus und Wegsehen | 10.10.2019 | 16:45

>>Dabei müssen wir uns auch eingestehen, dass wir – neben dem Rassismus – auch den Antisemitismus in Deutschland über Jahre unterschätzt haben. Und das obwohl Studien schon längst zeigen, wie verwurzelt diese Form des Menschenhasses in unserer Gesellschaft ist. In seiner traditionellen aber auch in neueren Formen wie dem israel-bezogenen Antisemitismus.<<

Ich wehre mich gegen das WIR! Aber: Wer kann unterscheiden zwischen "isreal-bezogenem Antisemitismus" und der Kritik am politischen Handeln Israels. Es besteht durchaus die Möglichkeit des "isreal-bezogenem Antisemitismus"geziehen zu werden, obwohl die Politik Netanjahus gemeint ist, die man nicht gewillt ist durchzuwinken. Deshalb kritisiere ich die Likud-Partei nicht.

RE: Klimakrise, AfD und das Elend neuer Medien | 06.10.2019 | 18:16

Hier ein Beispiel eines "geschulten Journalisten", der so geschult ist, dass er genau weiß, wie Propaganda funktioniert und einzusetzen ist.

Denn problematisch und widersprüchlich wird es für den Journalismus dann, wenn strittige oder ungeklärte Sachverhalte zu unumstößlichen Fakten erklärt werden. In der Frankfurter Rundschau und mehreren Dutzend weiteren Zeitungen vom 05.01.2019, die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland der Madsack-Gruppe mit Artikeln versorgt werden, ist ein solcher Vorgang nachzulesen.

Zum Thema Cyberattacke auf deutsche Politiker und andere in der Öffentlichkeit stehende Personen war folgende Tatsachenbehauptung über einen früheren Cyberangriff auf das Regierungsnetz zu lesen:

"Damals hatte die russische Hackergruppe 'Fancy Bear' das deutsche Parlament über viele Monate ausspioniert und 16 Gigabyte an Daten erbeutet."

Das Problem dieser Tatsachenbehauptung ist: Niemand hat dies damals abschließend festgestellt bzw. bewiesen. Ein Gerichtsurteil gibt es schon gar nicht. Es gab Vermutungen, die von Politikern und Medienleuten mit Verweis auf "Hinweise von Sicherheitsexperten" in die Öffentlichkeit getragen wurden. Der Verfassungsschutz unter dem damaligen Chef Maaßen sah "Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung". Das ist alles nicht sehr überzeugend, nicht so stichhaltig, als dass daraus eine Gewissheit hergeleitet und in einem Artikel als Tatsache behandelt werden könnte.

Die Bundestagsfraktion der Linken hatte wegen des vermeintlichen russischen Hackerangriffs eine Kleine Anfrage eingebracht. Die Bundesregierung beantwortete in der Drucksache 18/11106 vom 8. Februar 2017 viele Teilfragen im Zusammenhang mit den angeblichen russischen Cyberattacken nicht und begründete dies mit dem "Staatswohl". Denn durch die Veröffentlichung der gewonnenen Erkenntnisse würde "die Funktionsfähigkeit der Sicherheitsbehörden beeinträchtigt". Dazu schreibt die Linksfraktion im selben Papier: "Die Antworten der Bundesregierung auf die Kleinen Anfragen der Fraktion Die Linke zeigen, dass die bislang vorgetragenen Vorwürfe zu angeblichen Cyberangriffen der russischen Regierung einer Überprüfung nicht standhalten…".

Wer macht sich als Alltagsleser schon die Mühe, bzw. kann sich der Mühe unterziehen, die Fakten der "geschulten Journalisten" zu überprüfen? Der allergrößte Teil der Leserschaft jedenfalls nicht.

RE: Klimakrise, AfD und das Elend neuer Medien | 06.10.2019 | 08:31

>>Kontrolle ist wichtig. Nicht auf inhaltlicher Ebene – hier liegt der wichtige Unterschied zwischen öffentlichen Medien und Staatsmedien – aber doch hinsichtlich Aspekten wie Wahrheit und Verantwortlichkeit. Eine Zeitung, einen bekannten Journalisten kann man für Lügen und Falschinformationen zur Rechenschaft ziehen, weil der Urheber bekannt ist.<<

So, so. Nicht jeder ist Relotius. Was ist Lügen? Das läuft subtiler und hat mit dem großen Begriff Wahrheit nichts zu tun. Es geht um Interessen. Wer beispielsweise ein Detail weglässt, gilt üblicherweise nicht als "Lügner". Nein, er hat es als nicht relevant empfunden, hat aber nuanciert und der "Wahrheit" einen Drall gegeben. Ihr Schwarz-Weiß-Denken, da die Guten, weil sie zur Rechenschaft gezogen werden könnten, dort die Bösen, weil sie anonymisiert im Netz unterwegs sind, ist idealisierter Schrott: Mainstream eben.