Diese Freiheit ist geschenkt

Kopftuch Das Kopftuch schenke Freiheit, behauptete eine Bloggerin und erntete mehr als 500 Diskussionsbeiträge. Doch es ist der Gehorsam, der zur Freiheit umgedeutet wird.
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Ein Kopftuch könne Freiheit schenken, behauptete eine muslimische Bloggerin. Diese Freiheit bedeute für sie, von den gierigen Blicken der Männer verschont zu bleiben. Nicht nach ihrer körperlichen Oberfläche, sondern nach ihrer Persönlichkeit und ihrem Charakter wolle sie beurteilt werden. Mit dem Kopftuch könne sie ihre weiblichen Reize verdecken und sich "automatisch von dieser oberflächlichen Sichtweise" distanzieren. Würde sie als Kopftuchträgerin angesprochen, könne sie sicher sein, akzeptiert zu werden. Schließlich gipfelt ihre Sichtweise in der Feststellung: "Ich bin stolz auf meine Religion und dass ich sie ausleben kann."

Das sei ihr unbenommen, auch wenn sie die Freiheit, die sie meint, ausschließlich von den Männern bedroht sieht, die nur das Eine wollten. Vielleicht hat sie recht, denn in den meisten islamischen Staaten wird das gedeihliche oder nichtersprießliche sexuelle Treiben nach der Scharia beurteilt. Das bedeutet, wenn letzteres eingetreten sein sollte:

"Für das weibliche Opfer gibt es nur zwei Möglichkeiten, um den Täter zur Rechenschaft zu ziehen: Entweder der Täter legt ein Geständnis ab oder die Frau muss das Verbrechen beweisen, indem sie vier männliche Zeugen benennt. Abgesehen davon, dass die Beweislast beim Opfer liegt, ist es für Frauen damit faktisch unmöglich, die Tat nachzuweisen." (taz, 23.07.13)

Das spiegelt sich auch im Gesetz wider, das der afghanische Präsident Hamid Karsai 2009 unterzeichnete. Dort wird die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu Ungunsten der Frau zementiert. In Artikel 132 heißt es: Solange die Frau nicht krank sei, "ist sie zu einer positiven Antwort auf seine sexuelle Begierde verpflichtet". Und in Artikel 133 wurde festgeschrieben, dass die Frau nicht ohne Erlaubnis das Haus verlassen dürfe. Der UN-Entwicklungsfond für Frauen bewertete dieses Gesetz als Legalisierung der Vergewaltigung der Ehefrau durch den Ehemann.

Aus diesem kulturellen Hintergrund ergibt sich eine andere Sicht auf die Ausführungen der Bloggerin. Die gesellschaftliche Stellung des islamischen Mannes unterscheidet sich von der westlicher kapitalistischer Staaten. Seine Verfügbarkeit über die Frau ist offensichtlich. Von Gleichstellung der Geschlechter kann keine Rede sein. Frauenbeauftragte, die die beruflichen Rechte der Frauen schützen, wird man in islamisch geprägten Kulturen eher nicht finden. Auch gesetzliche Niederlegungen, die formal die Gleichberechtigung apostrophieren, wird man vergeblich suchen, auch wenn einige Koran-Exegeten, wie im Netz schnell zu finden, etwas verquer Gleichwertigkeit behaupten, wie das Islamische Zentrum München:

"Mann und Frau sind vor Gott einander ebenbürtig und gleichwertig. (…) Dem Mann obliegt es, die Familie zu versorgen (Koran 4:34). Er ist vor Gott verantwortlich für das Wohlergehen seiner Familie. Eine Familie braucht Führung, so wie es auch in jedem Team jemanden geben muß, der letztendlich Entscheidungen fällt."

Da die Familie die Mannesführung braucht, ist die Gattin eingeschlossen. Nicht zufällig haben die männlichen Nachkommen in frühen Jahren schon mehr Rechte als ihre Mütter. Erklärt wird diese besondere Gleichheit mit dem Willen Allahs: Gott habe "Mann und Frau bestimmte Rechte und Pflichten zugewiesen, die ihrer jeweiligen Natur gerecht werden. Wenn sie sich jedoch von ihrer Natur entfernen, kommt dies einer Gleichmachung nahe" (Islamisches Zentrum München). Da Allah die Natur von Mann und Frau festgelegt hat, ist diese Evidenz für einen Gläubigen nicht mehr hinterfragbar.

Weshalb schenkt das Kopftuch der Bloggerin nun Freiheit? Warum fühlt sie sich innerhalb dieses Zwanges frei? Arno Gruen, der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker gibt darauf eine Antwort: Der Gehorsam, die Unterwerfung unter den Willen eines anderen, ist für ihn das zentrale Moment. Es seien die in einer Gesellschaft fest verankerten Konventionen, die zu reflexartigem Gehorsam veranlassten. Dazu zähle auch die Treue, die den Gehorsam bedinge. Die eigenen moralischen Rechtfertigungen ("Mein Kopftuch bewahrt mich davor, leichtsinnige Fehler zu begehen.") träfen wir immer dort, wo Menschen ihrem Unterdrücker beigetreten seien. Der Wert des eigenen Selbst, in dem sich auch die Bedürfnisse manifestieren, werde zum Unwert erklärt, während er Unwert des Unterdrückers zum Wert verklärt werde.

Diese von der Autorin als leichtsinnige Fehler bezeichneten menschlichen Bedürfnisse sind es, die vom symbolischen Kopftuch, dem Über-Ich, bewacht werden. Die Verführung warte an jeder Ecke, schreibt sie. Indem sie ihr Kopftuch trage, werde sie daran erinnert, was sie glaube und an was sie festhalte: "Es beinhaltet also die Doppelfunktion des Schutzes nach außen und vor meinem eigenen Es."Sie verbannt ihre eigenes Begehren, das sie an eine männlich geprägte Instanz abgetreten hat. Das ist ihre Freiheit, die sie meint: die Unterwerfung unter den Willen einer Männergesellschaft, weil diese die Macht über sie hat.


Arno Gruen: Wider den Gehorsam, Klett-Cotta, 2015

20:00 04.01.2016
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Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

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