Journalisten prophezeien und charakterisieren

Pressewesen Manche Journalisten arbeiten mit billigen Prophezeiungen und Charakterisierungen. Insbesondere dann, wenn das Objekt der Verurteilung links aus dem Mainstream fällt
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Auch renommierte politische Journalisten sind fehlbar, sind getrieben von ihrer ideologischen Denkweise. Oder sie verstehen sich als Auftragsschreiber und formulieren so, wie die Verleger es wünschen. Egal wie's ist: die Wirkung ist die selbe. Für die Rezipienten ist es müßig, darüber zu grübeln.

Zu beobachten ist, aufgezeigt an zwei von mehreren Beispielen, dass Journalisten nicht zwangsläufig faktenbasiert denken, nein, sie geben ihrem Wunschdenken freien Lauf, ohne um ihr Renommee fürchten zu müssen. Ihre berufliche Qualifikation verschafft ihnen Autorität in der Sache und gibt ihnen Kompetenz.

Der England-Korrespondent Sebastian Borger ist ein Fall, bei dem sich lohnt, mal nachzusehen. Er liefert Texte für diverse deutschsprachige Zeitungen in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Darunter sind die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau, der österreichische Standard oder die schweizer Luzerner Zeitung, um einige zu nennen. Früher schrieb er für Financial Times Deutschland und Cicero.

Die Berichterstattung über den britischen Labour-Chef Corbyn, der nahezu die gesamte englische Presse gegen sich hatte, spiegelt sich in der deutschsprachigen Zunft wider. Für den Korrespondenten Sebastian Borger ist der englische Sozialdemokrat ein Unmensch, ja, so deutlich muss man das wohl sagen, denn er kippte vor der Wahl verbale Kübel über den Politiker aus, die bei der deutschsprachigen Leserschaft eindeutige Assoziationen auslösen sollten. Niemand sollte auf den Gedanken verfallen, dass ein echter Sozialdemokrat wie Corbyn in Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit charakterlicher Stärke und sozialem Engagement ohne quer im Kopf zu sein, Realpolitik vertreten könne.

Das "Hinterbänklertum", das Borger ihm vor der Wahl anheftete, sollte ihn zur kleinen Nummer machen. Der Verweis auf sein "Pensionistenalter", dass er zu gebrechlich für den Job sei. Das Prädikat "Sektierertum" sollte eine Verschrobenheit assoziieren. Borger spricht ihm den Willen und die Fähigkeit zur "staatspolitischen Verantwortung" ab. Er suggeriert damit, sie könne nur von jemand praktiziert werden, der im Mainstream des Neoliberalismus agiert. Borger wirft dem Labour-Vorsitzenden vor, in seinem Amt zu verharren, obwohl vier Fünftel seiner Fraktion den Rücktritt forderte, um der Leserschaft zu zeigen, dass man es mit einem Sturkopf zu tun habe. Nicht genug: "Inkompetenz" umgebe Corbyn und sein Team. Deshalb sei er "unwählbar". Ganz auf die Person fixiert nennt er ihn den "unfähigen Vorsitzenden Jeremy Corbyn."

Auf der selben Ebene agiert der Redakteur der Berliner Morgenpost, Sebastian Geisler, der seine Ausbildung an der Axel-Springer-Akademie erhalten hat. Er schrieb für Die Welt, Die Zeit und berichtete für das ZDF: "Labours einzige Chance – Corbyn muss weg! Sofort!" titelte er auf Salonkolumnisten im April dieses Jahres. Man muss lächeln, dass ein geachteter Journalist solchen Dünnpfiff von sich geben kann: "Jeremy Corbyn zeigt sich im selben Maße politisch unfähig wie Theresa May strategisch genial." Mehr daneben liegen kann man nicht. Es ist vermutlich damit zu erklären, dass der politische Starrsinn des Mainstreamers in die Zeilen rutschte. Ist das Journalismus oder ist es Stimmungsmache? Eher das Letztere, da Geisler die Parallelen eines von ihm phantasierten und vorurteilsgeladenen Berufsbilds bemüht, um Corbyns vermeintlichen Charakter zum Vorschein zu bringen. Oft wirke er "wie ein kraftloser Erdkunde-Lehrer, der sich mit Ach und Krach zur Frühpensionierung schleppt". "Eitelkeit" sei die Ursache, dass er an seinem Amt klebe.

Ungefragt und oberlehrerhaft erteilt Geisler Ratschläge an die englische Sozialdemokratie, um zu zeigen, dass er schlauer ist als die linke Parteibasis. Der "unideologische Pragmatiker" und Londoner Bürgermeister solle statt des amtierenden Parteivorsitzenden in den Sattel gesetzt werden, da er "als Spitzenkandidat praktisch im Schlaf mehr Stimmen holen dürfte als Corbyn." Es sei offenkundig, dass Labour unter seiner Führung keine Chance habe, gegen die Torys einen Stich zu machen. Diese nicht vorhandene Demut vor Prophezeiungen, die so oft in die Hose gehen, lässt eher auf einen Besserwisser schließen statt auf einen Journalisten. Das scheint Geisler nicht zu jucken, denn er blickt noch tiefer in die Glaskugel: "Dass Corbyn nicht mehr lange Labour-Chef bleiben wird, gilt als geradezu logisch. Seiner Partei täte es gut, wenn er das erkennen würde, bevor sie am 8. Juni eine historische Niederlage einfährt – und damit den Brexit für eine gestärkte Premierministerin Theresa May zur legitimen und historisch zwingenden Aufgabe macht."

Festzuhalten bleibt: Beide schreiben nicht für die englische Wählerschaft, sondern für die deutschsprachige, die auf die innere britische Politik keinen Einfluss hat. Sie gerieren sich als Vordenker und Weissager. Sie wollen ihre Leser lenken und heben mahnend den Zeigefinger, bloß keine Kritik am Neoliberalismus aufkommen zu lassen. Sie desavouieren dessen Kritiker auf der persönlichen Ebene, um deren gedanklichen Ansätze von vorneherein zu diskreditieren. - Oder: Sie arbeiten täglich daran, ihren Arbeitsplatz behalten.

Sebastian Borger:

Zu effizienter Führung ist der Linksradikale im Pensionistenalter nach 32 Jahren Hinterbänklertum aber nicht fähig. Obwohl ihm 80 Prozent der Unterhausfraktion die Gefolgschaft verweigern, tritt Corbyn nicht zurück. (…) Linkes Sektierertum triumphiert über staatspolitische Verantwortung: Die Briten werden das nicht vergessen. (Jul. 2016)

Corbyn und sein Team aber machen Labour durch ihre Inkompetenz unwählbar. (Feb. 2017)

Die Konservative hat für Neuwahlen nur einen einzigen Grund: Ihre Partei liegt in den Umfragen um mehr als 20 Prozent vor der zerstrittenen Labour-Opposition unter dem unfähigen Vorsitzenden Jeremy Corbyn. (Apr. 2017)

17:09 12.06.2017
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Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

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