Schreibschrift - überflüssig wie ein Kropf?

Schrifterwerb Ein Kampf um die Schreibschrift ist entbrannt. Die traditionelle Form der verbundenen Schriftzeichen sei überflüssig. Andere sehen darin einen Zerfall der Kultur.
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Jetzt, da jüngst in den Zeitungen und Magazinen zu lesen war, dass die Finnen, die PISA-Anführer, die Schreibschrift in den Schulen nicht mehr lehren wollen, ist mir klar geworden, dass ich selbst mit der Hand so gut wie nichts mehr aufs Papier bringe. Papier als Transportmittel mit handgeschriebenen Informationen, wann nutze ich das? Nicht mal mein Einkaufszettel für den Supermarkt ist handverfasst. Dort stehen die potenziellen Waren entsprechend der Struktur des Marktes, erstellt am Computer und mehrfach ausgedruckt. Ich setze zu Hause nur noch Kreuzchen. Damit, so meine Erfahrung, reduziert sich das Vergessen bestimmter Erzeugnisse, die ich häufiger verwende. Manchmal, wenn ich etwas außerhalb der Reihe benötige, schreibe ich mit einem Kugelschreiber das Produkt in eine Ecke des DIN-A-4-Blattes. Das reicht.

Nein, handschriftliche Texte verfasse ich keine mehr. Einen Brief an eine Freundin oder einen Freund zu schicken, der auf einem blauen oder rosa Briefbogen mit einem Füller niedergeschrieben worden ist, kommt für mich nicht mehr in Frage. Das Entziffern meiner Handschrift, die nicht mehr in täglich geschulter Feinmotorik ihre gute Lesbarkeit erhalten hätte, möchte ich niemanden zumuten. Auch ich möchte nicht drei, vier Versuche unternehmen müssen, ein Wort zu entziffern, nur weil derjenige, der es niedergeschrieben hat, meint, seine charakterlichen Stärken in seiner Handschreibweise zum Ausdruck bringen zu müssen. Wörter, die ich optisch schnell erfassen kann und nicht an der individuellen Art, Buchstaben zu schreiben, die Rätsel aufgeben und den Leseprozess stoppen, ziehe ich vor.

Die Finnen haben das Problem erkannt und wollen ab dem Herbst 2016 eine vereinfachte Schrift an ihren Schulen lehren, die nur aus Druckbuchstaben besteht. Warum die Kinder mit einer komplexeren verbundenen Schreibschrift quälen, wenn sowieso nahezu alles schriftlich Verfasste über Tatstaturen erfolgt, die vom Computer oder dem Handy in perfekt lesbare Schriftzeichen umgewandelt und sofort in alle Welt versendet werden kann. In Deutschland wird vom Grundschulverband, der wohl größte, in dem sich Grundschullehrerinnen und -lehrer organisieren können, die finnische Schreibpädagogik seit längerem gefordert. Er verlangt die Einführung der Grundschrift, die aus handgeschriebenen Groß- und Kleinbuchstaben im Druckschriftformat besteht. Eine verbundene Schreibschrift sei unnötig.

http://www.hna.de/bilder/2011/01/18/1086036/112755283-ebv002628.9.jpgDie Kinder, so der Grundschulverband, hätten in Klasse 1 ihre Schreibkompetenz entwickelt und schrieben bereits Wörter, kleine Texte oder Briefe in Druckschrift. Statt sich an Schriften der realen Lebenswelt zu orientieren, würden sie im Anschluss mit einer der speziell für die Schule entwickelten Schreibschriften konfrontiert. Eine zweite Ausgangsschrift zu lehren, sei nicht nur überflüssig, sondern auch ein Bruch und ein Umweg in der Schriftentwicklung.

Dagegen laufen Bildungspolitiker, die sich dazu berufen fühlen, Sturm, wie etwa die amtierende KMK-Chefin Brunhild Kurth (CDU), die unbedingt an der verbundenen Handschrift festhalten möchte. Diese könne man "nicht einfach löschen, man muss gut überlegen, bevor man schreibt. Damit wird das strukturierte Denken gefördert." Das scheint doch ein sehr einfach strukturiertes Argument zu sein, da man immer überlegen sollte, bevor man etwas niederschreibt, egal mit welchem Aufwand das Ausradieren eines schlechten Begriffes oder nicht passenden Satzteiles erfolgen muss. Und außerdem geht es den Reformern nicht darum, das handschriftliche Texten abzuschaffen, sondern nur die kompliziertere verbundene Handschrift vom Lehrplan zu nehmen.

Auch Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, verteidigt die verbundene Schreibschrift: "Nicht alles, was Finnland macht, muss richtig sein." Diese Aussage ist in ihrer Generalität sicher stimmig, auf den konkreten Fall bezogen jedoch eher schlecht begründet. Ich bin sicher, dass in den Ministerien von Frau Kurth und Frau Wanka handschriftlich verfasste Texte nicht geduldet würden. Auch potenzielle Adressaten, wie Journalisten, die eine ministerielle Presseerklärung in Handschrift vorgelegt bekämen, wären sicher irritiert ob der formalen Darstellung von Regierungsgedanken.

Wenn Deutschen etwas nicht passt, wie etwa die Diskussion um die Abschaffung der verbundenen Schreibschrift, schließen sie sich in einer Rechtsform zusammen, um sich ein Forum zu verschaffen. Am schnellsten geht das mit der Gründung eines Vereins. Den gibt es. Er nennt sich Allianz für die Handschrift und hat seinen Sitz in München: "Wir wollen in der gegenwärtigen Debatte um die Frage, ob in der Schule noch eine 'echte Schreibschrift' verpflichtend unterrichtet werden sollte, unsere Stimme für die Schreibschrift erheben." Das dürfen sie, das sollen sie. Schließlich verteidigen sie ein Kulturgut, das vom Aussterben bedroht und wahrscheinlich nicht mehr zu retten ist.

Aber welche gewichtigen Gründe führt die Allianz an, dass Kinder neben der von Hand geschriebenen Druckschrift, die mit der Zeit in eine individuelle meist lose Verbundschrift übergeht, zusätzlich die traditionelle Handschrift erlernen? Und wie ist es in meinem Fall, der seine Handschrift gar nicht mehr nutzt, der, hätte er nur Druckbuchstaben schreiben gelernt, seit Jahren keine Einschränkungen in seinen Mitteilungskompetenzen hätte hinnehmen müssen? Dazu lese ich etwa: "Privatem Schreiben, das der Selbstvergewisserung und Selbstverständigung und der intimen Mitteilung dient, in allen Lebensumständen mit lediglich Stift und Papier möglich ist und nicht digital ausgespäht werden kann, wird die Grundlage entzogen." Aber weshalb braucht man zur Selbstvergewisserung und Selbstverständigung die traditionelle Handschrift? Geht das heutzutage nicht ohne? Wir leben doch nicht mehr in der Zeit, in der Hedwig Courths-Mahler ihre Romanhelden und -heldinnen in allerlei Intrigen kämpfen, um am Schluss nach selbstvergewissernden Briefwechseln in Liebe und Reichtum zueinander finden ließ.

Mich überzeugt auch nicht das Argument, dass die individuelle Handschrift "als alltägliche Möglichkeit ästhetischer Praxis für alle Schreibenden verloren" ginge. Einfach deshalb, weil meine auf dem Küchentisch hinterlassenen Mitteilungen, geschrieben auf einem Papierschnipsel, dass ich kurz weg sei oder dass ein Anruf erwartet würde, niemals schriftästhetische Übungen beinhalten würden. Wichtiger ist mir, dass die Empfänger der Botschaft diese lesen können. Zwischen Sender und Empfänger lauern viele Kommunikationsstörungen. Warum sollten wir sie schon in der Form aufscheinen lassen, wenn wir über Zeichen und technische Errungenschaften verfügen, die diese von vorneherein minimieren!?

Bildquelle

14:00 13.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

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