Wenn ein Theologe im Freitag schreibt...

Titelgeschichte Wenn der Freitag mit dem Titel "Freiheit, die wir meinen" aufmacht, ahnt man seit dem präsidialen Ruf, welcher Profession der Verfasser nachgehen muss. Er ist Theologe.
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Richard Schröder kann, wie sein Bruder im Glauben, nicht anders als theologische Ausrufezeichen setzen, wenn er vom Freitag darauf angesetzt wird, Islam-Kritik zurückzuweisen. So ergreift er Partei für seine religiös geprägten Mitbürgerinnen und Mitbürger, denn "den Islam" als solchen gebe es nicht. Deshalb könne man nicht pauschalierend gegen ihn argumentieren und als grundgesetzwidrig eingestufen. Schröder spricht sich nicht gegen eine Vollverschleierung aus, weil die praktische Bedeutung des Verbots "gegen Null" tendiere. Ob dies die betroffenen Frauen ebenso sehen, muss offen bleiben. Vorschlägen, dass in Moscheen nur in deutscher Sprache gepredigt werden dürfe, erteilt er eine Absage, denn über die Gottesdienstsprache "entscheiden allein die Religionsgemeinschaften".

Und schon hat er die Brücke gefunden, über die er eigentlich gehen möchte. Man merkt seinem Text an, dass er danach eifert, theologisches Leben in der Gesellschaft eindeutiger zu verankern. Seiner Denkweise ist wohl geschuldet, dass er Fakten, die die christliche Kirche betreffen, zu Halbwahrheiten umdeutet. Halbwahrheiten, die schon Jahrzehnte wiederholt und mit dem moralischen Impetus des Theologen vorgetragen, zur gesellschaftlichen Wahrheit geworden sind, etwa wenn er behauptet, der Staat baue keine Kirchen. Ja, er baut augenscheinlich keine Kirchen, doch er gibt eine Menge Geld, um Kirchenbauten zu unterhalten. So verlautbart bspw. die oberbayrische Regierung: "Unter staatlicher Baupflicht … ist die Verpflichtung des Staates zur Unterhaltung von Kirchen, Pfarrhäusern und anderer kirchlicher Gebäude zu verstehen. … Insgesamt gibt es in Bayern rund 1.800 kirchliche Gebäude, für die eine staatliche Baupflicht besteht. Gut die Hälfte dieser Gebäude entfallen auf die katholische Kirche, etwas weniger als die Hälfte auf die evangelische Kirche." Wer noch, außer die Kirchen, kann sich auf ein solches immerwährendes Goody berufen?

Gerne wird von Kirchenseite erwähnt, dass der Staat die Kirchensteuer für die Kirchen zwar einziehe, diese delegierte Aufgabe jedoch von den Auftraggeberinnen beglichen werden würde. Richard Schröder formuliert dies so: "Nicht der Staat, sondern die Kirchen erheben Kirchensteuern – obwohl der Staat sie per Amtshilfe und gegen Kostenerstattung einzieht." Wenn diese Aussage stimmen würde, dürften dem Steuerzahler keine Kosten entstehen. Die Wirklichkeit sieht für den Nichtchristen anders aus. Er muss nämlich drauflegen, und zwar eine ganze Menge. Die Kirchen erstatten nur einen Bruchteil der Einzugskosten. Der Kirchenfinanzexperte Frerk sagt: "Durch die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer von der Einkommenssteuer als Sonderausgabe verzichten Bund und Länder auf rund 3 Mrd. Euro Steuereinnahmen pro Jahr. Durch das staatliche Inkasso der Kirchensteuer, statt eigener Kirchensteuerämter, haben die Kirchen eine Kostenersparnis von rund 1,7 Mrd. Euro. Die Abführung der Kirchenlohnsteuer durch die Arbeitgeber sind weitere 300 Mio. Euro kostenlose geldwerte Leistungen zugunsten der Kirchen." Auf solche Einwände brauchen die Kirchenfunktionäre und deren Zuarbeiter heute gar nicht mehr eingehen, weil ihre Wahrheit zur Kirchensteuer deutsches Allgemeingut geworden ist.

Immerhin gesteht der Autor zu, dass die Ausbildung von Pfarrern und Religionslehrern an staatlichen Hochschulen den Kirchen Ausbildungskosten erspart. Für ihn ist das natürlich kein staatliches Almosen, letztlich liefere man am Ende des Studiums als Gegenleistung "Religionsbeamte", die "Schutz vor Fanatismus und Fundamentalismus" böten. Das ist einerseits eine Frage der Interpretation, schließlich tauchen in beiden christlichen Kirchen immer wieder Theologen auf, die durchaus als fanatisch und fundamentalistisch kategorisiert werden können, andererseits eine Frage des Zeitgeists, denn in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wäre dieses Argument mindestens belächelt worden. Letztlich also ein Scheinargument. Es passt einfach zum politischen Augenblick der Zeitgeschichte.

Wenn der Autor von "Ausbildungskosten" schreibt, ist dies natürlich ein innerkirchlich gebrauchter Euphemismus, der auch gerne nach außen getragen wird. Schließlich werden ganze Fakultäten unterhalten, werden Professoren und Mitarbeiter staatlich finanziert, die Räumlichkeiten, Bibliotheksabteilungen, also alles, was einen Fachbereich ausmacht. Ob es sich bei Theologie überhaupt um eine Wissenschaft handelt, ist eine andauernde Frage nicht nur im Hochschulbereich. Die soll aber jetzt nicht weiter erörtert werden. Doch neidisch könnten die anderen Fakultäten schon sein, denn über dergleichen personale wie materielle Ausstattung verfügen sie nicht. Im Wintersemester 2006/07 betrug die durchschnittliche Relation Studierende/Professor 53:1, so Frerk. In Wirtschaftswissenschaften 70:1, in Informatik 63:1. Die evangelische Theologie stellte für 24 Studierende einen Professor, die katholische für 23 Studierende. Das ist kein Zufall, das ist Vertrag. Auch wenn die Zahl der Theologiestudenten sinkt, bedeutet dies nicht, dass in gleichem Maße Überkapazitäten abgebaut würden.

Vollends daneben liegt Schröder, wenn er behauptet: "Die Gleichstellung muslimischer Glaubensgemeinschaften mit den großem Kirchen scheitert bisher daran, dass der Staat auf Seiten des Islam keine analogen Ansprechpartner findet. Die Muslime hierzulande sind bis heute außer Stande, Ansprechpartner zu organisieren mit denen Staatsverträge geschlossen werden können." Hamburg und Bremen haben schon vor mehr als drei Jahren solche Verträge geschlossen, und mit Niedersachsen soll in diesem Sommer das dritte Bundesland folgen. Im Frühjahr 2015 berichtete der Deutschlandfunk unter dem Titel: "Zwei Jahre Staatsvertrag mit den islamischen Religionsgemeinschaften". Der Vorsitzende des islamischen Dachverbandes wünsche sich laut DLF "dringend eine Anschubfinanzierung vom Land Bremen." Beim Blick auf die pekuniären Privilegien der christlichen Glaubensorganisation ist dieses Ansinnen wenig überraschend.

Dass jemand wie Schröder auf der Titelseite des Freitag erscheint, ist im Moment noch überraschend. Schließlich wurde ihm schon 2011 von Telepolis attestiert, er habe intellektuellen Selbstmord begangen als er sich gegen die Wissenschaft theologisch positionierte und sich - stellvertretend - insbesondere mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins in dem Taschenbuch "Abschaffung der Religion?" anlegte. Schröders Buch sei "ungeheuer instruktiv dafür, wie groß der Realitätsverlust werden kann, wenn das Denken nicht an kritische Rationalität und empirisch gewonnene Fakten gebunden ist." Er maße sich fröhlich ein Urteil nach dem anderen über Dinge an, von denen er zwar augenscheinlich keine Ahnung, aber immerhin eine Meinung habe. Liest man den Schröder-Artikel im Freitag, mag man dem Kritiker Peter Monnerjahn eigentlich nicht widersprechen.

Literatur: Violettbuch Kirchenfinanzen, Carsten Frerk, 2010

21:57 06.05.2016
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Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

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