Wie Zahlen in der Politik missbraucht werden

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Spanische Demonstration gegen Abtreibung war eher bedeutungslos

Rainer Spiegel vom ARD-Hörfunkstudio in Madrid berichtete: „Es war eine der größten Demonstrationen der spanischen Geschichte: Bis zu 1,5 Millionen Menschen protestierten in Madrid gegen die Lockerung des Abtreibungsrechts.“

In Spiegel-Online ist zu lesen:Nach Schätzungen der Organisatoren und der Regierung zogen zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Demonstranten unter dem Motto "Jedes Leben zählt" durch die Straßen der spanischen Hauptstadt, um gegen die von der sozialistischen Regierung beabsichtigte Reform mobil zu machen.“ (Spiegel-Online beruft sich auf ore/AFP/AP/dpa)

Diese Zahl ist bei den Konsumenten der Nachrichtensendungen und den Lesern der Zeitungen hängen geblieben. Diese Zahl wird weitertransportiert. Sie wird zum Mittel der politischen Meinungsbildung. Die 1,5-Millionen-Angabe ist die der Organisatoren des Protestes, der konservativen Opposition und der katholischen Kirche. Dass die spanische Regierung diese Zahl übernommen hätte, behauptet der Spiegel.

In den von den Presse-Agenturen verbreiteten Berichten werden wir übereinstimmend darüber informiert, dass die Protestierenden mit über 500 Bussen und in Sonderzügen aus ganz Spanien angereist seien. Das klingt nach viel, das klingt nach Massen. Überlegt man jedoch, dass in einem Reisebus 60 Personen oder weniger Platz haben, so kommt man auf eine Gesamtzahl von 30.000 Busreisenden. Diese zwei Prozent von angeblichen 1,5 Millionen Demonstrierenden ist eher eine zu vernachlässigende Größe. Sie hat gar nichts von dem, das Überwältigendes beschreibt.

So ist nicht überraschend, dass die Zahlen, die über das Wochenende in die Welt gesetzt wurden, falsch sind. Man könnte auch sagen: gefälscht sind. Die Frankfurter Rundschau berichtet nun, dass ein spanisches Unternehmen sich auf die Zählung von Demonstranten spezialisiert hätte. Mit einem Zeppelin würden Demonstrationen überflogen. Hochauflösende Kameras könnten die Köpfe aufnehmen. Ein Computerprogramm zähle die Köpfe mit einer maximalen Abweichung von plus/minus 15 Prozent.

Das Resultat des Unternehmens:

55.316 Demonstranten, höchstens jedoch 63.613.

Dass die Veranstalter die Demonstrantenzahl nach oben schrauben, ist politisch nachvollziehbar. Dass die Presseagenturen diese Zahl übernehmen und an die Medien, die sie ungeprüft publizieren, verkaufen, ist bedenklich.

09:43 20.10.2009
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Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

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