achtung berlin
03.04.2014 | 20:19

"Den Hype in Cannes brauche ich nicht"

Interview Isabell Šuba, Regisseurin des achtung berlin-Eröffnungsfilms "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste", über das Festival Cannes und männlich dominierte Buddy-Movies

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied achtung berlin

"Den Hype in Cannes brauche ich nicht"

"Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" eröffnet in diesem Jahr den achtung berlin - new berlin film award. Regisseurin Isabell Šuba ließ sich bei einer Einladung zum Filmfestival in Cannes auf ein amüsantes Versteckspiel ein: Sie trat ihre Identität an die Schauspielerin Anne Haug ab, begleitete diese selbst als „Praktikantin“ und drehte direkt vor Ort einen Spielfilm über den „Männerclub“ Filmbranche. Unserem Autor Tim Lindemann stand sie Rede und Antwort.

Wie war es, dich selbst zu casten? Also eine Schauspielerin zu finden, die dich spielt?
Ich habe gar nicht in der Form darüber nachgedacht. Ich habe nicht überlegt: ″Wer kann mich am besten vertreten?″, sondern ″Welche Schauspielerin ist so gut, dass sie vor Ort spontan und schlagfertig reagieren kann?″ Sie musste so schnell sein, dass sie sich gut gegen Matthias durchsetzen konnte, der einfach ein super guter und schlagfertiger Spieler ist. Dafür brauchte ich ein Gegengewicht: Eine Frau, die in dieser Situation nicht sofort in die Opferrolle verfällt. Da habe ich direkt an Anne Haug gedacht, mit der ich auch schon vorher zusammen gearbeitet habe. Es ist witzig: Im Nachhinein sagen jetzt alle, dass wir uns so ähnlich sehen – das muss allerdings unterbewusst passiert sein. Ich hatte allerdings von Anfang an überlegt eine blonde Frau zu besetzen – einerseits als optischen Gegensatz zu Matthias, andererseits um mit typischen, heterosexuellen Paar-Klischees zu spielen.

Es geht immer wieder um Buddy-Movies in deinem Film. Hast du dich an diesem Genre-Konzept orientiert?
Ich hatte so ein bisschen die Screwball-Komödien aus Hollywood im Kopf, mit diesen ultraschnellen Dialogen, in denen jeder das letzte Wort haben will. Da ist es meist so, dass Mann und Frau sich den ganzen Film über wie Hund und Katz verhalten, nur um dann am Happy End miteinander zu schlafen. Das habe ich in diesem Fall damit verkompliziert, dass die Hauptfigur homosexuell ist. Außerdem habe ich mich an Woody Allen orientiert: Die schnellen Dialoge, das Spiel mit Männer- und Frauen-Klischees... Dadurch entstand dann automatisch die Idee eines Buddy-Movies. Die gibt es normalerweise nämlich nicht mit Mann und Frau. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, existieren Buddy-Movies nur mit und für Männer. Deswegen fand ich es lustig, das auf die beiden zu beziehen.

Wie hat sich die Filmerfahrung mit deinem Privatleben vermischt? Fiel es dir manchmal schwer, distanziert zu bleiben?
Als mein Film in Cannes gezeigt wurde und Anne Haug danach als Isabell Suba vor gut 800 Leuten auf die Bühne gegangen ist, war das schon ein wirklich krasses Gefühl. Da gab es natürlich einen kurzen wehmütigen Moment. Als dann aber alles im Kasten war, ist mir auch wieder bewusst geworden, dass das alles bloß Schall und Rauch ist. Letztlich interessiert es niemanden, ob ich dort wirklich auf der Bühne stand. Ich habe mich dann ein bisschen so gefühlt, wie ein Geheimagent. Aber klar: Natürlich hat sich der Dreh mit meinem Privatleben vermischt, das war ja ein sehr persönliches Projekt. Ich habe beiden Hauptdarstellern auch Geheimnisse von mir erzählt, die dann jeweils nur der eine kannte. Anne habe ich von fürchterlichen Erfahrungen mit chauvinistischen Produzenten erzählt, Matthias habe ich von Erlebnissen mit Frauen erzählt, die mich an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Das war schon heftig. So habe ich teilweise alte, persönliche Konflikte regelrecht abgearbeitet, die offen geblieben sind.

Und das alles vor der Kulisse von Cannes. Warst du zum ersten Mal da?
Ich war zum ersten Mal da, ja, und ich hatte absolut keine Ahnung, wie da alles abläuft. Es war natürlich eine große Ehre, da eingeladen zu sein. Es war unglaublich laut, viele Menschen... Ich hab rückblickend keine Idee, wie ich es geschafft habe, in fünf Tagen da diesen Film durchzudrücken.

Ein bisschen machst du dich in deinem Film ja durchaus über das ganze Drumherum und den Mythos von Filmfestivals lustig. Du distanzierst dich selber davon...
Absolut, ja. Schon allein dadurch, dass ich nicht den Champagner raushole und mich feiern lasse. Ich will da nicht so tun, als wäre ich irgendwas besonderes, nur um dann wieder nach Berlin zurückzufahren und eine von vielen zu sein. Ich fand die Atmosphäre dort einfach sehr unangenehm. Dauernd wurde ich gefragt, ob ich mit jemandem aufs Hotelzimmer kommen wollte, was, glaube ich, weniger mit mir, als mit dieser oberflächlichen Attitüde zu tun hat, die dort angenommen wird. Das kommt daher, dass man als junger Filmemacher erst ewig scheinbar umsonst arbeitet und dann plötzlich kommt diese Stimme von oben: ″Dein Film ist auserkoren!″ Natürlich weiß ich das auch zu schätzen, man braucht sich gegenseitig, aber dieser Hype darin, den brauche ich nicht. Es ist ja toll, sich auf Festivals mit anderen Filmemachern auszutauschen, aber das gab es in Cannes beinahe gar nicht – die Leute sind eigentlich die ganze Zeit nur besoffen und in Ballermann-Stimmung. Aber gut: Das war natürlich alles perfektes Material für meinen Film!

Du warst kein bisschen fasziniert von der Cannes-Stimmung?
Schon, aber ich war eben als Filmemacherin da. Wäre ich da jetzt mit meinen drei besten Freundinnen im Urlaub gewesen, wäre meine Reaktion natürlich weniger negativ. Wenn ich aber da bin und überlege, dass in Cannes nur einmal bisher eine Frau die goldene Palme bekommen hat, kann ich da nicht ausgelassen feiern. Da pinkele ich mir ja sozusagen ins eigene Trinkwasser. Ist genau das gleiche wie mit den Oscars: Männer machen die Filme, Männer bekommen dann auch die Preise. Das ändert sich zwar auch langsam auf den großen Festivals, grundsätzlich bekommen Frauen aber einfach von Anfang an weniger Jobs in der Branche.

Siehst du deinen Film als politisches Statement?
Der Film liefert keine Fakten, er erzählt zunächst einmal eine Geschichte. Aber ja, wenn ich mir die vielen interessierten Reaktionen auf den Film anschaue, glaube ich schon, dass es da Aufklärungsbedarf gab und gibt.

Wie viel dieser Story war eigentlich vorher geplant und wie viel ist spontan oder nachher im Schnitt entstanden?
Es gab ein Treatment und einen Szenenplan. Ich wusste schon genau, was in welcher Szene passieren muss, es gab aber auch einen großen Raum für die Zufälle, die die Realität dann mit sich bringt. Wir hatten so in etwa 35 Stunden Material. Der fertige Film stimmt nun doch ziemlich mit dem Treatment überein. Aber ja: Vieles ist auch im Schneideraum entstanden, etwa die zahlreichen Montagesequenzen.

Wie empfindest du es nun – bei aller Festivalkritik – den Eröffnungsfilm für das diesjährige achtung berlin zu stellen?
Das ist für mich ganz klar der krönende Abschluss der diesjährigen Festivaltour. Denn ich bin ja Berlinerin. Ich wollte schon immer mal bei achtung berlin laufen – und jetzt gleich als Eröffnungsfilm! Da bin ich jetzt wirklich stolz drauf, denn hier liefen ja wirklich schon alle Leute, die ich kenne und gut finde. Das ist ein wirklich bodenständiges Festival, indem auch immer wieder tolle Kontakte zustande kommen.

Tim Lindemann / Online-Redaktion achtung berlin

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.