„…eine Art Familientreffen“

Interview mit Regisseur und Schauspieler RP Kahl über 10 Jahre achtung berlin – new berlin film award, die Sinnlosigkeit von Kunst und die berühmte Frage nach dem Huhn und dem Ei
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RP Kahl (links) in seinem Film "Angel Express
RP Kahl (links) in seinem Film "Angel Express

Foto: good! movies

Das achtung berlin Festival steht vor der Tür und feiert in diesem Jahr ein rundes Jubiläum: Zum 10. Mal präsentiert es dem interessierten Publikum Filme aus und über Berlin und Brandenburg. Zu diesem Anlass trafen wir uns mit Filmregisseur, Produzent und Schauspieler RP Kahl. Das Urgestein der Berliner Independent-Szene und ehemaliges Jurymitglied beim „new berlin film award“ erzählt uns wie das achtung berlin Festival zu dem wurde, was es heute ist. Wir philosophieren darüber was zuerst da war, Huhn oder Henne, und er erklärt uns, warum Kunst eigentlich sinnlos ist. Mit RP Kahl sprach Eugen Damm:

achtung berlin feiert sein 10 jähriges Bestehen. Was unterscheidet dieses Festival von ähnlichen Veranstaltungen?
In Berlin gibt es fast jede Woche zwei bis drei Festivals, daher musste achtung berlin seinen Platz im Haifischbecken der Festivals erstmal suchen. Es braucht eine Nische um aufzufallen. Bei den Sponsoren, bei den Förderern und vor allem beim Zuschauer. Das war von Anfang an eben auf Berlin und Brandenburg fixiert. Aber auch die Rubriken, die es hier gibt, wie etwa mittellange Filme, sind solche Nischen.
achtung berlin steht für das junge Independent-Kino in Berlin. Es bietet Raum für die jungen, wilden und suchenden Filmemacher. Ein Treffpunkt für alle, in ungezwungener, entspannter Atmosphäre. Festivals sind ja immer ein Marktplatz. Gerade auch in Zeiten in denen das Repertoire von Kinos nur noch sehr tagesaktuell ist. Da hat das achtung berlin Festival die Funktion von Programmkinos übernommen.


Wo steht das achtung berlin Festival in der Konkurrenz zu den vielen anderen Veranstaltungen in Berlin und Deutschland?
Erstmal kann man sagen, dass die Veranstalter einen guten Zeitpunkt für ihr Festival gewählt haben. Zum einen was das Wetter angeht. Es wird im April wieder wärmer, ist aber noch nicht zu heiß, dass es die Leute lieber in den Biergarten ziehen würde. Diese Aufbruchsstimmung passt ganz gut zur Stimmung des Festivals. Dann ist es weit genug weg von der Berlinale, auch vom Max Ophüls Preis. Das sind ja so die vorhergehenden Festivals, die auch ausstrahlen auf achtung berlin. Einige Filme werden ja nochmal nachgespielt. Und München, der nächste Termin, der wichtig ist für den deutschen Film, ist noch weit genug weg. Gerade zwischen diesen Veranstaltungen hat achtung berlin seinen eigenen Charakter entwickelt. Es muss sich nicht in Konkurrenz setzen, da es seinen eigenen Fokus, seinen einen eigenen Kosmos entwickelt hat.


Wie lange brauchte es deiner Meinung nach bis sich dieser Kosmos herausgebildet hat?
Das brauchte so vier bis fünf Jahre. Ich bilde mir ein, 2010 war so die Wende. Das war eines der Jahre, in dem sich viel entschieden hat, weil es da die beiden Screenings von den Lass Brüdern Jakob und Tom gab. Ich denke das war ein Erweckungsmoment. Beide Filme („Papa Gold“ und „Frontalwatte“; Anm. d. Red.) waren vollkommen frei gedreht, improvisiert, hatten so den Berlinspirit. „Love Steaks“ von Jakob Lass wird heute abgefeiert, aber 2010 wurden die Lass-Filme, übertrieben gesagt, von kaum Jemanden angeguckt. Da waren Hajo, Sebastian und ihr Festival ganz vorne dabei, wenn es darum ging, diese Welle zu entdecken: damals nannte man das noch Berlin Mumblecore. Gerade die jungen Wilden, also die Lass Brüder oder Axel Ranisch, haben bei achtung berlin ihre erste Heimat gefunden. Das war so das erste Festival, das sie erst genommen hat und gehypt hat. Das ist auch die Aufgabe eines Festivals: Filme zu entdecken und ein Forum zu geben, ein Image. Es prägt demnach vor allem gegenseitig: Den Filmen gibt das Festival ein Gesicht und das Festival hat so das Image eine gute Heimstadt für innovative Filme zu sein.
Ja. Da stellt sich die Frage: Was war zuerst da Henne oder Ei?

Gab es die Filme schon immer und es fehlte bloß das Festival auf dem sie gezeigt werden oder generiert so ein Festival Filme weil man merkt „oh, ich hätte da ja ein Forum“?
Es wurde halt zu einem sichtbaren Forum, das zeigt, dass man auf unterschiedliche Weise seine Filme machen und auch sein Publikum finden kann. Es war auch richtig, es nicht zu so einem Branchenfestival werden zu lassen, bei dem alle Redaktionen eingeladen werden. Vielmehr trifft sich die Community, organisiert sich selbst, tauscht sich aus. Durch Workshops, durch Fragen, „wie bekomme ich den Film in die Kinos“ usw.


Oft werben Festivals große, internationale Stars für die Besetzung ihrer Jurys an. Beim achtung berlin Festival ist das ein bisschen anders. Wie siehst du das in Hinblick auf die Attraktivität und Konkurrenz?
Ich finde die Zusammensetzung der Jury sehr interessant. Es sind meist die ein bisschen älteren Regisseure, die auch schon ein paar Filme im Wettbewerb hatten. Der Druck ist dadurch nicht so hoch. Kollegen bewerten Kollegen. Es sind gerade nicht die Leute aus der Senatsverwaltung oder von den Filmförderern. Es ist eine schöne Zusammenkunft, eine Art Familientreffen.


Bei den meisten Festivals sieht man oft dieselben Köpfe. Beim achtung berlin Festival scheint das anders zu sein. Liegt das vor allem an der Attraktivität der Berliner Filmszene?
Ja, man kann sagen, dass es keine Inzucht gibt. Dafür gibt es einfach zu viele Filme. Aber man muss auch sagen, dass das Filmbusiness einen sehr hohen Durchlauf hat. Wenn man die Programmhefte der letzten Jahre durchblättert, kann man ja sehen, wer war da schon dabei, und fragen „was macht der heute?“. Einen Film machen und erfolgreich zu sein ist das eine, aber auch nach dem dritten Film noch dabei zu sein, ist schwieriger. Manche denken dann auch, dass Filmemachen sinnlos ist. Es ist oft genug finanziell sinnlos, man muss jedes Mal bei null anfangen - aber nach Oscar Wilde ist Kunst nun mal sinnlos.


Die Retrospektive ist ein bisschen das Stiefkind des Festivals. Aber zeigen diese Filme nicht gerade ein Bild von einer sich verändernden Stadt?
Ich glaube auch, dass es ein soziologisches Bild einer Stadt abbildet. Wenn man aus Moskau oder London käme und keine Ahnung von der Stadt hätte, dann könnte man sich auch die Kataloge der vergangenen Jahre nehmen und dort nachschauen, was das jüngere, szenige Berlin ist. Das ist auch, was von so einem Festival bleibt.


Das Thema der Retrospektive ist dieses Jahr „Berlin im Film der 90er Jahre“. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit? Wie hat sie dich geprägt?
Hier werden viele Dinge ausgegraben. Dass die durch achtung berlin plötzlich wieder da sind hat ja auch eine archivierende Funktion. Mich hat das sehr inspiriert. Gerade die diesjährige Retrospektive ist für mich einfach sehr spannend. Ich bildete mir ein, dass ich aus der Dekade alles kenne, ich bin 1989 nach Berlin gekommen und die Neunziger Jahre waren meine wilde Zeit, in der ich auch zum Film gefunden habe. Da gibt es vieles, was ich trotzdem nicht kenne. Es sind auch Klassiker dabei, die man kennen muss, so wie „Ostkreuz“ von Michael Klier, in dem ich meine Lieblingsschauspielerin Laura Tonke das erste Mal gesehen habe oder von mir selbst „Angel Express“. Da sieht man, wie sich Berlin verändert hat. Da dann Filme rauszusuchen, die nicht Klischees sind, das ist schwer. Klar könnte man da auch „Lola rennt“ reinnehmen, aber das wäre eher was fürs Goethe Institut.


Festivals bieten ja auch immer einen guten Anlass, dass sich die Szene selbst feiert. Kann man sagen, dass es auch beim achtung berlin Festival darum geht, mit Verleihern in Kontakt zu kommen, wie es auf der Berlinale Gang und Gäbe ist?
Das Gute ist, das jeder hinkommen kann, es gibt keine roten Kordeln, keine VIP-Bändchen. Man kann sich unter die Leute mischen, kann die Leute anquatschen. Das ist es, was achtung berlin ein bisschen demokratischer macht. Auf anderen Festivals geht das nicht. Da geht’s auch noch mehr um klare Business-Sachen. Man kann das da nicht so auf Augenhöhe machen. Bei der Berlinale geht das nicht, die bräuchten dafür das Tempelhofer Feld.

Eugen Damm / im Rahmen des Studiengangs Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation – MHMK, Standort Berlin.
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

achtung berlin

Der achtung berlin - new berlin film award ist ein Filmfestival, das sich mit Leib und Seele dem Hauptstadtkino verschrieben hat. 9.-16. April 2014
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achtung berlin

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