Festivaltagebuch - Tag 3. Filme! Teil 2

Kritiken Studenten der MHMK Berlin haben vier Festivalfilme besucht und ihre Eindrücke der Vorstellungen aufgeschrieben. Im ersten Teil: Familienfieber und Vergrabene Stimmen

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The Visitor
The Visitor

Willkommen im Klub

Über Suizid als Therapieansatz und faszinierende Selbstmordhotels: Andreas Schimmelbuschs Drama feiert Weltpremiere bei „achtung berlin“.

„Küssen Sie mich! Lieben Sie mich!“, fordert Kate (Patrycia Ziolkowska) ihren Therapeuten auf. Die junge Frau hat sich für einen Selbstmord entschieden. Von ihrem behandelnden Arzt verlangt sie Liebe oder einen Suizid auf Rezept als Therapie, weil sie mit ihrem Leben nicht mehr fertig wird. Um sich wie geplant umzubringen, checkt Kate in ein Selbstmordhotel ein. Das Angebot reicht hier von Tabletten in Kombination mit Alkohol bis hin zu Fenstersprüngen. Die Beseitigung der „Überreste“ ist natürlich inklusive, erklärt ihr Viktor (Wolfram Koch), der Portier des Hotels. Kate hat sich entschieden und Viktor muss gehen: „Im Nebenzimmer fiel ein Schuss.“ Das Publikum lacht, wenn auch etwas verhalten.

Kate kann sich trotz des guten Services im Hotel nicht überwinden ihr Dasein zu beenden. Stattdessen verbringt sie den Abend lieber mit Viktor, in den sie sich langsam verliebt. Der jungen Frau fällt es immer schwerer, sich zwischen Leben und Tod zu entscheiden. Gibt es überhaupt ein Leben, nachdem man sich einmal für einen Suizid entschieden hat? Und ist man mit dieser Entscheidung sogar eine Pflicht eingegangen? Der Grund für Kates Selbstmordgedanken scheint im Tod ihres Vaters zu liegen, der von ihrer Mutter (Almut Zilcher) ermordet wurde. Das hat Kate nie überwunden. Viktor wird für sie immer mehr zum Vaterersatz, bis sie ihn sogar Papi nennt. Die Liebe läuft in eine falsche Richtung, bis sie ein tragisches Ende nimmt.

„Willkommen im Klub“ läuft auf dem Festival im Spielfilm-Wettbewerb. Regisseur Andreas Schimmelbusch erklärt, als er nach der Premiere mit seiner Filmcrew auf der Bühne steht, dass er die Idee eines Selbstmordhotels einfach faszinierend fand und daraus nun dieser Film entstanden ist. Der Regisseur stellte sich die Frage: Ist der Suizid eine Lösung und welcher Weg ist am effektivsten? Andreas Schimmelbusch geht mit dem Zuschauer auf die Suche nach Antworten.

Von Sarah-Charline Meiners

Wanderlust: The Visitor

Ein Blick auf verschiedene, urbane Mikrokosmen mit dem ungewöhnlichem Dokumentarfilm „The Visitor“ von Katarina Schröter im Dokumentarfilmwettbewerb von „achtung berlin“.

Der Freitagabend wurde im Filmtheater am Friedrichshain mit der Dokumentation „The Visitor“ eingeleitet. Das Konzept des Films ist genauso simpel wie verstörend: „The Visitor“, eine stumme Figur in Gestalt der Regisseurin Katarina Schröter selbst, folgt fremden Menschen durch die drei Megastädte Mumbai, São Paulo und Shanghai und provoziert so spontane Begegnungen mit den Einheimischen. Dabei entwickelt sie sich schnell von einem Störenfried zum alltäglichen Begleiter hin zu einer geliebten Person. Schröter nimmt als Besucherin am Alltag ihrer Protagonisten teil, durchlebt mit ihnen Sorgen und Ängste. In São Paulo trifft sie auf einen Taxifahrer, der seit mehr als 15 Jahren in seinem Auto lebt. Einen chinesischen Wanderarbeiter und eine erfolgreiche Jungmanagerin lernt sie in Shanghai kennen.

„The Visitor“ lässt schnell die Einsamkeit der verschiedenen Personen hervortreten und zeichnet dabei ein Bild tiefer Menschlichkeit – auch dank des Spiels Schröters, der es in beeindruckender Weise gelingt, wortlos eine intensive Bindung zu ihren Gegenübern aufzubauen. Neben der Hauptdarstellerin fiel besonders die flexible Kameraführung, wortwörtlich, ins Auge. Paola Calvos Bilder geben dem Zuschauer einen erbarmungslosen Einblick in die Wirklichkeit Asiens und Südamerikas.

Zur Festivalpremiere reiste Regisseurin Katarina Schröter mit ihrem Team an und stellte sich nach der Vorführung den vielen Fragen des Publikums. Sie erklärte unter anderem, wie unkompliziert es war, die Nähe zu den einzelnen Protagonisten im Film herzustellen. Die omnipräsente Kamera schien nie wirklich zu stören, sagte sie, Kamerafrau und Regisseurin konnten sich nach einer Weile gut synchronisieren. Besonderes Lob schenkte die Schauspielerin, Dramaturgin, Künstlerin und Filmemacherin ihren beiden Cuttern, die sich mit ihr zusammen durch mehr als 120 Stunden Material wühlten, um daraus einen Dokumentarfilm größter visueller Intensität zu schaffen. Das schlichte, aber eindringlich konzipierte Werk, kann sich Schröter in Ausschnitten auch als Videoinstallation in Museen und Galerien vorstellen. Für das anwesende „achtung berlin“-Publikum war es ein besonderes Festival-Highlight, das noch lange nachwirkt.

Von Maxi Beigang

im Rahmen des Studiengangs Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation – MHMK, Standort Berlin.
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

achtung berlin

Der achtung berlin - new berlin film award ist ein Filmfestival, das sich mit Leib und Seele dem Hauptstadtkino verschrieben hat. 9.-16. April 2014

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