Interview mit Diemo Kemmesies (Silent Youth)

Stille In dem Film "Silent Youth" begleitet Regisseur Diemo Kemmesies die sich anbahnende Beziehung zweier jungen Männer
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Interview mit Diemo Kemmesies (Silent Youth)

Im Interview mit dem achtung berlin/Der Freitag-Blog spricht er über autobiografische Einflüsse und erklärt, warum ihn Ang Lees "Brokeback Mountain" nicht überzeugte.

Diemo, dein Film „Silent Youth“ handelt vom sich treiben lassen, von Selbstzweifeln und von der Akzeptanz der eigenen Sexualität. Inwiefern ist dein Film autobiografisch?

In den meisten Filmen lässt der Regisseur autobiografische Elemente einfließen. Für mich geht es nicht um das Sich-treiben-lassen oder um Selbstzweifel, sondern um eine Art von Fremdheit gegenüber seiner Umwelt. Die Charaktere sind ein bisschen autonom, in sich selbst verschlossen und suchen nach einer Entsprechung ihrer selbst. Autobiografisch war für mich der Moment, mit jemandem in Kontakt zu kommen, der offensichtlich psychische Probleme hat und die Frage wie man damit umgeht. Ich fand diesen Zustand interessant. Das wollte ich in den Film einbauen.


Deine Protagonisten fühlen sich zu einander hingezogen, brauchen aber lange um sich die Gefühle selbst und gegenseitig einzugestehen. Ist es nach wie vor die Gesellschaft, die diese Zögerlichkeit verursacht oder sind es Barrieren in den Köpfen der Individuen, die überwunden werden müssen?

Jeder Mensch reagiert anders auf die Gesellschaft. Es gibt natürlich gesellschaftliche Zwänge. Zum Beispiel werden Jugendliche in der Schule gehänselt, wenn sie schwul sind. Es gibt Menschen, die damit umgehen können und Menschen, die damit nicht umgehen können. Es ist also eher eine Mischung aus gesellschaftlichen Einflüssen und persönlichen Lebensumständen beziehungsweise individuellen Charaktereigenschaften.


Spielt es überhaupt eine Rolle, dass deine Protagonisten männlich und homosexuell sind oder stehen sie für eine Generation – die „Silent Youth“ - unabhängig ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung?

Es ist sicher kein typischer Film, der erklärt, wie die Jugend heutzutage funktioniert. Man könnte eher sagen: So funktioniert Jugend auch. Es ist ein Aspekt davon, wie Leute aufeinander zugehen und sich verhalten. Wir leben in einer übersexualisierten Gesellschaft. Es erscheint relativ einfach einen Partner für Beziehungen oder Sex zu finden - für viele ist jedoch nicht einfach. Ich wollte einen anderen Blick auf dieses Thema werfen. Eine der Ideen bekam ich durch „Brokeback Mountain“. Im Film gibt es eine Sexszene, in der die beiden Protagonisten übereinander herfallen. Da dachte ich: „Interessant, wie ihr das zeigt, aber ich glaube euch das nicht.“ Deswegen wollte ich einen Gegenpol zum übersexualisierten Film machen.
Zu den Charakteren: Ich denke, dass man meine Geschichte nur genau so erzählen konnte. Es geht im Film aber nicht nur um die Anbahnung einer Beziehung, es geht auch darum, dass sich zwei Menschen treffen und herausfinden müssen, wie sie mit dem Universum des Anderen klarkommen. Das ist sicherlich universell und nicht auf Männer beschränkt.


Du hast auch die Komponente „soziale Milieus“ in Silent Youth eingebracht. Marlo ist Student und scheint einen klassischen bürgerlichen Background zu haben, Kirill ist russischstämmig und lebt in einem Plattenbau. Welche Rolle spielt der soziale Unterschied zwischen den beiden?

(lacht) Der Plattenbau ist ein Studentenwohnheim. Wichtig ist: Beide kommen von woanders her. Milieus spielen dabei keine große Rolle. Sie tragen zur Biografie bei, mit der die Protagonisten in die im Film gezeigte Situation reingehen. Was man beiden anmerkt ist, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend Probleme hatten, mit ihrer Umwelt umzugehen. Das überträgt sich auf ihre aktuelle Situation. Aber der Film sagt nicht eindeutig, dass sie aus verschiedenen Schichten stammen. Kirill könnte auch aus einem bürgerlichen Milieu kommen.


Berlin ist beinahe dein dritter Hauptdarsteller, du zeigst viele bekannte Ecken der Hauptstadt. Wie wichtig ist die Kulisse Berlin für deinen Film?

Berlin ist interessant, weil ein sehr anonymer Ort ist. Man kann autonom in dieser Stadt herumdriften, ohne dass es jemand bemerkt. Insofern passt die Stadt gut zu der Geschichte.


Zum Schluss ein kleiner Ausblick: Wie geht es bei dir weiter, welche Projekte planst du in der Zukunft?

Ich habe eine Software-Firma und wir programmieren gerade. Ich arbeite also die meiste Zeit. Außerdem habe ich fünf Treatments beziehungsweise fünf Ideen, aber keine ist momentan spruchreif.

Peter Correll
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Geschrieben von

achtung berlin

Der achtung berlin - new berlin film award ist ein Filmfestival, das sich mit Leib und Seele dem Hauptstadtkino verschrieben hat. 9.-16. April 2014
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