"Ihr seid doch die Behinderten!"

Menschen mit Behinderung Was ist das eigentlich für ein Sozial vor dem Staat? Ein persönlicher Kommentar.
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Lassen Sie mich mit Folgendem beginnen: Deutschland ist für mich ein soziales Land. Zumindest sozialer als andere Länder. Ich bin froh in genau diesem Sozialstaat zu leben. Noch glücklicher schätze ich mich darüber, dass mir das Leben die Rolle der Schwester eines Menschen mit einer schwerst-geistigen Behinderung in Deutschland zu gespielt hat. So viel oftmals an unserem sozialen System kritisiert wird, muss ich sagen, es offeriert Möglichkeiten. Manchmal sind zwar genau diese Möglichkeiten auf eine reduziert. Nämlich jene mit gegeben Mitteln gegen Existierendes zu kämpfen. Und auch das, empfinde ich, erstmal als gut so!

Meinem Bruder hat dieses Land vieles ermöglicht, was er in anderen Ländern nicht ermöglicht bekommen hätte: den Besuch eines integrativen Kindergartens, eines Internats für Blinde und Sehbehinderte, das Leben in stationären Einrichtungen. Er hat durch dieses erstmal grundlegend funktionierenden Systems Fördermöglichkeiten finanziert bekommen, die wiederum dazu beitrugen, dass er sich bestmöglich entwickeln konnte.

Ich glaube, dass er in vielen anderen Ländern, die nicht solche sozialen staatlichen Absicherungen haben sowie außerstaatliche Institutionen, die den „sozialen“ Wert einer Gesellschaft aufwerten, ein solches Leben hätte führen können; wenn er überhaupt noch eins hätte.

Dafür bin ich ganz persönlich diesem Land, diesem Sozialstaat, dieser Gesellschaft dankbar, als Schwester, als Bürgerin, vor allem aber als Mensch!


Dennoch hat der Sozialstaat Deutschland, die deutsche Gesellschaft, die Versicherungen nicht an die Tür meiner Eltern geklopft als mein Bruder auf die Welt kam, meinen Eltern ein Paket mit Schleife überreicht und gesagt „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem behinderten Kind! Wir freuen uns darüber ihm alles zu ermöglichen was er brauchen wird und Sie darin zu unterstützten!“ Im Gegenteil. Seitdem ich denken kann, prozessieren meine Eltern – gegen Versicherungen, gegen staatliche Institutionen; und ja, im übertragenen Sinne zwar, gegen die Gesellschaft. Es verging kein Jahr indem meine Eltern nicht ein praktisches Lebensproblem für meinen Bruder zu lösen versuchten – sei es das Herausfinden von Finanzierungsmöglichkeiten für Therapien, für Pflegemittel, die richtige Unterbringung, Fördermöglichkeiten, ihm zustehende Hilfsmittel, oder die einfache Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Manche dieser Herausforderungen endeten vor Gericht, andere beinhalteten unzählige Anrufe und das Weiterleiten von einer Stelle zur nächsten bis herausgefunden wurde was meinem Bruder zu welchem Grad zu steht, und was eben nicht. Es ist ein Spiel, das man lernt zu spielen – und dabei hofft, dass man am Ende den längeren Atem hat.

Erstmal offeriert das Sozial vor dem Staat viele Möglichkeiten, eben nur erstmal.

So sehr unsere Gesellschaft durch soziale und politische Absicherungsmechanismen, Pflege- und Teilhaberechte, am allermeisten durch viele gute Behinderteninitiativen (ohne die, die zuvor genannten Instanzen erst gar nicht ermöglicht worden wären), einem das Gefühl gibt in einem Land zu leben, dass dem Sozial vor dem Staat erstmal versucht gerecht zu werden, so sehr muss sich dennoch das Sozial vor dem Staat immer noch definieren und behaupten.

Wenn Gerichtsverhandlungen im Eilverfahren nach mehreren Monaten keine eindeutigen Antworten liefern, Individuen in Betten schlafen und gepflegt werden, deren Benutzung ein körperliches Gefahrenpotential beinhalten und mit einer Freiheitsstrafe bestraft werden können, wenn (zumindest private) Versicherungen notwendige Hilfsmittel immer wieder ablehnen und eine Behindertenrechtskonvention für sich nicht anerkennen, erschließen sich Fragen, deren Antworten genau jenes sozial vor dem Staat maßgeblich definieren:

Was ist der Wert einer Anerkennung einer Menschenrechtskonvention für Personen mit Behinderungen, und folglich deren Gleichstellung innerhalb einer Gesellschaft, wenn diese nicht auch privat-rechtliche Unternehmen mit in die Verantwortung zieht? Gerade dann, wenn diese einen substantiellen Anteil an der Schaffung von Möglichkeiten zur Teilhabe der Menschen mit einer Behinderung haben wie es private Kranken- und Pflegeversicherungen unvergleichbar zu anderen privat-rechtlichen Unternehmen haben? Als Grund dafür lässt sich deren hohen Einfluss auf die benötigten Gesundheitsförderungen und Hilfsmittel nennen, die besonders bei Menschen mit einer schwerst-geistigen Behinderung essentielle Voraussetzung sind um überhaupt die Möglichkeit zu haben das Bett zu verlassen (wenn dieses überhaupt dann auch in Takt ist).

Was ist der Zweck eines Eilverfahrens, das ein beschleunigtes Verfahren darstellen soll, um den Antragssteller seine Rechte vorläufig zu sichern, wenn dieses sich über Monate hinzieht?

Am allermeisten jedoch die immer wiederkehrende Frage, was ist das wirklich für ein Sozial vor dem Staat? Ist das Sozial vor dem Staat dann doch eher ein Sozial mit Sternchen, das in der Fußnote darauf verweist, dass wir eigentlich erstmal ein grundsätzlich funktionierenden Sozialsystem haben, aber dann doch mit vielen Ausnahmen leben möchten, weil wir es dann doch auch ganz gut finden, dass Menschen, deren Leben maßgeblich von dem Sozial vor dem Staat beeinflusst ist, kein Paket mit Schleife vor die Haustür gestellt bekommen? Und um genau dieses Paket mit Schleife zu verhindern immer wieder Fälle in Kauf nehmen auf Grund von immer wieder auftretenden und undurchsichtigen Ungereimtheiten? Oder ist das Sozial vor dem Staat doch eines das ohne Sternchen und Fußnote auskommen möchte?

Während ich meinem Bruder beim fröhlichem Spielen in seinem immer noch kaputten Bett zuschaue, dessen Benutzung mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden kann, mit der Ambivalenz zwischen Dankbarkeit in einem erstmal grundlegend funktionierendem Sozialstaat zu leben und dem Wissen über eine vom Staat produzierte Ideologie gegenüber Behinderung, die jenen mit einer Behinderung immer noch Sitze in der Holzklasse zuteilt u.a. auch durch Gesetze die Abtreibungen bei einer Behinderung im neunten Monat zulässig machen, private Versicherungen, die eine Behindertenrechtskonvention für sich nicht anerkennen, und dem oftmals öffentlichen Vergessen in Büchern, Filmen und Dokumentationen von Menschen, die sich auf Grund ihrer Behinderung nicht selbst äußern können, ruft mein schwesterliches Herz, laut, trotz – oder wegen – all dem Bemühen nach Rationalität, ganz emotional: „Das ist doch alles verrückt. Ihr seid doch die Behinderten!“.

22:18 13.09.2016
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