Die kleine Hexe

Corona Ein altes Märchen, neu erzählt in schwierigen Zeiten
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Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst 127 Jahre alt, und das ist ja für eine Hexe noch gar kein Alter. Sie wohnte in einem Hexenhaus im hohen Norden, zusammen mit ihren Eltern, die noch viel, viel älter waren als sie. »Sei immer schön fleißig und folgsam«, ermahnten diese sie jeden Tag aufs Neue mit drohendem Zeigefinger, »damit du irgendwann auch eine gute Hexe sein wirst!« Die kleine Hexe war aber noch sehr unerfahren im Leben und insbesondere in der Hexerei und verstand noch gar nicht, dass nur eine böse Hexe in den Augen ihrer Eltern eine gute Hexe war.

So kam es, dass die kleine Hexe ihren Mitmenschen möglichst viel Gutes angedeihen lassen wollte. Sie beobachtete die Sorgen und Nöte ihrer Schulfreunde und Landsleute und überlegte fieberhaft, was sie mit ihren bescheidenen Mitteln zum Wohle der Menschheit beitragen konnte. Eines Tages beschloss sie, sich vor das Parlamentsgebäude ihres Landes im hohen Norden zu setzen und auf die drohende Zerstörung der Umwelt hinzuweisen. Es dauerte nicht lange, da folgten viele Kinder ihrem Beispiel und gemeinsam protestierten sie regelmäßig gegen den hohen CO2-Ausstoß der Industrieländer und die daraus resultierenden Folgen für die kommenden Generationen.

Die Erwachsenen machten sich aber lustig über das merkwürdige Mädchen mit den langen Hexenzöpfen und verspotteten es, wo immer sich die Gelegenheit dazu bot. »Fahrt nicht soviel mit dem Auto! Meidet die Flugzeuge! Verbrennt nicht so viel Kohle!«, lauteten die Forderungen der kleine Hexe und sie appellierte verzweifelt an die mächtigen Herrscher der Welt, ihr verantwortungsloses Tun doch zu überdenken. Die aber hatten nur ein paar beruhigende Worte für sie übrig und gingen danach wieder ihren wichtigen Regierungsgeschäften nach.

Die Klimaproteste der Kinder wurden aber immer lauter und so begab es sich, dass die kleine Hexe eines Tages vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen durfte. Doch auch an diesem heiligen Ort blickte sie nur in die verlogen lächelnden Gesichter der Mächtigen. Da wurde die kleine Hexe sehr zornig! Sie erinnerte sich an einen Zauberspruch, den sie einmal auf einem alten Runenstein gelesen hatte: »Høuw dærr jøuhh«, schleuderte sie voller Empörung dem versammelten Auditorium entgegen und wilde Funken sprühten dabei aus ihren weit aufgerissenen Hexenaugen. Die Menschen vor den Fernsehbildschirmen erschraken zwar angesichts des dargebotenen Schauspiels, doch ahnten sie nicht, welch schrecklichem Fluch sie da gerade anheim gefallen waren.

Als die kleine Hexe in ihre Hexenschule im hohen Norden zurückkehrte, wurde sie von der Direktorin sofort in das Studierzimmer beordert. »Weißt du eigentlich, was du da angerichtet hast, du dummes Huhn?«, schrie die alte Oberhexe aufgebracht. Die kleine Hexe erschrak und stammelte verlegen: »Was habe ich denn Schlimmes getan? Der Runenfluch bewirkt doch nur, dass sich die Menschen fortan vor dem Tod fürchten sollen! Vielleicht gehen sie dann nicht mehr so sorglos mit ihrer Umwelt um und blasen nicht mehr so viel schädliche Klimagase in unsere Atmosphäre!« Die strenge Oberhexe schüttelte aber nur verärgert den Kopf. Den Rest des Tages verbrachte sie in ihrer Kammer und suchte nach Möglichkeiten, um den Fluch, den die kleine Hexe in ihrem kindlichen Zorn über die gesamte Erde gebracht hatte, etwas abzumildern.

Die Menschen lebten zunächst unbekümmert weiter, wie sie es gewohnt waren. Bis das Unheil eines Tages, von einem fernen Land in Asien aus, seinen Lauf nahm: Was ursprünglich als eine normale Grippewelle begann, entwickelte sich plötzlich zu einer weltumspannenden Pandemie. In allen Ländern der Erde begann eine noch nie dagewesene Panik um sich zu greifen und erfasste Jung und Alt. Die Menschen verbarrikadierten sich in ihren Häusern und wagten sich nur noch verschleiert vor die Tür, in der Hoffnung, dass sie Gevatter Tod hinter ihren Masken nicht erkennen möge. Hinter den vertrauten Gesichtern von Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen, lauerte ständig die Fratze des Verderbens. Schulen wurden geschlossen, Restaurants und Geschäften wurde die Lizenz entzogen, die Firmen und Betriebe stellten ihre Tätigkeiten ein oder ließen ihre Angestellten unter Hausarrest weiterarbeiten.

Es war, als wäre die ganze Welt in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen. Als die kleine Hexe sah, dass keine Flugzeuge mehr am Himmel flogen und keine stinkenden Autos mehr die Straßen verstopften, freute sie sich: »Na also! Nun haben sie doch auf meine Worte gehört!« Gebannt verfolgte sie in den Medien, wie sich die Luft in den Großstädten verbesserte, wie ehemals trübe Flüsse und Kanäle plötzlich aufklarten und wie die Natur sich langsam ihren Lebensraum zurückeroberte.

Doch schon bald erkannte die kleine Hexe die furchtbaren Auswirkungen ihres unbedachten Wutausbruchs. Entsetzt musste sie feststellen, dass die Menschen es offenbar verlernt hatten, sich mit der Endlichkeit ihres irdischen Lebens abzufinden. Tausende Alte und Kranke wurden zum Sterben in kaputtgesparte Krankenhäuser verfrachtet, wo sie einsam und verlassen ihre letzten Lebensstunden verbringen mussten, ehe ihre Leichname würdelos verbrannt und verscharrt wurden. Kein seelischer Beistand und keine tröstende Hand wurde diesen armen Seelen in der Stunde ihres Todes mehr zuteil. Stattdessen wurden sie von völlig überforderten Pflegern und Krankenschwestern an kalte Maschinen angeschlossen, die das Leiden und Dahinsiechen der Todgeweihten nur unnötig verlängerten. Als die kleine Hexe das sah, wandte sie sich an ihre Meisterin und schluchzte mit Tränen in den Augen: »Es tut mir so leid! Das habe ich doch nicht gewollt!«

Die alte Oberhexe musterte ihre Schülerin streng und sprach: »Warte noch ein paar Tage, dann wird der Spuk ein Ende haben! Es ist mir gelungen den Fluch außer Kraft zu setzen und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Menschheit wieder zur Besinnung kommen wird.« Die kleine Hexe strahlte übers ganze Gesicht angesichts dieser frohen Botschaft und meinte: »Werden die Menschen aus dieser Erfahrung denn auch gelernt haben, dass sie in Zukunft mehr auf unsere Umwelt achten müssen?« Die alte Frau lächelte müde und schüttelte nur stumm den Kopf. Fast schien es, als wenn sie ihre junge Schülerin ein wenig um deren grenzenlose kindliche Naivität beneiden würde.

Ein paar Tage noch verharrte die Welt in Schockstarre, doch dann kam es, wie die Oberhexe es prophezeit hatte: Nach und nach verloren die Menschen ihre widernatürliche Angst vor dem Tod. Sie herzten und küssten einander und liebten einander so ungestüm und leidenschaftlich, dass neun Monate später das Gesundheitssystem erneut zu kollabieren drohte. Diesmal lag es aber an den vielen neuen Menschlein, die in den völlig überfüllten Krankenhäusern das Licht der Welt erblickten. Schon bald meldeten sich wieder besorgte Stimmen zu Wort, dass man unbedingt Maßnahmen gegen das stetige Bevölkerungswachstum auf der Erde ergreifen müsse. Die Menschen aber schworen, sich nie wieder von überängstlichen Politikern und vermeintlichen Gelehrten ins Bockshorn jagen zu lassen.

Und wenn sie nicht an Herzinfarkt oder Krebs gestorben, nicht ihrer Alkohol- oder Nikotinsucht erlegen, nicht in ihrem Haushalt oder Automobil verunfallt, nicht in Afrika verhungert und nicht im Mittelmeer ertrunken sind - dann leben sie noch heute.

16:26 29.03.2020
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