Plündern ist Befreien

Krawallnacht Wenn Shopping Freiheit bedeutet, ist Plünderung die Befreiung.
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Zerbrochene Scheiben und geplünderte Kaufhäuser sind die Manifestation eines systemischen Problems: die Verhinderung der Teilhabe von sozial und wirtschaftlich Benachteiligten an einem auf dem Erwerb von Konsumgütern basierendem Freiheitsideal. Wenn die Shoppingtour über die Stuttgarter Königstraße oder die Frankfurter Zeil zum Inbegriff von Freiheit geworden ist, dann stellen Plünderungen und Vandalismus die Legitimation ebendieser sozialen Ordnung infrage, welche bestimmten Gruppen die Teilhabe an dieser Freiheitserfahrung gänzlich versagt.

Ich möchte die Praktik der Plünderung moralisch verteidigen, jedoch nicht im Allgemeinen. Nur für jene systemisch unterdrückten und ausgegrenzten Gruppen, für welche Plünderungen zum aktiven Versuch an der Teilhabe an einem Freiheitideal werden, welches das System selbst diktiert hat, sind Plünderungen ein moralisch vertretbares Mittel zum Zweck. Überbehütete Jünglinge, die in Plünderungen lediglich einen Adrenalinkick sehen, sollten sich schämen. Wir müssen uns aber vor einer vorschnellen Verurteilung der Plünderungen hüten. Das ist eine kontroverse These. Zu schnell wird ein Narrativ bedient, welches die Ereignisse in Stuttgart, Frankfurt, oder den Großstädten der USA als brutale Attacke auf Privateigentum verurteilt. Diesem Narrativ dürfen wir nicht undifferenziert folgen. Stattdessen müssen wir uns vor Augen führen, dass, wie der amerikamische Philosoph John Rawls argumentierte, ungerechte soziale Ordnungen immer schon selbst eine Form von Gewalt darstellen, und gerade deshalb nicht universal bindend sein können.

Um mein Argument zu untermauern, möchte ich einen weiteren Fall vorstellen, in welchem der verzweifelte Griff nach Freiheit (oder, in diesem Fall, Chancengleichheit) ein illegales und potentiell gefährliches Verhalten verlangt. Dennoch, so vermute ich, werde einige, die Plünderungen und Vandalismus moralisch verurteilen, in diesem Fall widersprüchliche Intuitionen haben.

Die New Yorker Philosophin Jennifer M. Morton studiert die ethischen Kosten von sozialem Aufstieg durch Bildung. Ethische Kosten entstehen zum Beispiel, wenn sich Kinder aus sozial schwachem Milieu den vorherrschenden bürgerlichen Lebensweisen in elitären Bildungsinstitution anpassen müssen, um in diesen bestehen zu können. Dadurch verlieren sie den Bezug zu ihrem ursprünglichen sozialen Umfeld: eine Entfremdungserfahrung. Morton berichtet uns von Todd, einem wortgewandten und gescheiten afroamerikanischen Jungen, der in einem kriminellen Umfeld aufwuchs. Nachdem es in seiner Schule zu einer Messerstecherei gekommen war, fühlte sich Todd dort nicht länger sicher. Er entschied sich, die Postleitzahl eines Freundes anzugeben, um eine Schule in der überwiegenden weißen, bürgerlichen Vorstadt zu besuchen––ein Fall von Betrug. Um jedoch zu dieser Schule zu kommen, musste der zwölfjährige Todd––Kind einer stark drogenabhängigen Mutter––selbst hinter das Lenkrad eines Autos, obwohl er noch nie selbst gefahren war und natürlich auch keinen Führerschein besaß. Todds Strategie war nicht legal, dennoch, so sagt er, waren die Gesetzesbrüche und sein potentiell gefährliches Verhalten notwendig, um die Bildungschancen zu haben, die ihm später das Studium an einer der führenden Universitäten der USA ermöglichten. Ohne den Verstoß gegen die Normen und Gesetze der (weißen) US-amerikanischen Gesellschaft hätte Todd seiner misslichen Lage nicht entfliehen können.

Viele Menschen werden an den Akt der Plünderung und an das Fahren ohne Führerschein unterschiedliche moralische Maßstäbe ansetzen. Während Plünderungen mit allen Mitteln der Justiz betraft werden müssen––"You loot; We shoot," war, wenn auch in unterschiedlichsten Ausprägungen, ein häufig gehörtes Narrativ der letzten Wochen––, scheint der Fall von Todd sozial verträglich zu sein. Und doch sind beide Fälle als analog zu betrachten. Das Plündern eines Kaufhauses und das Fahren ohne Führerschein sind beides Rückwirkungseffekte desselben Phänomens: der systemischen Ausgrenzung bestimmter Gruppen von einem Lifestyle, den das System selbst vorgibt––Jordans, Benz und Abitur, wenn wir es polemisch ausdrücken wollen.

Gerechtigkeit verlangt manchmal von sozial akzeptierten Normen oder gar der geltenden Rechtsprechung abzuweichen, argumentiert Tommie Shelby, Professor für Philosophie und African American Studies an der Harvard University. Shelby fragt sich: Gilt für jene Menschen, die in einer ungerechten Gesellschaft unterdrückt werden, die Pflicht, den Normen und Gesetze dieser Gesellschaft zu gehorchen? Shelby antwortet: Die "Kriminellen" und gleichzeitig systemisch Unterdrückten verstoßen zwar durch ihre Vergehen gegen die soziale Ordnung, wie etwa bei Ladendiebstahl, Drogenhandel oder eben Plünderung, nicht aber gegen ihre bürgerlichen Pflichten. Deshalb dürfen diese Vergehen weder durch den Staat bestraft noch öffentlich verurteilt werden. Denn, die Pflicht sich an die Normen und Gesetze einer Gesellschaft zu halten basiert auf einem Gegenseitigkeitsprinzip, welches eine Gesellschaft aus freien und gleichen Bürgern voraussetzt. Systemische Ausgrenzung und Unterdrückung widerspricht diesem Gegenseitigkeitsprinzip ganz deutlich.

Ohne die Erfüllung des Gegenseitigkeitsprinzips besteht kein Anspruch auf die universelle Gültigkeit der Normen und Gesetze einer Gesellschaft. Handlungen, die jedoch in sich selbst moralisch verwerflich sind, wie etwa Vergewaltigung, Mord oder Raub, sind laut Shelby vom Gegenseitigkeitsprinzip ausgeschlossen und immer schon an und für sich zu verurteilen und zu bestrafen, auch durch die Staatsmacht. Plünderungen oder das Fahren ohne Führerschein hingegen unterliegen der Erfüllung des Gegenseitigkeitsprinzips.

Das Plündern von Kaufhäusern, wie auch Todds Streben nach Bildungsgerechtigkeit, ist der angeblich "illegale" Versuch, soziale Ausgrenzung durch direktes Handeln zu überwinden. In beiden Fällen stützt sich die "illegale" und "zu verurteilenden" Handlung auf die Nichterfüllung des Gegenseitigkeitsprinzips. Ich vermute, dass einige Menschen den Fall von Todd nicht oder nur weniger stark moralisch verurteilen werden als die Plünderungen in Stuttgart oder die Krawalle in Frankfurt. Doch was ist der relevante Unterschied? Um einen relevanten Unterschied zwischen den Fällen herauszuarbeiten, müsste das Prinzip selbst verneint werden können, oder aber argumentiert werden, warum gerade die Verurteilung von Plünderungen diesem Prinzip nicht unterliegt.

Wir können den Fall von Todd etwas verschärfen. Sagen wir, Todd ist achtzehn Jahre alt, hat sich erfolgreich an der Harvard University beworben, hat aber weder Geld für ein Auto noch für den Führerschein, und muss deshalb nach Lösungen suchen, um doch noch am allesentscheidenden Interview teilzunehmen. Auch öffentliche Verkehrsmittel kann sich Todd schlichtweg nicht leisten, und die Gefahr beim Schwarzfahren erwischt zu werden, ist zu hoch. Sagen wir, Todd klaute das Auto seines Onkels, um zu einem Interview an der Harvard University zu fahren. Oder sagen wir, Todd klaute das Auto seines Nachbarn, um zu einem Interview an der Harvard University zu fahren. Oder sagen wir, Todd klaute ein Auto vom Hof eines Autohändlers, um zu einem Interview an der Harvard University zu fahren. Oder sagen wir, Todd und ein paar seiner Freunde klauten einen Kleinbus vom Hof eines Autohändlers, um gemeinsam zu ihren Interviews an der Harvard University zu fahren.

Was wir über diese konstruierten Fälle denken, hängt davon ab, wie wir den Wert von Privateigentum, persönlichem Besitz, Konsumgütern und Chancengleichheit für sich genommen, sowie deren Zusammenspiel bewerten. Die Law-and-Order-Narrative, wie wir sie von Trump, Teilen der Bundesregierung, sowie der Polizei zur Genüge gehört haben, bewerten Konsumgüter als auch das Privateigentum anonymer Unternehmen für gewöhnlich als schützenswerter als persönlichen Besitz (wie etwa das Auto des Onkels oder des Nachbarn), und Konsumgüter als schützenswerter als Chancengleichheit. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Reaktion auf den verzweifelten Griff nach Freiheit systemisch unterdrückter Gruppen ist. Wir sollten zögern, die Plünderungen von Ladengeschäften per seals brutale Attacke auf Privateigentum zu verurteilen. Zumal Gesellschaften, in denen Privateigentum so abscheulich ungerecht verteilt ist wie in den unseren, dem Gegenseitigkeitsprinzip nicht nachkommen.

Wenn ich Plünderungen moralisch versuche zu rechtfertigen, spreche Ich also nicht von den überbehüteten Kindern der Mittelschicht, die in Plünderungen, Krawall und Gewalt nur mehr einen Adrenalinkick sehen––oder was auch immer deren Beweggründe sind. Ich spreche von systemisch unterdrückten Gruppen, für welche illegales Verhalten häufig ein notwendiges Übel ist, um an einen gesellschaftlichen Punkt zu kommen, an welchem das Gegenseitigkeitsprinzip erstmalig Gültigkeit haben kann. Dieser bedarf einer Gesellschaft bestehend aus wahrlich freien und gleichen Menschen.

Ob Plünderungen der richtige Weg sind, um eine solche Gesellschaft herbeizuführen, das wage ich zu bezweifeln. Was für Plünderungen gilt, ließe sich auch auf Widerstand gegen die Polizeigewalt übertragen. Das führt jedoch zu weit und bedarf eine wohl überlegte Unterscheidung zwischen Staatsgewalt und der Gewalt des Kapitalismus, sowie zwischen Gewalt an Personen und Gewalt an Gegenständen. Dennoch gilt, wer Plünderungen vorschnell und verallgemeinernd verurteilt, der verurteilt die Opfer.

13:58 23.07.2020
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