Die Dekonstruktion der Gesellschaft

Antirassismus-Proteste Zeit für die junge Generation - wie sie versucht, jahrzehntelange Ideale als unabdingliche Realität zu installieren
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Ein Problem mit Rassismus? Sowas gäbe es in der deutschen Polizei nicht, ließen viele Stimmen in den letzten Tagen und Wochen verlautbaren. Dabei hatte SPD-Vorsitzende Saskia Esken nur von einem latenten Rassismus-Problem gesprochen. Nun kann man diesen Umgang mit struktureller Diskriminierung im Rahmen der Polizeipraxis und damit einhergehender Polizeigewalt schon ziemlich gut als stellvertretend für alle Bereiche der deutschen Gesellschaft sehen. Rassismus gibt es seit 1945 nicht mehr, da man dort schließlich davon "befreit" worden ist. So wenig, so unwahr. Nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA sollte bekannt sein, dass auch westliche Gesellschaften wie Deutschland und die USA ein Problem mit Rassismus haben. Da bedarf es gar nicht, stellvertretende Einzelfälle hervorzuholen, auch wenn es immer wichtig ist, darauf aufmerksam zu machen.

Doch Rassismus ist nicht das einzige "Problem", welches Menschen zu Demonstrationen auf die Straße lockt. Es sind vielschichtige soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten, welche das Antriebsfeuer für unzählige Proteste auf dem ganzen Planeten zu entfachen scheinen. Darunter lassen sich zunehmende ökonomische Ungleichheiten, die sich meistens in der Knappheit lebenswichtiger Güter oder Dienstleistungen zeigen, und das ganze Themenfeld sozialer Ungleichheiten im Gleichklang mit (struktureller) Diskriminierung wie Sexismus, Homosexuellenfeindlichkeit und eben Rassismus sowie vielen weiteren gruppenbezogenen Feindlichkeiten subsummieren. Dominic Johnson schrieb in der "taz" vom "Jahr der Proteste" - und erzählte dabei von den unterschiedlichsten Protesten weltweit, die sich zumeist an scheinbaren Nichtigkeiten entzünden und dann eine große Welle auslösen. So viele Demonstrationen wie noch nie zuvor zählte beispielsweise die Polizei für Berlin und das Jahr 2019. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung wurde die Geschichte der Proteste oft so erzählt, nicht auch zuletzt durch die sehr medial-wirksamen Demonstrationen der Fridays for Future-Bewegung an fast jedem Freitag seit Beginn des vergangenen Jahres. Doch worauf basiert dieser, zumindest wahrgenommene, Anstieg von Unzufriedenheit und Protesten gegen das Bestehende?

Ursachen und Folgen

Eine Ursachenforschung ist in aller Kürze immer sehr vage, aber vielfach werden sich überschneidende Gründe genannt, die für viele Geschehnisse und Entwicklungen zumindest plausibel klingen. Der Politikwissenschaftler Colin Crouch schrieb schon im Jahr 2004 ein Buch mit dem Titel "Postdemokratie" und meinte damit die Elitisierung von politischen Prozessen innerhalb demokratischer Systeme, also eine teilweise Rückkehr zu politischer Praxis aus vordemokratischer Zeit, in der lediglich eine kleine Gruppe von Menschen über genügend Macht verfügt, langfristige Entscheidungen zu treffen. Diesen Text hat er erst kürzlich aktualisiert, in welchem er eher vage Vorschläge für die Zukunft tätigt. Dabei geht es vor allem darum, dass demokratische Prozesse heutzutage nur noch aus dem Ritual des Wählens bestehen, darüber hinaus Menschen aber kaum Einfluss auf die Ausrichtung der Politik nehmen können. Damit werden nun alle (gefühlten) sozialen Ungerechtigkeiten auf einen Schlag in ein System von Ungerechtigkeits- und Ungleichheitsproduktion eingebunden. Dabei spielen sicherlich auch Phänomene über eine Aushöhlung des Demokratischen Systems eine Rolle, wie an anderer Stelle im Freitag zu lesen war. Sind nun die vielfachen weltweiten Proteste ein Argument gegen diese Ansicht oder eher eine Folge dieser Entwicklung? Wahrscheinlich beides. Schließlich ist ein theoretischer Ansatz immer nur so gut wie seine Widerlegung. Nun gibt es nämlich auch die der Postdemokratie entgegengesetzten Entwicklung hin zu einer mehr partizipativen Demokratie mit Citizen Assemblies und anderen neuen Formen der Bürger:innenbeteiligung. Groß angekommen ist das in der Öffentlichkeit, zumindest in Deutschland, aber (noch) nicht wirklich.

Proteste wie die von Fridays for Future, also gegen fehlende politische Steuerung angesichts der globalen Erderwärmung, können nämlich durchaus Einfluss auf die politische Praxis nehmen. Oder vielleicht zumindest auf die mediale Berichterstattung, da dem Thema seit Beginn der Schulstreiks viel mehr Platz als zuvor eingeräumt worden ist, was aber eher darauf zurückzuführen ist, dass es katastrophal wenig Platz zuvor innehatte, dafür, dass es die größte Bedrohung für die Menschheit ist, die jemals existiert hat. Aber nicht zu selten wird davon gesprochen, dass die Proteste die Europawahl im vergangenen Jahr beeinflusst haben und somit in Deutschland zu einem herausragenden Ergebnis der Grünen geführt haben. Die weltweite Aufmerksamkeit für die Proteste in Hong Kong, die beispiellos gegen das Regime der KP aus Peking ankämpften, darf auch nicht unterschätzt werden, auch wenn - sicherlich auch bedingt durch Corona - die Bürger:innen Hong Kongs zuletzt eine empfindliche Niederlage hinnehmen mussten.

Die heutige Jugend

Nach der Tötung von George Floyd durch die Polizei in Minnesota flammten zunächst in den USA, dann aber auch in Deutschland und weltweit Proteste und Demonstrationen auf, die sich gegen Rassismus und Polizeigewalt richteten und bestimmten damit die Agenda der Berichterstattung in erheblichem Maße. Wie langfristig und nachhaltig Folgen aus diesen Protesten sein werden, ist zu diesem Zeitpunkt kaum abzusehen und wäre lediglich von einer optimistischen oder pessimistischen Grundhaltung gefärbt. Man könnte sich nun fragen, weshalb ein Opfer von Polizeigewalt in den USA so sehr für Proteste in Deutschland mobilisiert, wenn die Reaktionen auf rechtsextreme Attentate wie in Halle oder Hanau damit kaum zu vergleichen sind. Doch viel interessanter ist, aus welcher Haltung heraus die Menschen auf diese Proteste gehen.

Ich glaube zwar nicht an das Gerede von unterschiedlichen "Generationen", im Sinne der Baby Boomer, der Generation X, der Millenials und der neusten Schöpfung, der Generation Z oder Zoomer (oder was noch so alles sich jemand einfallen lässt). Natürlich lassen sich ähnliche Lebens- und Erfahrungswelten konstruieren, die immer auch die Weltsicht und das Leben von bestimmten Geburtengängen prägen, aber die größten Unterschiede liegen immer noch hinsichtlich der ökonomischen Position im System und die tatsächlichen Folgen für die Menschen in ihrem Leben. Dennoch ist etwas nicht von der Hand zu weisen: heutzutage leben wir in einer hinsichtlich der Werte viel liberaleren Gesellschaft als noch vor einigen Jahrzehnten und damit in einem weitaus größeren Möglichkeitsspielraum. Das mag durchaus damit zu tun haben, dass der Kapitalismus gerne progressive soziale Vorstellungen adaptiert und dann als eigenes Produkt vermarktet, wie beim Feminismus oder auch Veganismus geschehen. Doch das prägt die Menschen, die in den letzten 20-30 Jahren geboren sind, auch in erheblichem Maße. Genauso wie sie stark davon beeinflusst sind, dass seit ihrer Geburt die ökonomischen Unsicherheiten und Ungleichheiten kennen, die sich durch die Übernahme des Neoliberalismus als Dogma der kapitalistischen Produktionsweise ergeben haben. Nicht zuletzt dadurch ist die heutige Jugend geprägt durch Unsicherheiten und Zukunftsängste, welche die Baby Boomer nicht erlebt haben. (Dies umschließt natürlich nicht nur die heutigen Jugendlichen, doch ebenso die so oft als Millenials bezeichneten mittlerweile erwachsen gewordenen jungen Menschen, die sich irgendwo zwischen Studium und Familiengründung befinden). Dass das meistens nur für eher besser situierte, weiße Europäer:innen und Amerikaner:innen gilt, muss man dabei unbedingt erwähnen. Die weniger Privilegierten kennen prekäres Leben aus ihrem Alltag und genauso schon aus den Erzählungen ihrer Eltern. Meinem Eindruck nach verfestigt sich in der heutigen Jugend aber die Absicht, sich mit dem Status Quo nicht zufrieden zu geben, immer mehr.

Es ist gar nicht so lange her, dass junge Leute als unpolitisch bezeichnet wurden - bis dann auf einmal Fridays for Future kam und Menschen plötzlich die Lebenswelten der heutigen Jugend präsentiert bekamen, die damit vorher nie in Berührung gekommen waren. Die jungen Leute, die heute zu FFF-Demos oder Black Lives Matter-Protesten gehen, können mit einer alten, konservativen Welt voller Diskriminierung nichts anfangen. Ihre Vorstellungen zu einer umweltfreundlicheren, nachhaltigen Welt wurden nicht zuletzt in der Shell-Jugendstudie von 2019 aufbereitet. Meiner eigenen Erfahrung nach gehören Antirassismus, Feminismus und das Einsetzen für LGBTQ+-Rechte zur selbstverständlichen Ausstattung dieser sozialen Bewegungen, da verstanden wurde, dass der Kampf gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeiten nur gemeinsam erfolgen kann. Dabei erinnert mich die Denkweise der heutigen Jugendlichen in ihrer politischen Praxis sehr an die schon seit Jahrzehnten in einigen Strömungen sozialwissenschaftlicher Forschung praktizierte Herangehensweise der Dekonstruktion, die sich vermutlich auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zurückführen lässt. Dabei wird ein theoretisches Feld oder ein Text als in sich gegensätzlich bzw. widersprüchlich identifiziert und im weiteren Vorgehen die hierarchische Ordnung gebrochen. Ursprünglich entstammt diese Praxis der Literaturwissenschaft, ließ sich aber im weiteren Verlauf auf viele andere Felder sozialwissenschaftlicher Forschung anwenden. Dabei ist Dekonstruktion ein Kofferwort aus Destruktion und Konstruktion. Diese Art des Denkens und der Praxis ist im oberflächlichen Sinne als kritisches Hinterfragen und Auflösen eines Textes und einer Hierarchie/Machtstruktur zu betrachten. Dabei könnte man nun die verschiedensten theoretischen Strömungen wie der (post)strukturalistischen z.B. bei Michel Foucault daran anknüpfen lassen oder auch vergleichbare Herangehensweisen der Kritischen Theorie zu Rate ziehen.

In die ungewisse Zukunft

Wichtig ist aber die Auffälligkeit, dass die heutige Jugend keinen einzigen Stein umgedreht lassen will. Selbst vermeintliche Kleinigkeiten werden in Frage gestellt, wenn es am Ende der Schulzeit um die Wahl von Abschlussballkönig und -königin geht. Oder wenn es um Frage von Mobilität in der Zukunft, den Zugang zu Ausbildung und Studium oder auch nur die Rückkehr in die Schule nach der Zwangspause wegen des Coronavirus geht. Ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit in allen Belangen ist bis jetzt kein revolutionärer, was aber sicherlich sehr stark mit den Zwängen des ökonomischen Systems zu tun hat. Aber während in früheren sozialen Bewegungen oft monothematisch protestiert wurde und auch in eigentlich progressiven Gruppierungen sexistische oder andere Muster reproduziert wurden, scheint die heutige Protestbewegung dabei weiter zu sein. Natürlich gibt es auch in der progessiven sozialen Protestbewegung, die gar keine Einheit, sondern ein buntes Kollektiv verschiedener Individuen oder Individualgruppen ist, strukturelle Muster der Diskriminierung und Ausgrenzung, die dringend beachtet und angegangen werden müssen. Niemand soll davon frei gesprochen werden, solche Muster zu reproduzieren. Aber so fortschrittlich, wenn man das Wort benutzen will, wie heute, waren soziale Bewegungen vielleicht noch nie. Das erkennt man an der Selbstverständlichkeit, mit der die verschiedenen Ungerechtigkeiten verbunden werden. Ob es sich jetzt dabei wieder um eine Adaption des Kapitalismus handelt oder nicht, aber es ist bereits auffällig, wie sehr soziale Gerechtigkeit beispielsweise Thema in neuesten kulturellen Erzeugnissen wie Netflixserien, Kinofilmen oder Musikstücken ist, genauso wie in der öffentlichen Darstellung junger Künstler:innen, die sich lautstark positionieren. Vielleicht war es teilweise schon immer so, dass man den Eindruck hatte, dass sich die Dinge positiv entwickeln. Vielleicht ist es nun aber mal an der Zeit, den alten Spruch des "Früher war alles besser" zu begraben und nicht zu behaupten, wie verzogen und verkommen die heutige Jugend sei, sondern zu sehen, dass die heutige Jugend womöglich ein Fortschritt für die Menschheit ist.

16:45 18.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alexander Engelen

I resist what I cannot change / But I wanna find what can't be found
Alexander Engelen
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