Afghanistan - Krieg oder nicht Krieg – 1

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Augen stur geradeaus oder Neudefinition des "Voelkerrechts"?


Zunaechst einmal nochmals zur Erlaeuterung: Ja – ich lebe und arbeite hier und zahle auch meine Steuern hier. Ich bin aber nicht bis an die Zaehne bewaffnet – genauer gesagt – ich trage gar keine Waffe und bewege mich nicht nur in jenem Teil der Altstadt Kabuls , in dem wir – das heisst – die NGO (Non Governmental Organisation), bei der ich beschaeftigt bin ein umfassendes Revitalisierungsprogramm fahren auch frei. Unser Guest-House – ein bescheiden saniertes Fort aus den 1880 er Jahren ist gut gesichert. Die Wachen sind nette Kerls mit Kalaschnikows. Und – an manchen Tagen am Wochenende fahre ich auch zu anderen Orten hier in der Stadt selbst und im Umland der am schnellsten wachsenden Stadt Zentralasiens und bewege mich dort ohne Splitterschutzweste oder aehnliche Utensilien – wie meine Kollegen auch – pfluecke dort zum Beispiel mit Afghanen Kirschen und Maulbeeren und versuche mit ihnen dabei mein duerftiges Dari – das hier gesprochene Alt-persisch aufzubessern.


Waere ich als Soldat hierhin geschickt worden – wuerde mich also nur in gepanzerten Fahrzeugen und Uniform geruestet bewaffnet draussen, ausserhalb des Camps meiner Einheit bewegen – dann haette ich fuer den Eiertanz der Regierung in Berlin nur ein Kopfschuetteln uebrig. Irgendwann wuerde ich mich aber in meiner Ehre angegriffen fuehlen – und wuerde sicher entsprechend wuetend auf die Vermeidung des Begriffes Krieg durch die Stagnationsverwalter aus Berlin reagieren.Aber-als Zivilist habe ich dieses Problem nicht. Gut so ? Vielleicht.


Beruehrungspunkte zwischen dem Militaer und meiner Arbeit hier gibt es vordergruendig wenige. Wenn ein- meist unbeflaggter US-Konvoi - zumeist mit Sirene durch Kabul faehrt, beschleunigen unsere Fahrer oder halten, um moeglichst schnell aus dem Gefaehrdungsbereich zu kommen. Andere – beflaggte tuerkische, italienische, franzoesische oder sonstige ISAF-Konvois sind da ohnehin meistens wesentlich relaxter.


Dennoch – ohne das Militaer waeren wir auch nicht hier. Waere es indes ohne westliche Militaerpraesenz besser ? Der Tod von drei deutschen Soldaten in Kundus – ich erfahre davon auch ueber’s Internet. Die Diskussion zu Hause wird dann durch manchen jungen Redakteur wieder belebt:


„Wenn stimmt, was alle behaupten, dass Afghanistan militärisch nicht zu gewinnen ist, dann ist es ein Skandal, dass die internationale Gemeinschaft sich allein den Einsatz des US-Militärs täglich 100 Millionen Dollar kosten lässt – für den zivilen Wiederaufbau aber gerade einmal sieben Millionen pro Tag ausgibt; dass 1000 Hilfsorganisationen aus 50 Ländern unkoordiniert nebeneinanderher arbeiten und die Ausbildung von Polizisten hinter den ohnehin bescheidenen Versprechen zurückbleibt.

Gehen oder bleiben? Das Militär ist keine Lösung. Aber manchmal ist ohne Militär eine Lösung auch nicht möglich.“


Was die Koordination – und die Unterstuetzung der vielen NGO’s hier betrifft – irgendwie hat der gute Herr Michael Schmidt da nichtganz Unrecht. Wenn Bundesverteidigungsminister Jung indes das Wort Krieg vermeiden will und betont, dass es Wichtigeres gibt hier als die „militaerische Dimension“ – dannfrage ich mich unweigerlich, warum so wenig Interesse an der Herkulesaufgabe der NGO’s hier gezeigt wird. Qualitaets- und Boulevardjournalismus schreien immer nur auf, wenn Soldaten sterben – was nun einmal, darueber sollte man sich im Klaren sein, Berufsrisiko ist. Auch ich kann hier vom Dach fallen oder eben dort exponiert abgeknallt oder in den Strassen hier entfuehrt werden. Bad guys gibt’s ueberall. Ob in Kabul oder Helmand- Koeln oder Duesseldorf. Hier vielleicht nicht so viele wie sonstwo. Dennoch – mein Beileid an die Angehoerigen. Letztlich werden die Soldaten hier wirklich auf diese Weise, dass man ihren Einsatz alleine aus wahltaktischen Gruenden heraus voellig bewusst verunklaert nichts anderes als verheizt.


Und – dass deutsche Truppen hier ins Schussfeld geraten, das liegt vielleicht auch in dieser Verunsicherung begruendet. Die meisten Amerikaner und Englaender, das beobachte ich hier immer wieder – auch unter NGO’s- haben wenig Ahnung von Machtvakuen, Vettern- und Clanwirtschaft. In einer zu restrukturierenden Region ist dies aber der Schluessel. Die zu Landlords gewordenen Warlords koennen nur durch Reinstallation urislamischer Zellen – der Shuras ueberhaupt zur Raeson gebracht werden. Das System der Shuras – eine Art Gemeindeversammlung – ist aber natuerlich hier wie alles, was mit Institutionen und Mitsprache zu tun hat - zerschlagen. Die Quartiersanwaelte – eher eine Art Laien-Schiedsrichter - die Wakil-e-gozars hier – die gibt es. Aber – sie machen allzu haeufig gemeinsame Sache mit den Landlords – den vormaligen Warlords.

Italiener wissen, dass man einen Camorrista nicht zum Geldeintreiben fuer die Clans aus Napoli nach Palermo schickt. Das gibt nur Mord und Totschlag. Von daher funktioniert manches bei den Italienern besser hier als bei den Angelsachsen. Nicht unbedingt zum Besseren fuer die Bevoelkerung – aber – im Hinblick auf einen Interessensausgleich auf Feudalherrenebene, der sich natuerlich aber auch in einer gewissen Ruhe in der feudalen Hackordnung darstellt. Die Angelsachsen jedoch koennen scheinbar nicht so richtig mit diesen Phaenomenen umgehen. Anders kann ich mir manche Aktionen hier nicht erklaeren. Man steht den zusammengebrochenen Strukturen machtlos gegenueber und kann auch keine Alternative anbieten. Der Parlamentarismus bei uns in seiner Entfremdung von den verschiedenen (Gesellschafts-)Ebenen und wirklichen Zielen, die Staat und Gesellschaft weiterbringen wuerden – hier noch mehr als sonstwo ein hohles Konstrukt. Nicht uebertragbar. Auf die muehsame Kleinarbeit der Reinstallation basisdemokratischer Zellen – eben der Shuras – darauf wollen sich nur die Wenigsten einlassen. Koennen ohnehin nur erfahrenere, aeltere Leute, die eben auch aufgrund ihrer Lebenserfahrung den noetigen Respekt und die noch noetigere Geduld mitbringen – und erhalten. NGO’s bestehen jedoch zu einem grossen Teil aus sehr jungen Leuten. Idealisten ohne Erfahrung.

Meine NGO hat das letztes Jahr scheinbar erkannt. Wir haben jetzt einige US-Afghanistan-Veteranen hier – Hippies, die in den Siebzigern schon einmal hier gestrandet sind und – da zwei auch mit Perserinnen verheiratet sind – Farsi-Sprecher. Klasse Leute, die so schnell nichts umhaut. Dennoch – es ist unglaublich muehsam, Menschen, die 30 Jahre Krieg auf dem Buckel haben, das Bewusstsein fuer Verantwortung und politische Mitsprache zu vermitteln. Noch schwerer vielleicht als in Deutschland 27 Jahre nach der „geistig-moralischen Wende“. Man muss eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen. Gewinnen ganz junge Idealisten meist erst mit der Zeit. Wenn sie nicht vorher schon die Segel des Idealismus streichen und den Weg des Suppositoriums wo auch immer hin gehen.


Da Deutschland sich zum Vasallenstaat degeneriert hat waechst natuerlich insofern auch die Verunsicherung. Die Soldaten koennen mit Phaenomenen dieser Art eben auch nicht mehr umgehen, wenn die Fuehrung sie nicht ueber gesellschaftliche Phaenomene besser schult. Das Interesse daran scheint in Anbetracht derScheindebatten ueber Krieg oder nicht Krieg kaum vorhanden. Es wird ja auch gezielt ausgeklammert, dass die Militaerlobby dem Staat besonders in Zeiten knapper Kassen viel wichtiger ist als ein Konzept fuer einen wie auch immer gearteten Wiederaufbau eines im tiefsten Machtvakuum gescheiterten Staates -diesseits wie jenseits des Atlantik.


Was ist denn ueberhaupt ein Machtvakuum – oder – ein „failed state“ ?

Auch hier soll sich wieder am mir am naechsten gelegenen Beispiel orientiert werden – eben Afghanistan. Die afghanische Misere begann eigentlich mit dem Staatsbankrott Mitte der 1950 er Jahre. Staatliche Strukturen und Leistungen verschwanden zusehends. Ein Hilfsgesuch an die US wurde abgelehnt. Die Sowjetunion sprang in die Bresche. Die darauffolgende Aufteilung des Landes gemaess der Claims der Kalten-Kriegsgegner ging 25 Jahre gut. Die Sowjets hatten den Norden und die Hauptstadt, die Amerikaner unterstuetzten den Sueden mit Strassenbau und aehnlichen eher bescheidenen und unauffaelligen Massnahmen.

Die kulturellen Fremdlinge wurden immer mehr als Besatzer empfunden – der Islamismus etablierte sich zusehends. Funktionierende Strukturen einer „Zivilgesellschaft“ waren schon weitestgehend ausgehoehlt. Wenn man pleite ist, dann ist man erpressbar. Wenn man um Hilfe gebeten hat, befindet man sich schnell im Wuergegriff des angefragten potenziellen „Gebers“.

Wenn dann gar nichts mehr geht, dann wird eben die Politik mit anderen Mitteln fortgesetzt. Letztlich ist zu diesem Zeitpunkt der Sog des Machtvakuums zum Krieg hin unausweichliche logische Konsequenz aus dem Zusammenbruch jeglicher Strukturen, die das Zusammenleben einer Zivilgesellschaft regeln. Der Staat hat sich in dem Moment selbst aufgegeben. Er wird zum Schauplatz externer, in den zunehmenden Sog des Vakuums hineingetragener Konflikte. Die interne Aufreibung hat bereits den Raum geschaffen, auf dem sich fremde Maechte bekaempfen. Fremde Maechte, die als potenzielle „Geber“ eben auch potenzielle Erpresser sind. Der militaerisch-industrielle Komplex der „entwickelten Geberlaender“ profitiert wie kein anderer Wirtschaftszweig vom Machtvakuum in „failed states“.

Der Zusammenbruch des Sowjetsystems – die finale Pervertierung der Idee des Kommunismus – die Einsicht, dass dieses System so nicht durchfuehrbar war – das dauerte dann bis 1989. Vorher hatten die Sowjets durchaus Einiges in Afghanistan geleistet. Aber – zentralistisch gesteuerte Parteikadersysteme ersetzten die wenigen noch vorhandenen tribalistischen basisdemokratischen Einheiten – die Shuras voellig. Der Buergerkrieg 1990-92 nach Abzug der Sowjets – das Machtvakuum war erneut und staerker als je zuvor da. Die „Systemgewinnler“ des Kapitalismus mit ihrer Affinitaet zum Sozialdarwinismus sahen Wesenszuege der Barbarei in der Zerstoerung und dem Morden – wie immer wurde der eigene (Waffen-)anteil an der Zerstoerung negiert. Die Barbarei beginnt eigentlich mit dieser Verdraengung, die Stellvertreterkriege erst ermoeglicht. Hekmatyar, der ja im Kampf gegen die Sowjets wie auch andere Mudjahids vom „freien Westen“ massiv aufgeruestet wurde – er wurde kurz zumRegierungschef deklariert – aber – die Zivilgesellschaft war den Warlords – den sich gegenseitig bekriegenden Mudjahids allerorten noch immer wehrlos ausgesetzt.

Erst mit der Ankunft der Taliban 1996 kam jemand, der das nicht mehr bestehende Ordnungsgefuege vermeintlich ersetzen konnte. Die wehrlos am Boden liegende Zivilgesellschaft sehnte sich nach so jemandem. Bald realisierte man, dass der Sog hinab in die tiefste Finsternis kaum noch auszuhalten war.


9/11 dann wurde zum Anlass fuer den Angriff der NATO-Buendnispartner auf die islamofaschistische Diktatur, die sich da auf dem Boden des Machtvakuums etabliert hatte. Das Volk schmorte da schon in der Dante’schen Hoelle – ohne Aussicht auf einen Virgilio oder gar Stazio, der es da herausfuehren wuerde.


20:50 09.07.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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