Afghanistan - Krieg oder nicht Krieg – 2

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Das Völkerrecht als überstaatliche Rechtsordnung, „durch die die Beziehungen zwischen den Völkerrechtssubjekten (meist Staaten) auf der Grundlage der Gleichrangigkeit geregelt werden“ ist per se eigentlich ein voellig in die Irre fuehrender, so nicht mehr tragbarer Begriff. Es handelt sich um ein Staatsrecht, das gegenueber jeglicher Willkuerherrschaft Respekt gebietet. Die Voelker sind nur Objekte dieses Rechtsbegriffes, der seinen Ursprung alleine in der noch immer global dominanten Idee des Nationalstaats hat – obwohl diese Idee im 20. Jahrhundert bereits mehrfach in katastrophaler Weise ihr Scheitern bewiesen hat.


Bis 2004/5 war Sicherheit hier nicht wirklich ein grosses Problem. Man hatte die Bevoelkerung hinter sich. Aber – der „maechtigste Mann der Welt“und seine Junta – und die Vasallen waren am Zugang zu den Oelquellen viel mehr interessiert als an einem starken und umfassenden Wiederaufbaukonzept. Der Kapitalismus in seiner degenerierten Perversion als von allen Regeln befreiter Neoliberalismus haengt nun mal am Tropf des kurzfristige Profitmaximierung wie kein anderer Zweig garantierenden militaerisch-industriellen Komplexes. In Krisenzeiten mehr denn je. Einmal mehr scheint nun das Volk hier zum Spielball von Besatzern zu werden. Besatzer, die sich so nicht mehr lange in diesem Land halten werden. Mit den Taliban indes koennte dann bald eine neue Phase des Buergerkriegs eingeleitet werden. Darauf scheint die strategische Dummheit des Westens hier hinauszulaufen. Ein perpetuum Mobile der grassierenden Degeneration des Abschaums der Schoepfung, der sich irrtuemlicherweise fuer die Krone derselben hielt.

Auch AWACS Flugzeuge, hierhin gebracht, werden hoechstwahrscheinlich lediglich Auklaerungsdaten fuer Drohnen liefern. Drohnen, deren feige Zerstoerungskraft auch den nicht wirklichen Bodycount unter Zivilisten unweigerlich erhoehen werden. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen der NATO, die die verloren gegangene und mutwillig zerstoerte Hoffnung vieler Menschen hier nicht wirklich wieder herstellen helfen. Hoffnung jedoch ist das Wichtigste, was eine Gesellschaft, die sich in einem voellig planlosen Ad-hoc-Stadium des Wiederaufbaus befindet wirklich benoetigt – Hoffnung, die letztlich auch in einen zuversichtlich stimmenden Plan muendet – Hoffnung, die den Menschen ermoeglicht, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen- ohne ihre Seele – geschweige denn ihre Kinder verkaufen zu muessen.


In einer auf Sozialdarwinismus basierenden Weltordnung sind die Menschen so jedoch nur Spielbaelle von einigen wenigen Barbaren. Will man diesen Krieg hier jemals beenden, dann muss man endlich einmal auf die Menschen – und nicht nur auf die Waffen – und deren Haendler hoeren.


Dass ein wie auch immer gearteter Eingriff in einen in Despotismus brutalster Machart versinkenden Staat mit einer bereits in Ohnmacht und Lethargie gefangenen Gesellschaft nur in Folge eines vermeintlichen Angriffs auf das eigene Territorium des herrschenden „Gebers“und insofern potenziellen Erpressers moeglich ist – wie es im Falle von 9/11 eben war – das alleine zeigt, dass dieses „Voelkerrecht“ ein hohler Vogel ist, der alleine Willkuer und Despotismus – aber in keinster Weise das Volk – oder – die Voelker schuetzt.


Es bedarf endlich des politischen Willens, sich in einer „Welt-Innenpolitik“ der Probleme des 21. Jahrhunderts anzunehmen und nicht in permanenter Feigheit vor fuer wen auch immer unbequemen Loesungen die Augen vor dem groessten Feind der stagnierenden politischen Evolution – der Zukunft – zu verschliessen.

Mit der derzeitigen Gangart – zwei Schritte vor, drei Schritte zurueck – landet man dort, wo alles, was konzept- , gedanken- und irgendwann dann auch skrupellos genug ist letztlich landet – auf dem Muellplatz der Geschichte.


Aber – ich bezweifle, ob die zustaendigen Menschen in Washington, Berlin, Paris, London, Rom , Kabul und sonstwo in ihrem einfaeltigen Macht- und Geldhunger die Stimmen der Menschen noch hoeren.

Die Qualitaetsjournalisten interessiert’s ja auch kaum.

Herausgeber koennen ja auch ihre Sandkastenstrategien hier zum Besten geben.Kein Wort findet sich darin ueber die Menschen, die in Kriegen umkommen. Ueber die Objekte des Voelkerrechts, die jedem Angriffskrieg und jedem Despotismus von Seiten der „Voelkerrechtssubjekte“ nur teilnahmslos zusehen duerfen.


2011 ziehen die kanadischen Truppen hier ab. Ihr Blutzoll im Sueden des Landes war in der Relation zur Landes- und Kontingentgroesse enorm – der Widerstand gegen Stephen Harper’s Politik aeusserte sich besonders massiv in der Afghanistan-Frage. Kanada – die Canadian International Development Agency CIDA ist so zu unserem wichtigsten Sponsor fuer 2009 / 10 geworden.

Es bleibt zu hoffen, dass noch weitere Regierungen so in Bedraengnis geraten und mehr Geld vom militaerischen Sektor abziehen und in den bitter noetigen Aufbau stecken – und das Interesse fuer einen systematischen Wiederaufbau entsprechend steigt. Wenn man Herrn Jung Glauben schenken soll, dann ist die militaerische Dimension ja nicht wirklich das Wichtigste hier.


Aber – das liegt an Euch, Leute.


20:54 09.07.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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