Benoetigen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag ?-1

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Gut drei Monate nach meiner Rueckkehr aus Afghanistan – einem Nach- oder besser - Noch- Kriegsland, in dem ich eineinhalb Jahre versucht habe, als Architekt und Staedtebauer etwas zu bewegen, stellt sich Deutschland im Herbst 2010 wie folgt dar:

-Staat und Gesellschaft sind voellig zersplittert

-Die Menschen behaupten ihre „Hoheitsgebiete“ – ergo- keiner vermag mehr 1 + 1 zusammenzuzaehlen. Dies erscheint aber auch den meisten geradezu als „subversiver Akt“, da sie damit Grenzen ueberschreiten wuerden.Grenzen, die gemaess der Schere im Kopf - der ‚political correctness“ eben auch Verletzungen der „Hoheits-/ Privatsphaeren“anderer Menschen und entsprechende Konflikte ausloesen wuerden.

-Die Verelendung ist auch im Strassenbild massivst angestiegen. Immer mehr Bereiche des oeffentlichen Raums werden von Menschen beherrscht, die den Tag totschlagen.

-Darunter befinden sich auch immer mehr hoch gebildete – intelligente Menschen, die da gestrandet sind.

-Die Angst, die direkte Falltuer nach unten zu finden durchsetzt die immer mehr ausgeduennte Mittelschicht, die letztlich zum Mittelstand geworden ist, da sie von oben eben auch massiver Ausbeutung ausgesetzt ist. Nicht Leistung ist es, was da honoriert wird, sondern „das Gefaelligsein“ jedweder Art.

-Leistung, die etwas bewegen, veraendern moechte wird so von allen Seiten ausgebremst. „Wer sich zuerst bewegt, verliert“ – wer also planlos verwaltet, macht auch keine Fehler.

-Staat und Gesellschaft belagern sich so gegenseitig. Ein Zustand voelliger Paralyse ist erreicht – eine Laehmung, die voellige Planlosigkeit hervorruft – es existiert nicht der geringste Wille, Gegenwart und Zukunft in irgendeiner Weise zu definieren und Ziele zu bestimmen, die auch kommende Generationen als Buerger eines Landes in der Mitte Europas in Betracht zieht und entsprechend wuerdigt.


Als Heimkehrer aus einem von mehr als 30 Jahren Unsicherheit und Krieg gepraegten Lande will ich jedoch nicht jene subjektiven Gruende verschweigen, warum ich hier bin:

-dieses Land hier hat gruene Wiesen, wie ich sie nur von wenigen anderen Orten kenne.

-die Luft ist sauber. Nach gut drei Monaten kann ich wieder 15-20 km laufen. Als latentem Asthmatiker war mir das in Kabul mit seinem Smog aus Diesel-, Staub- und Holzbrandemissionen – und dem hohen Faekalanteil in der Atemluft unmoeglich.

-Das Wasser aus dem Wasserhahn ist trinkbar.

-Man kann gesundeLebensmittel kaufen und diese entsprechend verarbeiten.

-Es gibt vereinzelte nette Menschen hier, die eben auch etwas mehr tun, als nur zu jammern und zu klagen.

-Dieses Land ist mein Land. Das Land der Dichter und Denker hat ein unglaubliches Potential und – paradoxerweise eilt ihm dieser Ruf ueberall noch weltweit voran. Auch ich habe immer versucht, diesem Ruf gerecht zu werden.

-Aber – ich vermisse die Naehe, die unbefangene Neugierde vieler Menschen in Afghanistan. Hier ist jeder fuer sich – jeder alleine.


Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus, der im dekadenten Parteikadersozialismus unter dem Deckmantel des Kollektivismus nur noch Einzelinteressen bediente ist nun der vom Kapitalismus entfesselte „Individualismus“ im Zustand voelliger Dekadenz gefangen. Das Individuum, das sein eigenes Glueck machen soll ist in der bewegungslosen Masse seines Standes genauso gefangen wie die Maechtigen in ihrem sich selbst verwaltenden Stand.

-Das Pendel zwischen ideeller und materieller Wertschoepfung haengt endgueltig fest. Materielle Wertschoepfung wird zudem zumeist virtuell bedient – die Unsummen, mit denen virtuelle Margen gehandelt werden verursachen im Falle von Fehlspekulationen aber eine reelle Versklavung zukuenftiger Generationen – zu allererst der unteren Staende. Die Produktivkraefte solchermassen agierender Volkswirtschaften laufen dabei gegen Null.

-Das solchermassen geschaffene ideelle Vakuum – es laehmt nachhaltig alle Bereiche oeffentlichen und privaten Seins. Jeder verharrt bewegungslos auf seiner Position – in seinem Stand. Jeder wird beherrscht von der Angst, seinen Stand zu verlieren.

-Nicht „Multikulti“ ist tot – der integrativ funktionierende, dem Grundgesetz von 1949 zugrundegelegte humanistische Gedanke von Menschenrecht und Menschenwuerde als Basis einer zivilisatorisch geleiteten Gemeinschaft ist tot.

-Der Begriff der „Kultur“ dient in diesem Zusammenhang mit Schlagwoertern wie „Kulturkampf“ oder „Leitkultur“lediglich allen Seiten als Strohhalm, an dem man sich festhalten kann ob seines unsicheren Standes – seiner von allen Seiten gefaehrdeten Position in dieser aufgeloesten und zersplitterten Gemeinschaft.

-Der „Islamismus“ – islamistischer Terror mit letzter Konsequenz – dem Selbstmordattentat ist insofern nichts anderes als Selbstmord aus Angst vor dem ideellen Tod. Dieser „ideelle Tod“ manifestiert sich im Zustand voelliger Dekadenz, in dem sich die „westliche Wertegemeinschaft“ mit dem am materiellen Ende der Skala klebenden Pendel befindet.


Der Verfasser hier sollte vielleicht betonen – auch er weiss, dass Geld ein Zahlunsmittel ist, mit dem der Wert einer Ware – und einer Leistung – mithin also der Ware Arbeit – gleich welcher Art bemessen wird. Er sieht jedoch auch dieses Gleichgewicht ueberall massivst gestoert.


13:14 29.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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