Benoetigen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag ? -2

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Das „ideelle Vakuum“, das eben in den oberen Staenden den puren Macchiavellismus voelliger Verkapselung und Abschottung – in unteren Staenden die Gefahr des Rassismus und des Hasses auf den oder die Andere/ das Fremde per se mit sich bringt – es laeuft Gefahr, in hoechst prekaeren (Welt-) Regionen die Dynamik vieler Vorgaenge ueberhaupt nicht realisieren– geschweige denn – entsprechend entscheiden und gar - handeln zu koennen. Alle Maximen der Beurteilung von reellen und virtuellen – also moeglichen Gefahrensituationen sind quasi ausgeschaltet. Auch dieses Phaenomen betrifft erneut alle Staende, die da in gegenseitiger Laehmung ausharren.

-Das Phaenomen des Unilateralismus – der einseitigen Betrachtung aller Vorgaenge – der ausschliesslichen Annaeherung an jegliche Vorgaenge nur von einer Seite negiert zwangslaeufig alle anderen Dimensionen eines Vorganges.

-Mit der Fixierung alleine auf die materielle Wertigkeit eines Dinges/ eines Vorganges ist dieser Sachbestand gegeben. Alle weiteren Dimensionen – auch solche, die „Nachhaltigkeit“ und „Zukunftstauglichkeit“ in sich tragen werden somit bedingungslos ausgeklammert. Doch - den so Agierenden ist – in Anbetracht der oben angefuehrten Symptome ihrer Grunderkrankung – der Laehmung und der entsprechenden Angst vor jeglicher Bewegung gar kein Vorwurf zu machen. Sie sind ganz einfach – schwer krank.

-Deutschland kann sich in Anbetracht seiner Geschichte wie auch seiner geostrategischen Position in Mitteleuropa diese Angst und die dem folgende Laehmung gar nicht leisten.


In Afghanistan erlaeuterte ich einmal einem Architekten, dass, wenn er einen guten Tisch entwerfen koenne, er auch ein Hochhaus bauen koenne. Alles ist eine Frage des Masstabes – das Prinzip bleibt bei entsprechendem Verstaendnis dasselbe.

Die Architektenausbildung in Kabul ist sehr duerftig. Hier – in diesem Lande mit all seinen Moeglichkeiten – hier erhaelt man jedoch auch immer bloedere Blicke zur Antwort, wenn man nur den leisesten gedanklichen Transfer von manchem Gegenueber – auch von Menschen, die eigentlich „gebildet“ sein sollten voraussetzt.

Wie jedoch soll man den Menschen ein Haus erklaeren, wenn die Idee vom Haus tot ist und die materielle Substanz des Hauses in sich zusammenfaellt ?


Vermag ein Abriss – eine Revolution diese substanziellen Maengel zu beseitigen ?

Ich denke nicht. Ein Umbau ist immer schwieriger, aber – mittels der Evaluierung des Bestandes und – der Fortfuehrung der Erzaehlung des Bauwerkes – mit all seinen Bruechen ist auch die Geschichte hier weiterzufuehren. Erschuetterungen gibt es da alle Male. Das liegt in der Natur jeglicher Veraenderung – jeglicher Veraenderung, die letztendlich ein dem Leben selbst entspringender Wesenszug ist. Doch – der Patient da selbst muss einwilligen in die Operation am offenen Herzen. Und – er sollte von einem verantwortungsvollen Arzt darauf aufmerksam gemacht werden, dass seine Lebenserwartung ohne diese riskante OP nicht sehr hoch sein duerfte.


Jean-Jacques Rousseaus Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag oder – Prinzipien des Staatsrechts“ – „Du Contrat Social ou Principes du Droit Politique“ erschien zunaechst in Amsterdam im Jahre 1762. Er wurde sogleich in Frankreich, den Niederlanden, in Genf und Bern verboten. Mit der franzoesischen Revolution 1789 beginnt fuer viele Menschen das, was man gemeinhin als „Neuzeit“ bezeichnet. Auch, ob dies ein Hoch- oder ein Tiefpunkt der Geschichte war – auch darueber streiten die Gelehrten. Alles ist letztlich eine Frage des Blickwinkels.

Die Dynamik der heutigen Situation 2010 jedoch ist eine andere. Zwischen Praeventivmassnahmen – Warnsignalen – wie Rousseaus Schrift eine darstellt – und den Ereignissen liegen nicht mehr Generationen – 27 Jahre im Falle Rousseaus und der franzoesischen Revolution. Die Menschen wollen jetzt ihr Leben leben und – sie moechten fuer ihre Kinder und deren Kinder eben auch so etwas wie – Hoffnung hegen, dass diese einmal besser leben koennen. Hier wie ueberall sonst auf der Welt.


Frau Merkel und Herr Westerwelle werden dies leider nur bedingt nachvollziehen koennen.

Das ist schon tragisch genug – aber – es ist nun mal ein Fakt, dass viele Dinge kaum erlebbar sind, wenn man nicht selbst Leben- Nachgeborene in diese Welt gesetzt hat.

So sollte man aber zum Beispiel jenen Minister – Herrn Niebel, der zuvor sein Ressort abschaffen wollte beim Wort nehmen. Es gilt doch vielmehr,auch in der Entwicklungszusammenarbeit „Win-win-Situationen“zu schaffen – fuer beide Seiten – wie also kann Entwicklungsarbeit und Wiederaufbau als Wissens-und Guetertransfer dem Mittelstand als essentiellem, fundamentalem Faktor fuer eine entwicklungsfaehige demokratische Struktur beider Gesellschaften dienen – im klassischen „Geber-“ wie auch im klassischen „Nehmerland“?
Oder - besonders jetzt wieder in Afghanistan - wo und wie erhaelt der Steuerzahler bei uns im klassischen "Geberland"- im Norden Moeglichkeiten zur Urteilsfindung selbst – auch bezueglich seines Verhaltens als Steuerzahler, der letztlich Kriegseinsatz wie Wiederaufbau potentiell finanziert?
Modelle dieser Art zu entwickeln und entsprechend denn auch "on the ground"- in der Basisarbeit umzusetzen- zum Wohle von Mittelschicht und mittelstaendischen Unternehmern hier und Kleinunternehmern dort - das sind zukunftsfaehige Entwicklungsmodelle.
Diese jedoch gehen einmal mehr im technokratischen Begriffsdschungel unter.Und - da steht Niebel mit seiner leider recht geringen Ahnung von Konzepten, mit denen solche Fortschritte zu erreichen waeren ja nicht alleine da. Ich musste auch erst eineinhalb Jahre in Afghanistan arbeiten,um all diese Defizite zu registrieren und - Verbesserungsvorschlaege zu entwickeln, die nun aber keiner hoeren will. Warum ? Vielleicht, weil Lu Xuns, des bedeutendsten modernen Schriftstellers Chinas Aussage eben viel Wahrheit enthaelt, dass im materiell erfolgreichen Westen „Geist und Seele zunehmend erlahmen“ und „die Lebensziele und den Geschmack ins Vulgaere entarten“ ?

13:16 29.10.2010
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Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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