Benoetigen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag ? -3

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Haette ich Beruehrungsaengste mit vermeintlichen politischen Gegnern oder gar – Feinden – ich haette wohl kaum dort in Afghanistan in einer britisch/ amerikanischen NGO arbeiten, den US Botschafter Karl W. Eikenberry und seine Familie dort ueber unsere Baustellen fuehren koennen – ich haette nicht immer wieder eben auch das Gespraech mit US- und britischen Marines – aber auch mit vermeintlichen Islamisten gesucht. Natuerlich habe ich auf manchen Maerkten und Strassen in Kabul, Herat, Bamiyan und Mazar - also all jenen Orten, an denen ich mich frei bewegen konnte manchen dunklen und hasserfuellten Blick mit einem Laecheln und dann eindringlichen Blicken aus zusammengekniffenen Augen mit einem „Che tor astin?“ – „Geht’s Ihnen gut?“ quittiert – was zumeist dann auf bisweilen zerknirscht freundliche Erwiderung stiess. Und – liebend gerne haette ich manche Einladung von Familien aus Helmand oder Urusgan angenommen – gerade jene aus Helmand, die ich im Flieger von Herat nach Kabul traf und – mit deren kleinen Kindern – eine ca. 4-jaehrige Tochter und ein ca. 2-jaehriger Sohn ich den ganzen Flug ueber intensivst „flirtete“ – der Vater war ein ueberaus stolzer Herr – was ihm zumal bei seiner wunderschoenen Frau und diesen beiden nicht minder schoenen Kindern auch nicht zu verdenken war. Und – als ich im Ramadan 2009 einmal schmachtend einem Buffet auf der ISAF-Flugschule in Kabul beiwohnte, da habe ich einem US-Ausbilder dort, der 2001 auch mit die ersten Angriffe geflogen war und nun wieder dort eben ANA-Hubschrauberpiloten auf alten sowjetischen Maschinen ausbildete die Geschichte von einem meiner beiden Grossvaeter erzaehlt. Jener Mann, der kurz vor meiner Geburt verstarb hatte schon 1936 zu seiner Familie, die 1929 das Elektrogeschaeft und alles Weitere verloren hatte gesagt, dass Hitler ein Wahnsinniger sei und dies alles in einer grossen Katastrophe enden wuerde. Im Krieg dann – die Familie war nach Wilhelmshaven gegangen – mein Grossvater war als Elektroingenieur inder U-Boot-Flotte – in einem Heimaturlaub dann schnitt er sich die Fussnaegel so, dass er schwere Nagelbettentzuendungen davontrug und so bei der naechsten Ausfahrt seines U-Bootes nicht dabei sein konnte – bei diesem Manoever dann wurde sein Boot versenkt.

Schon in den letzten Kriegstagen empfing er die Amerikaner mit offenen Armen und arbeitete dann bis zu seinem Tode auf dem nahe gelegenen US-Fliegerhorst als Elektriker. In den Fuenfzigern waren im Elternhaus meines Vaters immer GI’s dort zu Gast, die mein Grossvater in Deutsch unterrichtete und – die ihm eben Englisch beibrachten. Brad – jener US-Hubschrauberpilot hoerte diese Geschichte sichtlich bewegt und – ein anderer Marine, der lange Jahre in Bitburg stationiert war und dann erfuhr, dass da ein Deutscher in dieser britisch-amerikanischen NGO, die da heute zu Gast war arbeitete – der war nicht minder bewegt, endlich mal wieder ein paar Brocken Deutsch reden zu koennen und – er konnte nicht umhin, mir zu erzaehlen, wie sehr er Deutschland liebte. Brad – jener erfahrene Kampfhubschrauberpilot selbst, war offen genug, zu betonen, dass man viele Fehler gemacht habe und – dass man haeufiger die Uniform des Soldaten mit dem Peron Tombon – traditioneller afghanischer Maennerkleidung tauschen sollte, um so unter’s Volk zu gehen.

Obwohl ich selbst zu Kalten-Kriegs-Zeiten den Wehrdienst verweigert habe, habe ich die Achtung und den gegenseitigen Respekt von Soldaten untereinander auch im Gespraech mit Bundeswehrsoldaten dort sehr geschaetzt.


Die Dynamik des Krieges dort in Afghanistan ist eine andere als die laengst ueberfaellige Bundeswehrreform sie darstellt. Dennoch - es gibt da viele Momente, wo die Verankerung der Bundeswehr als Berufsarmee im Grundgesetz - mit dem Konzept des "Staatsbuergers in Uniform" besser einhergehen / koordiniert werden muss. Dass der Westen so oder so - in Afghanistan mehr und mehr in einen verschaerften Mehrfrontenkrieg gezogen wird - das negieren leider auch die strikten Abzugsbefuerworter.

Andererseits - eine Strategieaenderung - hin zu mehr integrierten Wiederaufbaukonzepten - mit Sicherung durch Milizen und Militaers - auch das ist dringend erforderlich.

Und - Afghanistan als "Zuendhoelzchen der Weltpolitik"ist viel zu wichtig, als dass man es erneut einem Zustand der Selbstzerfleischung mit regionalen- aber eben auch supranationalen Truppen von Westen (Iran), Norden (Tajiskistan und Nordallianz) und Osten (Pakistan und Pashtunenstaemme der FATA) anheim geben kann.

Denn - das haette auch verheerende Folgen fuer das gesamte globale Gleichgewicht, wuerde dann erneut die Zentralmacht in Kabul umkaempft werden. Denn - Indien und China waeren auch nicht "nur" in Kashmir mehr gefordert - ultranationalistische Kraefte gerade in Indien wuerden gewaltigen Aufwind erhalten und - der Rauch dieser Konflikte koennte auch bei uns allmaehlich die Sonne verdunkeln.

Die Tragik dieses Landes liegt in der Freiheitsliebe stolzer Staemme und – dem Missbrauch dieser fragilen Strukturen durch korrupte Feudalherren begruendet.

Korrupte Feudalherren jedoch, die „der Westen“ in seiner verzweifelten Suche nach Auswegen und – Loesungsmoeglichkeiten zugleich viel zu sehr hofiert.

Dass der letzte Stellvertreterkrieg des 20. Jahrhunderts – oder – der erste des 21. Jahrhunderts – wie man’s nimmt – dass dieser nicht zu gewinnen ist – das sollte jedem klar sein. Es geht bei der Befriedung dieses Landes jedoch um wesentlich mehr- um Handels- und Rohstoffwege genauso wie um die friedliche Koexistenz mit einer Region, die voellig aus den Fugen geraten ist und – die immer mehr wieder aus den Fugen geraet. Hier ist es erforderlich, Praeventivmassnahmen – vertrauensbildende Massnahmen – aber – mit harter Hand durchzusetzen. Nur scheinbar vordergruendig ein Widerspruch.

Es geht eben massgeblich um kommunikative Probleme – zwischen verschiedenen Regionen, die sich auf verschiedene Kulturen und deren Wertesysteme berufen.


10:23 30.10.2010
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Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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