Benoetigen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag ? -4

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Das westliche – und mit ihm – alle ihm nachahmende Wertesysteme – und – das sind derzeit alle – auch das „islamisch-orientalische“ und das „konfuzianisch-chinesische“ in gewissem Sinne – all diese Wertesysteme sind also massivst bedroht – von innen und von aussen. Mit der Fortfuehrung Gemeinschaft zerstoerender – die Gesellschaft weiter zersplitternder Ablenkungsmanoever wird der Staat als einen Werte- und entsprechende Konsensbereitschaft erstellenden Rahmen(-plan) zerstoert. Die Gesellschaft jedoch vermag sich nicht „mit magischer Hand“ selbst zu organisieren. Die Menschen benoetigen Leitbilder – sie benoetigen einen (Gesetzes-)Rahmen, in dem sie sich bewegen duerfen. Einen Gesetzesrahmen aber auch, der sie vor Willkuer und Ausbeutung schuetzt. Einen Rahmen, der auf einem gemeinsamen Grundkonsens basiert. Einen Rahmen, der oft schmerzhafte historische Erfahrungen und die daraus begruendeten Lerninhalte in sich birgt – der insofern entwicklungsfaehig – zum Wohle der Allgemenheit ist.

Einen Rahmen, der mithin die Freiheit des Individuums auf der Basis eines kollektiven Willens schuetzt. Und – der auf Wuerde und gegenseitiger Achtung der Menschen – unabhaengig von Stand, Religionszugehoerigkeit, Rasse und Hautfarbe – sozialer und ethnischer Herkunft erst einmal den Grundsatz der Gleichbehandlung in sich traegt.

„Die umgekehrte Beweislast“ , die vielerorts bereits Fakt ist – wo der entsprechende Antrag- oder Bittsteller zuerst sich selbst legitimieren muss – diese muss in einer Gesellschaft, deren Grundsatz die Gleichbehandlung vor dem Gesetz lautet auch fuer die oberen Staende gelten – Staende, die dann eben auch wieder zu Schichten wuerden, weil der Legitimationszwang – die gesellschaftliche Verantwortung conditio sine qua non ist – auch einer Bank, die ihren Managern horrende Bonuszahlungen ausschuettet. Auch eines Regierungsmitglieds, das sich hinter der Fassade der Ahnungslosigkeit verschanzt und alleine den Postenerhalt – nicht aber zukunftstaugliche Politik – im ideellen, vorausschauenden, wie im materiellen, Werte honorierenden Massstab.


Dies sollte eigentlich Grundlage jeglicher Politik- jedweden oeffentlichen Diskurses in einer „aufgeklaerten“ Gesellschaft, in der alle das Ziel ihrer weiteren Entwicklung- fuer zukuenftige Generationen verfolgen sein. Was jedoch derzeit wirklich geschieht, ist weit davon entfernt, einen wie auch immer gearteten Wertekonsens zu schaffen – geschweige denn – vorhandene Werte zu schuetzen. Ausgrenzung – und – das gegenseitige Ausspielen der Staende gegeneinander scheint zum „ Allheilmittel“ planloser Politik geworden zu sein. Der Grundkonsens – das Grundgesetz wird durch diesen aggressiven Macchiavellismus so immer weiter ausgehoehlt.

Um es mit Martin Niemoeller zu sagen:

Als die Regierung die Hartz IV ler ausgegrenzt hat – da habe ich geschwiegen.

Ich war ja kein Hartz IV ler.

Als die Regierung die Tuerken und Araber ausgegrenzt hat – da habe ich auch geschwiegen.

Ich war ja kein Tuerke oder Araber.

Als die Regierung auch andere „Leistungsempfaenger“ ausgegrenzt hat – auch da habe ich geschwiegen. Ich war ja (noch) kein anderer „Leistungsempfaenger“.

Als die Regierung friedlich gegen laengst ueberholte oeffentliche Bauvorhaben demonstrierende Buerger ausgrenzte – auch da habe ich sehr leise protestiert.

Ich wohne ja nicht in Stuttgart. Aber – ich will bald wieder Steuern zahlen und –

in einem angemessenen Arbeitsverhaeltnis stehen .

Als die Maechtigen die Laufzeit von Atomkraftwerken verlaengern wollten und immer noch kein Wille zur Energiewende propagiert wurde und alles Wissen ueber regenerative Energien, was da seit Jahrzehnten in den Schubladen herumduempelt erneut ausgegrenzt und als „noch nicht wirtschaftlich“ deklariert wurde – auch da war meine Stimme nur leise vernehmbar.

Die Emissionen von Atomkraftwerken verursachen ja nicht mein Asthma.

Als die Maechtigen dann mich, der ich sie eben auch auf Fehler aufmerksam machen und entsprechend in einen Dialog treten wollte – als sie auch mich ausgrenzen wollten und mir die Tuer zeigten jedoch – als sie mich gar nicht hoeren konnten, weil die neue feuerbestaendige Tuer schon von innen voellig verbarrikadiert war - da gab es keine Gemeinschaft – keine Gesellschaft mehr, die haette dagegen protestieren wollen.


„Wir haben alle viel zu tun“- klar.

Dennoch – es ist beschaemend, wie dieses Land – wie die Welt zugrundegewirtschaftet wird.

Und – eine der Hauptursachen dieses Vorgangs, den jeder Mensch natuerlich leugnet, weil jeder ja eigentlich nur „das Gute“ per se will – eine der Hauptursachen ist das technokratische (Un-)verstaendnis der Welt und der darin agierenden Menschen – die voellig einseitige Betrachtung jeglicher Vorgaenge durch „Spezialisten“ – der Unilateralismus einseitiger, selektiver Wahrnehmung -und – die Vorverurteilung aller widerstrebenden Meinungen und Inhalte – aller Menschen per se, die so ausgegrenzt und – macht- und stimmlos gemacht werden sollen. Weil man sie nicht versteht – und – ihr Verhalten eben auch nicht. Weil man sich nicht mit ihnen auseinandersetzt. So wird die einer Selektion gleichen Vorverurteilung und Ausgrenzung durch die, die da oben sind oder – die sich da ueber dem „Anderen“ – dem „Fremden“ – dem „Schwer-oder-gar-nicht-Erklaerbaren“ Waehnen – und – in diesem diffusen Gefuehl auch noch von oben bestaetigt werden zum gesamtgesellschaftlichen Prinzip.

Hier – wie ueberall sonst.

Fortschritt – Zukunft wird so, indem das Kind immer wieder mit dem Bade ausgeschuettet und somit – die in der Mitte der Gesellschaft gewonnene Erfahrung negiert wird voellig unmoeglich. Einer zivilisierten Gesellschaft – und einem ebensolchen Staate, der sich selbst durch Renaissance und Aufklaerung und die Katastrophe der Nazi-Diktatur wie durch den Stasi-Kommunismus der DDR gelaeutert gibt voellig unwuerdig.


11:30 31.10.2010
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Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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