Benoetigen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag ? -5

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Als ich nach Kabul ging, suchte ich nach anfaenglicher Orientierung den Kontakt zu anderen nationalen und supranationalen Entwicklungsorganisationen, um eine Art dezentral gesteuerten Erfahrungsaustausch zu ermoeglichen. Viele kleine NGO’s sind da wesentlich effizienter in ihrer Arbeit als die grossen – wie z.B. UN-Habitat oder andere „Dinosaurierorganisationen“, die viel zu buerokratisch und oft – ohne Sinn und Verstand fuer den Ort und seine Anforderungen arbeiten.

Dann – als der Widerstand in meiner eigenen Organisation groesser wurde – weil das von mir und einem Berliner Wasserbaubuero entwickelte Projekt eben vielerlei Korrekturen erforderte, die eben auch zwangslaeufig den Schmutz ungeloester Probleme unter dem allmaehlich verrottenden Teppich aufkehrte – da musste ich leider meine Option der verstaerkten Zusammenarbeit und des Erfahrungsaustausches vieler kleinerer NGO’s- der Knuepfung eines Netzwerkes, das synergetische Zusammenarbeit ermoeglicht haette – auch mit Netzwerkpartnern innerhalb der oben genannten dringend reformbeduerftigen „Dinosaurierorganisationen“ – der UN und der Weltbank – und Regierungsstellen aufgeben.


Dennoch – wie so vielen Menschen, die einmal in Afghanistan gearbeitet haben sind mir dieses Land und seine Menschen ans Herz gewachsen. Wie schon gesagt - es ist so etwas wie „das Zuendhoelzchen“der Weltpolitik und – ein Abzug des Westens koennte fatale Folgen haben – zumal – fuer Menschen, die mit dem Westen kollaboriert haben. Auch aus Sorge um meine Freunde/ Kollegen – jene hoch motivierten Ingenieure, mit denen ich da ein Team bildete will ich da konzeptionell weiterarbeiten. Denn -das afghanische Ingenieursteam, das ich in Kabul geleitet habe war das beste Team – im wahrsten Sinne des Wortes, das ich je hatte. In Deutschland in den letzten 9 Jahren existierte meiner Erfahrung nach „Teamfaehigkeit“nur als Anforderungsprofil – sobald einer dies jedoch wirklich praktizierte wurde dies schon bald als „Zusammenrottung“ bewertet und – im naechsten Schritt wurde das „subversive Element“ dann auch schon ausgegrenzt und bald – ganz entfernt. Da ich haeufig – als Architekt wie als Ingenieur grosse und prekaere, oft eben auch internationale Projekte bearbeitete und immer wieder auf der Sachebene Fehlerkorrekturen auch von meinen mit diesen Projekten sichtlich ueberforderten Chefs einforderte – was jedoch immer als Majestaetsbeleidigung aufgefasst wurde - so war mir das Scheitern des Projektes auch leichter unterzuschieben. In Kabul war’s nicht anders – wobei – da kommt dann noch die nationaltuemelnde Komponente gerade von englischer Seite als weiterer Destruktor dazu. Was dabei an volkswirtschaftlichem Schaden entsteht, wenn Erfahrungs- und Wissensaustausch – gerade eben auch im internationalen Wettbewerb unterminiert und zerstoert werden – das ist nun nach meiner Rueckkehr mehr als offenkundig. Denk ich an Deutschland frueh am Morgen, mach ich mir ganz grosse Sorgen – traeum ich von Afghanistan in tiefer Nacht – so bin ich endlich voellig um den Schlaf gebracht – moechte ich aus der Stadt Heines in den leeren Raum hier rufen.


Alles hat irgendwie mit allem zu tun in einer enger werdenden Welt. Ausgrenzung jedoch als uebergeordnetes Prinzip verhindert den Blick ueber den Tellerrand und – sie zerstoert jeglichen Erfahrungs- und Meinungsaustausch, der nun einmal Grundlage jeglichen oeffentlichen Diskurses in einer entwicklungsfaehigen Demokratie sein sollte.


Ein anderes Element der Ausgrenzung ist der Revanchismus. Wie ich vor kurzem hoerte streitet man in der Schweiz bereits darueber, ob man Le Corbusier vom 10 Franken Schein verbannen solle, da man wohl irgendwelchen Kontakten seinerseits mit den Nazis auf die Spur gekommen ist. Dass innerhalb dieser Diskussionen sich die lautesten Wortfuehrer anmassen, sich moralisch hoeher zu stellen als es jemand vor 70 Jahren unter voellig anderen gesellschaftlichen Umstaenden getan hat – das ist das Ungeheuerliche solcher Vorgaenge. Man kann ueber Le Corbusier und seine Folgen – seine schlechten Nachahmer und die Charta von Athen und – den dieser durchaus immanenten Totalitarismus sicher streiten – wer jedoch ueber das Verhalten grosser Geister in der Nazizeit – oder in anderen Diktaturen versucht, das Ansehen solcher Menschen zu besudeln und letztlich auch indirekt damit evoziert, ein besserer, ueber alle Zweifel erhabener Mensch zu sein – der begeht damit einen ideellen Mord – einen nachhaltigen Rufmord. So ist es auch geschehen mit Guenther Grass, dessen HJ-Zugehoerigkeit ploetzlich fuer viele ueber seinem gesamten Lebenswerk, das im Zeichen von Aussoehnung und Voelkerverstaendigung – und – fuer ihn persoenlich eben auch sicher – der Reue stand positioniert wurde.

Ich weiss nicht, was ich getan haette, wenn ich in dieser Zeit gelebt haette. Ich weiss nur, dass man dem erwachsenen Mann Guenther Grass ein entsetzliches Unrecht angetan hat durch diese schaendlichen revanchistischen Diskussionen um seine Jugendsuenden. Und – dass man wohl in der Schweiz derzeit Aehnliches anstrebt mit Le Corbusier.

Es ist eine schier unertraegliche Arroganz der Macht – in dem Falle auch zu allererst– der Medienmacht, die bei solchen Vorgaengen mit willkuerlicher (ideeller) Lynchjustiz zu Tage tritt.


Ueberhaupt – die Medien. Auch hier wird der Buerger, der sich oft die Finger wund schreibt und schlecht traeumt ob seiner duesteren Zukunft und der Zukunft seiner Kinder doch nur ins vierte Glied gestellt. Man fragt sich unwillkuerlich – haben die Meinungsmacher Angst vor dem Volk?- Auch hier bei der ZEIT. Wieso integriert man nicht auch zahlentechnisch einige der kluegeren Kommentatoren – gibt diesen kleine Bonis – reserviert vielleicht gar ein bis zwei Seiten in der Print-Ausgabe fuer den oeffentlichen Diskurs ? Selbstverstaendlich auch hier mit dem Anreiz der Bonus-Zahlung ? Oder – will man den „Schabowski-Moment“ vermeiden, in dem alle Daemme brechen, weil man in seiner Nervositaet eben gesagt hat, die Mauer sei auf?

Wieso schafft man so nicht Anreize fuer ideelle Werte – die entsprechend auch Neupositionierungen und Neuorientierung ermoeglichen? Und – wieso erhaelt man nie Antwort von den Verantwortlichen ? Es kann doch nicht sein, dass alle immer so viel zu tun haben ?

Waere nicht hier der erste Ansatzpunkt fuer einen neuerlichen Gesellschaftsvertrag zu setzen – im eigenen Verhalten – und damit auch – in der faelligen Abgrenzung zum immer lauter toenenden Populismus von rechts – und von oben, der eben ueber Bundesbanksalairs und einzelne, ihre Ministerpositionen gefaehrdet sehende Vertreter der Politik immer groesseren Raum einnimmt? Eine Abgrenzung, die eben auch deutlichere Gegenpositionen – und nicht nur Lippenbekenntnisse – die mithin eine breitere Stimmenvielfalt dagegen und fuer etwas – naemlich fuer eine integrativ funktionierende, nicht willkuerlich ausgrenzende Debatte beinhaltet ? Die sich eben auch im eigenen Verhalten widerspiegelt und – vielfaeltige Meinungen nicht weiter ausgrenzt, sondern die Treue von Lesern und Kommentatoren auch wuerdigt ?


Hier wie dort ist der schrittweise Uebergang – die schrittweise Schaffung von zivilrechtlich gesicherten Enklaven – die aber eben auch breite Schichten des Volkes einschliessen und somit – die Rueckeroberung verloren gegangener Territorien fuer eine entsprechend vor inneren und aeusseren Bedrohungen zu schuetzende Zivilbevoelkerung vielleicht so etwas wie der „Koenigsweg“ - in der deutschen Medienlandschaft und – der dazu gehoerenden Gesellschaft – wie auch in Afghanistan – dort jedoch natuerlich auf einer viel mehr materiellen – aber eben auch – zu allererst einmal auf der ideellen Ebene. Und – bezogen auf Afghanistan jetzt wieder - „German Engineering“ hat einen Ruf zu verteidigen – der „Krieg als Vater des Staedtebaus“ kann jedoch keine Dauerloesung sein.Das koennen Sie als Medienvertreter in einem Lande, das in der Mitte Europas liegend allem, was da im 20. Jahrhundert auf es einstuerzte mit groesstmoeglicher Gewalt begegnete besser als alle anderen „Weltbuerger“ so nachvollziehen und – ich wuerde gerne auch in dieser Hinsicht mit Ihnen zusammenarbeiten.


Letztlich ist das, was ich hier beschreibe – nichts anderes als ein Prinzip der Renaissance- baulich-materiell. Ideell - als „Gesellschaftsvertrag“- ein Prinzip der Aufklaerung. Details dazu – koennte ich gerne erklaeren. Hier und jetzt wuerde das aber den Rahmen sprengen.

Wie schon gesagt – aber – dafuer bedarf es eben auch eines Verlassens des Prinzips der Ausgrenzung auch bei der ZEIT – und – gegenueber ihrer Community.


Das einzige Mal uebrigens, dass auch mein Leben in Afghanistan wirklich gefaehrdet war, das war am 18. Januar diesen Jahres. 12 Aufstaendische hielten die Stadt Kabul in Atem und – Murad Khane, jenes Altstadtviertel, in dem wir arbeiteten – wir lagen mitten drin. Waehrend des Geballers bin ich in unser Buero, wo mein afghanisches Ingenieursteam und ich normal arbeiteten und wollte mein Labtop und andere Unterlagen holen, zumal zu erwarten war, dass wir die naechsten Tage im Guest house arbeiten wuerden. Meinem Wasserbau-Ingenieur in Berlin hatte ich die komplette Aufmass- und Detailplanung zum 31. Januar zugesichert und – im Gegensatz zu manchen anderen Kollegen hatte ich dort immer einen Plan.

Auf dem gegenueber liegenden Dach hatten afghanische Polizeikraefte Stellung bezogen. Ploetzlich pfiff etwas und schlug einen halben Meter von meinem Ohr entfernt in der Wand ein. Ein kleines Kaliber – wie es die afghanische Polizei zumeist nutzt.

Welche Art von „Krisenmanagement“ will man erwarten von Einsatzkraeften, die hoechstens ein Jahr geschult werden und – die maximal 300 Dollar im Monat verdienen ?

In einer Spekulationswueste – wie Kabul es ist – nichts, mit dem eine Familie ueberleben und – die Kinder zur Schule gehen koennten.


Wie dem auch sei – „ett haett noch mal jut jejangen“ , wie man im Rheinland sagt.

Das „friendly fire“ hat mich verpasst.


Dem Security officer dieser NGO – einem guten Freund habe ich das erst

vor wenigen Tagen in einer Mail gesagt.

Ich wollte das Projekt damals nicht gefaehrden.


Viele NGO’s ziehen ohnehin still und leise ab aus Afghanistan. Keiner sagt es – aber – der Anschlag auf das UN-Guest House in Kabul im Fruehjahr – die Aufstaendischen – die „Taliban“ haben genau das erreicht, was sie erreichen wollten. Die Zivilbevoelkerung wird dem naechsten Krieg – dem naechsten, massiverenAngriff auf die Zentralmacht in Kabul willkuerlich ausgesetzt.

Die NGO’s begehen (Selbst-)mord aus Angst vor dem Tode.

Feigheit und Verlogenheit – das ist letztlich das Einzige, was mir dazu einfaellt

An der Zivilbevoelkerung und deren Schutz – geschweige denn an einem Wiederaufbau

waren noch nie viele dort wirklich interessiert. Mit unilateralen Konzepten und- dem ueblichen Verfahren des Ausbremsens und – dem Kehren der Fehler unter den Teppich ohnehin unmoeglich. Aber – das scheint ja zum universellen Prinzip der Stagnation geworden zu sein.

In Deutschland hat das auch noch keinen wirklich interessiert.

Jeder ist fuer sich selbst verantwortlich. Jeder bleibt allein.

Nichts hat mit nichts etwas zu tun.


Und – werter Herr Altkanzler Schmidt – ich brauche keinen Arzt.

Ich werde allmaehlich wieder gesund.

Im ideellen Sinne. Materiell – reden wir nicht davon.


Beste Gruesse

Stefan Frischauf – Architekt, Staedtbauer,

dazu - gelernter Krankenpfleger – fast 20 Jahre nun beschaeftigt mit

Phaenomenen der islamischen – der „orientalischen“ und der „westlichen“ Stadt –

und den Lebensformen – den Menschen darin. Vergleichsebenen auch zerstoerter juedischer Ghettostrukturen in Osteuropa und – der alten chinesischen Hauptstadt Kaifeng mit ihrer israelitischen Gemeinde – auch darueber wollte ich einmal forschen. Aber – wen interessiert das denn schon im Zeitalter der Ausgrenzung. In der Endphase des Kulturkampfes.

Derzeit bin ich arbeitslos gemeldet.

Ich erhalte manches Angebot im „Jobwunder Deutschland“.

Muss ich mich jetzt wieder ganz unten einreihen – Striche ziehen, mein Hirn abschalten ?

Ist solch ein Land ein freies Land, das seine Kriegs-Heimkehrer so behandelt – moechte ich mit manchem Bundeswehr-Heimkehrer aus Afghanistan hier fragen ?

Ist meine Erfahrung nichts wert – war alles, was mein Vater mich gelehrt hat – von Lebenserfahrung – vom Lernen durch Fehler – von Verantwortung – auch fuer seine Kollegen – was meine Mutter mich gelehrt hat von Liebe zu einem Kind – ist all das vergebens ?

Oder – ist dieses Land wieder das Land der Richter und Henker ?

In dem nur diese agieren koennen ? Diese ganz alleine – waehrend der Rest zur

passiven Erduldung allen vorhersehbaren Uebels verdammt ist ? Sei es die Versklavung seiner Kinder unter einer gigantischen Steuerschuld – seien es andere infernalische Szenarien.

Eines erscheint in jedem Falle gewiss:

Wir rasen sehenden Auges in die in Teil 3 beschriebene Katastrophe hinein.

Mit unilateralen, allein militaerischen Konzepten, die dann auch noch „neoliberalistisch“ – also- gleichsam „mit magischer Hand“verwaltet werden – so koennen wir da gar nichts machen. Alles viel zu langsam und ineffizient. Die Dynamik von Fluegelschlaegen von Schmetterlingen und – fallenden Dominosteinen im Krieg ist eine andere als jene verwalteter und sich selbst verwaltender Buerokratie. Da muss man mindestens tri – besser - quatrolateral drangehen. Und zwar – in Handlungen wie in Verhandlungen – unter Einbeziehung des Volkes in Afghanistan und – mit vertrauensbildenden Massnahmen, die eben nicht auf Ausbeutung hinauslaufen, sondern auf systematische Wiederaufbaukonzepte – aber – eben auch mit militaerischer Sicherung und Aktion und- auf allen Ebenen der Diplomatie. Und – da wird denn auch ganz klar, welche Planspiele US-Praesident Bush, den ich dafuer hier vielfach gescholten habe am 17.Oktober 2007 in einer Presekonferenz im Oval office verraten hat. Und – Kanzlerin Merkel, die da gefangen ist in ihrem macchiavellistischen Tun – der alleinigen Verteidigung ihres Throns – pardon – ihres Amtes – ob sie sich an dieses Datum ihrer „allergroessten Entruestung“ erinnern kann ?

Ich bezweifle es.

Mr. Bush jedoch – hm – die Planspiele im Pentagon liefen zu diesem Zeitpunkt schon laenger auf Hochtouren – weder Indien, noch China wuerden eine solche Zerreissprobe ohne ein groesseres Inferno zu diesem Zeitpunkt ueberstehen – letztlich hat Praesident Obama ja nur seinen Blick wesentlich auf das Geschehen dort, wo Zuendholz und Streichholzschachtel und Reibflaeche direkt nebeneinander liegen fokussiert – oder – was meinen Sie – Herr (Hauke) Friedrichs, was meinst Du, Ulli (Ladurner), was meinen Sie, Herr (Georg) Blume – was meinen Sie, Herr Thumann - was meinen Sie, Herr Joffe ?

Signore di Lorenzo – che se ne pensa ? Und – werter Herr Schmidt – Sie als weiser Aeltestenrat – sarr-e-sefid – Weisshaarkopf – wie auch ich ehrvoll in Afghanistan genannt werde – auch wenn ich halb so alt bin wie Sie - sehenden Auges wird man den zentralasiatischen Flaechenbrand wohl kaum alleine mit militaerischen Mitteln loeschen koennen. Da bedarf es vielerlei anderer Loeschmittel, um letztlich zu verhindern, dass auch hier die Sonne sich verfinstert. Oder ?

Noch kann man da aktiv werden. Bald jedoch – ist auch dieses Zeitfenster verschlossen.

Oder – was denken Sie ?

10:07 01.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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