Stuttgart 21 - die Verantwortung des Architekten-1

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bisher wurde bei allen Diskussionen um Stuttgart 21 zumeist die politische Seite des gesamten Vorgangs zur Diskussion gebracht. Das gesamte Geschehen wurde darin auf die eher bipolare Handlungswelt von Politik/ Staat und Volk/ Gesellschaft vor dem Hintergrund eines angenommmenen funktionierenden demokratischen Rechtsstaats - mit seinen entsprechenden Organen der Gewaltenteilung darin reduziert.
Dies fuehrte auch zum Einsatz eines alt gedienten, sozusagen - ueberparteilichen Schlichters aus den Reihen der Politik zur Ermoeglichung eines Dialogs zwischen den verhaerteten Fronten - eben in der Person Heiner Geisslers.
Zum tieferen Verstaendnis dessen, was im weitesten Sinne schon zu vielerlei "Ersatzhandlungen" und zur "Symbolhaftigkeit" des Protestes der Demonstranten einerseits und der Bestandswahrung von Seiten von Politikern, die sich auf ihr gewaehltes Mandat durch den Souveraen berufen andererseits gefuehrt hat sollen hier jetzt einige andere Aspekte und Handlungsebenen erlaeutert und mithin - analysiert werden.
Dazu gehoeren - ad 1: gaengige Verfahrensmuster im Zuge dessen, was man gemeinhin als "Projektsteuerung" bei Bauvorhaben gleich welcher Groesse bezeichnet unter besonderer Beruecksichtigung von - ad 2: Kostenschaetzungen im Projektverlauf - von der ersten Skizze, die zunaechst erst einmal im Kopf irgendeines Menschen stattfindet, der vielleicht einen raeumlich/ funktionalen Mangel festgestellt hat, der entsprechend eben auch behoben werden soll bis zum ersten Spatenstich und darueber hinaus - zur Implementierung also eines Bauwerks, das diesen raeumlich/ funktionalen und damit auch weitestgehend oekonomischen Mangel nachhaltig eben auch mit oekonomischem Zugewinn fuer die Zukunft beheben soll. Und ad 3 sind in diesem Zusammenhang natuerlich ganz speziell die Akteure zu betrachten, die also dort handeln - im klassischen Sinne - Auftraggeber / Bauherr und Auftragnehmer / Mieter, Nutzer oder Eigentuemer und - Plan-/ Entwurfsverfasser - mithin - der Architekt. Dieser stellt sich sowohl als "Erfuellungsgehilfe" des Bauherrn als auch gegebenenfalls als von anderen privaten wie oeffentlichen Interessen geleiteter Mensch per se dar - mithin als Buerger und - im oekonomischen Sinne eben auch - als Unternehmer.
Da der hier Schreibende selbst Architekt ist, wird er vielfach die Verfahrensweisen eben des Architekten in diesem vielfaeltigen Beziehungs- und Interessensknaeuel herausschaelen. Er wird jedoch eben auch als Buerger und Ingenieur schreiben, der viele Bauprozesse von vielen Seiten - mithin multiperspektivisch betrachtet hat und entsprechend daraus einen gewissen Erfahrungsschatz ableitet, der sich gerade im Zuge der Projektsteuerung und -entwicklung massgeblich auf sein Tun und Lassen und auf eben solches der anderen Projektbeteiligten auswirkt.

Nach diesen Praemissen also jetzt einmal zum Grossen und Ganzen:
Wie funktioniert normalerweise das Verhaeltnis Bauherr und Architekt ?
Reduziert auf das Wesentliche koennte man sagen - der Bauherr zahlt, was der Architekt leistet. Honorarordnungen und all dieses Begleitwerk soll hier jedoch nicht das Thema sein. Vielmehr soll es um eher ideelle Kosten-Nutzenrechnungen gehen. Der Architekt per se ist ja als Maurer, der Latein koennen muss – wie Adolf Loos postuliert auch einer, der sich in seinem Werk selbst erschafft – um es mit den Worten Paul Valerys aus dessen „Eupalinos ou l’Architecte“ zu sagen. Diese existentielle Selbstverliebtheit fuehrt natuerlich zu wunderbaren Anekdoten, die man sich ueber Architekten erzaehlen koennte.Geschichten aus dem prallen Leben, wie es sie auch ueber alle anderen moeglichen Professionen und die Werke der Vertreter derselben gibt – seien es die Erbsen, die da gezaehlt werden oder die Korinthen, die da jemand anderes als der Weisheit letzter Schluss gueltiges Stoffwechselendprodukt verkauft, die Tinte, die ein anderer Vertreter seiner glorreichen Zunft da ausscheidet – Architekten koennen sich ueber Linien und Punkte wunderbar ereifern – auch wenn es schon bald keinen Menschen mehr interessiert, ob die Dachgaupe einen Rolladenkasten oder einen innen liegenden Sonnenschutz aufweist. Da „cushion fotting“ – um hier eine schwaebisch-alemannisch-neudeutsche Wortschoepfung einzufuehren jedoch die hoechste Verfahrensregel, die ueber all diesen ehrenwerten Professionen schwebt darstellt wird bald klar, in welcher Notlage sich der solchermassen in seinem existentiell ueberlebensnotwendigen Drang zu Kreativitaet und Gestaltung behinderte Architekt befindet. Er wird also zumeist weder Tod noch Teufel scheuen, um sich in seinem Plan zu verwirklichen – in diesem aufzugehen und – zu bauen.

Die ersten Skizzen zur Ideenfindung sind denn auch zunaechst immaterieller Art – es geht zunaechst immer um die Huelle und deren Interaktion mit dem darunter Verborgenen – ob nun die Huette von innen nach aussen oder von aussen nach innen entwickelt wird. Wie sich der (Bau-)Koerper der Umgebung oeffnet oder verschliesst – all dies geschieht zunaechst in einem vielfaeltigen und vielschichtigen Liniengewirr, das von Tektonik und Geologie und allen anderen Einflussfaktoren zunaechst erst einmal gar nichts wissen will. Erst mit zunehmender Erfahrung sollte der Architekt wissen, was es bedeutet, wenn a) noch nicht erprobte/ zertifizierte Materialien und/ oder „neue“ Konstruktionsweisen an diesem Ort eingesetzt werden, b) diese noch nicht standardisierten Verfahrensweisen ergo auch neben der Steigerung der zu veranschlagenden (Bau-)Kosten zumeist auch eine Verlaengerung der Bauzeit zur Folge haben. Die Bauzeit jedoch schlaegt sich im heutigen Baugeschehen, in dem Planung und Ausfuehrung sich immer engmaschiger ueberlappen und simultane Abstimmungsprozesse mit allen Projektbeteiligten stetig erforderlich sind natuerlich auch massgeblich auf der Kostenseite nieder – Zeit ist Geld und die Kredittilgung eilt langsamer voran als der Beton schwindet – oder – umgekehrt – die Zahlungsunfaehigkeit ist schneller erreicht, als der erste Stein auf den anderen gelegt – geschweige denn vermauert ist.

Der Architekt – gemeinhin haeufig insgeheim als „kreativer Spinner“ und „Maler bunter Bildchen“ ohne wirkliche „wirtschaftliche Kernkomepetenz“ missachtet benoetigt also zur Umsetzung seines Plans einen „Investor“ – mithin – einen Geldgeber, der quasi als Projektsteuerer fungiert und eine Art Mediator zwischen Bauherr und Ausfuehrenden darstellt. Der „Projektsteuerer“ soll eigentlich die Kosten kontrollieren – verfuegt jedoch in der Regel kaum ueber massgebliche Kernkompetenzen, die der Architekt andererseits aufweisen sollte – Ortsanalyse und – generelle Kenntnisse des Baugeschehens in seiner gesamten Vielfalt sind hier also alleine dem Primat des Oekonomischen untergeordnet. Die gegenseitige Abhaengigkeit bei gleichzeitiger Schieflage der Prioritaeten birgt jedoch entscheidende Risiken – gerade im Zuge der Kostenberechnungen, zumal da auch noch vergaberechtliche Vorgaben das gesamte Procedere erschweren. Um ein moeglichst freies und gleichberechtigtes Bieterverfahren zu ermoeglichen sollen Zahlen – Kostenschaetzungen von Seiten des Architekten und seines Projektsteuerers bis zur Vergabe unveroeffentlicht bleiben. Der Architekt sollte jedoch kalkulierbare Risiken, die eben auch mit Kostensteigerungen im weiteren Projektverlauf verbunden sind zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt haben -wenn er nicht wirklich als „kreativer Spinner“ und „Maler bunter Bildchen“ gelten will. Spaetestens nach Beendigung der Leistungsphase der Ausfuehrungsplanung – vor Vergabe und Baubeginn also sollte der Architekt mehr als eine dunkle Ahnung von den verborgenen Kosten des Projektes haben.Je nach Budgetierung und – Art des Verhaeltnisses zu seinem Projektsteuerer wird er dies zumindest gegenueber diesem offen angehen oder aber -die Omerta walten lassen und peu à peu diesem die projektimmanenten Kostenspruenge eroeffnen, um das Kind immer ueber dem es naehrenden Brunnen zu halten.

In der Regel unterliegt die erste Phase des Planungsprozesses bei einem Architekten bereits dem Faktor 3-5. Um sich ueberhaupt fuer den langen Marsch ueber den Berg eines grossen Projektes zu motivieren wird man sich und dem anderen gegenueber immer wieder veranschlagte Zeit und Geld dritteln bis fuenfteln. Dieser vermeintliche Selbstbetrug ist bisweilen ueberlebensnotwendig und hat nichts mit „Unprofessionalitaet“ zu tun- in dieser Phase ist solch ein Procedere auch meist noch kalkulierbar – die Kosten koennen zumeist entsprechend gedeckt werden.

Wenn jedoch das Projekt raeumlich-materiell – in 3D und Farbe durchkalkuliert ist, dann sollten Architekt und Projektsteuerer ueber jene insofern bereits virtuell reellen (Bau-) Bereiche, in denen Unwaegbarkeiten lauern und ergo potentielle Kostenspruenge zu erwarten sind genauestens Bescheid wissen. Auch hier sind die Faktoren 3 bis 5 zu nennen und – je nach Ambitioniertheit und Ausgekluegeltheit und natuerlich auch – je nach Groesse des Projektes wird dieser Faktor dann auch erwartungsgemaess haeufig zu Buche schlagen.

Wie begegnet man diesen gewaltigen Risiken fuer den Projektabsturz – oder - wie umgeht man sie gemeinhin ?

Hier gewinnt das Verhaeltnis zum Geldgeber/ Bauherrn die entscheidende Komponente. Sind die Zeiten gut und der Bauherr hat Eier legende Wollmilchsaeue und Dukaten ausscheidende Esel wohlgenaehrt auf der fetten Weide stehend zu Hause so wird er ueber den verunsicherten Architekten und/ oder Projektsteuerer lachen und ihm alles zusichern. Sind die Zeiten mager und Esel und Wollmilchsaeue stehen eher verhaermt da oder drohen gar auf der ausgetrockneten Weide jaemmerlich zu verenden, so wird man auf allen Seiten nicht so amuesiert sein und sich gemeinsam oder – je nach dem – jeder alleine in seinem stillen Kaemmerlein ueberlegen, wie man nun heile aus dieser Nummer wieder herauskommt, ohne das Projekt, das ja Zukunft verheissen soll fuer alle Projektbeteiligten zu gefaehrden.

Als praeventive Massnahme, um solche Risiken abzufedern hat sich gerade bei der „oeffentlichen Hand“ als Bauherr – gemeinhin also dem Steuerzahler, der zumindest einen Teil der Baukosten traegt ein Verfahren eingebuergert, das ueber Landes- und Bundesbuergschaften verfaehrt. Diese werden oft fruehzeitig vertraglich zugesichert. Die Realisierung wird darin haeufig garantiert – Bund oder Land sichern dies dann vertraglich Architekt und/ oder Projektsteuerer zu. Der viel zitierte erste Spatenstich schafft in einem solchen Vertragswerk unverrueckbare und unumkehrbare Tatsachen, die letztlich in gegenseitige, vertraglich geregelte Selbstverpflichtung muenden.

Auch dies ist haeufig nicht unbedingt zu verurteilen, weil Kosten-, Nutzenberechnungen auch fuer die „oeffentliche Hand“ zumeist sehr schwierig nachzuvollziehen und vermittelbar sind. Dennoch liegt natuerlich bereits dort bezueglich der Transparenz der Vorgaenge und damit auch der gesellschaftlichen Akzeptanz besonders im Falle der „Krise“ – mithin – den ausgetrockneten Weidegruenden der Geldvermehrung der Hase im Pfeffer. Ist Geld genug vorhanden, kraeht kaum ein Hahn danach – ist es jedoch knapp – dann fordert der Steuerzahler zu Recht – zumal im Wiederholungsfalle mehr Einsicht und mehr Mitsprache bezueglich Planung und letztlich – Gestaltung von Zukunft an diesem seinem Ort unter Verwendung eben auch seiner Gelder.

Der Verfasser will hier einige prominente Beispiele aus seiner eigenen Umgebung zur Veranschaulichung heranziehen. In Duesseldorf lagen die Vor- und Nachteile des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg offen auf dem Tisch – die Neugestaltung der 1950er bis 1970er Jahre mit dem Schwerpunkt der „autogerechten Stadt“ – die daraus resultierende Abtrennung der Altstadt- mithin des gesamten innerstaedtischen Randes vom Fluss durch die Schnellstrasse am Rheinufer ist da ein hervorragendes Beispiel.Der Fluss – eben jener „Vater Rhein“, wie Max Ernst ihn auch in einem seiner Gemaelde betitelt. (Nur so am Rande – der Ganges wird in Bengali als Mutter bezeichnet) Tunnelbau und Bau der Rheinuferpromenade in den satten 1990ern- Steigerung von Lebensqualitaet, Identitaet und des Ansehens der Stadt, die nun – unter anderem auch mit Hilfe solcher vormals heftig umstrittener kostspieliger „Prestigeprojekte“ sich zunaechst einmal als schuldenfrei praesentieren kann – auch dies ein positives Beispiel fuer erfolgreiches Stadtmanagement und- Identitaetsstiftung durch Stadtreparatur und –ausbau – durchaus auch massgeblich zum Wohle des Buergers. Die Nachhaltigkeit oder- Zukunftstauglichkeit der „Schuldenfreiheit“, die eben hier auch durch Veraeusserlichung grosser Teile wichtiger staedtischer Betriebe – so der Stadtwerke erreicht wurde – mithin durch den Verkauf grosser Teile der Mitgift der schoenen Diva am Rhein – dies ist ein anderes Thema, das hier nur am Rande erwaehnt werden soll.

Andererseits – der Bau der Esprit-Arena – vormals LTU-Arena hier war massgeblich mit dem Stadion als Spielstaette fuer die Fussball-WM 2006 und als Austragungsort fuer die Olympia-Bewerbung gekoppelt. Beides scheiterte und die Fortuna hat auch schon einmal mehr Fortune in ihrer wechselhaften Geschichte gehabt als derzeit. Hier waren die Landesbuergschaften und der nachhaltige/ zukunftstaugliche Nutzen fuer den Buerger zumindest zweifelhaft. Aber – die Hoffnung – auch fuer den deutschen Meister von 1933 stirbt ja bekanntlich zuletzt. US Palermo war, als jene wunderschoene, aber leider so zweifelhaft ruhmvolle Stadt 1990 ihr WM-Stadion erhielt auch viertklassig und ist in den letzten Jahren eben auch endlich eine feste Groesse in der Seria A geworden. Cui bono ? – Wem nutzt es mehr – mancher ehrenwerter Familie oder den Brot und Spielen froenenden Tiffosi oder gar dem Buerger, der sich gegen den Pizo – das allgegegenwaertige Schutzgeld zusammenschliesst ?

Der Beispiele fuer erfolgreiche „Grossprojekte“ gibt es unendlich viele – im nationalen wie im internationalen Massstab.Das System der Landes- oder Bundesbuergschaften ist also per se durchaus nicht kategorisch abzulehnen, wenn man eine nachhaltige oder – wie Erhard Eppler als Uebersetzung fuer das englische „sustainability“ vorschlaegt, eine zukunftstaugliche Planung ins Auge fasst.

Auch ist zu erwaehnen, dass in den letzten Jahren vermehrt gerade im Zuge von „Grossprojekten“, deren Urspruenge haeufigim Zuge von Rekonstruktionsdebatten liegen Stiftungen als Bauherren auftreten, die den Passus der „Stiftung bürgerlichen Rechts“ in sich tragen und „unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne des Abschnitts „Steuerbegünstigte Zwecke“ der Abgabenordnung“ verfolgen. Wie hier Intransparenz des Steuerrechts gemeinsam mit dem eher dem Vereinsrecht entlehnten Passus der Gemeinnuetzigkeit gebraucht werden, um offene Lobbypolitik am Steuerzahler vorbei zu betreiben – das entbehrt nicht einer gewissen Unverfrorenheit. Denn – letztlich ist es offenkundig, dass hier die Mehrkosten auch immer mit „Magischer Hand“auf den Steuerzahler uebergehen sollen – die Erfahrungswerte haben dies gerade im Zuge der Schlossdebatte in Berlin deutlich gezeigt.

Und – da waeren wir nun beim Punkt, warum der Buerger alles Recht der Welt hat, sich ueber mangelnde Transparenz der Verfahrensweisen zu beklagen und – warum es sich in dieser Situation nicht mehr um zukunftstaugliche Planung handelt – so schoen und so wichtig Stuttgart 21 durchaus sein mag fuer Region und eben auch vielleicht fuer die Lebensqualitaet des einzelnen Buergers dort im Stuttgarter Talkessel.

Der Buerger – mithin - der Steuerzahler hat erlebt, wie die vielfaeltig sich am Horizont abzeichnenden Krisen „gemanaget“ wurden – wie der Finanzcrash geschah und angeblich keiner der Verantwortlichen ahnte, was da geschah – er hat realisiert, dass der „Blackout“ des Altkanzlers Kohl in Zusammenhang mit der Spendenaffaire kein Einzelfall, sondern die Regel geworden ist und – dass er alleine immer wieder die Kosten fuer dieses schlicht fahrlaessig geplante Verfahren tragen muss. Und – wenn er hoert, dass Bankenmanager nun wieder horrende Bonuszahlungen erhalten, dann muss er sich zwangslaeufig die Frage stellen, ob er als eigentlicher Souveraen fuer die Umverteiler der letzten Reserven noch von Belang ist oder - Wird hier bereits mit Notstandsverordnungen unter Vorwand des Grundgesetzes und der Landesverfassungen, die ja auch massgeblich der Interpretation findiger – und damit teurer Juristen unterliegen „durchregiert“?

Welches System wird da bei zunehmender Belastung des Steuerzahlers und seiner Kinder und deren Kinder gerettet, wenn sich Bankenmanager virtuelle Geldsummen als „Boni“ einstreichen und gleichzeitig abzusehen ist, dass die Kinder und Enkel des Buergers eben nicht virtuell, sondern hoechst reell die Sklaven eines solchen Systems sind und ergo die daraus resultierenden zukuenftigen Kosten zu tragen haben ?

Cui bono – wem nuetzt der Erhalt eines solchen Systems also, wenn er Generationen versklavt – mithin Renaissance und Aufklaerung als essentielle Momente der Befreiung des Buergertums – mithin - des Individuums umkehrt und Nachhaltigkeit und Zukunftstauglichkeit sich alleine in den prall gefuellten Brieftaschen der Verursacher findet ?Auf diese Fragen wird hier von Seiten der Politik keine Antwort gegeben – sie werden jedoch auch von den Demonstranten nicht richtig artikuliert – vielleicht auch, weil das ganze Geschehen in seiner Dreistigkeit und Impertinenz einfach unfassbar ist.


„Dem Buerger geht es nicht um einzelne Baeume – um hundertjaehrige Platanen im Schlosspark. Der Buerger weiss, wie lange Baeume brauchen, um zu wachsen und wie wichtig sie sind, um zu atmen. Der Buerger ahnt jedoch, wie die Kosten auch bei Stuttgart 21 explodieren werden – zumal jetzt im Zuge des Polizeieinsatzes. Er weiss auch, dass in diesem System, das nun einmal voellig am Ende ist – er als Steuerzahler fuer diese Kostenexplosion herhalten muss – er und seine Kinder und seine Enkel und deren Kinder wieder. Und – er weiss, wie schnell er und seine Kinder und deren Kinder bei der vom ersten und zweiten – bis in den dritten Stand alternativlos geplanten Fortfuehrung dieses „Systems“ Gefahr laufen, in den vierten- und dann bald auch in den fuenften Stand abzurutschen.“

Diese letzten Zeilen nun stammen direkt aus einem Buch mit dem sinnigen Titel „Demokratie und Architektur“, fuer das der Verfasser hier noch einen Verleger sucht. Dass das Ganze in einen Systemvergleich zwischen Afghanistan – so etwas wie meiner zweiten Heimat und Deutschland muendet macht eine solche Ausarbeitung nicht einfacher. Auch gibt es da viele spannende Analogien auf der zentralasiatischen Bruecke zwischen Deutschland/ Europa und Afghanistan/ Zentralasien zu entdecken. Analogien, die sich natuerlich auf verschiedenen (System-)Ebenen abspielen – wo es jedoch aber auch vielerlei strukturelle Beruehrungspunkte – und –linien gibt, die es gilt, hier aufzuzeigen, um entsprechend dem Leser daselbst ueberhaupt Einblicke – und damit – Moeglichkeiten zur Urteilsfindung selbst – auch bezueglich seines eigenen Verhaltens als Steuerzahler, der letztlich Kreigseinsatz wie wiederaufbau ptentiell finanziert zu eroeffnen.

Letztlich kann jeder Vergleich nur funktionieren, wenn (Verfassungs-oder System-)Anspruch und (Verfassungs-oder System-)Wirklichkeit reell gegenuebergestellt werden – reell phaenomenologisch und chancenhaft virtuell.

Die alleine unilaterale und ideologisch begrenzte Betrachtung der Wirklichkeit als Scheuklappenbefrachtetes und Blackoutgelenktes Ausklammern aller anderen auf der Weide grasenden Pferde fuehrt zwangslaeufig zum ultimativen Blackout – zum Aufprallan die Wand der eigenen Unfaehigkeit, etwas zu aendern – und zum Krieg als Ultima Ratio dieser Auswegslosigkeit.

Dass diesem Krieg dort in Afghanistan bald auch einige meiner besten Freunde –mithin meine Brueder zum Opfer fallen werden – diese Sorge macht die Erfordernis des Wandels hier fuer mich eben auch zu einer existentiellen Notwendigkeit. Denn – wenn der naechste Buergerkrieg dort unten sich ausweitet nach Scheitern des alleine unilateral militaristisch gefuehrten Einsatzes dort – dann werden diejenigen, die mit dem Westen kollaboriert haben auch die ersten Opfer willkuerlicher Lynchjustiz durch den entfesselten Mob sein und- das waren und sind nun einmal die teamfaehigsten und enthusiastischsten Ingenieure, mit denen ich in meinem Leben gearbeitet habe. Leute, fuer die Teamfaehigkeit eine Herzensangelegenheit ist, weil sie darin- zumal in einem wichtigen Pilotprojekt, das ich mit ihnen entwickelt habe eine wesentliche Herausforderung und – einen essentiellen Beitrag zum Aufbau ihrer geschundenen Heimat sahen. Teamfaehige Mitarbeiter – nicht wie hier, wo dieses Wort wie alles nur noch hohle Fassade ist und die Verantwortlichen auch fuer dieses Scheitern alleine mit der hoch dotierten Verwaltung ihres Scheiterns beschaeftigt sind – mithin – dem Totschlagen von Zeit, das bald eben auch wieder zum Totschlagen von Menschen - hier wie dort fuehrt.

Denn – scheinbar haben die Verantwortlichen auch bei der ZEIT - (bei freitag bin ich ja eher seltener Gast - insofern - schoen, mich hier melden zu duerfen) noch nicht wirklich realisiert, dass wir uns in einer globalen Umbruchsphase befinden und dass eben dieser Umbruch so viel zu langsam geht, weil er von den Verantwortlichen, die stetig jegliche Verantwortlichkeit von sich weisen so zum bedingungslosen Abbruch und Zusammenbruch ungestaltet wird.Insofern hat auch Afghanistan sehr viel mit dem Protest gegen Stuttgart 21 zu tun. Aber – um dies zu begreifen – werte Redakteure – um dies zu durchdringen sollten auch Sie einmal die Scheuklappen der Political Correctness ablegen – etwas, was heute wohl nur noch den, wie Sergio Benvenuto sie sinnigerweise nennt – Populisten der Sportbar, die da stetig das Stammtischpalaver zitieren und so Nebenkriegsschauplaetze gegen Tuerken, Muslime, Schwule etc.eroeffnen gestattet zu sein scheint. Und – dass dieser Populismus der Sportbar – die Berlusconisierung und Mediokratisierung nun auch im Kanzleramt salonfaehig geworden ist – das spricht fuer sich.

Es spricht jedoch auch Baende ueber Deutschland – ein Land, das die linientreuesten Faschisten als Nazis, die dogmatischsten Kommunisten als fast jeden Winkel durchleuchtenden Stasispitzel und die fanatischsten Neoliberalisten und nun auch konzeptlosesten Mediokraten hervorgebracht hat – ein Land, das aber eben auch eine grossartige Tradition jenseits des Landes der Richter und Henker als Land der Dichter und Denker seine eigene nennt.

Die einst liberalste Online-Community in Deutschland hier beherbergt manchen grossen Geist, der haeufig Gescheiteres zu Tage foerdert als was manche Redakteure da schreiben und – erst recht als das, was da im Fernsehen dem Zuschauer von den allgegenwaertigen ueblichen Verdaechtigen dargeboten wird und nur noch selten ueber das Wiederkaeuen der immer gleichen Plattitueden hinausgeht. Und – die Community hier wurde bereits mehrfach versucht zu zerschlagen und – man wundert sich dann noch ueber manche boese Reaktion von Schreiberlingen, die erbost sind ueber entmuendigende Moderationsformen, wie sie leider immer wieder zu Tage treten – was nicht heissen soll, dass wir hier Engel sind. Nein – hier und in vielen anderen Foren im Internet hat sich bereits eine Gegenoeffentlichkeit formiert, der eben auch massgeblich an Aufklaerung und konstruktiver Aenderung unzumutbarer Zustaende gelegen ist.

Ja – das Internet bietet als fuenfte Gewalt im Staate Chance und Verderbnis – das liegt aber zu allererst an dem, was wir daraus machen und – als ZEIT sollten Sie endlich auch die Zeichen derselben deuten und mit, statt gegen ihre treuen Leser und Kommentierer hier arbeiten. Denn – ein wesentlicher, zur Verantwortung des Architekten zaehlender Bereich ist eben die Ortsanalyse – die Analyse des Genius Loci. Diese ist jedoch immer ins Verhaeltnis zu setzen mit dem Genius Tempi. Erster Begriff ist „wissenschaftlich gesichert“ – Letzteren definiere ich seit fast zwanzig Jahren und – der Begriff hat so gar nichts mit dem korrumpierten Zeitgeist hier zu tun, der irgendwo auf halber Strecke zwischen einer nachhaltig ausgebauten und gesicherten Ranch in Texas (GWB) und Wyoming (DC) verendet ist.

Vielleicht koennten Sie mir ja helfen, einen Verlag zu finden, werte freitag-Redaktion ? Auch verfuege ich ueber kein Bundesbanksalair, das mir gestattet, meine Plattitueden in Buchform zu veroeffentlichen und so die Bewegungslosen der politischen Ohnmachtselite zu bewegen, die Schleusentore oeffnen zu lassen – nicht ohne mir mein Verschwinden von der Bildflaeche dann auch noch mit 1000 Euro zusaetzlich pro Monat als Bonus von irgendeinem Bundespraesidenten bezahlen zu lassen. Denn – Sarrazin hat die Schleusentore geoeffnet und – die Erstarrten in Berlin gehorchen nun in letzter Konsequenz dem Stammtisch. Mit unabsehbaren Folgen fuer Deutschland und Europa – wie einst 1933 ? Oder besser – wie 1989 ?

00:15 18.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

aflaton

Architekt, lebe und arbeite derzeit wieder in Duesseldorf - versuche aber weiter, mit und in Afghanistan systematische Wiederaufbauprojekte zu entwickeln
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