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Mitarbeiterkontrolle Eine kurze Geschichte
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Es war fantastisch. Der herbe Geruch von Leder, ihr exquisites Parfum und der einzigartige Duft nach Neuwagen mischten sich zu einer sinnlichen Definition des Begriffes Wohlstand. Sie ließ den Motor an und lauschte für eine Weile verzückt diesem Meisterwerk an Sounddesign. Sie gab Gas. Spätestens jetzt musste jedem klar werden, warum die Namensgeber des Wagens auf eine wohlklingende Pfeffersorte verfallen waren. Leise summte sie den Vivaldi mit. Der gestrige Abend hatte ihr übel
mitgespielt, erst hatten sie sich bei zwei Flaschen Rotem angeödet, dann hatte sie die halbe Nacht wachgelegen und seinem Schnarchen zugehört, das nur aufhörte, wenn sie ihm einen Tritt versetzte – aber jetzt, den Fuß auf dem Gaspedal, war sie wieder eins mit sich und der Welt. Das Bewusstsein ihrer nahezu unverschämten Liquidität entschädigte sie für vieles.
Sie war auf dem Weg zu ihrem Lieblingsdiscounter. Hoffentlich ist die kleine magere Blondine wieder an der Kasse, für die sie einen unerklärlichen Faible hatte. Vielleicht, weil sie so kindlich aussah. Mit geradem Rücken, die Haare zu einem Zopf gefasst, saß sie an ihrem Platz und sah einen manchmal aus graublauen Augen plötzlich prüfend und kritisch an, bevor sie sich ein Lächeln abzwang. Dann war es gut, den Warenberg zwischen sich zu haben, schützend wie einen Burgwall. Sie hatte sich schon gefragt, ob es nicht gerade dieser Blick war, der ihren Waren Wert verlieh.
Sie bog auf den Parkplatz ein. Das gelbblaurote Logo mit dem schelmisch geneigten i leuchtete ihr entgegen.

Und sie war da. Noch immer, zum Glück!

Sie beugt sich über ihre Kasse und versucht, unsichtbar zu sein. Da war er schon wieder. Den ganzen Tag drehte er seine Runden, etwa alle zwanzig Minuten kam er vorbei und blieb manchmal schräg hinter ihr stehen. Er war unauffällig, so unauffällig, dass die meisten Kunden ihn überhaupt nicht zu bemerken schienen. Aber sie spürte seine Gegenwart wie eine schwarze Wolke in ihrem Rücken. Sie wusste, dass er jede ihrer Bewegungen, jedes ihrer mit den Kunden gewechselte Worte registrierte und in einer körperlosen, nur ihm zugänglichen Datei archivierte. Bis zum Abend. Dann erstattete er Rapport an den Filialleiter. Effektiver als die kürzlich abgebauten Kameras. Und am nächsten Morgen vor Geschäftsöffnung wurde vor der gesamten Belegschaft exekutiert, wie sie es für sich nannte. Der Filialleiter nannte es Teambesprechung.
Ihr war übel. Seit sie vergangene Woche festgestellt hatte, dass sie ihr Budget für Essen schon wieder um dreißig Euro überschritten hatte, hatte sie das Frühstück gestrichen. Die
allmorgendlichen Exekutionen hatten ihr ohnehin den Appetit verdorben.
Sie roch die Frau, noch bevor sie sie sah. Sie konnte sie mit geschlossenen Augen beschreiben: Etwa 1,70 m groß, blondgefärbtes, halblanges Haar, Ende vierzig, Gesicht
generalüberholt aber nicht unsympathisch, die ausdrucksvollen braunen Augen etwas blutunterlaufen, die Nase stark gepudert. Die Kleidung schwarz und teuer, der Schmuck ausgesucht, die Schuhe en vogue; so steuert sie mit ihrem überladenen Einkaufswagen zur Kasse, greift gelangweilt nach einer Schachtel Zigaretten und sieht sich kurz suchend um. Der Lehrling stürmt heran, darf ich Ihnen helfen, er räumt ihre Waren und ein paar Tüten aufs Band, spurtet um die Kasse herum und beginnt, einzupacken.
Schwarze Wolke im Rücken, lächeln, guten Tag sagen („Wenn sich Ihr Ton nicht ändert, können Sie gehen!“), Waren über den Scanner ziehen – die Kundin legt großen Wert auf Sonderangebote, registrierte sie – und dann ist auf einmal die Papierrolle leer. Ihre Hände zittern. Sie öffnet den Rollenbehälter, leere Rolle raus, sie fummelt an der Plastikverpackung, bringt glücklich eine neue Rolle zum Vorschein, die ihr zu Boden fällt und unter ihrem
Kassentürchen hindurch auf den Gang rollt. Der Lehrling verdreht die Augen.
Schwarze Wolke im Rücken. Entschuldigung („Denken Sie an Ihren Ton!“). Sollte sie die Rolle holen oder eine neue herausnehmen? Welcher Fehler wog weniger schwer? Sie würde
es morgen früh erfahren. Sie springt auf, raus auf den Gang, Rolle aufklauben, dann schnell wieder auf den Platz, die Rolle in die Kasse friemeln. Ihre Blicke trafen sich. Halb verärgert, halb freundlich - spöttisch der eine, wütend und schuldbewusst der andere.
Sie war durch. Gold Card, Unterschrift, Vielen Dank und einen schönen („Ihr Ton!“) Tag. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Der Geruch des teuren Parfums hing in der Luft.
„Nuttendiesel“ dachte sie wütend. Dann begann alles sich zu drehen.


13:49 24.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelina Gazquez

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