Ökozid: Am Ziel vorbei.

Ein Kommentar In der ARD-Dokufiktion "Ökozid" muss sich Angela Merkel im Jahr 2034 für ihre Klimapolitik verantworten. Doch ihr Schlussplädoyer verfehlt das Ziel.
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Wir schreiben das Jahr 2034. Angela Merkel und die BRD müssen sich vor dem Internationalen Gerichtshof verantworten. Grund der Klage: Sie hätten aufgrund ihrer Klimapolitischen (Fehl-)entscheidungen gegen den Artikel 6 des UN-Zivilpakts, das Recht auf Leben, und daraus abgeleitet, das Recht auf eine unversehrte Natur verstoßen. Die Kläger:innen sind 31 Staaten des globalen Südens, darunter Haiti und Bangladesch. Der Rest der Klägerländer bleibt namenlos. Vertreten wird die „Koalition der 31” von zwei weißen Anwältinnen, von denen eine in ihrer Jugend wohl eine Klimaaktivistin gewesen ist – aber das nur am Rande.

Die 31 Länder verklagen Deutschland auf 60 Milliarden Euro Schadensersatz für die durch den Klimawandel entstandenen Schäden. Dessen Auswirkungen sind derweil auch in Europa angekommen: Der Internationale Gerichtshof musste von Den Haag nach Berlin verlegt werden, weil die niederländische Hauptstadt wiederholt von Sturmfluten überschwemmt wird. In Deutschland entziehen Wasserknappheit und Waldbrände den Bauern in der Uckermark ihre Lebensgrundlage. Gleichzeitig wüten in Bangladesch Zyklone, die vielen Menschen das Leben kosten. Für wen soll die BRD also Verantwortung übernehmen – für ihre eigenen Bürger, wie es der Anwalt des Landes und der Bundeskanzlerin fordert? Für die Zerstörung in den Klägerländern, wie es die Anwältinnen der 31 Klägerstaaten fordern? Spoiler: Natürlich für alle. Zumindest, wenn es nach dem Schlussplädoyer der fiktiven „Mutti a. D.” Angela Merkel geht.

Ökozid (R: Andres Veiel) ist ein solider Film. Besonders die Einbindung von realen Ausschnitten aus Nachrichtensendungen und Interviews, die dem Film das Label „Dokufiktion” eingebracht haben, ist gut gemacht und passend. Auffällig – zumindest für jemanden, der sonst nicht viel öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut – ist auch die Anzahl von BPOC (Black & People of Colour): Da sind zum einen natürlich die Vertreter:innen der Klägerstaaten. In den fiktiven Nachrichtensendungen, die im Laufe des Films wiederholt von der Gerichtsverhandlung berichten, gibt es neben einem weißen Nachrichtenmoderator auch eine Schwarze Moderatorin. Und auch die Richterbank ist divers besetzt. Fast wirkt es so, als hätte man durch die Richter:innen die fünf Kontinente der Erde abdecken wollen. Doch der Präsident ist – natürlich – ein weißer, alter Mann, ein Schweizer, der sich, ganz das Klischee, am liebsten einem Urteil entziehen würde.

Das Problem ist: Die BPOC-Protagonist:innen kommen kaum zu Wort. Von den Vertreter:innen der 31 Länder hält nur der Vertreter aus Bangladesch ein kurzes Plädoyer. Von den Richter:innen hat außer dem Präsidenten nur die Schwarze Richterin in zwei Nebenszenen kurze Redebeiträge. Am meisten Redeanteil hat wohl die Schwarze Nachrichtenmoderatorin, eine Figur, die an der Haupthandlung des Films nicht beteiligt ist. Somit ist die vermeintliche Diversität im Cast nurmehr Kulisse für das Altbekannte: Weiße Männer und (immerhin) Frauen erklären und regeln die Welt.

Vor diesem Hintergrund kann man nicht anders, als auch das Schlussplädoyer der fiktiven Altkanzlerin kritisch zu betrachten: Nachdem es beinahe zu einer außergerichtlichen Einigung zwischen den gegnerischen Anwälten gekommen wäre, wendet sich in den letzten 15 Minuten des Films doch noch das Blatt. Die Verhandlung muss weitergeführt werden, doch der Präsident des Gerichts scheut ein Urteil. Auftritt Film-Merkel: Unter Protest ihres Anwalts verliest sie eine kurze Stellungnahme, deren Kern lautet: Ich habe es versäumt, zu handeln. Bitte verurteilen Sie die Bundesrepublik und machen Sie so den Weg für weitere Urteile dieser Art frei. Denn, Zitat: „Deutschland kann und wird mit den kommenden Katastrophen fertig werden. Die Klägerstaaten nicht.”.

Diese Aussage mag von den Filmemachern und Drehbuchschreibern verantwortungsvoll und vielleicht sogar heroisch gemeint sein. Sie mag ein Appell an die echte Angela Merkel sein, um ihr deutlich zu machen: Handle jetzt, damit der Film nicht zur Wirklichkeit wird.

Doch so richtig auch die Konsequenz (die Zahlung von Schadensersatz) ist , so verfehlt ist die Argumentation im Schlussplädoyer . In der Aussage ‚wir schaffen das schon – die anderen nicht“ schwingen deutlich altbekannte Stereotypen und Perspektiven mit: Die Klägerländer, die Länder des globalen Südens, sind hilfsbedürftig, weil sie arm, unterentwickelt, rückständig sind. „Wir“, das starke Deutschland hingegen, sind fortschrittlich, entwickelt, reich. Diese Argumentation ist ein Beispiel par excellence für White Saviourism, den Gedanken, dass Schwarze und People of Colour sich nicht selbst aus Notlagen retten können, sondern von einer weißen Person gerettet werden müssen. White Saviourism ist nicht nur ein altbekannter Frame aus Hollywoodfilmen wie 12 Years a Slave, sondern heute (vermeintliche) Wohltätigkeits- und Hilfsprojekte in sogenannten Dritte-Welt-Staaten fördert und früher Missionar:innen antrieb. Vor allem aber impliziert es den Gedanken, auf den auch Sklaverei und Ausbeutung basieren. Denn wenn ich der Meinung bin, dass der:die Andere schwach, hilfsbedürftig, rückständig, etc. ist, rechtfertigt das nicht nur die Rolle des Helfers, sondern auch die des Beherrschenden, denen beiden eine gemeinsame Haltung zugrunde liegt: Ich fühle mich dir überlegen und habe deshalb das Recht, Macht über dich auszuüben. Ja, auch Hilfe ist Machtausübung, und Machtausübung ist nicht per se schlecht, aber sollte stets kritisch hinterfragt werden.

Zurück zu Ökozid: Hätte Film-Merkel also die Verantwortung für die Mitschuld an Klimawandel und Klimakatastrophen im Globalen Süden abweisen sollen? Natürlich nicht. Die Argumentation hätte eben eine andere sein müssen. Der Film hätte darauf hinweisen sollen, dass wir seit der Industrialisierung und Kolonialisierung kontinuierlich auf Kosten des Globalen Südens gelebt haben. Dass wir durch unseren Konsum sowohl zum Klimawandel beigetragen und die Ressourcen fremder Länder verbraucht haben, ohne dafür angemessen zu bezahlen. Das sind Gründe, aus denen eine Entschädigungszahlung gerechtfertigt wäre. Der Film streift dies leider nur am Rande, etwa wenn darüber gesprochen wird, wie noch in den 2010er-Jahren die Deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), kontrolliert vom deutschen Finanzminister, den Bau des Kohlekraftwerks Rampal in Bangladesh unterstützt. Es ist schade, dass hier nicht weitere Beispiele folgen. Denn dann hätte es mit Sicherheit kein Schlussplädoyer gebraucht, um die Richter:innen von der Notwendigkeit eines Urteils zu überzeugen.

"Ökozid" (Regie: Andres Veiel) ist ein von der ARD produzierter Film und noch bis 18.02.2021 in der ARD-Mediathek ansehbar.

21:51 02.01.2021
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