"... sobald das Geld im Kasten klingt."

Klimaschutz und Geld Klimakompensationsmaßnahmen und Steuern auf CO₂-Emissionen können zum Klimaschutz beitragen, solange sie den Klimaschutz nicht zum Ablasshandel machen
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"... sobald das Geld im Kasten klingt."
CO2-Steuern müssen nicht per se schlecht sein. Was jedoch wichtiger ist: Klimaschutz darf nicht als Zwang zum Verzicht begriffen werden, sondern muss Normalität werden

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Geld ist in unserer Gesellschaft nicht ein zentraler Fixpunkt, sondern auch ein beliebter Regulationsmechanismus. Daher erscheint es nur natürlich, den falschen Kurs des Klimas durch Geld korrigieren zu wollen. Mittlerweile kann ich mit einem Klick und ein paar Cent meine Fernbusfahrt oder meinen Billigflug kompensieren, indem anderswo auf der Welt angeblich ein paar Bäume gepflanzt werden; eine Steuer auf schädliche Emissionen ist im Gespräch. Per se ist an solchen Maßnahmen nichts auszusetzen - wenn sie nicht zu den zentralen Instrument der Klimaregulation werden. Denn dann bergen sie - wie zuletzt der klimapolitische Sprecher der Linken, Lorenz Gösta Beutin, im ARD-Morgenmagazin festgestellt hat - die Gefahr, zum modernen Ablasshandel zu werden.

Nicht nur besteht - wie Gösta Beutin ausführt - die Gefahr, dass durch eine rein monetäre Regulation langfristige strukturelle Veränderungen, wie den Ausstieg aus der Kohleverbrennung und die Verkehrswende verschleppt werden. Vielmehr noch ist sie - zumindest in ihrer aktuellen Planung - alles andere als konsequent, da sie die 'grauen Emissionen' außen vor lässt. Graue Emissionen entstehenbei der Produktion von Waren, die zwar in anderen Ländern (meist Schwellenländern) produziert, aber hauptsächlich in Industriestaaten konsumiert werden. Dies ist zum Beispiel bei der Produktion von technischen Geräten, aber auch von Kleidung der Fall. Anbau und der Produktion von Lebensmitteln können ebenfalls klimaschädlich sein - und davon sind nicht nur weitgereiste Produkte betroffen, wie z. B. der CO₂-Rechner des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg zeigt. Ganz zu schweigen davon, dass nach neusten Erkenntnissen eigentlich auch Pornos, Katzenvideos und Instagram-Stories besteuert werden müssten.

Kurzum - eine konsequente Besteuerung würde vermutlich weite Bereiche des täglichen Konsums betreffen, was wiederum ansteigende Preise und einen (erzwungenen) Verzicht auf Dinge zur Folge hätte, die ein Großteil der Bevölkerung als selbstverständlich wahrgenommen hat. Doch Mensch weiß aus der Geschichte, dass Verzicht und/oder Prohibition nicht zu langfristigen Veränderungen, sondern nur zu Versteckspiel, Glorifizierung und schließlich zum Rückfall in alte Gewohnheiten führt. Verzicht triggert immer ein Verlangen nach dem, was man nicht haben kann. Und siehe da: Neben flygskam, der Flugscham, gibt es im Schwedischen mittlerweile auch smygflyga, was heißt, doch zu fliegen – aber heimlich.

Wir werden das Klima also weder durch Geld noch durch Verzicht retten - ebensowenig, wie man einen Süchtigen langfristig behandelt, indem man den Stoff teurer macht oder verbietet. Um eine langfristige und sinnvolle Veränderung zu bewirken, bräuchte es 'nicht-monetäre Kompensationsmaßnahmen', um die entstandenen Leerstellen zu füllen. Denn nur so können wir den Verzicht nicht mehr als Verzicht, sondern als Normalität begreifen - und das gilt nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Industrie und Wirtschaft. Heißt im Klartext: Anstatt über verlorene Arbeitsplätze im Kohlesektor zu klagen, sollte man sich überlegen, welche Arbeit langfristig für den Klimaschutz sinnvoll wäre. Ganz zu schweigen davon, dass - so abgedroschen es auch klingt - ein System, das auf eine konstante Wert- und Produktionssteigerung ausgerichtet ist, wohl das Klimafeindlichste überhaupt ist.

13:32 27.07.2019
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