2021 - Gesellschaftliche Spaltung überwinden

Milieukampf Gesellschaftliche Konflikte beruhen heute i.d. Regel auf Milieukämpfen. Diese müssen mit geeigneten Methoden überwunden werden, um gesellschaftliche Harmonie zu schaffen.
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„Mit der Hoffnung ist es so eine Sache. Einer aufblühenden Pflanze gleich, ist das Verkümmern und Eingehen nicht weit“

2020 ist bald Geschichte, aber trotz der medialen Dominanz der Corona-Pandemie bleiben gesellschaftliche Spaltung und Konflikte ein zentrales Thema des 21. Jahrhunderts und damit auch des Jahres 2021. Doch wie damit umgehen? Grundsätzlich ist das demokratische Spektrum breit und es muss offen genug dafür sein, wenn mannigfaltige Gruppen verschiedene Interessen artikulieren. Ist es das nicht, so sind die freiheitlichen Strukturen bedenklich schwach und bedürfen der dringenden Prüfung und Stärkung.

Eine solche Sicht einzunehmen, fällt immer wieder schwer, denn das gesellschaftliche Misstrauen ist inzwischen groß. Es wirkt fast so, als würden demokratische Selbstverständlichkeiten mehr und mehr verlustig gehen. Das liegt auch daran, dass die schrillsten Töne in der Regel aus dem Orchester herausragen. Sie erhalten dann eine Aufmerksamkeit, die deren Bedeutung weit übersteigt. Verständlich, denn wer möchte schon die Harmonie durch Misstöne gestört wissen? Daher ist es relevant, die Extreme zu identifizieren sowie mit legitimen Mitteln zu bekämpfen. Es erscheint aber nicht opportun, differente Antriebe, Sorgen, Bedarfe und Nöte zu vermischen und aus der Unterschiedlichkeit eine Homogenität zu konstruieren, die nicht existiert. Doch, was ist zu tun, damit die schrägen Klänge abgedämpft werden? Und wie lässt sich wieder eine gewisse Robustheit herstellen?

Um einen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden zu leisten, ist es unabdingbar, die Natur moderner Konflikte zu verstehen. Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert zeichnet sich Zerfall aus, denn eine messbare Erosion der sozialen Milieus. Oder einfacher ausgedrückt: die Gesellschaften zerbrechen in immer kleinere Lebenswirklichkeiten. Dadurch, dass viele neue davon entstanden sind und stetig entstehen, hat sich das gesellschaftliche Konfliktpotenzial erhöht, da weitaus mehr unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen als je zuvor. Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen lassen sich unter dem Begriff des Milieukampfes zusammenfassen. Das bedeutet, dass sich zwischen den Lebenswirklichkeiten (Milieus) einer Gesellschaft Konflikte ergeben, die aktiv oder passiv ausgetragen werden. Der größte Teil der gesellschaftlichen Konflikte könnte daher als Milieukämpfe gedeutet werden.

Dabei kommt es immer wieder vor, dass sich sogenannte Milieukoalitionen bilden, d.h. unterschiedliche Lebenswirklichkeiten entladen schwelende Milieukonflikte unter einem Schwerpunkt, der ggf. auch wenig Berührungspunkte mit den eigentlichen Interessen hat. Derartige Koalitionen sind aber temporär und brüchig. Möchte man sie auflösen, so ist das nur möglich, wenn die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Lebenswirklichkeiten befriedigt werden und deren Identität anerkannt wird. Geschieht dieses bricht Milieu für Milieu aus dem brüchigen Bündnis heraus und am Ende bleiben tatsächlich nur die Extreme, die vermutlich niemals in ihrem Wollen befriedigt werden können.

Das große gesellschaftliche Ziel für das kommende Jahr sollte daher nicht weitere Vertiefung der Risse sein, sondern die die Befriedung von Milieukämpfen und das Lösen von Milieukonflikten. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingen möge. In diesem Sinn; ein gutes Jahr 2021.

Andreas Herteux ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Publizist, Autor, Philosoph und der Gründer der Erich von Werner Gesellschaft. In seinem neuen Buch "Grundlagen gesellschaftlicher Entwicklungen im 21. Jahrhundert: Neue Erklärungsansätze zum Verständnis eines komplexen Zeitalters" (Erich von Werner Verlag, 01.08.2020, ISBN-13: 978-3948621162) beschäftigt er sich mit einem neuen Bild der Gegenwart und einen Ausblick auf die möglichen Entwicklungen der Zukunft.

16:30 25.12.2020
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Geschrieben von

EvW

Andreas Herteux ist der Leiter der Erich von Werner Gesellschaft, einer unabhängigen Einrichtung, die sich mit den Themen der Zeit beschäftigt.
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