"Diese Linken müssen so stolz auf sich sein"

Antisexismus Wer geschlechtsbezogene Notlagen und Benachteiligungen beseitigen möchte, sollte das bei beiden Geschlechtern tun.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Ich bin seit fast zwei Jahrzehnten professionell im Bereich der Sozialen Dienste und als Kämpferin für soziale Gerechtigkeit tätig", berichtet die Traumaforscherin und Therapeutin Laurie A. Couture in einem Artikel, der diese Woche online veröffentlicht wurde. "Wenn Frauen und Mädchen Opfer sind, habe ich festgestellt, dass Leidenschaft und politisches Engagement in unserer Gesellschaft reichlich vorhanden ist. Es gibt keinen Widerstand von Experten und den progressiven Medien dagegen, für die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen Aufmerksamkeit zu wecken. Als ich das Feld der Sozialen Dienste und der sozialen Gerechtigkeit betreten habe, hatte ich ursprünglich erwartet, dass den Bedürfnissen und dem Leiden von Jungen und Männern dieselbe leidenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet wird." Stattdessen aber sei sie, wenn immer sie die Bedürfnisse dieser Gruppen angesprochen habe, auf eine aggressive Blockade gestoßen – in erster Linie durch Feministinnen und die progressiven Medien.

Nachdem sie jahrelang ein Forum für die Anliegen des männlichen Geschlechts gesucht habe, berichtet Couture, habe sie erkennen müssen, dass Männer als Gruppe kontinuierlich ausgeblendet würden – es sei denn, es ginge darum, ihnen etwas vorzuwerfen, sie herabzusetzen oder zu beschämen. Ganze Themenfelder seien tabuisiert: etwa von Frauen begangene häusliche und sexuelle Gewalt mit männlichen Opfern, die massenweise vorgenommen Pathologisierung von Jungen, die Herabsetzung von Männern in den Medien, die Tatsache, dass 80 Prozent der Selbsttötungen männliche Opfer fordern und dergleichen mehr. Eine seriöse Debatte über diese Dinge gebe es nicht – stattdessen würden diese Probleme verniedlicht, ignoriert oder verhöhnt. Antidiskriminierungspolitik finde ausschließlich zugunsten von Frauen statt.

"Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die die Medien und die Sozialpolitik kontrollieren, die Öffentlichkeit hier gezielt im Dunkeln tappen lassen" befindet Couture. "Ich wurde selbst schon zu lange zensiert und zum Schweigen gebracht, um noch an einen Zufall zu glauben." Eine offene Debatte sei aber unmöglich, solange die progressiven Medien jegliche Kritik am Feminismus zurückwiesen. Dem unbenommen stelle eine wachsende Zahl junger Erwachsener die feministische Theorie in Frage und befände sie als sexistisch, entzweiend und einschränkend. Die Plattformen der sozialen Medien explodierten mittlerweile mit Konflikten zwischen den beiden Lagern – Konflikten, die leider mehr Feindseligkeit als gegenseitiges Verständnis beförderten. In diesem Zusammenhang hofft Couture auf mehr unabhängige Medien, die jenen Menschenfreunden ein Forum gäben, die sich um die Bedürfnisse und Rechte aller Menschen kümmerten, statt die Hälfte der Bevölkerung zu übergehen.

Eigentlich ist die Haltung, das Leiden von Männern zu übergehen, konservativ bis reaktionär: Ein Mann hat gefälligst zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl zu sein, eine Eiche im Sturm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber leider hat Couture Recht, was ihre Kritik an Medien angeht, die sich selbst als progressiv verstehen. Wer die Einseitigkeit der herrschenden Geschlechterpolitik kritisiert, bekommt dort schnell das Etikett "antifeministisch" aufgeprägt, als ob er gegen die Gleichberechtigung von Frauen wäre. Und wer gar als Männerrechtler oder Maskulist dafür plädiert, dass die Bedürfnisse beider Geschlechter gesehen werden sollten, den karikiert man als reaktionären Zausel.

Vergangene Woche verstieg sich auch der "Freitag" zu dieser Rhetorik. In einem Artikel der Journalistin Nina-Marie Bust-Bartels wurde so getan, als ginge es Maskulisten allein darum, irgendwelche "Privilegien" gegenüber Frauen zu verteidigen. In einer bizarren Schlusspointe wurden die Maskulisten gar mit dem rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik in einem Atemzug genannt – eine seit mehreren Jahren im antimaskulistischen Lager gängige Denunzierung. Die damit verbundene Aufforderung ist klar: Hört diesen Menschen bloß nicht zu, denn sie sind gemeingefährlich! Verschwiegen wurden in diesem Artikel stattdessen die breit gefächerten Anliegen der Männerrechtler von der Bekämpfung häuslicher und sexueller Gewalt, dem Engagement für Schwule bis zur Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen und Genderziden etwa bei bewaffneten Konflikten. Der Leitbegriff lautet hier "Integraler Antisexismus": Wer Sexismus seriös und wirkungsvoll bekämpfen möchte, muss das bei beiden Geschlechtern tun.

Verschwiegen wird in dem Artikel auch, dass sich laut der aktuellsten Studie über den Maskulismus in dieser Bewegung auch zahlreiche progressiv-linke Protagonisten finden. Wusste Nina-Marie Bust-Bartels vielleicht gar nichts davon? Sie wusste es – unter anderem durch ein einstündiges Interview, das sie mir zu diesem Thema vergangenes Jahr führte. Ich hatte ihr auch eine Zusendung meines Buches "Plädoyer für eine linke Männerpolitik" angeboten, worauf sie allerdings lieber verzichtete. Möglicherweise wäre die Diskrepanz zwischen eigenem Wissen und öffentlich Mitgeteiltem sonst allzu groß geworden. Aber schon so stellen sich einige Fragen, was das Verständnis von journalistischer Ethik angeht.

Denunziation und Polarisierung scheinen die einzige Methode zu sein, mit der das feministische Lager mit Männerechtlern umgehen kann. Wo gegen Kritiker einer einseitigen Geschlechterpolitik allen Ernstes ein rechtsextremer Massenmörder wie Anders Breivik ins Feld geführt wird, warten Adolf Hitler, Osama bin Laden, Marc Dutroux und Josef Fritzl vermutlich schon in den Kulissen. Ein paar Nummern kleiner geht es offenbar nicht. Aber hat jemals eine Emanzipationsbewegung aufgegeben, nur weil sie vom politischen Gegner mit abwertenden Etiketten verunglimpft wurde?

Dass sich deutsche Zeitungen in die geschilderte Rhetorik versteigen und gegenüber den Anliegen von Jungen und Männern empathielos bleiben, ist befremdlich. Das nämlich ist keineswegs eine Zwangsläufigkeit, wenn man etwa in die britische Presse blickt, wo Publizisten wie Glenn Poole und Neil Lyndon ebenso selbstverständlich maskulistische Positionen vertreten wie der linke Männerrechtler Ally Fogg: "Die häufigste Reaktion, die ich am internationalen Männertag von meinen Freunden in der Linken höre, ist eine Variante von: Ich dachte, jeder Tag wäre internationaler Männertag?" schrieb Fogg 2013 im Independent. "Einige versuchen, daraus einen Tag über die Probleme, die Männer Frauen bereiten, zu machen, während andere das Pedal für Hohn und Spott durchdrücken. Bestimmt ist ihnen klar, dass solche Attacken die Männer in den Designeranzügen, die die Banken leiten, kaum berühren, ebenso wenig die Regierungen und die Firmen, während sie tief einschneiden bei den Obdachlosen, den Verzweifelten, den Selbstmordgefährdeten und den jungen Opfern von Vergewaltigung und Missbrauch, die von Heimen direkt ins Gefängnis gehen. Diese Linken müssen so stolz auf sich sein."

Zu antifeministischen Massenmorden kam es im Vereinigten Königreich trotz solcher Artikel nicht. Irgendwann werden sich auch hierzulande linke Medien Männeranliegen und ihren Vertretern öffnen müssen, statt sie so aggressiv wie möglich zu denunzieren. Geht man aber nach der gegenwärtigen Situation, wird das anders als bei den britischen Zeitungen nur protestierend, schreiend und um sich schlagend geschehen. Der oberste Glaubensgrundsatz lautet hier noch immer: Geschlechterpolitik hat allein zugunsten von Frauen stattzufinden. Alles andere wäre sexistisch.

10:29 29.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

A. Hoffmann

Arne Hoffmann ist der Autor mehrerer Bücher zur Geschlechterdebatte, zuletzt "Plädoyer für eine linke Männerpolitik".
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