Warum dieser Hass gegen den Genderkongress?

Gender Ausgerechnet Feministinnen feinden einen Genderkongress an – weil er sich auch Anliegen von Männern widmet. So drohen beide Lager zu Verlierern zu werden.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vielleicht haben wir es schlicht mit sozialen Codes zu tun, die stillschweigend vorausgesetzt und in der Regel auch verstanden werden. "Willst du noch auf einen Kaffee zu mir hochkommen?" heißt oft genug nichts anderes als "Wollen wir poppen?", wenn man nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen möchte. Die Beschimpfung "Hurensohn!" stellt keine ernstgemeinte These über die Profession der Mutter des Angesprochenen dar, sondern schlicht eine Aufforderung: "Komm, wir prügeln uns jetzt". Und jemanden als "rechtsextrem, frauenfeindlich und homophob" zu verunglimpfen ist mitunter weniger eine ernst zu nehmende politische Analyse als ein Code für "Ich mag diese Leute nicht – wenn ihr euch mit denen unterhaltet, gibt's Stress!"

Ein gutes Beispiel dafür dürften entsprechende Attacken auf die Veranstalter des Genderkongresses sein, der am 28. November in Nürnberg stattfand. Bei diesen Veranstaltern handelt es sich um das FDP-Mitglied Sebastian von Meding und Gerd Riedmeier vom Forum Soziale Inklusion, den ich vor einigen Jahren für den "Freitag" interviewt hatte. Von Rechtsextremismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie fehlt hier tatsächlich jede Spur – und auch auf dem Kongress konnte etwa ein Beobachter des Deutschlandradios keine Spur davon finden. Grundlage des Diskurses auf dem Kongress waren stattdessen gegenseitige Wertschätzung und ein partnerschaftliches Verständnis von Mann und Frau auf Augenhöhe, um die bestehende Polarisierung zu überwinden. Dabei ist dieser Kongress als Auftakt einer Reihe solcher Veranstaltungen gedacht.

Männerpolitische Aktivisten waren für die Idee schnell zu gewinnen. Zum einen war der Schwerpunkt speziell dieses Kongresses ausnahmsweise einmal bei männlichen Anliegen – nach mehreren Jahrzehnten von Genderveranstaltungen, die sich allein um die Anliegen von Frauen drehten, ein überfälliger Schritt. Zum anderen ist der Ansatz des Forums Soziale Inklusion mit dem Konzept zu vergleichen, den Maskulisten als "integralen Antisexismus" bezeichnen: das Engagement gegen Sexismus, der beide Geschlechter trifft. Auch Sexismus zu Lasten von Männern zu bekämpfen ist in der Geschlechterpolitik zwar noch unkonventionell, spiegelt aber eine wachsende Sensibilität in der Gesamtbevölkerung wieder: So erklärten 76 Prozent der Männer in der Allensbach-Studie "Der Mann 2013", sich ab und zu gegenüber Frauen benachteiligt zu fühlen. Einer YouGov-Umfrage zufolge finden 72 Prozent der Bevölkerung (dabei überwiegend Frauen), dass über Sexismus gegen Männer zu wenig diskutiert werde. Männerpolitische Baustellen sind zahllos und rangieren von der hohen Suizidrate bis zur Vernachlässigung im Bereich Gesundheit, von fehlenden Hilfeeinrichtungen bei häuslicher Gewalt bis zur Jungenkrise. Literatur zu den Anliegen der Männerrechtsbewegung gibt es inzwischen zuhauf.

Höchste Zeit also, dass auch Männer für ihre Anliegen ein politisches Forum aufbauen? Eigentlich ja. Dass Männer auch Opfererfahrungen machen, dass sie sich ebenfalls oft machtlos fühlen, dass auch sie in der Politik auf taube Ohren stoßen – all das könnte für die beiden Geschlechter eine verbindende Erfahrung darstellen. Stattdessen gab es massive Bestrebungen, Gespräche darüber zu tabuisieren. Deshalb wurde der Betreiber der Gaststätte, der die Räumlichkeiten für den Kongress zur Verfügung stellte, massiv unter Druck gesetzt. Auf seiner Facebook-Seite hetzten Besucher gegen die Kongress-Veranstalter mit aggressiver Rhetorik, beschimpften sie als "sexistisch", "homophob", "frauenfeindlich", "LGBT-feindlich", "rückwärtsgewandt" und "extrem rechts". Gleichzeitig teilte die Leiterin der Bayerischen Leitstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern mit: "Wir werden dafür sorgen, dass niemand am Kongress teilnimmt."

Warum löst allein die Tatsache, dass einige Männer sich über ihre Anliegen und denkbare Lösungswege unterhalten möchten, derartige Aggressionen aus? Hintergrund dieser Attacken ist wohl, dass die Männerrechtsbewegung als wohlfeiles Feindbild zunehmend verblasst. Anfang 2015 erschien die für den Club of Vienna erstellte erste vergleichende Studie von Feminismus und Maskulismus, die auf zuvor gängige Abwertungen von Männerrechtlern durchgehend verzichtete und diese Bewegung angemessen differenziert darstellte. Erste Interviews zeigen, dass die Männerbewegung weit ins linke Lager hineinreicht und damit wenig mit den absurden Karikaturen zu tun hat, die ihre Gegner von ihr zeichnen. Auch überregionale Leitmedien wie die Frankfurter Allgemeine und der Westdeutsche Rundfunk stellen diese neue soziale Bewegung und ihre Anliegen inzwischen sachlich vor statt in der Form einer ressentimentgeladenen Denunziation.

Sobald man sich mit der Männerbewegung aber sachlich statt aus der Perspektive wüster Agitation beschäftigt, erscheinen ihre Positionen mehr als nachvollziehbar. Diese Erfahrung machte in den USA gerade die preisgekrönte feministische Filmemacherin Cassie Jaye, die eine Dokumentation über diese Bewegung drehte – und dabei ihre bisherige Haltung immer mehr zu hinterfragen lernte: "Als ich mit diesem Projekt begonnen hatte, war mein Bild von Männerrechtlern ganz klar negativ", berichtet Cassie Jaye. "Ich hatte erwartet, dass sie schockierende Dinge sagen und ich in eine geheimnisvolle, frauenfeindliche Gemeinschaft hineinlinsen würde. Alles, was ich über diese Leute wusste, waren von feministischen Websites gezielt ausgewählte schockierende Statements. Aber sobald ich begonnen hatte, diesen Menschen wirklich zuzuhören, konnte ich viele ihrer Anliegen nachempfinden. Wir werden kulturell darauf konditioniert, dass Frauen die Unterdrückten wären und Männer die Unterdrücker. Aber jetzt sah ich, dass das nicht stimmte. Diesen Film zu machen, war die Erfahrung, die mein Leben am meisten verändert hat. Sie hat komplett verändert, wie ich Männer wahrnehme, von der Beziehung zu meinem Freund bis zu meinen Vaterfiguren."

Das Ergebnis dieses Prozesses ist nun eine feministische Dokumentation, die auch von männerpolitischen Aktivisten gesponsert wurde. "Es macht Angst, alles, woran man geglaubt hat, in Frage zu stellen", erklärte Cassie Jaye, "seine Grundlage dessen, was man für die Wirklichkeit hält." Aus vermutlich eben diesem Grund war aus dem feministischen Lager keine Unterstützung für ihre Dokumentation zu erwarten. Und aus exakt diesem Grund machten fundamentalistische Hardliner auch gegen den Deutschen Genderkongress mobil.

Dabei finden scharfe Angriffe auf männerpolitischen Aktivismus schon seit Jahren statt – und zwar international. "Warum führt es regelmäßig zu wütenden Reaktionen, sobald über die Anliegen von Männern gesprochen wird?" fragte kürzlich etwa der britische Telegraph und berichtete über den erbitterten Widerstand des feministischen Establishments gegen diese neue Graswurzelbewegung. Veranstaltungen von männerpolitisch Aktiven werden belagert, Zugänge blockiert, körperliche Attacken finden statt. Vorträge wie "Von Frauenfeindlichkeit und Männerfeindlichkeit zum Dialog zwischen den Geschlechtern" an der Universität Toronto wurden von Randale und Drohungen einer "militanten Reaktion" begleitet. Eine männerpolitische Veranstaltung zum Internationalen Tag des Mannes an der britischen Universität York wurde auf feministischen Druck gecancelt, obwohl die von der Studentenzeitung der Uni befragten Studenten beiderlei Geschlechts die Berechtigung eines solchen Tages durchaus sehen. Als an einer deutschen Hochschule über die Einrichtung eines Männerreferats diskutiert werden soll, wird die Veranstaltung unter Einsatz eines Feuerlöschers gesprengt. All das geschieht auch mit Rückhalt von Verantwortungsträgern in der Politik – was auch für Außenstehende unübersehbar wird. Männer werden in der Geschlechterdebatte zum Schweigen gebracht urteilte unlängst das liberale Magazin Spiked.

Der Gymnasiallehrer und Blogger Lucas Schoppe sieht Attacken wie die aktuellen Angriffe auf den Deutschen Genderkongress als Offenbarungseid des feministischen Lagers insgesamt: "Ihre Position ist so schwach, dass sie sich in einer offenen Debatte nicht behaupten könnte. Und: Sie wissen um die Schwäche ihrer Position." So könne es für diese Fraktion nur noch ein Ziel sein, solche Debatten so lange wie möglich zu unterbinden. Diese Strategie beschert allerdings auch dem feministischen Lager erhebliche Verluste. Die Behauptung etwa, der Feminismus wolle sich auch um Männer kümmern, wird vor diesem Hintergrund als reines Lippenbekenntnis deutlich. Dieses Bekenntnis nicht ernst zu meinen war ein strategischer Fehler des feministischen Lagers, der überhaupt erst eine internationale Männerbewegung gedeihen ließ. Wenn Emma Watson vor den Vereinten Nationen erklärt, sie habe bei ihrer Recherche festgestellt, dass Feminismus breitflächig mit Männerhass verwechselt werde, kann man sich angesichts der geschilderten Attacken unschwer erklären, wie es zu dieser Wahrnehmung kommt.

Der Schaden, der durch die zitierte Polemik angerichtet wird, geht aber noch über das Geschilderte hinaus – und zwar insbesondere was Beschimpfungen als "homophob" und "extrem rechts" angeht. Da diese Angriffe erkennbar aus der Luft gegriffen sind, darf man von ihnen einen Effekt erwarten, wie er in der Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf geschildert wird: Ernstzunehmende Warnungen dieser Art drohen überhört zu werden, weil viele von derartiger Polemik inzwischen übersättigt sind. In diesem Zusammenhang warnte bereits der Soziologe Professor Walter Hollstein, Gutachter des Europarates für Männer- und Geschlechterfragen, vor einer "gefährlichen Verniedlichung des wirklichen Rechtsextremismus".

Auch der renommierte Professor für Staatsrecht Ingo von Münch zeigte sich angesichts solcher Denunziationen besorgt. In einem seiner Bücher stellte er dazu fest: "Intendiert ist der Ausschluss einer politischen Meinung aus dem Meinungsspektrum der Gemeinschaft der Zivilgesellschaft. Letztere wird damit zu einem 'closed Shop', zu dem den politisch-ideologisch nicht Angepassten der Zutritt verweigert wird, also ein Meinungsmonopol errichtet wird. Demokratiegefährdend wird eine solche Ausgrenzung ohne Zweifel dann, wenn die Ausgrenzung bis in die politische Mitte ausgreift." Oder, wie man hinzufügen könnte, sogar ins linke Spektrum. Wenn sich dann noch die Politiker der etablierten Parteien angesichts solcher Diffamierungen aus der Debatte zurückziehen, dann werden sich die angesprochenen Probleme dadurch nicht auf magische Weise lösen. Genauso wenig verschwinden die Bürger, die von diesen Problemen betroffen sind, dadurch von der Welt. Wahrscheinlicher ist, dass ein Teil von ihnen in die innere Emigration geht, ein anderer Teil sich aber stattdessen radikaleren Parteien und Bewegungen zuwendet – und das vermutlich nicht im linken Spektrum.

Das gezielte Unterbinden sachlicher Diskussionen sorgt inzwischen auch im feministischen Lager zu wachsendem Unbehagen – und zu einer neuen Schärfe. "Was meine ich als erklärte Feministin mit dem Begriff Feminazi?" fragte etwa die Journalistin Julia Hartley-Brewer. "Mangels einer offiziellen Definition verwende ich diesen Begriff für radikale, autoritäre Feministinnen, die alles aus der Genderperspektive betrachten und keine Widerworte dulden." Das Wort beziehe sich mithin nicht auf den von den Nationalsozialisten begangenen Massenmord und ihren Rassismus, erläuterte Hartley-Brewer, sondern stelle eine Analogie zu ihrem autoritären Denken dar – "was exakt das ist, was man dem Feminismus vorwirft".

Sollte ein Begriff wie "Feminazi" in der politischen Debatte unzulässig sein? So kann man gerne argumentieren – aber nicht, wenn man selbst mit komplett unangemessenen Diffamierungen wie "rechtsextrem" zu hausieren beginnt, um Männeraktivisten pauschal zu verteufeln. Wer selbst ständig rhetorisch eskaliert, braucht sich über ein entsprechendes Feedback nicht zu wundern. So wie die Debatte aktuell geführt wird, sind Sachlichkeit und der Respekt vor dem Gegenüber allzu oft Mangelware. Zum Schluss verlieren alle.

Das Dilemma ist ein internationales Problem, aber Deutschland wirkt dem Denken früherer Jahrzehnte ganz besonders verhaftet. Wo bleiben deutsche Feministinnen, die die Integrität einer Cassie Jay besitzen und bereit sind, ihre bisherigen Positionen kritisch zu hinterfragen? Wo bleiben hierzulande Equity-Feministinnen wie Cathy Young und Wendy McElroy, die Sexismus gegen beide Geschlechter bekämpfen und sich dafür längst mit Maskulisten vernetzt haben? Wie viele Feministinnen haben überhaupt maskulistische Grundlagenliteratur gelesen statt in der Filterblase der eigenen Meinung zu bleiben? Warum bleibt diese Empathie für Männer nicht-feministischen Frauen überlassen? Warum sind "Männerhäuser", also Anlaufstationen für männliche Opfer häuslicher Gewalt, in der Schweiz, Dänemark und sogar Texas möglich, werden von der herrschenden deutschen Geschlechterpolitik aber rigoros ausgeschlossen? Warum gibt es eine Klinik für vergewaltigte Männer in Schweden, wäre hierzulande aber undenkbar? Wenn die Ideologie, dass Männer als Opfer nicht politisch korrekt sind, mächtiger ist, als diesen Opfern die nötige Hilfe zukommen zu lassen, dann laufen die Dinge gravierend falsch.

Es ist nicht allzu lange her, da hatten manche durch ähnliche Beschimpfungen wie jetzt eine Veranstaltung in Nürnberg zu unterbinden versucht. Im Jahr 2012 hatte die dortige Fachhochschule die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling zu einem Vortrag über Männerdiskriminierung eingeladen. Ebeling hatte ihren Posten bei der Stadt Goslar nicht zuletzt auf Druck der dortigen Grünen verloren, weil sie sich auch um Jungen und Männer zu kümmern begonnen hatte. In Nürnberg forderte nun der studentische AStA ein Verbot von Ebelings Vortrag anhand der in der Genderszene üblichen Vorwürfe: Reproduktion heteronormativen Denkens, Vertreten antifeministischer Positionen, Rassismus, Sexismus, Verlinkung der "falschen" Websites und so weiter und so fort. Der zuständige Dozent, Professor Wolfgang Tischner, setzte den Vortrag jedoch durch und forderte für die daran anschließende Diskussion gegenseitigen Respekt bei allen Beteiligten ein. Im Verlauf dieser Diskussion erkannten schließlich auch die protestierenden Studentinnen, dass beide Seiten mit ihren Positionen gar nicht so weit auseinander lagen. Liebgewonnene Feindbilder wurden erschüttert.

Auch der Deutsche Genderkongress hat unbeschadet aller Attacken am 28.November in Nürnberg stattgefunden. Er stellte sich der Entsolidarisierung der Geschlechter entgegen und zeigte, dass sich viele Menschen auch durch noch so aggressive Rhetorik nicht davon abhalten lassen, für soziale Anliegen einzutreten, die von der herrschenden Politik bislang ausgeblendet werden. Diese Menschen lassen sich nicht zum Schweigen bringen, sondern arbeiten konsequent weiter an einer offenen Debatte auf Augenhöhe mit all jenen, die dialogbereit sind. Wenn zu einem Genderkongress sowohl Frauen- als auch Männerrechtler eingeladen werden, ist das eine wichtige Wegmarke für diese Entwicklung. Wie das geschlechterpolitische Establishment mit dieser Herausforderung weiter umgeht, wird ein wichtiger Prüfstein für seine Debattenkultur sein.

17:31 02.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

A. Hoffmann

Arne Hoffmann ist der Autor mehrerer Bücher zur Geschlechterdebatte, zuletzt "Plädoyer für eine linke Männerpolitik".
Schreiber 0 Leser 2
Avatar

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community