Blockupy – war dabei! (2/2)

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Der „Spaziergang“ verlief johlend, singend, skandierend, tanzend, unvermummt...
Die staatsgewaltige Gegendemonstration an der Peripherie des Blockupy-Zuges gab sich parallel ostentativ wehrhaft. Deren „Mitläufer“ begleiteten die empörte Exkursion vorsorglich behelmt! Jene Vertreter der Exekutive, welche an den Seitenstraßen postiert waren um Abweichler oder gar den kompletten Zug davor zu bewahren, sich womöglich zu verirren, taten dies auffällig geschlossen mit einer nur bedingt als dezent zu wertenden Gestik. Jedenfalls hatte ich – der ich allerdings alles andere als ein Demo-Veteran bin – noch nie zuvor so viel Staatsgewalt gesehen, deren Rechte auf ihren Schusswaffen bzw. deren Halftern ruhten. Genau genommen habe ich dies im alltäglichen Umgang mit Polizei noch nie erlebt.
Vielmehr kann ich mich noch an Zeiten erinnern, als Dienstwaffen eher als eine Art symbolischer Zierrat getragen wurden. Im Gegensatz zu britischen Bobbies hatten sie zwar welche, aber letztlich waren diese wohl eher Staffage, womöglich noch nicht mal geladen. Aber damals trugen die Ärmsten ja auch noch Oestergaard; dem Outfit war selbst mit Maschinenpistole keine Autorität zu entlocken, so fern man nicht ohnehin qua Persönlichkeit darüber verfügte.

Bemerkenswert auch, dass die ausgeprägten Sicherheitsbedenken der hessischen Verantwortungsträger diese zwar dazu brachten in dieser Woche selbst Mahnwachen für den Frieden zu verbieten, hingegen den Demonstrationszug an einer kaum gesicherten Baustelle vorbei führten, deren brachiales Abbruchgerät sogar zeitgleich im Einsatz war. Es wäre ein Leichtes gewesen, entsprechend gewaltbereite Motivation vorausgesetzt, sich mit gleichermaßen Entschlossenen, dieser Semi-Panzer zu bemächtigen.


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Mit anderen Worten, wer tatsächlich – also glaubwürdig(!) – davon ausgeht, er sähe sich einer Veranstaltung mit qualitativ wie quantitativ hohem Gewaltpotential gegenüber, das sich insbesondere gegen die Liegenschaften der ansässigen Banken richten würde, der lässt doch nicht tonnenschweres Abbruchgerät, noch dazu mit laufenden Motoren, direkt neben einem solchen Protestzug rumkurven!?!

Man musste wohl tatsächlich selbst vor Ort sein um erkennen zu können, dass gleichzeitig zwei Veranstaltungen abliefen:
Einerseits das Blockupy-Treffen...

.und andererseits ein bodenlos verlogenes Diskreditierungs- und Einschüchterungs-Happening, seitens neoliberaler Interessenvertreter, zur Kriminalisierung von Bürgern, die ihre demokratischen und verfassungsmäßigen Grundrechte wahrnehmen wollen!

Was bleibt, was kommt?

Als der Demonstrationszug sein planmäßiges Ende nahm, befand ich mich unmittelbar auf Höhe eines Trupps behelmter Polizisten. Ein Lautsprecherwagen verkündete Dankes- und Abschiedsbotschaften und betonte glücklich die Friedlichkeit der auslaufenden Veranstaltung. Augenblicklich sprach ein Zugführer einen Meter neben mir in sein Headset, die wohl für alle Seiten erlösende Formel „Helm ab!“
Zum Vorschein kamen eine Hundertschaft schweißtriefender Schädel, die in allen Regenbogenfarben der Erschöpfung schillerten, wobei so abschließend auch auf Seiten der Polizei Rottöne überwogen, in deren Fall sogar dominierten.

Mir ist bewusst, dass Polizisten bei Demonstrationen von „potentiell Gewalttätigen“ wohl eine professionelle Distanz wahren sollen. Aber diese Demo war nun von den Veranstaltern beendet, was wohl durch die Helm-ab-Geste ihre polizeiliche Bestätigung fand und Ausschreitungen hatte es schließlich keine gegeben. Der Hundertschaft standen nun nur noch eine handvoll französischer und deutscher Protest-Teilnehmer gegenüber, deren generelles Erscheinungsbild nur so strotzte vor bürgerlicher Biederkeit – mich eingeschlossen.
Der richtige Moment, so dachte ich, für eine versöhnliche oder zumindest einvernehmliche Geste. Ein Lächeln oder zuzwinkern von Mensch zu Mensch, vielleicht einen Zuruf à la „schönen Feierabend“ oder „gute Heimreise“. Es war nicht möglich!
Die Damen und Herren von der Bundespolizei verweigerten demonstrativ jeden Blickkontakt und legten ein Gebaren an den Tag, das deutlich machte, dass selbst ein paar freundliche Worte unerwünscht waren ...und dabei stand ich doch sogar rechts von ihnen.

Mancher wird mich nun naiv nennen und ich nehme dies auch widerspruchslos hin!
Dennoch, ich möchte, dass man in mir als Demonstranten zunächst den demokratischen Bürger sieht (Unschuldsvermutung) und nicht zuvorderst einen potentiellen Gewalttäter. Ebenso möchte ich auch weiterhin in einem Polizisten einen Mitmenschen sehen können, der sich auch meinen Schutz zur Berufung gemacht hat; und nicht bloß eine schwarze Uniform, die sich meine Einschüchterung zur Aufgabe gemacht hat.
Wunschdenken, welches Innenminister der Marke Rhein und Ordnungsdezernenten des Typus Frank mit Sicherheit zu verhindern wissen!

Was bleibt von Blockupy? Was werden die Bürger abseits der Veranstaltung über diese erfahren, nicht erfahren oder sogar verfälschend zugetragen bekommen? Es bedarf nun der Medien herauszuarbeiten, was tatsächlich, warum und von wem ausgehend in Frankfurt geschah.
Will ich Optimist sein, so kann ich beispielsweise auf begleitende und nachbetrachtende Artikel der Frankfurter Rundschau verweisen.
Als Skeptiker denke ich eher an unsere Heimreise:

Als wir die „weltoffene und tolerante“ Stadt Frankfurt wieder sich selbst überließen, um uns ins neo-stalinistische Rattenloch Bremen zurückzuziehen, vermeldete der Hessische Rundfunk, dass sich 25.000 Menschen an Blockupy beteiligt hätten. Wenig später, im Sendebereich des WDR waren es zwischenzeitlich gerade noch „mehr als 20.000 Demonstranten“. In Bremen angekommen wurde nur noch von „rund 20.000 Protestierern“ gesprochen.
Wenn die ARD in diesem Stil fortfährt, wird bis zum 17. Juni, dem Tag der Wahlen in Griechenland, schließlich wohl bestenfalls noch die Rede sein von einer Handvoll radikaler Quartals-Querulanten, die sich am 19. Mai in Frankfurt ein Stell-dich-ein gaben.

"Unser Kessel ist viel schöner - HEY! HEY!"

Abschließend ein wunderbares Videodokument aus Frankfurt vom Freitag, dem 18.05.12:

www.youtube.com/watch?v=wH7KYV7IENU&feature=topics

Videounterschrift: „Polizei-Kessel um friedliche Demonstranten und Samba-Musiker an der Ecke Weserstraße/Wilhelm-Leuschner-Straße am Freitagmittag in Frankfurt. Erst kesseln die Eingekesselten zurück, dann kesseln die Außenstehenden den Kessel ein.“

Dies also waren die militanten Horden, die sich den Polizisten in humorloser Feindseligkeit entgegen stellten.
Mit altvorderem Pathos versehen möchte ich dazu Ernst Reuter zitieren „"Ihr Völker der Welt, (...) Schaut auf diese Stadt“ und neusprachlich ergänzen: „Fremdschämen inklusive!“

16:40 21.05.2012
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Geschrieben von

Heiko Zorn-Bürger

Gelegenheits-Misanthrop
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Heiko Zorn-Bürger

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