Was macht diese Frau vom FREITAG?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Verena Schmitt-Roschmann hat einen Artikel über Thilo Sarrazin geschrieben und photographiert sich damit selbst: sie provoziert und darf die Community spalten

„Thilo Sarrazins letzter Satz fasst alles wunderschön zusammen: „Wenn man jemanden hasst, darf man nicht über ihn reden, das ist der einzige Weg, wie man ihn tot kriegt.“ Bitteschön, wen haben wir denn da?: Schmidt-Roschmann die Geschwätzige, Schmidt-Roschmann die Lebensretterin, Schmidt-Roschmann, die wackere Mutter Voltaire der Populisten, die sich einer bigotten Medienmasche bedient – ja, in diesem Fall ist es tatsächlich DER FREITAG, den ich „ganz schön blöde“ finde.

Viel mehr ist kaum zu sagen über Schmidt-Roschmanns Artikel zu Thilo Sarrazin vom Montagvormittag. Dem Ex-Beamten, Ex-Senator und Ex-Bundesbanker, mit einem Wort dem Ex wird bei allem es-war-einmal dennoch wieder ein Forum geboten. „Thilo Sarrazin ist zurück“, beweist auch Augsteins Redaktion mit diesem Artikel. Diesmal jedoch verschafft sich nicht Sarrazin seine Bühne, sondern die Intendanzen heben sich ihren Wiedergänger auf ihre Bühnen – aber muss das sein, frage ich mich? Denn zu Zeiten seines Bashings gegen Empfänger von Transferleistungen war er Senator, zur Zeit seines abgeschafften Deutschlands war er Bundesbankvorstand, da griffen Chronistenpflichten, da galt ein redaktioneller Automatismus. Hingegen ist er heute Privatier, ohne Amt, ohne Mandat, eben ein Ex und als solcher von ähnlich hoher Relevanz wie beispielsweise ich – ein Jedermann.

Gezielte Provokation

Das alles sieht Schmidt-Roschmann allem Anschein nach ganz anders und auf rund 1.500 Zeichen ausgebreitet auch ausreichend differenziert dargestellt. In der Kombination von Bundesbänker und provokativem Buchautor machte sich Sarrazin seinerzeit zum Self-Made-Man – einer Stillos-Ikone an dem auch die angewidertste Redakteurin nicht vorbei kam. Nicht weil er schrieb was und wie er schrieb, sondern weil der Autor welcher sich dergestalt in die Öffentlichkeit erbrach ein Bundesbankvorstand war. Damit war er der Unausweichliche, derjenige den man nicht einfach rechts liegen lassen konnte, mit dem man sich auseinandersetzen musste – und sei es nur um ihm ein Fortwirken als Bundesbänker zu vereiteln.
Diese Wechselwirkung von Amt vs. Pamphlet existiert heute nicht mehr, der Bestseller-Autor von eigenen Gnaden ist für Sarrazin nicht mehr wiederholbar. Deshalb haben wir es diesmal nicht mit einem Self-Made-Man zu tun, sondern mit einem Geschöpf der Medien. Und damit schiebt Frau Schmidt-Roschmann sie wieder mit an, die große Sarrazin-Vermarktungsmaschine.

„Warum sitzt der Mann bei Jauch?“ Als ob das irgendwer beim Freitag, der Community oder Leserschaft nicht ohnehin wüsste – weil er Quote bringt, selbstredend.

„Aber warum (im übertragenen Sinne) sitzt der Mann beim Freitag?
Weil er Auflage bringt? Weil deshalb lukrativere Anzeigen geschaltet werden? Weil auch nur eine einzige Leserin des FREITAGs noch im unklaren darüber sein könnte, wie und mit wem ARD und ZDF ihre JAUCHe LANZieren? Weil sich auch nur ein einziger Abonnent des FREITAGs noch darüber täuschen könnte, wes Geistes Kind Sarrazin ist?
Ich nehme an, die redaktionelle Entgegnung, die ich hier provoziere ist wohl, weil Sarrazin eine Person des öffentlichen Interesses ist.

Nun, der Berliner Senator für Finanzen ist heute Ulrich Nußbaum, die Bundesbankvorstände heißen Weidmann, Lautenschläger, Böhmler, Dombret, Nagel & Thiele. Das sind Personen des öffentlichen Interesses, weil sie Aufgaben im öffentlichen Interesse wahrnehmen, oder zumindest damit betraut sind. Sarrazin tut nichts mehr dieser Art, er ist nur noch eine Person des öffentlichen Interesses, weil letztlich auch DER FREITAG ihn wieder dazu macht. Sarrazin ist nur noch eine Verona Pooth des populistischen „Blub“, er verkauft seinen Spinat an all den Tresen, die ihm Platz einräumen und nirgendwo anders bzw. ohne Tresen keinen (Buch-) Handel.

Ein gefährlicher Mann ?

Selbstverständlich wird ein Sarrazin nicht in der Versenkung verschwinden, würde DER FREITAG ihn ignorieren oder boykottieren, aber er würde vielleicht 500 oder wenigstens 50 Bücher weniger verkaufen – zugegeben nur eine Marginalie. Keine Marginalie ist hingegen, dass hier im FREITAG auch in den letzten 48 Stunden wieder zahlreiche Artikel und Blogs veröffentlicht wurden, die allesamt eine breitere und tiefere Würdigung erfahren würden – und dies wohl meistenteils auch Wert wären – wenn dieser unsägliche Sarrazin/Jauch-Artikel seit Veröffentlichung nicht ein Gros der Community auf sich fokussieren würde.
Frau Schmitt-Roschmann selbst veröffentlichte hier am 16. Mai einen Artikel über Röttgens Abberufung als Umweltminister („Merkels Verzweiflungstat“), der in sechs Tagen gerade mal halb soviel Resonanz erfahren hat, wie Sarrazin/Jauch binnen 24 Stunden.
Weil es ein miserabler Artikel ist?
Nein, gewiss ist er dies nicht, aber es ist ein Artikel der nicht annähernd so polarisiert und emotionalisiert. Hingegen ist es ein Artikel zu einem Thema und zu Personalien von unbestreitbar öffentlichem Interesse – ein Artikel der Art, die den FREITAG ausmacht und den Jauch abschaltet. Und wenn mir doch mal danach sein sollte, lieber einen Jauch zu sehen, als eine Schmitt-Roschmann, eine Hensel, einen Herden oder Augstein zu lesen, dann weiß ich, wie jeder andere Leser, wie eine Fernbedienung oder die ARD-Mediathek funktionieren. Niemand braucht den FREITAG um zu erfahren, dass ein Dünnbrettbohrer einen Brett-Vorm-Kopf als Talk-Gast hatte!

Damit ist praktisch auch mein heutiges Empörungspotenzial bereits verschlissen und bei aller Kritik klingt hoffentlich auch die Wertschätzung durch, die mich nicht zuletzt zu diesem Blog veranlasste. Nur eines muss noch dahin gepfeffert sein: Nein, Sarrazin ist nicht gefährlich. Gefährlich sind die Medien, die ihm eine Bedeutung zumessen, um nicht zu sagen zuteilen. Selbstverständlich kann man über seine TV-Auftritte schreiben. „Man kann es aber auch einfach lassen.“

18:47 22.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Heiko Zorn-Bürger

Gelegenheits-Misanthrop
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Heiko Zorn-Bürger

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kingprussia | Community
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