albertk

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RE: Breit gegen die Wand | 06.02.2009 | 22:03

Vorab: Eigentlich fand ich Georg Seeßlen Kritiken oft interessant. Aber dieser Artikel ist ein Musterbeispiel für die Naserümpferei über 70mm. In Seeßlens Artikel fehlt kein Versatzstück, das uns die 70mm-Hasser seit Jahrzehnten herunterbeten. Und dies in der Regel wenig kenntnisreich! Seit Jahrzehnten schreiben Kritiker, daß das Fernsehen "schuld" am Breitwandfilm sei. Tatsächlich gab es seit Anbeginn unterschiedliche Formate, ein größerer Schub an Breitformaten kam bereits in den 30er Jahren, dann in den 50ern. Interessanter liest sich das bei John Belton: Die Freizeitgewohnheiten der US-Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg hatten sich massiv verändert, u.a. gründete man vermehrt Familien, zog auf Land, kaufte Häuser und Autos. Das Format 70mm über die Malerei zu geißeln halte ich auch für einen Fehlgriff. Malerei ist zum einen ein völlig anderer Bereich. Dort dürften Formate wie 1:1,33 oder 1:1,375 eher die Ausnahme sein. Picasso wählte für den zweiten Teil seines Filmes mit Clouzot sogar bewußt CinemaScope. Außerdem frage ich mich, hat Seeßlen noch nie etwas von Panoramen gehört? Skandalös teuer sei 70mm, schreibt Seeßlen. Wenn das ein seriöses Kriterium sei, dürfen wir uns gewisse Machwerke der Filmgeschichte nicht antun. Galerien, Museen und Schlösser müßten wir meiden. Gegen CLEOPATRA war Neuschwanstein sicher ein Wandlitz. Dagegen müßte man jeden Youtube-Spot, der nur mit einem Handy aufgenommen ist, verteidigen... PLAY TIME von Tati ist genausowenig ohne 70mm zu denken wie die LAWRENCE OF ARABIA, RYAN'S DAUGTHER oder die WEST SIDE STORY. (Ich habe nur mal meine Lieblinge genannt, die auch nach mehrfachem Sehen immer noch standhielten!) Seeßlen beklagt, daß Cinerama seine Zuschauer umzingle. Was beabsichtigt das Kino denn sonst? Das war bereits der Anspruch der allerersten Filme, von der ANKUNFT EINES ZUGES der Lumieres oder der kühn ausgestatteten Filme des Illusionisten Meliès. Wer je Cinerama gesehen hat, kann bei Imax nur gähnen. Und auch hier muß ich Seeßlen widersprechen: Kenneth Branaghs HAMLET von 1997 war leider kein klassischer 70mm-Film, schon gar nicht in der Fotografie. Die Willkürlichkeit der Argumentation schlägt leider allzuhäufig auf ihren Autor zurück. Seit wann ist es denn ein Mangel, wenn auf einem Bild mehr als nur eine Bildinformation zu entnehmen ist? Vielleicht macht es manchmal auch den Kunstgenuß aus, daß man noch mal hingucken kann...