RE: RKI und Covid-19: Der entscheidende Fehler | 30.03.2020 | 23:43

Zu 1): Es geht um die Menschen, die jeweils einem hohen Ansteckungsrisiken unterliegen, also nicht unbedingt um jede Person, die sich zufällig zur gleichen Zeit im gleichen Supermarkt wie eine direkte Kontaktperson befunden hat. Die Situationen, in denen zwischen zwei Menschen ein hohes Ansteckungsrisiko besteht, hat das RKI definiert. Wenn man die Kontaktbeschränkungen einbezieht, die gerade gelten, dürften das nicht so unglaublich viele Personen sein. Wie man die ermittelt? Man ruft die direkte Kontaktperson an und fragt sie und dann die nächste Kontaktperson, die einem genannt wurde, usw. Die meisten Menschen denken gerade sehr intensiv darüber nach, mit wem sie in engeren Kontakt treten. Erwischt man damit wirklich alle Personen in der Kette der Kontaktpersonen? Sicher nicht immer. Sollte man es deswegen gleich ganz lassen? Ich meine nicht. Ist das Aufwand, der nicht zu bewältigen ist? Für eine Quarantäneverfügung brauche ich eigentlich nur die Identität und ein Telefon.

Zu den Schnelltests (welcher Sorte auch immer): Wenn es Schnelltests geben würde, die in ausreichender Zahl vorhanden wären und auch genug (medizinisches?) Personal verfügbar wäre, um die zeitnah durchzuführen, wäre die vom RKI derzeit empfohlene Vorgehensweise vermutlich in Ordnung. Ich frage mich nur, wann die genannten Voraussetzungen vorliegen werden. Die Frage ist auch, was machen wir in der nächsten Pandemie bis dann wieder die richtigen Schnelltests verfügbar sind?

Zu 2): Fehlverhalten werfe ich keinen vor, aber unser System scheint jedenfalls schlechter zu funktionieren als andere. Es ist nicht nur Südkorea, ganz Ostasien ist offenbar (wohl durch vorangegangene Epidemien) besser vorbereitet. Warum nicht daraus lernen und genau hinsehen, statt sich lange Gedanken über die Vergleichbarkeit zu machen? "Abwarten" halte ich im Moment für die schlechteste aller Strategien. Mir erscheinen die Vorgaben des RKI unlogisch und ich hätte nichts dagegen, wenn mir einer mit wirklich fundierten Argumenten erklären würde, warum sie es nicht sind. Bisher habe ich dazu nichts entsprechendes gelesen. Selbst Herr Drosten, also einer der Experten, hat bereits angeregt, man solle doch wenigstens die Mitglieder eines Haushalts insgesamt als infiziert betrachten, wenn eine Infektion nachgewiesen ist. Also scheint auch er Zweifel an den offiziellen Leitlinien zu haben.

Vielleicht verstehen Sie meine Irritation auch besser, wenn ich Ihnen sage, dass das zuständige Gesundheitsamt meines Bundeslandes auch keine Nachverfolgung indirekter Kontaktpersonen durchgeführt hat, als die Fallzahlen in einem niedrigen zweistelligen Bereich waren. Ich verstehe einfach nicht, warum über solche entscheidenden Details nicht breiter diskutiert und nach Lösungen gesucht wird. Das gilt auch für andere Punkte, die im nachfolgend genannten Artikel der Leiter eines Gesundheitsamts bemängelt: https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege/corona-gesundheitsaemter-verlieren-zeit-kampf.html

Eines ist mir noch wichtig: Ich will die genannten Experten nicht angreifen, aber ich gehe davon aus, dass diese derzeit am Limit arbeiten, unter enormen zeitlichen Druck stehen, sich in ungewohnter Rolle wiederfinden und auch nicht alle Bereiche (wie etwa die öffentliche Verwaltung), mit denen sie zusammenarbeiten müssen, gut genug kennen. Deshalb kann man von keinem erwarten, dass er in so einer Situation alles hundertprozentig richtig macht. Aus dem Grund braucht es Journalisten und Politiker, die auch im Detail mitdenken und hinterfragen.

Ich gebe zu, Überschrift und Vorspann sind etwas aufmerksamkeitsheischend. Ich wollte auch noch relativieren, aber die Zeichenvorgaben für beides sind wirklich knapp! ;-) Und ja, für dieses Thema will ich wirklich Aufmerksamkeit, es betrifft mich nämlich wie uns alle unmittelbar. Bei "ehemalige oder gebietsfremde Pseudo-Fachleute" habe ich mich fast schon geehrt gefüllt. Ich bin (wie wir alle) in diesem Gebiet blutiger Laie und habe es einfach mal mit Logik probiert. Dachte aber auch, dass hätte ich im letzten Satz klar gestellt.

RE: „Ich stand auf und ging“ | 19.03.2017 | 07:45

Der neueste Beitrag von Jürgen Busche zum Berliner "Autorennen"-Urteil lässt sich leider (noch) nicht kommentieren, daher dazu an dieser Stelle folgende Anmerkung: Anders als der Autor meint, muss der Täter beim Mord nicht von Anfang an das Ziel vor Augen gehabt haben, dass es nach vollbrachter Tat einen Toten gibt. Das ist so schlicht falsch. Dem Täter muss zwar bewusst sein, dass sein Verhalten den Tod eines Menschen nach sich ziehen könnte, es muss ihm aber nicht darauf ankommen. Es genügt, wenn er den Tod des anderen Menschen "billigend in Kauf nimmt". Vereinfacht gesagt, muss es dem Täter gleichgültig gewesen sein, ob sein Verhalten den Tod eines Menschen nach sich zieht. Ein solcher Vorsatz nennt sich übrigens "dolus eventualis" und gehört zum Pflichtstoff eines jeden Erstsemesters. Hat man diesen "dolus eventualis" im Hinterkopf, lässt sich auch das Berliner Urteil denn auch leichter nachvollziehen - auch wenn es selbstverständlich Punkte gibt, an denen man es kritisieren könnte (wozu man aber den Sachverhalt genauer kennen sollte). Der versuchte Mord wird übrigens nicht grundsätzlich genauso streng bestraft wie der Mord. Gemäß § 23 Abs. 2 StGB kann hier die Strafe gemildert werden, was in der Regel auch erfolgt. Bei einem Kommentar zu einem Gerichtsurteil in einer Qualitätszeitung erwarte ich schon, dass der Autor ein paar Grundkenntnisse mitbringt...