RKI und Covid-19: Der entscheidende Fehler

Kommentar Die offiziellen Leitlinien für den Umgang mit Kontaktpersonen von Covid-19-Verdachtsfällen sind unlogisch und eine der Ursachen für die weitere Verbreitung des Virus
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RKI und Covid-19: Der entscheidende Fehler
Wir sollten die Experten mehr hinterfragen

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Im Vergleich zu ostasiatischen Staaten wie Taiwan, Singapur, Südkorea und Japan hat Deutschland katastrophal versagt, als es darum ging, die Verbreitung von Covid-19 durch Isolation von Infizierten und Verdachtsfällen einzudämmen. Die angesichts dieses relativen Misserfolgs eigentlich erwartbare öffentlich Diskussion über das Krisenmanagement von Politik und Verwaltung bleibt dennoch weitgehend aus. Es scheint bequemer zu sein, die Erfolge ostasiatischer Gesundheitssysteme auf deren laschen Umgang mit Datenschutz und angebliche Demokratiedefizite zurückzuführen als das eigene System auf etwaige Fehler hin zu überprüfen.

Mängel des deutschen Kontaktmanagements

Dabei ist die Isolation von Infizierten und Verdachtsfällen, das sogenannte Kontaktmanagement, entscheidend für die Bekämpfung der Ausbreitung eines Virus. Ein funktionierendes Kontaktmanagement muss geeignet sein, eine Pandemie in ihrem Anfangsstadium einzudämmen. In den Gesundheitssystemen der oben genannten ostasiatischen Staaten ist das gelungen. Doch auch in der jetzigen Phase, in der es nur noch um Abmilderung der Auswirkungen der Pandemie geht, ist ein Kontaktmanagement ergänzend zu "social distancing" ein effektives Mittel, um das fast schon sprichwörtliche "Abflachen der Kurve" zu beschleunigen. Spätestens wenn man die massiven Einschränkungen des "social distancing" irgendwann aufheben will, muss das Kontaktmanagement funktionieren, weil die Pandemie sonst unmittelbar wieder aufflammen würde.

Der entscheidende Missstand im von deutschen Gesundheitsbehörden praktizierten Kontaktmanagement fällt jedem auf, der bereits Erfahrung mit einem bestätigten Covid-19-Fall im eigenen Umfeld gemacht hat. Das Gesundheitsamt isoliert zwar den Infizierten und diejenigen Personen, die mit dem Infizierten direkten Kontakt hatten und für die ein hohes Infektionsrisiko besteht. Andere Personen, die zwar nicht mit dem Infizierten, aber mit dessen direkten Kontaktpersonen zusammengetroffen sind, bleiben für das Gesundheitsamt außer Betracht. Das gilt unabhängig davon, wie wahrscheinlich eine Ansteckung zwischen der direkten und der indirekten Kontaktperson wäre.

Fragwürdige Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und der WHO

Die wesentliche Ursache für dieses Vorgehen liegt weder allein in der Überlastung der Gesundheitsämter noch in Engpässen bei den PCR-Tests. Vielmehr folgen die Gesundheitsämter mit diesem Vorgehen den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und der WHO. Diese sehen keine Maßnahmen über die direkten Kontakte einer auf Covid-19 positiv getesteten Person hinaus vor. Gleichzeitig geben sowohl Robert-Koch-Institut als auch WHO vor, dass Tests in der Regel nur beim Auftreten von Symptomen durchzuführen sind.

Diese Empfehlungen wirken sich in der jetzigen Situation fatal aus. Covid-19 kann auch dann von Mensch zu Mensch übertragen werden, wenn die Infektion beim Überträger symptomlos abläuft. Selbst wenn nach einer Infektion mit Covid-19 Symptome auftreten, ist die Ansteckungsgefahr in den zwei Tagen vor dem Auftreten der Symptome am höchsten. Gleichzeitig beträgt derzeit die Dauer vom Auftreten von Symptomen bis zum Ergebnis des Tests in Deutschland mehrere Tage. Deshalb ist es so katastrophal, dass die Gesundheitsämter nach der Feststellung einer Infektion nur den Infizierten und seine direkten Kontaktpersonen mit hoher Ansteckungswahrscheinlichkeit isolieren.

Das lässt sich anhand eines (fiktiven) Beispiels anschaulich illustrieren: Ein Kleinkind wird mit Covid-19 infiziert. Zwei Tage vor Auftreten der Symptome infiziert es seine Mutter. Diese geht weiterhin ihrer Arbeit nach und trifft dort mit zahlreichen Kollegen und Kunden zusammen. Nach dem Auftreten von Symptomen wird ein Test bei dem Kleinkind veranlasst, der nach drei Tagen eine positiven Befund zeigt. Erst jetzt wird die Mutter unter Quarantäne gestellt. Alle Personen, welche mit der Mutter direkten und ggf. auch engen Kontakt hatten, werden von den Maßnahmen des Gesundheitsamts erst einmal nicht berührt. Sie würden allenfalls dann isoliert, wenn irgendwann einmal ein positiver Test der Mutter vorliegen würde, was aber zunächst einmal voraussetzt, dass es bei ihr zu Symptomen kommt.

Erweiterung der Quarantäneregelung auf indirekte Kontaktpersonen

Zu der bislang praktizierten Vorgehensweise gibt es eine Alternative, die trotz der bestehenden Engpässe bei Gesundheitsämtern und Tests möglich ist. Es drängt sich auf, dass in der derzeitigen Situation unmittelbar nach Bestätigung eines Covid-19-Falls nicht nur dessen direkte Kontaktpersonen, sondern auch die nachfolgende Kette aller Kontaktpersonen in den Blick des Gesundheitsamts genommen werden muss. Wie bisher kann dabei zwischen Personen mit hohem und niedrigem Ansteckungsrisiko differenziert werden. Demnach würden in der Kette alle Personen, für die hohes Ansteckungsrisiko gilt, weil sie etwa einen mindestens fünfzehn-minütigen Kontakt zu einer anderen Person der Kette hatten, sofort vorläufig unter Quarantäne gestellt.

Dieses Vorgehen erfordert keine PCR-Tests und kein medizinisches Personal, sondern nur eine (zugegebnermaßen) hohe Anzahl von Verwaltungsmitarbeitern. In einem faktischen Ausnahmezustand, wie wir ihn derzeit haben, müssen die jeweiligen Landesregierungen alle einigermaßen verzichtbaren Bereiche der Verwaltung zur Bekämpfung der Ausbreitung der Pandemie einsetzen. Die Abordnung von Beamten aus anderen Bereichen hat tatsächlich auch schon begonnen, wenn auch in kleinerem Stil als vielleicht notwendig. Der Vorteil im Einsatz von bestehenden Verwaltungsbeamten liegt darin, dass für diese die notwendige Infrastruktur, also Büro, Telefon und IT, bereits bereitsteht und diese - anders als die derzeit vom RKI angeworbenen Medizinstudenten - auch mit Verwaltungsangelegenheiten vertraut sind.

Die Zahl der von Isolation betroffenen Personen würde bei der hier vorgeschlagenen Vorgehensweise enorm in die Höhe schnellen. Es mag sein, dass dadurch wichtige Funktionen in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft zunächst einmal weiter beeinträchtigt würden. Andererseits ist zu erwarten, dass die Anzahl aller Kontaktpersonen derzeit aufgrund der derzeitigen Maßnahmen zum "social distancing" überschaubar wäre. Sofern tatsächlich in einigen Wochen Schnelltests vorhanden sein werden, ist außerdem zu erwarten, dass isolierte Verdachtspersonen zügig getestet und vor Ablauf von 14 Tagen aus der Quarantäne entlassen werden könnten. Zudem ist der Schaden durch eine höhere Anzahl an Personen in Quarantäne deutlich niedriger als der Schaden der massiven Einschränkungen durch "social distancing", der die gesamte Gesellschaft trifft.

Wir brauchen eine breite Diskussion über entscheidende Detailfragen

Wir lassen uns derzeit von wenigen etablierten Experten, namentlich dem Robert-Koch-Institut und medientauglichen Virulogen und Epidemologen, durch die Krise führen ohne über wesentliche Detailfragen zu debattieren. Es ist nachvollziehbar, dass Journalisten und Politiker sich scheuen, Experten in einem unbekannten Fachgebiet zu kritisieren, weil man dabei zwangsläufig Gefahr läuft, die eigene Unkenntnis zu offenbaren. Ich gehe diese Gefahr mit diesem Artikel bewusst ein, um eine breite Diskussion zu einem Prozess anzuregen, der offensichtlich nicht funktioniert.

Covid-19 verläuft zum Teil ohne Symptome (https://www.dzif.de/de/nachweis-des-neuen-coronavirus-bei-symptomfreien-reisenden-aus-wuhan). Selbst wenn es Symptome gibt, ist die Ansteckungsgefahr auch vor dem Auftreten der Symptome gegeben, nach Meinung einiger Wissenschaftler ist die Ansteckungsgefahr zwei Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome sogar am größten (https://www.focus.de/gesundheit/news/daten-zur-dauer-ausgewertet-steckbrief-einer-erkrankung-das-ist-der-zeitliche-ablauf-von-covid-19_id_11814080.html). Nach den Handlungsempfehlungen des Robert-Koch-Instituts sollen Tests bei direkten Kontaktpersonen mit hoher Infektionswahrscheinlichkeit aber erst dann stattfinden, wenn diese Kontaktpersonen auch Symptome zeigen. Zwar sollen direkte Kontaktpersonen zwischenzeitlich isoliert werden. Für Personen, auf welche die direkte Kontaktperson vor ihrer Isolation getroffen ist, sind aber keine Maßnahmen vorgesehen bis für die direkte Kontaktperson selbst ein Covid-19-Fall bestätigt ist (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Kontaktperson/Management.html#doc13516162bodyText4).

16:16 29.03.2020
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