Unmöglich unschuldig

Feminismus Warum ich durch die Art und Weise, wie die Sexismusdebatte geführt wird, zum Gegner des Feminismus geworden bin.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Noch vor 5 Jahren hätte ich wahrscheinlich kein Problem damit gehabt, mich als Feminist zu bezeichnen, und hätte es als Beleidigung empfunden, ein Sexist genannt zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Als Linker reagiere ich reflexartig mit Widerstand auf Macht und Übermacht, wie sie so oft von Männern verkörpert wird, insbesondere auch von solchen, die der Meinung sind, ihre sexuellen Vorlieben durch ihre Machtpositionen ohne Rücksicht auf ihr Gegenüber befriedigen zu dürfen.

Macht ist es jedoch auch, den öffentlichen Diskurs zu beherrschen bis zu einem Punkt, an dem die Reputation einer Person nachhaltig zerstört werden kann, ohne dass der Betroffene gegenüber der öffentlichen Meinung eine faire Möglichkeit erhält, sich zu verteidigen, den Kontext zu erläutern oder voll rehabilitiert zu werden, sollten sich Vorwürfe nicht erhärten.

Auf die Details kommt es an, wenn es darum geht, zu beurteilen, ob ein Verhalten sexuelle Belästigung, eine Vergewaltigung oder eine der tausenden Spielarten sexueller, menschlicher Interaktionen ist.

Nur ist für diese Details kein Platz in 280 Zeichen. Es gibt einen Grund dafür, dass diese Details vor Gericht eine Rolle spielen, denn jeder Mensch, der sich einem anderen Menschen annähert und sexuelle Interessen verfolgt, überschreitet eine Grenze, die auf das Intimste des Gegenübers abzielt. Und diese Grenzüberschreitung ist ein essenzieller Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Die Grenzen zu ziehen, die überschritten werden dürfen (Ansprechen, Zuzwinkern….), nicht überschritten werden dürfen (körperlicher Zwang, Ausnutzung situativer Schwäche…) oder in bestimmten Kontexten überschritten werden dürfen (Rollenspiele, intime Berührungen…), ist eine Sisyphosarbeit, die einer offenen, erwachsenen und unvoreingenommenen Debatte bedarf.

Kann ein “Nein” auch “Ja” bedeuten oder “Ja” auch “Nein”? Ich denke schon. Genauso, wie eine junge Schauspielerin, die unter dem Druck des eigenen Geldbeutels und der Avancen eines zudringlichen Produzenten auf ein unmoralisches Angebot mit “Ja” antwortet, und dies später bitterlich bereut, kann ein lasziv hingehauchtes “Nein” ein Ausdruck der völligen Hingabe und eine Einladung zum Weitermachen sein.

“Nein heißt Nein”. Natürlich! Es ist doch klar, was damit gemeint ist! Fast alle Menschen sind sich einig, dass niemand zu sexuellen Handlungen gezwungen werden darf. Ich glaube auch nicht, dass dies meinem vorherigen Abschnitt widerspricht. Wenn das Ergebnis jedoch Gesetze sind, bei denen nur noch der Wortlaut zählt und kein Kontext, dann geht so viel mehr verloren, als gewonnen wird. Und dies gilt nicht nur für das Rechtssystem. Ich würde mir auch einen öffentlichen Diskurs wünschen, der diese Tatsache würdigt.

Ich finde, es ist nicht dasselbe, ob Luis CK vor erwachsenen Frauen masturbiert, nachdem er sie um ihre Erlaubnis gefragt hat, oder ob er einfach ungefragt seinen Penis rausholt. Der erste Fall ist eine sexuelle Spielart und meines Erachtens legitim, insbesondere in einer Situation, in der er keine explizite Macht über die Frauen ausübt, wenngleich er das selbst anders zu sehen scheint. Das zweite ist Exhibitionismus, für den es gesetzliche Strafen gibt. Ich halte es nicht für sexuelle Belästigung, wenn ein Mensch einem anderen Menschen zuzwinkert, wie es laut einer kürzlich erfolgten Umfrage z. B. in Frankreich die Mehrheit der Bevölkerung zu glauben scheint. Ich bin nicht der Meinung, dass die Beweislast aufgrund der inhärent komplizierten Beweisführung im Fall von Vergewaltigung umgekehrt werden sollte, wie teils implizit teils explizit gefordert wird. Ich glaube, Woody Allen, ein offiziell von Missbrauchsvorwürfen freigesprochener Mann, sollte nicht als Exempel für das verrottete System Hollywood herangezogen werden. Ich finde, Jörg Kachelmann verdient eine vollständige Rehabilitation seiner Person. Ich halte es für falsch, wenn Minister*Innen in laufenden Prozessen Partei ergreifen. Eine Berührung des Pos ist für mich ein sexueller Übergriff, der zwar bestraft werden muss, für den Freiheitsentzug jedoch ein zu hohes Strafmaß ist. Ich vertrete die Position, dass die Unschuldsvermutung nicht nur vor Gericht, sondern auch in der öffentliche Debatte eine herausragende Rolle spielen sollte. Wer diese Positionen für sexistisch hält, der darf mich gerne Sexist nennen.

Der Feminismus in seiner derzeitigen Ausprägung läuft, wie schon so viele Bewegungen zuvor, Gefahr, das Gegenteil dessen zu erreichen, was die ursprünglichen Ziele waren. Ultrakonservative und teils gefährlich intelligente Meinungsführer wie Ben Shapiro haben Rückenwind und fordern eine Rückbesinnung auf einen quasi-sakralen Charakter der Sexualität angesichts einer Gesellschaft, die alles zur Ware macht. Die Beobachtung der Vergeldlichung aller Lebensbereiche, einschließlich der Sexualität, ist dabei im Kern richtig, die gezogenen Konsequenzen machen mir jedoch Angst, dabei unterscheidet sich die Argumentation von Shapiro nicht wesentlich von der vieler feministischer Meinunsgführer*Innen. Ihre Lehre ist rein, bietet simple Antworten und beansprucht die absolute moralische Deutungshoheit. Statt einer freien, durchsetzungsfähigen Frau wird das Bild eines ständig schutzbedürftigen Wesens propagiert. So legitim dies in Bezug auf physische Macht angesichts der körperlichen Überlegenheit der meisten Männer gegenüber den meisten Frauen ist, so illegitim ist es in allen anderen Bereichen, wo gleiche Rechte mühsam erkämpft wurden und vorhanden sind.

Der Feminismus von heute kann nur überleben, wenn Frau die ihr zugewiesene Opferrolle auf Ewigkeit akzeptiert. Vielleicht werde ich einfach nur alt aber ich verurteile die Teils grotesken Züge dieser Tendenz, denn Frauen sind keine Opfergemeinschaft, und insbesondere widersetze ich mich jeglichen Bestrebungen, die Unschuldsvermutung implizit oder explizit zu untergraben.

15:56 18.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nöthlich

Wie geht's weiter? Die Zukunft birgt große Herausforderungen auf die noch keine Antworten und insbesondere keine linken Antworten vorhanden sind.
Schreiber 0 Leser 0
Nöthlich

Kommentare 1