Seniorenheim Fachkräftemangel tolerierbar?

Altenpflege Das Thema ist nicht neu, doch ich denke es wird nicht genügend adressiert in der Politik. Da es mich indirekt über meine Mutter selber betrifft, kenn ich die Missstände.
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Immer wieder wird über den Fachkräftemangel in deutschen Seniorenheimen berichtet. Durch den akuten Pflegenotstand und den daraus resultierenden Personalengpässen läuft die Versorgung der Senioren vielerorts auf Sparflamme. Für die individuelle Betreuung fehlt die Zeit und die Ressourcen - so sind die Patienten zwar körperlich versorgt, jedoch vereinsamen sie emotional. Für die alltäglichen Sorgen der Senioren ist in dem straffen Zeitplan der wenigen Pflegekräfte kein Platz. Die Berichterstattung zu den angespannten Zuständen in den Pflegeeinrichtungen umschließt zwar den Mangel an Personal, aber die psychischen Auswirkungen auf die Patienten bleiben dabei verschwiegen.

Es ist dringend an der Zeit, die Zustände in deutschen Seniorenheimen zu überdenken und zu ändern. Menschen, die den größten Teil ihres Lebens vollwertig in die Gesellschaft und das soziale Leben integriert waren, landen jetzt auf dem metaphorischen Abstellgleis. Sie bekommen nicht die Zeit und die Zuwendung, die ihnen zusteht. Eine durchschnittliche Pflegekraft hat tagsüber bis zu 10 Patienten, für deren Versorgung sie Zuständig ist. Das umfasst das Duschen, Anziehen, Medikamentengabe und ggf. das Füttern, wenn die Bewohner nicht mehr selbstständig essen können. In einer Nachtschicht steigt diese Anzahl, denn diese Schichten sind in Pflegeeinrichtungen mit weniger Personal besetzt, als eine Tagschicht. Die Pflegekräfte sind überlastet, und dieser Zustand schlägt sich direkt auf die Psyche der Patienten nieder.

Die Lebenserwartung steigt, während die Geburtenraten immer weiter sinken. Aktuell wird noch mehr als die Hälfte der über zwei Millionen pflegebedürftigen Senioren in Deutschland in den eigenen vier Wänden von Angehörigen versorgt. Doch der Trend geht deutlich in Richtung der Heime, denn viele Menschen werden keine Angehörigen mehr haben, die sie zu Hause ausreichend pflegen können. Berufe in der Pflege sind unattraktiv. Die Vergütung ist gering, die körperliche und seelische Belastung sehr hoch, noch dazu müssen die Pflegerinnen und Pfleger viel Bürokratie erledigen. Es fehlt an Nachwuchskräften, Auszubildenden und Quereinsteigern. Dazu steigt die Anzahl an Heimbewohnern stetig. Eine Abwärtsspirale?

Die Gesellschaft schweigt zu solchen Zuständen in deutschen Pflegeheimen, auch wenn sie bekannt sind. Von sozialem Fortschritt gibt es keine Spur. In puncto 24 Stunden Pflege zu Hause ist Deutschland noch immer ein Entwicklungsland. Es wird immer schwieriger, den ältesten Mitgliedern unserer Gesellschaft ein würdiges Leben zu gewährleisten und dafür Sorge zu tragen, dass sie physisch sowie psychisch ausreichend versorgt werden. So reicht es nicht, dass die Bewohner deutscher Altenheime zwar satt sind und gelegentlich auf geplante Ausflüge gehen, aber die tägliche mentale Ansprache fehlt.

Alltägliche Dinge wie der Gang zur Toilette oder das selbstständige Aufstehen aus dem Bett werden für die Senioren zu Stresssituationen. Der Verlust der Selbstständigkeit ist nicht einfach, viele Heimbewohner haben erhebliche Schwierigkeiten damit. Zusätzlich belastet die mangelnde Aufmerksamkeit der Angehörigen viele Rentner zusätzlich psychisch. Es ist Zeit, umzudenken. Schon die Jüngsten müssen wissen, dass Senioren genau so viel Liebe und Zuneigung zusteht, wie jedem anderen Menschen und dass es nicht normal ist, Pflegebedürftige Menschen vereinsamen zu lassen. Denn nur, wenn dieser Grundsatz bei der jüngsten Generation ankommt, ist ein angenehmes Rentendasein für die jetzigen Erwachsenen auf lange Sicht gewährleistet.

21:14 30.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alexander S. Klingenberg

Mit einem abgeschlossenen Studium in Sportwissenschaften liegen meine Interessenschwerpunkte in den Bereichen Sport & Gesundheit sowie Politik &Kultur
Alexander S. Klingenberg

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