Überlastete Kinderarztpraxen in Deutschland

Gesundheitspolitik Wer es noch nicht mitbekommen hat, die Situation für unserer Kinder hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert in Bezug auf die lokale Kinderarztverfügbarkeit
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Zum einen hat gerade wieder die Grippe Hochsaison, zum anderen kommen viel zu viele Kinder auf einen Kinderarzt. Die Ärzteschaft beklagt, dass es die Politik kläglich versagt und sich weder um die finanzielle Seite noch um den nötigen Nachwuchs und Planstellen gekümmert hat. So ist es also kein Wunder, dass ausnahmslos viele Kinderarztpraxen heillos überfüllt sind.

Der Spießrutenlauf der Eltern

Jeder Mensch zieht mindestens einmal im Leben um. Natürlich ist das mit Behördengängen, An- und Ummelden, etc. verbunden. Eltern mit Kindern suchen auch nach einem neuen Kinderarzt. Wegen der gegenwärtigen Situation nehmen aber fast keine niedergelassenen Kinderärzte neue Patienten auf. Oft bleibt nur der Ausweg über eine Privatversicherung und selbst das ist keine Garantie. Das ist der Vorteil, wenn die Eltern eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Was aber, wenn sich die Eltern das nicht leisten können? Dann bleibt oft nur, kilometerweit zu fahren, bis ein Arzt dazu bereit ist oder es über Bekannte zu versuchen. 30 bis 40 Minuten Autofahrt sind da keine Seltenheit. Viele Menschen glauben, das hängt davon ab, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Dem ist leider nicht so! Abgelehnt werden Eltern, egal ob sie in der Stadt, wie z. B. Köln, Berlin oder auf dem Land leben. Nur in der Stadt gibt es noch immer mehr Kinderärzte als auf dem Land.

Wie sieht die rechtliche Situation aus?

Rechtlich gesehen kann jeder Arzt neue Patienten ablehnen, wenn sie in der nächsten Zeit keine Termine mehr frei haben. Was tun, wenn es sich um einen Notfall handelt? Keine langen Diskussionen, sofort ab in die Notfallambulanz des nächsten Krankenhauses. Im Falle eines akuten z. B. Asthmaanfalles eines Kindes muss jeder Arzt, auch ein Kinderarzt, sofort aktiv werden.

Was sagen die Interessensvertretungen dazu?

Auch diese schlagen Alarm. Manche Regionen sind kinderärztlich unterversorgt. Ein weiteres Problem ist, dass die kleinen Patienten ja nicht nur einmal zum Arzt müssen, sondern auch Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen anstehen. Gerade bei Babys und Kleinkindern ist das enorm wichtig. Es wird sogar die Meinung vertreten, dass sich dieser Negativtrend (Mangel an Kinderärzten) in Zukunft noch verschärfen wird. Es ist angedacht, Facharztpraxen aufzukaufen, weil die Meinung besteht, dass es zu viele gebe. Die Geister scheiden sich allerdings daran, wann Unter- und wann Überversorgung besteht. Die Leidtragenden sind in diesem Fall allerdings die kleinen Patienten und deren Eltern. Die derzeitige Bedarfsplanung beruht auf den Zahlen von 2013. Die Wartezeiten werden dabei nicht berücksichtigt.

Wie sieht die Situation momentan aus?

Die geplante Schließung würde 1365 Praxen betreffen. Die Bevölkerungsentwicklung wird zur Beurteilung herangezogen. Theoretisch gibt es weniger Kinder- und Jugendliche, deshalb wird automatisch darauf geschlossen, dass es keinen Bedarf gibt. In dünn besiedelten Gegenden gibt es bereits jetzt so gut wie keine flächendeckende Versorgung mehr. Geht ein Kinderarzt in Pension, ist es gesetzlich verpflichtend, dass ein Zulassungsausschuss vor Ort die aktuelle Bedarfssituation für diese Praxis prüfen muss. Wird diese Kinderarztpraxis nicht mehr gebraucht, muss die Kassenärztliche Vereinigung diese aufkaufen und stilllegen. Es ist durchaus verständlich, dass betroffene Eltern überhaupt kein Verständnis dafür haben, dass es angesichts der vorgeschriebenen, verpflichtenden Vorgehensweise trotzdem zu derartigen Engpässen bei der Versorgung ihrer Kinder kommt.

21:53 04.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alexander S. Klingenberg

Mit einem abgeschlossenen Studium in Sportwissenschaften liegen meine Interessenschwerpunkte in den Bereichen Sport & Gesundheit sowie Politik &Kultur
Alexander S. Klingenberg

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